Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1998 » ZOOM 5/1998
Lutz Unterseher

Unauffällige Festlegungen für die Zukunft

Mit der Bundestagswahl in Deutschland hat sich eine neue politische Konstellation gebildet, in der die Grünen den kleineren Partner der SPD spielen, solange sie sich „realpolitisch“ verhalten. Diese Haltung wird sich auch in der Konzeption der zukünftigen Rolle der Bundeswehr, die vom SPD-Mann Rudolf Scharping als Bundesminister für Verteidigung geführt werden wird, ausdrücken. Das bedeutet nichts anderes als die Fortführung dessen, was die CDU/CSU/FD-Regierung schon vorgedacht und vorbereitet hat. Hierzu eine Analyse

Zur Orientierung

In der Bundesrepublik Deutschland finden sich zwei Gruppierungen, die vehement für eine drastische Verkleinerung der Bundeswehr und den Übergang zur Freiwilligenarmee plädieren:

Da gibt es zum einen die „pragmatischen Pazifisten“ (also Pazifisten, die immerhin so realistisch sind, daß sie sich Stufenkonzepte des Ausstiegs aus dem Militärischen vorstellen können). Ihnen geht es bei der Verkleinerung der Streitkräfte und der Abschaffung der Wehrpflicht vor allem um die „Entmilitarisierung“ der Gesellschaft. Wozu aber die Armee in den Phasen ihrer Schrumpfung noch gut sein soll, das erfahren wir von ihnen nicht: Die Landesverteidigung erscheint überflüssig, und Militärinterventionen in Krisengebieten werden mit einem großen Fragezeichen versehen.

Und da gibt es zum anderen die Technokraten: jene, die den Zeit- mit dem Weltgeist verwechseln. Sie wollen eine Streitmacht, die klein, aber fein ist – nämlich hochbeweglich und von High Technology geprägt. Bereit zu beliebigen Interventionen im Rahmen der internationalen Gemeinschaft – gewissermaßen im Sinne eines militärischen Beitrags zur Globalisierungsdebatte (Landesverteidigung ist selbstverständlich auch für diese Fraktion passée).

Sowohl bei diesen als auch bei jenen bleibt das Bild künftiger Streitkräfte unklar. Für die einen soll die Truppe (fast) nichts können, für die anderen eine Art magischer „Knüppel aus dem Sack“ sein.

Mit diesem konzeptionellen Defizit wird dem – durchaus legitimen – Gedanken signifikanter Streitkräftereduzierung leider kein Dienst erwiesen. Man versucht freilich vom eigenen blinden Fleck dadurch abzulenken, daß dem militärischen Establishment geistige Trägheit, also ein Verharren in Orientierungen aus der Zeit des Kalten Krieges (große Truppenumfänge, „schwere“ Strukturen, Wehrpflicht), vorgeworfen wird. Diese Behauptung ist jedoch zu hinterfragen. Dabei läßt sich zeigen, und das soll im folgenden unternommen werden, daß die militärpolitische Führung eine eigene, nicht uninteressante Agenda hat, die durchaus über den Tag hinausweist.

Legitimation

Das, was Deutschland an militärischem Potential immer noch aufweist (eine Präsenzstärke von offiziell 340.000, de facto 330.000 Soldaten), begründet sich nicht einfach durch seine eigene Existenz. Es sind Aufgaben und Funktionen zu benennen. Die dementsprechende Suche nach plausibler Rechtfertigung relativ umfangreicher Streitkräfte mag zunächst einmal dadurch motiviert worden sein, daß die komplexe Großorganisation Bundeswehr nach einer Phase rapider Schrumpfung (die Präsenz lag 1990 noch bei 480.000 im Westen und fast 100.000 im Osten) „ruhebedürftig“ erschien. Sprich: Die Führung wollte insbesondere den Zeit- und Berufssoldaten nicht noch mehr Trubel in Gestalt von organisatorischen Veränderungen und Versetzungen zumuten, der mit einer weiteren drastischen Verringerung der Bundeswehr verbunden gewesen wäre.

