Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1998 » Heft 3/1998
Peter Schuck

Überlegungen zum Verhältnis von Theorie und Praxis

Vorbemerkung

Die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis ist eine Frage aus der Theorie. Motiviert wird diese Frage — wie eben diese Theorie als Ganzes — jedoch gleichzeitig aus der Erfahrung eines Mangels in der eigenen Praxis. Die Frage richtet sich an eben jene Theorie, deren Anspruch es ist, die Verbindung von Theorie und Praxis zum Gegenstand der Theorie zu machen. Überlegungen zum Verhältnis von Theorie und Praxis werden also notwendig theoretischer Natur sein.

Der Begriff der Kritischen Theorie soll zunächst anhand der ursprünglichen Bestimmung von Max Horkheimer in [4] nachgezeichnet werden. Dabei wird klar, wie sich Kritische Theorie von der traditionellen Wissenschaft unterscheidet und welche Mittel zur Analyse und Beschreibung gesellschaftlicher Praxis zur Verfügung stehen. Diese Vorgehensweise erscheint auch von daher sinnvoll, als daß es gerade die Kritische Theorie sein wird, welche zur Reflexion auf das Theorie-Praxis-Verhältnis herangezogen werden wird. Dies beinhaltet auch die Begründung, weshalb sich gerade die Kritische Theorie für ein solches Unterfangen eignet. Vereinfacht gesagt braucht es eine Theorie, die sich selbst wahr- und ernst-nimmt. Dialektik, Mittel dieser Theorie, sich ihrem Gegenstand angemessen zu nähern, soll in ihrer Funktion und in ihren Grenzen geschildert werden.

Mit der erarbeiteten theoretischen Position soll nun die gesellschaftliche Praxis näher bestimmt werden. Diese Praxis ist hauptsächlich mit Arbeit — heute Lohnarbeit — ausgefüllt. Dem Marx’schen Begriff der Arbeit zufolge schreitet mit der Entwicklung der Arbeitsmittel auch die Entwicklung des Bewußtseins fort. Der Begriff des Bewußtseins und darauf aufbauend jene der Vernunft und der Mündigkeit sollen Klärung erfahren und den Zugang zur Bestimmung des bürgerlichen Subjektes liefern. Diese Bestimmung wird im Folgenden gemeinsam mit einigen Überlegungen zu den gegenwärtigen Produktionsmitteln und Produktivkräften herangezogen, um die Frage nach gelebter Praxis zu erörtern.Abschließen möchte ich in Anlehnung an Adornos Minima Moralia [1] mit drei Miniaturen zum Bereich der Informatik (wobei ich die beiden ersten bereits 1991 schrieb), deren Wahrheit sich nicht zuletzt im sogenannten „Golfkrieg“ auf erschreckende Weise bestätigte.

Theorie

Die Philosophen haben die Welt bloß interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.

[12, S 7]

