Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 4
Guy-Ernest Debord • Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Über einige Interpretationsfehler

Man muss zugeben, dass Robert Estival in seiner Untersuchung über das, was er „das situationistische System“ nennt, redlich nach einer genauen Information gesucht hat (siehe Grammes No. 4), ein immer noch sehr seltenes Verhalten, wenn es sich um die S.I. handelt. Das regt uns also an, auf die Gründe der Verwandlung seiner kritischen Bemühung in eine globale Verständnislosigkeit hinzuweisen. Diese wird in der Inkohärenz seiner Urteile besonders deutlich, da er die situationistische Theorie des „Grössenwahns“ — ohne die betreffende Größe genauer zu definieren — und sogar auf eine etwas seltsamere Art der „beschränkten Gelehrsamkeit“ beschuldigt, bevor er zum allgemeinen Schluss kommt, sie „weise all die Kennzeichen auf, die authentische Schöpfungen ausmachen“.

Sicher behindert Estival kein quantitativer Mangel an Kenntnissen, sondern ein unzulängliches Denkniveau. Das trifft sowohl auf Estival als auch auf alle „Avantgardisten“ zu, die den Entschluss fassen, die bürgerliche Ästhetik hinter sich zu lassen, indem sie die Begriffsinstrumente der Bourgeoisie benutzen.

Tatsächlich entdeckt Estival in seiner Analyse, dass die konstruierte Situation, da sie ihrem Wesen nach etwas von der gegenseitigen Beeinflussung des menschlichen Verhaltens und der Umwelt, die es modifiziert, an sich hat, sicherlich ein von Auguste Comte geerbter philosophischer Dualismus ist. Estival entscheidet selbst darüber (siehe S. 24), dass „der Situationist seine … vom eigenen Willen abhängige Situation frei schafft“ und der uns von ihm zugeschriebene Gedanke des „freien Willens“ sollte bekanntermaßen unser Gesamturteil über die moderne Kunst beherrschen. Seltsamerweise hat Estival, während er uns las, nicht eingesehen, wie wir dieses Urteil über die moderne Kunst zunächst mit dem Klassenkampf und der Verspätung der Revolution verbunden haben. Seltsamerweise auch führt er eine Methode auf den Dualismus zurück, die seit Engels Erklärung einer sehr berühmten Marxschen These ziemlich gängig geworden ist: „Das Zusammentreffen der Veränderung der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als revolutionäre Praxis betrachtet und rational verstanden werden.“ Doch gibt Estival seine ideologischen Schwächen zu, indem er bemerkt, dass „das situationistische Konzept“, da es auf einer „synthetischen Perspektive“ beruht, „… die aus grundsätzlich getrennten Gebieten bestehende historische Wirklichkeit nicht ahnen kann“. (S. 26) Ich unterstreiche diese Behauptung Estivals und vieler anderer, da sie seinen dem unseren entgegengesetzten Standpunkt vollauf erhellt. „Das Reich der Kategorie der Totalität ist der Träger des revolutionären Prinzips in der Wissenschaft“, wie Lukacs schreibt. An Dialektik fehlt es Estival bestimmt, wenn nicht an Gelehrsamkeit.

Jedem Anschein nach hängt Estivals Herz sehr an der Metaphysik, meint er doch, „der Begriff des Moments führe dazu, sich der traditionalistischen Vorstellung der Geschichte — und folglich der daraus folgenden Metaphysik und Moral — zu widersetzen, die er durch eine andere, natürlich aus ihm selbst erwachsene, ersetzt“. Wo gehen denn die Situationisten hin, die auf diese Weise aufgefordert sind, sich entweder in dieser oder jener Metaphysik wiederzuerkennen? Nach Estival erfreut sich die Metaphysik der „Ideologie des Gegenwärtigen“ unserer Gunst. Warum? Weil wir die recht merkwürdig zusammengesetzten Begriffe „der Entwicklung, des Fortschritts und der Ewigkeit“ en bloc zurückweisen, „die den modernen Glauben seit dem Ende des XVII. Jahrhunderts ausmachen“ (S.22). Durch dieses Auftauchen der Ewigkeit am Ende des XVII. Jahrhunderts wird einem fast J.L. Borges humorvoller Titel Eine neue Widerlegung der Zeit vor Augen geführt. Estival ist es aber damit vollkommen ernst. Die Situation ist jedoch niemals als unteilbarer und isolierbarer Augenblick z.B. in Humes metaphysischen Sinn dargestellt worden, sondern als ein Moment innerhalb der Bewegung der Zeit, der seine eigenen Auflösungsfaktoren, seine Negation enthält. Sie legt den Akzent auf die Gegenwart, so weit wie der Marxismus das Projekt einer Gesellschaft formulieren konnte, in der „die Gegenwart Herr über die Vergangenheit ist.“ Diese Struktur einer Gegenwart, die um ihr unvermeidliches Verschwinden weiß und bei ihrer eigenen Ersetzung mithilft, steht einer „Ideologie des Gegenwärtigen“ weiter entfernt als die herkömmliche Kunst, die bestrebt war, eine verselbständigte, aus ihrer beweglichen Wirklichkeit herausgerissene und ihres flüchtigen Inhalts beraubte Gegenwart zu überliefern.