Eine zweite Triebfeder ergab sich aus einem Eindruck, den viele hohe Offiziere bald nach Ende des Ost-West-Konfliktes gewannen: nämlich, daß in der neuen Welt sich rasch wandelnder Kräftekonstellationen das jeweilige nationale militärische Potential letztlich die Münze sein würde, die im internationalen Verkehr Glaubwürdigkeit und Verläßlichkeit versprechen könnte. Passend dazu die Überzeugung, daß sich der Status einer Nation auch im Kaliber ihrer Streitkräfte ausdrücken müsse. So etwa bemerkte schon 1991 ein Advokat deutscher Seegeltung: „Entsprechend seiner eher zunehmenden internationalen Bedeutung benötigt das von einer nunmehr recht langen Küstenlinie seewärts begrenzte und als große Handelsnation existenznotwendig weltzugewandte Deutschland ein maritim abgestütztes militärisches Instrument, das zu einer dauerhaften und weltweiten staatspolitischen Interessenvertretung effektiv genutzt werden kann.“ [1]

Die solchermaßen von organisatorischem Bestands- und nationalkonservativem Statusinteresse getriebene Legitimationssuche wandte sich drei Optionen zu, die im folgenden systematisch behandelt werden sollen:

1. Option: Weltweites Engagement

Bereits ab 1991 wurde in der Fachpresse der Bundeswehr eine Diskussion mit dem Tenor veranstaltet, daß die potentiellen Instabilitäten in der internationalen Arena einerseits sowie die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von globaler Verflechtung andererseits den Aufbau nationaler militärischer Mittel erfordere, um bei kollektiven Bemühungen der Krisenreaktion den deutschen Interessen gebührendes Gewicht verschaffen zu können. [2] In diesem Zusammenhang bedauerte man, daß – wegen noch unklarer Rechtslage – keine deutschen Kontingente an den Operationen der Koalition im zweiten Golfkrieg beteiligt waren. Dabei ließ ein hochrangiger Autor – gleichsam zwischen den Zeilen – erkennen, daß deutsches Militär sich wohl besser geschlagen hätte als die dort beteiligten NATO-Alliierten. [3] Und ein angesehener Militärexperte aus der Schweiz erhielt die Gelegenheit, die insbesondere von den US-Amerikanern gegen Saddam Hussein geführten Operationen gründlich zu verreißen. [4]

Bereits im Frühjahr 1992 wurden mehrere deutsche Großverbände dem Allied Rapid Reaction Corps (ARRC) der NATO zugeordnet. Diese für Eingreifzwecke spezialisierte Großformation der NATO besteht mittlerweile aus Heeresverbänden mit weit über 140.000 Soldaten aus fast allen Staaten der Allianz. Ihr können von Fall zu Fall die erforderlichen Luft- bzw. Seestreitkräfte beigegeben werden. Von Anfang an wurde das ARRC nicht nur als Eingreifpotential für die Verteidigung von Bündnisterritorium, sondern auch im Kontext von Szenarien gesehen, bei denen die NATO Mandatsträger der Vereinten Nationen oder der OSZE sein, damit also Out-of-area-Missionen durchführen würde. [5]

Bei solchen Missionen wollte man sich alle Optionen offenhalten: also nach dem Modell des zweiten Golfkrieges (1. Phase) nicht nur in der Lage sein, defensiv zu stabilisieren, sondern auch – mit schweren Formationen – zu Rückeroberungs- oder gar Bestrafungsschlägen antreten zu können (2. Phase). Interessant in diesem Zusammenhang, daß sich die Bundeswehr am ARRC von Anfang an auch mit schwergepanzerten Formationen beteiligte. Dies gilt ebenso für den deutschen Anteil des kurz nach dem ARRC gegründeten deutsch-französischen Eurocorps – eines sich in Anlehnung an die WEU entwickelnden Eingreifpotentials, dem sich später noch Spanien und Belgien zuordnen sollten.