Traditionelle Theorie

Das Ziel der PhilosophInnen, eine möglichst vollkommene Theorie zu schaffen, also mit möglichst wenigen, dafür umfassenden Sätzen einen möglichst großen Bereich der Wirklichkeit abzudecken, [1] und dabei die Grundforderungen, die tradionell an eineTheorie gestellt werden, nämlich Widerspruchslosigkeit und Durchgängigkeit zu erfüllen, tendiert letztlich zu einem rein mathematischen Zeichensystem. Einerseits erlaubt dies umfassende technische Operabilität der Theorie, welche zum Beispiel in der sich ständig beschleunigenden Dynamik der Natur- und Ingenieurswissenschaften zum Ausdruck kommt. Andererseits jedoch löst sich ein solcher Begriff von Theorie der Tendenz nach von seinem Gegenstand, suggeriert eine Selbständigkeit, „als ob er etwa aus dem inneren Wesen der Erkenntnis oder sonstwie unhistorisch zu begründen sei [und] verwandelt [...] sich in eine verdinglichte, ideologische Kategorie. “[4, S 17] In Wirklichkeit ist der wissenschaftliche Fortschritt nur im Zusammenhang mit realen gesellschaftlichen Prozessen zu verstehen. So ist die Wirkung des Gegenstandes auf die Theorie, wie auch die Wirkung der Theorie auf ihren Gegenstand nicht nur innerwissenschaftlich, sondern gleichermaßen ein gesellschaftlicher Vorgang. „Die Beziehungen von Hypothesen und Tatsachen vollzieht sich schließlich nicht im Kopf der Gelehrten, sondern in der Industrie.“ [4, S 18] Und auch die Tatsachen selbst „sind in doppelter Weise gesellschaftlich präformiert: durch den geschichtlichen Charakter des wahrgenommenen Gegenstands und den geschichtlichen Charakter des wahrnehmenden Organs.“(4, S 22] „Dem herkömmlichen theoretischen Denken gelten, wie dargelegt, sowohl die Genesis der bestimmten Sachverhalte als auch die praktische Verwendung der Begriffsysteme, in die man sie befaßt, somit seine Rolle in der Praxis, als äußerlich. Diese Entfremdung, die in der philosophischen Terminologie als Trennung von Wert und Forschung, Wissen und Handeln sowie anderen Gegensätzen sich ausdrückt, bewahrt den Gelehrten vor den angezeigten Widersprüchen und verleiht seiner Arbeit ihren festen Rahmen.“ [4, S 29] Daß dieser Rahmen zum einen Ausdruck der Arbeitsteiligkeit der bürgerlichen Gesellschaft und zum anderen eine Manifestation desselben Begriffssystems ist, welches es damit stabilisiert, also einer positivistischen Ideologie zuzurechnen ist, sollte klar geworden sein.

Kritische Theorie

„Insofern aber die Sachverhalte, die in der Wahrnehmung gegeben sind, als Produkte begriffen werden, die grundsätzlich unter menschliche Kontrolle gehören und jedenfalls künftig unter sie kommen sollen, vertieren sie den Charakter der bloßen Tatsächlichkeit.“ [4, S 29f] Eine solche Herangehensweise verändert aber nicht nur die Sicht auf den Gegenstand, sondern die Wissenschaft selbst: Denn dadurch, daß sich die/der Fachgelehrte nicht mehr im Wissenschaftsbetrieb dem Gegenstand in der Rolle des Wissenschaftlers/der Wissenschaftlerin nähert und eventuell nach getaner Arbeit in der Freizeit den eigenen privaten, politischen Interessen [2] nachgeht, sondern ihre/seine eigene Funktion im Wissenschaftsbetrieb mit ihren/seinen politischen Interessen in die wissenschaftliche Reflexion hineinnimmt, erhält diese einen nicht zu unterschätzenden politischen Impetus: es geht darum, die Teilung der Arbeit und damit die für diese Gesellschaft geltenden grundlegenden Beziehungen des Arbeitsprozesses aufzuheben. [3] Als bemerkenswertes Resultat ist mit Marcuses Worten die „kritischeTheorie [..] nicht zuletzt kritisch gegen sich selbst, gegen ihre eigenen gesellschaftlichen Träger.“ [9, S 125] Damit geht es um einen Bewußtwerdungsprozeß der Wissenschaft: Die Wissenschaft soll über ihre eigenen Bedingungen aufgeklärt werden. [4] „Die Horkheimersche Formulierung »kritische Theorie« will nicht den Materialismus akzeptabel machen, sondern an ihm zum theoretischen Selbstbewußtsein bringen, wodurch er von dilettantischen Welterklärungen nicht minder sich abhebt als von der »traditionellen Theorie« der Wissenschaft. Als dialektische muß Theorie — wie weithin die Marxische — immanent sein, auch wenn sie schließlich die gesamte Sphäre negiert, in der sie sich bewegt.“ [2, S 197] Und diese Immanenz, die der kritischen Theorie immer wieder vorgehalten wird, verhindert die Angabe von Prognosen über irgendwelche Heilsszenarien genauso wie Rezepte zur Verbesserung der Lage der Nation.