Die Estival hemmende Metaphysik und Ewigkeit werden natürlich begleitet von der entschiedenen Überbewertung der individuellen idealistischen Schöpfung. Was die „situationistische“ Schöpfung anbelangt, ist er freundlich genug, mir persönlich den schönsten Teil davon — und zwar sofort — zuzuschreiben. Meines Erachtens bedeutet das, dass Estival reichlich von Isous ideologischem System beeinflusst wird, dessen ungenügende „soziologische“ Kritik er im falschen Licht der mechanistischen Beweisführung gemacht hat.

Die von Isou vorgeschlagene Kunst, die mehr als irgend eine andere die Auflösung der zeitgenössischen Kultur zu erkennen gibt, ist die erste Kunst des Solipsismus. Unter den Bedingungen eines immer einseitigeren und getrennteren künstlerischen Ausdrucks und völlig dadurch getäuscht, hat Isou es geschafft, das Publikum theoretisch abzuschaffen und er hat damit eine der grundsätzlichen Tendenzen der alten künstlerischen Tätigkeit bis zum Absoluten, d.h. also bis zum Tod und zur Abwesenheit, geführt. So kündigte er in seiner zweiten Abhandlung über die zukünftigen Kräfte der bildenden Künste und deren Tod (1951 in der Zeitschrift Ur erschienen) an: „Jeden Tag wird man neue Formen schaffen und sich dabei nicht mehr die Mühe geben, sie zu beweisen und deren Widerstand durch ‚gültige Werke‘ deutlich auszudrücken … ‚So viele mögliche Schätze!‘, wird man sagen und ‚So viele gute Aussichten auf hundertjährige Werke!‘ Keiner bückt sich aber, um einen Stein aufzuheben. Man wird weiter gehen, um andere ‚hundertjährige Quellen‘ zu entdecken, die man wiederum im selben Zustand des unausgebeuteten Wirkungsvermögens liegen lässt. Die Welt gibt überall ästhetische Reichtümer von sich, mit denen man nichts anzufangen weiß“. Isous unabsichtliches Geständnis des Verschwindens der Künste spiegelt deren tatsächliches Verschwinden wieder. Isou aber, der entdeckt, wie er zufällig oder durch seine Genialität am Nullpunkt der Kultur steht, beeilt sich, diese Leere durch eine symmetrische Kultur auszufüllen, die nach ihrer Vernichtung zwangsläufig mit Elementen wieder aufblüht, die den alten ähnlich sind. Indem er sich diesen unverhofften Glücksfall zunutze macht, um zum einzigen endgültigen Schöpfer dieser Neo-Kultur zu werden, bemächtigt sich Isou immer weiter der Rechte über Kunstgebiete, die er nicht in Besitz nehmen wird. Als Produkt einer Epoche der unkonsumierbaren Kunst hat Isou die Idee seines Konsums selbst abgeschafft. Er braucht kein Publikum mehr. Er braucht nur noch an die Anwesenheit eines verborgenen Richters zu glauben — fast nichts, Isous persönliche Variante eines „zuschauenden Gottes“ — in einem kleinen, außerhalb der Zeit stehenden Gericht, dessen einzige Funktion es ist, Isous Eigentumstitel auf ewig zu beglaubigen.

Isous „Schöpfungssystem“ ist ein Verteidigungssystem, die Aufstellung der möglichst umfangreichen Gerichtsakten, um jeden Punkt seines idealen Bereichs gegen Unehrlichkeit und Rechtskniffe eines eventuellen Konkurrenten zu verteidigen, der versuchen würde, sich auf betrügerische Weise ein Schöpfungsteilchen zuerkennen zu lassen. Isous Hoheitsrechte werden nur dadurch beschränkt, dass weder Gericht noch Gerichtsordnung außerhalb seines Traumes vorhanden sind.