Rückblickend besteht der Eindruck, daß die Bundeswehrführung mit dieser Beteiligung an Großformationen für militärische Eingreifzwecke und später, im Frühjahr 1993, mit der Entsendung von Truppen in der Stärke einer halben Brigade nach Somalia (im Rahmen einer von der UNO initiierten Operation) versuchte, Fakten zu schaffen, die dann das Normative, nämlich das einschlägige Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 1994 prägen sollten. Erst von diesem Zeitpunkt an ist nach vorheriger Zustimmung des Deutschen Bundestages der Einsatz bewaffneter deutscher Streitkräfte im Rahmen eines Systems gegenseitiger kollektiver Sicherheit, wie es zum Beispiel die Vereinten Nationen darstellen, rechtens.

Wie schon der Einsatz in Somalia sollte auch die nächste, größere Mission deutscher Streitkräfte – nämlich die im Rahmen der IFOR/SFOR-Kontingente in Bosnien-Herzegovina – als relativ risikoarm und kaum sonderlich martialisch erscheinen. Das bloße Mitmachen bzw. das Flaggezeigen beim Stabilisieren der Lage standen (und stehen) eindeutig im Vordergrund. Es ist, als sollte die Öffentlichkeit allmählich an substantiellere Einsätze deutscher Truppen außerhalb des NATO-Gebietes gewöhnt werden: mit der strategischen Absicht, deutschem Militärpotential zunehmendes internationales Gewicht zu verleihen. Dafür spricht der Aufbau von Krisenreaktionskräften im eindrucksvollen Umfang von gegenwärtig 53.000 Soldaten in Kampf- und Kampfunterstützungsverbänden, von denen gleichzeitig immerhin Kräfte im Umfang einer Division „vor Ort“ sein können.

Beim Blick auf die Struktur der diesen Krisenreaktionskräften zugehörenden Heeresverbände fällt auf, daß sich unter den 5 1/2 Brigaden der „ersten Linie“ zwei schwere Großverbände und eine im Aufbau befindliche luftmechanisierte Brigade befinden, die sich insbesondere für Angriffs- bzw. Rückeroberungsoperationen eignen. [6] Ein ähnliches Bild zeigt sich unter den vier Ergänzungsbrigaden für die Krisenreaktionskräfte, von denen immerhin zwei von der schweren – mechanisierten – Art sind. [7] Damit signalisiert die militärische Planung, daß sie sich alle Optionen offenhalten will: Nicht nur leichte Verbände zur raschen, defensiven Stabilisierung in einer Krisensituation, sondern auch schwere Kräfte für Szenarien, in denen „das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“.

Dies aber heißt, daß die Struktur des Krisenreaktionspotentials – Carl Schmitt, der reaktionäre Politphilosoph, läßt grüßen – von der Ausnahmesituation her bestimmt wird. Für die erfahrungsgemäß häufiger anzutreffenden Aufgaben militärischer Überwachung, des defensiven Schutzes akut bedrohter Sanktuarien oder auch der vorbeugenden, nicht-provozierenden Stationierung von Truppen ist etwas weniger Potential vorgesehen als für die seltenere Aufgabe des massiven Gegenschlages, der einen Konflikt zwar kurzfristig stillzustellen vermag, aber längerfristig durchaus zu einer Verstetigung der Streitigkeiten führen kann. Mit anderen Worten: Nicht nur vom Umfang, sondern auch von der Struktur her sind mit dem Krisenreaktionspotential der Bundeswehr politisch-symbolisch Signale gesetzt, die eine Militarisierung der internationalen Beziehungen begünstigen.