Dialektik

Wie zuvor bereits erwähnt, versucht die traditionelle Theorie mit möglichst wenigen, dafür umfassenden Sätzen ihres Gegenstands habhaft zu werden. Das, was sich nicht dem Regelwerk angleicht, Meßfehler, Ausnahmen und Ungenauigkeiten, wird bestenfalls kurz zur Kenntnis genommen und dann ignoriert. Ganz anders Dialektik: gerade da, wo Widersprüche ein Schema nicht zulassen, wird ihre Stärke deutlich: in ihrem Diskurs mißt sie sich selbst dem Gegenstand an. Damit ist in „gewissem Betracht [...] die dialektische Logik positivistischer als der Positivismus der sie ächtet: sie respektiert, als Denken, das zu Denkende, den Gegenstand auch dort, wo er den Denkregeln nicht willfahrt.“ [2, S 144]

Tatsächlich ist Dialektik weder Methode allein noch ein Reales im naiven Verstände. Keine Methode: denn die unversöhnte Sache, der genau jene Identität mangelt, die der Gedanke surrogiert, ist widerspruchsvoll und sperrt sich gegen jeglichen Versuch ihrer einstimmigen Deutung. Sie, nicht der Organisationsdrang des Gedankens veranlaßt zur Dialektik. Kein schlicht Reales: denn Widersprüchlichkeit ist eine Reflexionskategorie, die denkende Konfrontation von Begriff und Sache. Dialektik als Verfahren heißt, um des einmal an der Sache erfahrenen Widerspruchs willen gegen ihn in Widersprüchen zu denken.

[2, S148]

Praxis

Die Sache, d.h. der Gegenstand der KritischenTheorie ist — wie bereits erwähnt — die gesellschaftliche Praxis. Die gesellschaftliche Praxis ist seit jeher bestimmt von menschlicher Arbeit.

Arbeit

Zentraler Begriff für die Vermittlung von menschlichen Bedürfnissen mit der Natur ist die Arbeit.

Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.

  • Wir unterstellen die Arbeit in einer Form worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.
  • Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art undWeise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß.
    [13,S 185f]

Hier wird deutlich: einerseits ist der Mensch Naturwesen mit Naturkräften, andererseits aber ist er in der Lage mit seiner „Naturkraft“ Intellekt, seiner Vorstellung einen Zustand zu antizipieren, der seinen Zweck entspricht. Er tritt dann als DenkendeR in Gegensatz zur Natur, die er mit seinen Naturkräften domestiziert. Einerseits hat menschliches Denken also menschliche Natur, andererseits auch umgekehrt menschliche Natur menschliches Denken zur Voraussetzung. Die beiden nicht nur begrifflich in Gegensatz tretenden Komponenten Natur und Denken vereinen sich in der Natur des Menschen.

Bewußtsein

Das Denken in Gegensätzen beherrscht die Philosophiegeschichte der westlichen Kultur. Bewußtsein steht hier im Gegensatz zur Natur. Erst Hegel verbindet Geist und Natur mittels Dialektik und löst Natur, das durch den Geist objektivierte, im universellen Geist auf. Falsch und richtig zugleich. Falsch, weil Denkvoraussetzung immer schon Natur ist. Vor dem Bewußtsein steht das Sein. Andererseits und damit richtig, weil Naturvoraussetzung des Menschen immer schon Denken, Bewußtsein ist. Mit dem Sein ist also das Bewußtsein notwendig gesetzt und bestimmt fürderhin das Sein, gleichwie es durch das Sein bestimmt wird. Der Mensch kann nicht anders Mensch sein, als denkend. Denken kann er aber nur, indem er die Dinge auf Begriffe bringt. Indem er von den Dingen abstrahieren kann, kann er die Produktivkräfte zur Sicherung seiner Reproduktion weiterentwickeln.