Dieses System ist jedoch nicht ganz unverfälscht angewandt worden, da Isous Absicht, eine avantgardistische Bewegung in diesem Jahrhundert zu bilden, ihn dazu geführt hat, mehrere wirkliche Experimente der zeitgenössischen Kunstauflösung (z.B. „metagraphische“ Bücher, Filme …) quasi zufällig durchzuführen. Indem er Isou im Namen der augenfälligsten Objektivität widerlegt, hat Estival meines Erachtens das praktische Tätigkeitsfeld des Lettrismus von 1946 bis 1952 vom Gebiet der idealistischen Entfremdung, sowie die Beziehungen und Widersprüche zwischen den beiden nicht deutlich genug unterschieden. So dass er, wenn er die situationistischen Positionen in Betracht zieht — nicht ohne dabei mehrere im Einzelnen richtige Teilbetrachtungen und sogar Hypothesen vorzubringen — insgesamt ein Opfer seiner mystifizierten Konzeption der im Grunde idealistischen, avantgardistischen Schöpfung bleibt, die er in allen Fällen als solche annimmt (und bei der er bloß die Übertreibung und die Neigung zum Wahnsinn kritisiert). Da er alles auf ein Individuum zurückführen muss, dem er dann zuredet, bescheiden zu bleiben, schafft Estival bei Bedarf seinen Schöpfer: „Den dreidimensionalen Roman betrachtet Isou bloß als eine teilweise Umwälzung eines Zweiges der künstlerischen Schöpfung. In der aus all den menschlichen Tätigkeiten bestehenden Situation findet Debord ein Mittel, sie alle zusammen umzuwälzen.“ Immerhin — davon bin ich noch ziemlich weit entfernt, und ich denke nicht daran, es allein zu tun.

Lohnt es sich, es noch einmal zu sagen? Einen „Situationismus“ gibt es nicht. Situationist bin ich nur durch meine augenblickliche und unter gewissen Bedingungen stattfindende Teilnahme an einer Gemeinschaft, die sich zwecks einer Aufgabe gebildet hat, der sie gewachsen sein wird oder nicht. Den Begriff eines Leiters — und wäre es auch der einer kollegialen Leitung — in einem Projekt wie dem unseren zu akzeptieren, würde schon bedeuten, dass wir aufgeben. Die S.I. besteht selbstverständlich aus recht verschiedenartigen Individuen und sogar aus mehreren erkennbaren Tendenzen, deren Kräfteverhältnis schon oft wechselte. Unbestreitbar ist ihre gesamte Tätigkeit nur vor-situationistisch. In keiner Weise wollen wir „Schöpfungen“ verteidigen, die einigen und noch weniger einem einzigen von uns gehören würden — im Gegenteil halten wir es für sehr positiv, dass die Genossen, die sich uns anschließen, von sich aus eine Experimentalproblematik erreicht haben, die sich mit der unseren deckt. Das sicherste Symptom des idealistischen Taumels ist übrigens das Stagnieren derselben Individuen, die jahrelang dieselben Werte unterstützen bzw. sich darum zanken, die deswegen willkürlich sind, weil sie die einzigen sind, die diese als die Regeln eines jämmerlichen Spiels anerkennen. Die Situationisten überlassen sie ihrer Staubzucht. Estival hat ihre Anziehungskraft so überschätzt, dass er ihnen sogar Beurteilungskriterien entnahm, die anderswo vielleicht deswegen nicht anwendbar sind, weil die allzu eng pariserische Perspektive diese Einzelheiten zu sehr vergrößert. Durch eine solche Anekdotenkenntnis sollte er zumindest wissen, dass ich die Beziehungen der Unordnung, die die Leute mit mir unterhalten konnten, nie für einen Grund hielt, mich mit ihnen zu beschäftigen. Aber wegen anderer Geschmacksrichtungen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 4, Seite 30
Autor/inn/en:

Guy-Ernest Debord:

Geboren 1931 in Paris, gestorben 1994 bei Bellevue-la-Montagne. Radikaler Kaptalismuskritiker, Revolutionär, Filmemacher. Gründungsmitglied, Schlüsselperson und — nach dem Ausschluss der meisten übrigen — auch eines der letzten Mitglieder der Situationistischen Internationale.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Lizenz dieses Beitrags:
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