Verwirrte Frage: Wenn es zwar hier und dort bewaffnete Konflikte geben mag, die militärisches Einschreiten erforderlich erscheinen lassen, die deutschen Krisenreaktionskräfte von 53.000 Soldaten aber als recht üppig hingestellt werden, wozu sind dann die übrigen 270.000 Bundeswehrsoldaten erforderlich, wenn doch niemand Deutschland militärisch bedroht? So einfach ist die Sache aber nicht: Um Krisenreaktionskräfte im Umfang von etwas über 50.000 Soldaten einsatzbereit zu halten, ist eine militärische Infrastruktur mit weiteren 70.000 bis 90.000 Uniformträgern erforderlich (heimatgestützte Führungsinfrastruktur, Logistik und der ganze Übungs- und Ausbildungsapparat). Dies jedenfalls lehrt ein Vergleich mit einschlägigen Planungen in anderen Ländern (z. B. Frankreich). [8] Damit bleiben aber immer noch mindestens 180.000 präsente Soldaten sowie übrigens auch ein beträchtlicher Mobilmachungsumfang (650.000+), die ihrer Begründung harren. Dazu die:

2. Option: Wiederbelebung der Bündnisverteidigung

Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes war der NATO der Gegner im Osten abhanden gekommen. Spätestens seit dem Herbst 1994 muß diese Feststellung allerdings zunehmend relativiert werden: Damals nämlich sprach sich US-Präsident Clinton für eine Ost-Erweiterung der NATO aus (aus innenpolitischen Gründen, um Wähler mittelosteuropäischer Herkunft zu gewinnen). Da bald klar wurde, daß es sich um eine sehr selektive Ausdehnung des NATO-Gebietes handeln würde, nämlich um die Territorien Polens, Tschechiens und Ungarns, ergab sich der Eindruck einer neuen, nun nach Osten verschobenen Blockgrenze durch Europa: all jene ausblendend, frustrierend und entfremdend, die als „noch nicht reif“ oder als potentielle Risikoquellen dargestellt werden konnten.

Hierzu paßt, daß die NATO-Osterweiterung in der Fachpresse der Bundeswehr in überkommenen geostrategischen Kategorien gesehen wird: als die Arrondierung eigenen Gebiets nämlich. In diesem Wahrnehmungsmuster werden dann Polen und Tschechien als unmittelbare Nachbarn vorbehaltlos begrüßt, während Ungarn in einer „Insellage“ erscheint. [9] Diese angeblich exponierte Lage Ungarns wird dann als Argument verwendet, um den Österreichern einen NATO-Beitritt dringend nahezulegen.

Ob dieser neuerlichen Entwicklung ist weitgehend in Vergessenheit geraten, daß vom bundesdeutschen militärischen Establishment eine Vorreiterrolle in Sachen NATO-Osterweiterung übernommen worden war. Schon Ende 1991 ließ die Bundeswehr den Leiter des Forschungsinstituts der Konrad-Adenauer-Stiftung mit der folgenden Aussage zu Wort kommen: „Wenn die NATO sich weiterhin nur als Instrument westlicher Sicherheit versteht, anstatt ihre Rolle bis zur Grenze Rußlands auszuweiten, könnte sie auf längere Sicht zu einer Restgröße im weltpolitischen Kräftespiel schrumpfen, Reminiszenz an das ehemalige ’Westeuropa’.“ [10]

Vom Frühjahr 1993 an begann dann der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe – ohne Konsens mit Außenminister Kinkel – eine regelrechte Kampagne für die NATO-Osterweiterung, womit er u. a. eine bessere territoriale Einbindung Deutschlands (Polen als Vorfeld) und den strategischen deutschen Anspruch auf „gleichberechtigte Partnerschaft“ mit den USA verknüpft sah. Bis zum Umschwenken der US-Administration auf die deutsche Linie wurde die Führung der Bundeswehr in der Allianz wiederholt für ihr Vorpreschen abgestraft. Seit dem Umschwenken Clintons ist die deutsche Pionierrolle in den USA immer wieder gewürdigt und Rühe als visionärer Denker gefeiert worden – übrigens zum weiteren Verdruß der anderen NATO-Staaten. [11]