Damit ist Denken einerseits bedingt durch die Natur der/des DenkendeN sowie die vorgefundenen Gegenstände (Objekte), die es zum Objekt machen muß. Andererseits muß es sich als unbedingt denken/setzen, weil es auf die eigenen Bedingungen reflektieren kann. [5]

Vernunft

Mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft wird die Vernunft, zunächst als universelle, zu dem Kampfbegriff gegen die Feudalgesellschaft. „Vernunft ist das Prinzip der Kritik von Herrschaft schlechthin.“ [7, S. 44] Vernunft ist also einerseits ein allgemeiner, weil auf alle Menschen und alle Gesellschaftsformen zielender Begriff. Andererseits aber in seiner historischen Konkretion ein Begriff der bürgerlichen Gesellschaft. Zwar hatte sich historisch bei Entwicklung dieser universalen Begrifflichkeit die bürgerliche Gesellschaft ökonomisch in weiten Teilen bereits durchgesetzt, zu ihrer Legitimierung war die theoretische Behandlung (insbesondere durch die deutschen Philosophie) dieser gesellschaftlichen Veränderungen aber notwendig.

Nun ist der Mensch nicht von Natur aus vernünftig. Er muß dazu gemacht werden. Dies ist ein gesellschaftliches Problem und begründet Schulen als gesellschaftlich organisierte Einrichtung, die allgemeine Schulpflicht und als zugehörige Wissenschaft die Pädagogik. Deren (zumeist unverstandenes) Problem ist letztlich die Antinomie, die Heranwachsenden dazu zu bringen, Vernunft anzunehmen. Da Vernunft nur als eigenständige und freiwillige Leistung des Subjekts möglich ist, da diese aber als Ergebnis bereits vorausgesetzt ist und sein muß, muß sie unter mehr oder weniger offenem Zwang auch durchgesetzt werden.

Mündigkeit

Der Zeitpunkt, zu dem Vernunft gesellschaftlich konstatiert wird, heißt Mündigkeit. Diese meint ökonomisch letztlich Geschäftsfähigkeit, moralisch die Fähigkeit, entsprechend den Vorgaben der protestantischen Arbeitsethik auf das kurze, schnelle Glück zugunsten später zu realisierender Vorteile zu verzichten und politisch die Fähigkeit, die eigenen Interessen im Rahmen der dazu vorgesehenen Institutionen zu artikulieren.

Freiheit meint im Grunde Verfügung über Lebensmittel, Mündigkeit die subjektive Bestimmtheit der Praxis der Freiheit. Nur wer für seine Lebensmittel selber aufkommen kann, weiß sich prinzipiell unabhängig vom Willen anderer, [...] Aber diese Unabhängigkeit vom Willen anderer in der Verfügung über die Bedingungen der eigenen Reproduktion sind historisch und konkret die Freiheit und Mündigkeit des Privateigentümers.

[7, S 40]

Im sich formierenden Verwertungsinteresse muß jedes Individuum als Tauschpartner anerkannt und erwartet werden können, sonst gibt es keinen Arbeitsmarkt, ohne diesen keine Lohnarbeit. Das aber heißt: Das Verwertungsinteresse kommt um den Anspruch auf Mündigkeit nicht herum. Denn es ist auf Freiheit als freie Verfügung über Güter als Waren angewiesen.

[7, S 44]

Das bürgerliche Subjekt

Sowohl Vernunft als auch die damit verbundene Mündigkeit sind zwar einerseits bedingt, indem sie sich in bestimmten Subjekten realisieren und diese erst zur Vernunft gebracht bzw. für mündig erklärt werden müssen, Vernunft und Mündigkeit also erst gesellschaftlich hergestellt werden muß. Andererseits sind beide aber unbedingt, insofern sie begrifflich als unbedingte sich annehmen müssen, um ihre im Begriff angelegte Universalität überhaupt in Anspruch nehmen zu können.

Dieser Widerspruch ist historisch dadurch begründet, daß zwar einerseits die bürgerlichen Kampfbegriffe, die gegen die und zur Ablöse der Feudalgesellschaft eingesetzt wurden, nur als universale also allgemeingültige auftreten konnten. Diese Universalität ist unhintergehbar. Andererseits mußte aber in der Ablöse der Feudalgesellschaft unmittelbar an deren Herrschaftsverhältnisse angeknüpft werden, die realen Veränderungen sind von Anfang an mit dem Makel des Kompromisses behaftet. [6] Die alte Herrschaft wurde letztlich nur neu begründet. Irrationale Herrschaft (durch den ökonomischen Prozeß hindurch) wurde nicht abgeschafft sondern gefestigt.

Der Widerspruch ist ökonomisch dadurch begründet, daß der ökonomische Prozeß im Tausch das bürgerliche Subjekt, also den Freien, Mündigen unbedingt braucht, damit ein Vertrag rechtswirksam ist. Andererseits dürfen aber die Eigentumsverhältnisse (Ursache für die reale Ungleichheit und Unfreiheit, wie für den Tausch selbst) genausowenig angetastet werden.

Der Widerspruch ist logisch dadurch begründet, daß einerseits das Subjekt vom Begriff her ein von allen anderen Unabhängiges ist, andererseits eben dieses Subjekt aber in einem bestimmten Individuum sich konkretisiert. Das Subjekt, welches logisch nur durch Autopoesis in die Welt kommen kann, wird praktisch durch andere in die Welt und zum Subjekt-Sein gebracht.

Produktionsmittel und Produktivkräfte

Ging Marx in [10] davon aus, daß es zur Herstellung der vernünftigen Praxis ausreichte, wenn sich das Proletariat die Produktionsmittel aneignete, um sie den eignen Zwecken zu unterwerfen, [7] so ist längst klar, daß nicht nur die Produktionsmittel sondern auch die Produktivkräfte selbst durch die Produktionsweise der Gesellschaft präformiert sind. Das heißt, daß nicht nur die technischen Mittel sondern auch die Wissenschaften einer befreiten Gesellschaft andere sein werden müssen, als die der gegenwärtigen. Doch bereits der gegenwärtige Stand der Produktivkräfte macht aufgrund der technischen Komplexität Schwierigkeiten. Gerade die Philosophie, die einst als Universalwissenschaft antrat, die Welt zu erklären, sieht sich zunehmend hilflos, die technischen Instrumente zur Beherrschung dieser Welt zu begreifen. „Der introvertierte Gedankenarchitekt wohnt hinter dem Mond, den die extrovertierten Techniker beschlagnahmen. ... So unmäßig ist das mittlerweile zum Topos herabgesunkene Mißverhältnis zwischen Macht und jeglichem Geist geworden, daß es die vom eigenen Begriff des Geistes inspirierten Versuche, das Übermächtige zu begreifen, mit Vergeblichkeit schlägt. Der Wille dazu bekundet einen Machtanspruch, den das zu Begreifende widerlegt.“ [2, S 15f] Die Ursache dafür dürfte neben der Komplexität des technischen Instrumentariums selbst auch in der ungeplanten, gleichsam naturwüchsigen Entwicklung der Produktivkräfte hegen.

Noch einmal: das bürgerliche Subjekt

Nicht nur die Produktionsmittel und die Produktivkräfte werden von der gesellschaftlichen Produktionsweise bestimmt. Deren Kraft zur Determination reicht bis in das einzelne Subjekt hinein. Der ökonomische Prozeß, der von ihm ständig und notwendig reproduziert wird, präformiert Ansichten, Haltungen, Einstellungen, Verhalten, usw. Mündigkeit erweist sich im Widerstand gegen die aufgezwungenen Bedürfnisse. An der Theorie wäre es, die gesellschaftlichen Ursachen noch der ureigensten Regung nachzuweisen. Aufgabe der/des Einzelnen bleibt es, mit der daraus resultierende Einsicht ein letztes Stück Autonomie zu behaupten.