Politisch war und ist Deutschland der besondere Anwalt der neuen NATO-Mitglieder. Militärisch wird es zum herausgehobenen Hüter des Friedens in Mittelosteuropa: Dies jedenfalls legt aus der Sicht der deutschen Militärpolitiker die geostrategische Lage ihres Landes und dessen herausragendes konventionelles Potential nahe. Deutschland mit einer starken und präsenten Bundeswehr erscheint ihnen als Säule der Stabilität für ganz Europa und in besonderem Maße als strategisches Gegengewicht im Hinblick auf ein Rußland, welches im Augenblick zwar durch innere Schwierigkeiten neutralisiert, das langfristig aber als potentielle Quelle neuer Sicherheitsrisiken dargestellt wird. [12]

Wenn es aber um militärische Stärke im Sinne eines strategischen Gegengewichts geht, dann mögen die Krisenreaktionskräfte der Bundeswehr allein nicht genügen: Dann erfährt auch jener – größere – Teil des militärischen Potentials seine Rechtfertigung, der in den Hauptverteidigungskräften versammelt ist: in Formationen, die in erster Linie für die Landes- und Bündnisverteidigung vorgesehen sind.

Nach amtlicher Konzeption werden in einer – kaum vorstellbaren – „Stunde der Not“ auch die Krisenreaktionskräfte zur Bündnisverteidigung herangezogen – nämlich um mit ihrer Präsenz den Aufwuchs der Hauptverteidigungskräfte zu decken. Die Krisenreaktionskräfte erhalten mit Priorität modernes Gerät, was vor dem Hintergrund der Ambition, „überall mit dabei zu sein“ und im Kontext notorischer Ressourcenknappheit (als Folge der Wiedervereinigung!) allzu verständlich ist. Freilich ist für die Zeit nach 2005, wenn das Gröbste an Innovationen bei den Krisenreaktionskräften getätigt sein wird, auch eine schrittweise Runderneuerung der – übrigens im internationalen Vergleich noch durchaus leistungsfähigen – Hauptverteidigungskräfte geplant.

Dies erscheint im Kontext der Ressourcenproblematik zwar als eine wacklige Kiste. Doch ist die Aufgabe aus der Sicht der heutigen Bundeswehrplanung keineswegs unlösbar, zumal die militärtechnischen Voraussetzungen nicht die schlechtesten sind. Dabei könnte man den folgenden Maßnahmenmix vorschlagen: [13] Begrenzte, eher unauffällige Erhöhungen des Verteidigungsbudgets – leichte Absenkung der Präsenz (ohne den Fortbestand der kostensparenden Wehrpflicht zu gefährden) – spürbare Einschnitte bei der Mobilmachungsstärke, ohne allerdings den Status einer „großen Armee“ zu riskieren – Fortsetzung bereits laufender Rationalisierungsbemühungen – und last but not least: Verringerung des relativen Gewichts teurer Personalkategorien (weniger Berufssoldaten/weniger Zivilbedienstete).

Damit ist ein Sich-Durchmogeln bezeichnet, welches aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit der Bundeswehrplanung besonders wahrscheinlich deucht. Auf diese Art ließe sich die Bundeswehr vermutlich bis weit in das erste Jahrzehnt des nächsten Jahrhunderts hinein vor drastischen Einschnitten bewahren.

Wenn die Bundeswehrplanung bis dahin prinzipielle Kontinuität erreichen sollte, bezöge sich dies wohl auch auf die wesentlichen militärischen Strukturen – insbesondere die des Heeres: Die Truppe dürfte weiterhin von einer klaren Dominanz schwerer, offensiv-tauglicher Verbände (ca. 80 % des Gesamtbestandes von 25 1/2 Brigaden) gekennzeichnet sein. [14] Damit wird von der Struktur her ein nicht unproblematisches Signal gesetzt. Dadurch nämlich, daß man sich erkennbar auf die Eventualität einer größeren Intervention nicht allzu weit östlich der Grenzen Deutschlands vorbereitet, erhält die Konzeption des „Gegengewichts“ einen provokativen Zug – ist also das Reden von einer „Säule der Stabilität“ mit einem Fragezeichen zu versehen.