„Gelebte Kritik“

Gelebte Kritik meint Kritik, die praktisch wird. Von praktischer Kritik ist jedoch weit und breit keine Spur. „Die Zeiten, da man noch Barrikaden bauen konnte, sind fast schon so selig, wie die, da das Handwerk einen goldenen Boden hatte.“ [3, S 377] So schwierig wie es heute geworden ist, die Klassen und ein entsprechendes „revolutionäres Subjekt“ zu identifizieren, so wenig hat sich die heutige Gesellschaft vom Kapitalismus entfernt. [8] Noch immer kann funktional zwischen Kapital und Lohnarbeit unterschieden werden. Auch wenn durch Betriebsaktien, Rentenfonds und dergleichen der Widerspruch in das lohnabhängige Subjekt hineinverlagert wurde. [9] Dessen Interesse ist aufgrund der höheren Rendite die eigene Ausbeutung geworden. So hat es sich zum Komplizen derer machen lassen, die einst auf der anderen Seite der Barrikaden standen. Dies geschah zwangsläufig mit den erreichten Erfolgen im Streit um einen größeren Anteil am erwirtschafteten Mehrprodukt. „Weiter wird Herrschaft ausgeübt durch den ökonomischen Prozeß hindurch. Dessen Objekte sind längst nicht mehr nur die Massen, sondern auch die Verfügenden und ihr Anhang.“ [5, S 360] Auch „die andere Seite“ blieb also nicht unberührt von der Verlagerung der Klassengegensätze bis ins einzelne Subjekt.

Diejenigen, die aus dem Produktionsprozeß herausgefallen sind, die Paupers — und es werden derer immer mehr —, werden mit verschiedensten Mitteln stillgestellt: „Tittytainment“ ist nur eine neue Variante für das Opium des Volkes. „Sinkt aber, durch den Umfang des technischen Fortschritts, tatsächlich durch Industrialisierung, der Anteil der lebendigen Arbeit, aus der seinem Begriff nach allein der Mehrwert fließt, so wird davon das Kernstück, die Mehrwerttheorie affiziert“ [3, S 359] Auch wenn diese Tatsache noch nicht notwendig bedeutet, daß hier im Schoße des Kapitalismus eine neue Gesellschaftsform heranreift, so ist der Umstand jedenfalls genau zu beobachten. Die gegenwärtige Entwicklung der Produktivkräfte läßt daran zweifeln, ob es dem Kapitalismus gelingt, eine weitere Trägertechnologie zu entwickeln, die den Anteil an lebendiger Arbeit im Produktionsprozeß wieder steigen läßt, nachdem die derzeitige Produktion vor allem durch Rationalisierung und Automatisierung gekennzeichnet ist.

Unter dem Marx’schen Diktum, daß „die Theorie [...] zur materiellen Gewalt [wird], sobald sie die Massen ergreift“ [11], hieße das, dafür Sorge zu tragen, daß die Theorie als kritische Instanz gegen den Irrsinn dieser Gesellschaft aufgehoben bleibt und nicht von deren Totalität verstellt wird. „Heute hat sich die vereitelte Möglichkeit des Anderen zusammengezogen in die, trotz allem die Katastrophe abzuwenden.“ [2, S 317]

Minima Informatica

Fensterln. Die modernen Computersysteme sind, so heißt es, benutzerfreundlich geworden. Die Symbole seien leichter verständlich und einfacher zu handhaben als zentnerschwere Manuale, in deren Gewicht sich die gesamte Entwicklung der Technologie niederzuschlagen scheint. Ohne überflüssigen Ballast sofort an die Arbeit gehen zu können, ist der Vorteil jener Technologie, die sich auf der einen Seite durch ein Nicht-Denken-Müssen und auf der anderen durch sofortige Verwertung der Arbeitskraft in barer Münze bezahlt macht. Unwiederbringlich verloren wird mit jedem Blick durch’s Fenster auf die Welt, welche selbst mehr und mehr zur Maschine und deren Scheinwelt sich beschränkt, das, was Musil noch den Realitätssinn nannte. Möglich ist alles und wirklich damit zugleich nichts. Der Blick durch’s Fenster zu oft schon als Beleg herbeizitiert geht ins Leere. Fern jeder sinnlichen Wahrnehmung ist das, was es da zu sehen gibt. Und doch wird jene und mit ihr das Bewußtsein davon affiziert, so es nicht schon völlig gefangen darin verharrt. Wer einmal die Gelegenheit gehabt hat, Computer-Spieler, die sich heute in vielen Kinderzimmern [10] finden, in ihrem Spiel zu betrachten, der weiß, welch grausames Geschäft da getrieben wird: die Welt ist in der Maschine und damit schon völlig negiert. Es bleibt nur noch ein gradueller Unterschied in der Rezeption zwischen dem tausendfach geübten Massenmord im Spiel und der des Genozids.

Von Mäusen und Menschen. Die Maus, einstmals Schreckgespenst der Frauen in männlich-dummen Stammtischwitzen und jener, welche sich nach diesem Bild formen ließen, soll heute zur Vertrauten aller Sekretärinnen werden. Die Erziehungsleistung die damit verbunden ist, wäre wesentlich bedeutender, säße da ein solches Tier. Aber auch das an die Maschine genabelte Plastikgehäuse wird gezähmt. Von der ersten Berührung über die geplante Verwendung jenes Gerätes scheint eine Parallele auf. Doch findet neben der an Saint-Exupéry (wirklich?!) erinnernden Zähmung toter Gegenstände eine Zähmung auch auf der anderen Seite statt. Die Heteronomie schlägt bis auf die Reaktionen des Gesamtsystems durch: es ist eben nur eine solche Verwendung vorgesehen. Ist das System benutzerfreundlich, so ist die Heteronomie total, andere Verwendungen werden nicht zugelassen. Die Maus ist Zuckerbrot und Peitsche in einem.

Menschen fischen. Auf der Höhe der Zeit zu sein, heißt heute sämtliche verfügbaren Kommunikationsmittel zu kennen und zu nutzen. Der vernetzte Bürger wurde zum Sinnbild für den mit allen Kommunikationsmitteln beschlagenen postmodernen Menschen. Wurde zuvor nur der als ins Netz gehend bezeichnet, der die schnelle Befriedigung seiner kurzfristigen Bedürfnisse und Leidenschaften über seine realen Interessen stellt, so bezeichnet dies heute den sich „anstöpselnden“ Zeitgenossen. Die Terminologie zur Beschreibung der damit zusammenhängenden Vorgänge ist so technisch wie die Sache selbst und wirkt zurück auf das vernetzte Subjekt selbst: je intensiver die eigene Verstrickung, desto mehr erfährt es sich als technisches Anhängsel dieser Maschinerie, zu dem es sich macht. Wer jedoch glaubt, daß das Anwachsen der Kommunikation mit der Gewichtigkeit der Inhalte korrelierte, sieht sich getäuscht; noch das Belangloseste muß mitgeteilt werden. Kommunizieren zu können, heißt heute kommunizieren zu müssen; kaum eine Tätigkeit, die nicht durch Anrufe gestört wird, nichts mehr, was ungeteilte Aufmerksamkeit erhält. Zappelte das volle Netz einstmals von Fischen, so zappeln heute die durch ständige „Requests“ und „Interrupts“ nervös gewordenen Bediener der Endgeräte.