3. Option: Katastrophenhilfe et cetera

Ein weiterer Versuch, die Bundeswehr und gerade auch ihre Präsenz in der Fläche zu legitimieren, läßt sich darin erkennen, daß mit dem Hinweis auf die Verletzlichkeit moderner, komplexer Gesellschaften die Befähigung zur Katastrophenhilfe in besonderem Maße betont wird. Im Sinne dieses Legitimationsversuchs, der selbstverständlich nur in Ergänzung zu wesentlicheren Rechtfertigungsgründen gesehen werden kann, hat die Bundeswehr keine besonderen organisatorischen Anstrengungen unternommen. Helfen ist einfach Christenpflicht, und von der Ausrüstung wie von der Ausbildung insbesondere ihrer Pioniere her ist die Bundeswehr dazu auch in der Lage. Entsprechend hat sie sich verhalten und dafür – zu erinnern ist an den Einsatz bei der Überschwemmungskatastrophe an der Oder – einen fetten Bonus kassiert.

Die Streitkräfte haben freilich nicht versucht, zur zusätzlichen Absicherung ihrer Existenz auch polizeiähnliche Aufgaben zu übernehmen. Anders als etwa in Österreich und der Schweiz, wo das Militär illegale Grenzgänger fängt bzw. Anti-Terror-Verbände aufgebaut hat, gilt in der Bundeswehr im wesentlichen immer noch: „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ Solche Beschränkung ist prinzipiell zu begrüßen – erschwert doch eine Vermischung mit den Kompetenzen der Organe innerer Sicherheit die demokratische Kontrolle.

Emanzipation

Mit der Organisation von Krisenreaktionskräften und der Entwicklung einer Schlüsselrolle im Zusammenhang der NATO-Osterweiterung hat sich das deutsche Militär trotz prekärer Ressourcenlage einen beträchtlichen Zuwachs an Handlungsmöglichkeiten, an potentieller Autonomie, erwirtschaftet. Um den angesichts einer solchen Perspektive zu erwartenden Argwohn der – westlichen – Nachbarn kontrollieren zu können, hat die Bundeswehrführung von Anfang an den Gedanken fortgesetzter NATO-Integration betont. Für diese Fortsetzung wurden freilich neue Formen entwickelt:

Während früher die westdeutsche Armee in festem Schulterschluß in das System der NATO-Korpsstreifen eingeklemmt war, wurden nach Ende des Kalten Krieges bi- und trinationale Korpsstrukturen entwickelt, deren genauere Analyse ergibt, daß die Bundeswehr dabei relative Selbständigkeit entwickeln bzw. sogar über diese Form der Integration ihre Partner wesentlich beeinflussen kann (jedenfalls wenn es sich um Juniorpartner, wie die Niederlande, Dänemark oder etwa Polen, handelt). [15] In diesem Zusammenhang ist auch von Interesse, daß die Bundeswehr eine eigene nationale Führungsstruktur beträchtlicher Leistungsfähigkeit aufgebaut hat, deren Aufgabe u. a. darin besteht, bei internationalen Einsätzen die deutschen Formationen zu koordinieren und ihnen im Gesamtkonzert der Kräfte ein angemessenes Gewicht zu verschaffen.

Alles in allem zeigt das deutsche Militär und insbesondere seine politische Führung wachsendes Selbstvertrauen. Man sieht sich gefordert und in der Lage, die Vertretung deutscher Interessen, was immer das sein mag, auch auf längere Sicht mit militärischen Mitteln untermauern zu können.

Diese Emanzipation von einem einst recht blinden NATO-Gehorsam ist auf eine vom Publikum wenig beachtete Weise verlaufen. Die Nicht-Existenz einer auch in den Medien verankerten, breiten sicherheitspolitischen Diskussionskultur in der Bundesrepublik hat dies fraglos begünstigt.

Selbst die Grünen/Bündnis 90 haben auf die Problematik der NATO-Osterweiterung erst recht spät vernehmbar reagiert. [16] Wenn über die Streitkräfte öffentlich gesprochen wird, dann eher punktuell und über vergleichsweise isolierte Gegenstände: Wehrpflicht- oder Freiwilligenarmee? Einsatz auf dem Balkan oder zu Hause bleiben? Rechtsradikale Vorfälle als Folge eines nicht ganz mit der Demokratie kompatiblen Führungsverhaltens?

Und ist der momentane Diskussionbedarf abgearbeitet, dann wird das Militär wieder in Ruhe gelassen: Kaum Fragen danach, welche politischen Folgen es haben kann, wenn die Bundeswehr mit durchaus problematischen Strukturen die Rolle des Gegengewichts zu Rußland übernimmt. Und praktisch kein Interesse daran, den Aufbau der Krisenreaktionskräfte etwas genauer zu betrachten und zu prüfen, welche Konzeption „vor Ort“ eher stabilisieren kann und welche nicht. Prinzipialismus und Oberflächlichkeit haben solche Fragestellungen nicht zu- und der Bundeswehrplanung freie Hand gelassen. Ob letzteres nun unter einer rot-grünen Koalition wesentlich anders sein wird, ist zu bezweifeln: Zu sehr erscheint man eingeschworen auf sicherheitspolitische „Kontinuität“, was nicht gerade Freude an gründlicher Debatte signalisiert.

[1Volker-Herbert Burggraf, „Flotte 2005“: Die Marine auf dem Weg in die Zukunft, Soldat und Technik (SuT), 11/1991, S. 752.

[2Besonders prägnant: Jürgen Kieschoweit, Sicherheitspolitik und Streitkräfte im Wandel, SuT, 10/1991, S. 669–676.

[3Dietrich Rogler, Zur Zukunft des Kampfpanzers, SuT, 7/1991, S. 455.

[4Gustav Däniker, Wendepunkt Golfkrieg ’91, SuT, 9/1991, S. 620–623.

[5The International Institute for Strategic Studies, The Military Balance 1992– 1993, S. 29 ff. (NATO-Kapitel).

[6Gero Koch, Krisenreaktionskräfte des Heeres, SuT, 7/1993, S. 404.

[7Wiener Dokument: Bundesrepublik Deutschland, Jährlicher Informationsaustausch über Verteidigungsplanung, Bonn 1998, S. 19.

[8Hans-Georg Ehrhart, Statement in: Streitkräfte und Strategien, Manuskript des NDR 4 vom 5.9.1998, S. 13.

[9Gerhard Hubatschek, NATO-Erweiterung als Teil der politischen Neuordnung Europas, SuT, 6/1997, S. 324.

[10Hans Joachim Veen, NATO – Quo vadis?, SuT, 12/1991, S. 809.

[11Jutta Koch, Die NATO: Zwischen Ambitionen, Attentismus und Aktionismus, in: Europäische Friedensordnung: Konturen einer Sicherheitsarchitektur (Koordination: Wilfried Graf, Lutz Unterseher), Münster 1998, S. 52 f..

[12Klaus Naumann, Standortbestimmung, Informationen zur Sicherheitspolitik (35. Kommandeurtagung der Bundeswehr), November 1995.

[13Einiges davon behandelt: Hans W. Hofmann, Ökonomische Rahmenbedingungen und Personalkosten – die maßgeblichen Determinanten für eine Bundeswehrstruktur im Jahre 2000, Universität der Bundeswehr München, Juli 1996.

[14Wiener Dokument, a.a.O., S. 19.

[15Expertengespräch mit Erich Schmidt-Eenboom, Bonn, Januar 1997.

[16Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen (Hg.), Die Osterweiterung der NATO, Dokumentation einer Anhörung, Bonn, Februar 1997.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1998
ZOOM 5/1998, Seite 33
Autor/inn/en:

Lutz Unterseher:

Soziologe, Organisations- und Politikwissenschafter, war in der kommerziellen Sozailforschung und als Politikberater tätig. Er lehrt an der Universität Münster und lebt als Pensionär in Berlin-Spandau.

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