[1Vergleiche hier und im Folgenden [4, S 13f]

[2Daß private Interessen zugleich politische sein können (und vice versa), ist eine Besonderheit und ein Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft. Denn erst mit der Lohnarbeit gibt es den Bereich der Freizeit, in welchem private Aktivitäten angesiedelt sind und mehr oder weniger geduldet werden.

[3Vergleiche [4, S 30]

[4„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ [6, S 9] Auch wenn hier hinsichtlich der Schuldfrage zwischen Gattungswesen und Individuum differenziert werden muß, so kann selbst für das Individuum eine selbstprolongierte Unmündigkeit konstatiert werden.

[5„Auf die empirische, unerläßliche Bedingung seines Werdens reflektierend, muß sich das Bewußtsein als notwendig unabhängig von dieser Bedingung gesetzt denken: als vorausgesetzt.“ [7, S 39]

[6„Mündigkeit — als bürgerliche — ist daher früh gebrochen durch die für die Durchsetzung dieser Gesellschaft epidemischen Gewaltakte der Enteignung und Aneignung des immer noch entscheidenden Produktionsmittels, nämlich Grund und Boden (enclosures).“ [7, S 40]

[7So heißt es: „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.“ [10, S 46]

[8Vergleiche dazu Th. W. Adornos Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag am 8. April 1968 „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?“ [3, S 354ff] sowie ders. „Reflexionen zur Klassentheorie“ [3, S 3 73fl].

[9Der Marx’schen Theorie zufolge hätten Mitbestimmungsmodelle, die ja einen nicht unbeträchtlichen Eingriff in die Verfügungsgewalt des Kapitals darstellen, oder Unternehmensbeteiligungen in Form von Betriebsaktien, die das Eigentum an Produktionsmitteln (teilweise) in die Hände der Lohnabhängigengeben, der Tendenz nach eine qualitative Änderung der Produktionsiveise bedeutet. Daß dies faktisch jedoch keinerlei Änderung nach sich zieht, liegt vor allem daran, daß durch solche Beteiligungen der Lohn der Lohnabhängigen noch mehr an den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens gekettet wird und daß durch die erzielte Identifikation mit dem Unternehmen (corporate identity) die Leistung deutlich gesteigert werden kann.

[101991: „an allen Ecken“

Literatur

  1. Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1951
  2. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt 1966
  3. Theodor W. Adorno, Soziologische Schriften I, Frankfurt 1972
  4. Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, in: ders. Traditionelle und kritische Theorie — vier Aufsätze, Frankfurt 1968
  5. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt 1988
  6. Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung, in: Ehrhard Bahr (Hg.), Was ist Aufklärung?, — Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland Stuttgart 1974
  7. Gernot Konejfke, Mündigkeit — Zur Neufassung materialistischer Pädagogik, in: Hans-Jochen Gamm und Gernot Koffke, Jahrbuch für Pädagogik 1997
  8. Robert Kurz, Antiökonomie und Antipolitik, in: Förderverein Krisis (Hg.), Krisis Nr. 19, Bad Honnef 1997 auch in http://uww.magnet.at/
  9. Herbert Marcuse, Philosohie und kritische Theorie, in: ders., Kultur und Gesellschaft I, Frankfurt 1965
  10. Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei — Grundsätze des Kommunismus, Stuttgart 1969
  11. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Marx Engels Werke, Band 1, irgendwo auf den Seiten 378 — 391, Berlin/DDR 1956
  12. Karl Marx und Friedrich Engels, Marx Engels Werke, Band 3, Berlin 1958
  13. Karl Marx, Das Kapital — Kritik der politischen Ökonomie, Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals, Berlin 1947
  14. Florian Rötzer, Die guten Menschen vom Cyberspace, online-Magazin telepolis 15.12.1997, http://umw.heise.de/tp/deutsch/inhalt/glosse/

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1998
Heft 3/1998, Seite 3
Autor/inn/en:

Peter Schuck:

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