Zeitschriften » Weg und Ziel » Jahrgang 1997 » Heft 1/1997

Über die Bewältigung von Vergangenheiten und Gegenwart

Paul BLAHA im Gespräch

Im Publikum herrscht gespannte Aufmerksamkeit, als der Autor im De­zember 1996 nach der Lesung in einer Wiener Bücherei auf die Fragen der Zuhörer eingeht. „Ja natürlich, die Ge­schichte Jugoslawiens — des ehemaligen Jugoslawien — hat mich sehr bewegt und ich habe einiges zurechtzurücken versucht, was an Fehlmeldungen und Falschmeldungen in der Gegenwart verbreitet wird“, bestätigt Paul Blaha. In Maribor 1925 geboren und dort auch aufgewachsen, beschreibt er in seinem neuen Roman „Die Recherche“ weit mehr als ein Stück Heimatgeschichte. Und er wird auch nach der jüngsten Geschichte gefragt.

„Nach Titos Tod — das wußte jeder — konnte es nicht so weitergehen. Die Entwicklung zu einem Bundesstaat war im Gange. Tudjman und Milosevic haben versucht, dies zu keiner Lösung kommen zu lassen. Es stand im Raum, daß die Probleme friedlich gelöst wer­den — aber es hat sich die Welt einge­mischt, ohne gebeten worden zu sein; doch, die Kroaten haben dann wohl darum gebeten. Die BRD und ihr Kasperl-Juniorpartner Österreich haben bewirkt, daß dieser Prozeß keine Chan­ce mehr hatte, denn es war Absicht, daß dieser Staat zerfallen soll!“

So ist der neue Roman von Paul Blaha eine Geschichte der Einmischun­gen geworden.

„Alles geht einmal an irgendeiner unbewältigten Vergangenheit zugrun­de“, ist eine Art Motto in Blahas Buch. Bei der Präsentation im Oktober gab Peter Huemer die Einführung. Histori­sches Gedächtnis sei für Menschen und Gesellschaften wichtig. Aber auch das Vergessen-Können sei lebenswichtig, um für eine neue Art des Zusammenle­bens hinwegzuhelfen. Dies sei aber nicht Lösung für alle Zeit — die Amne­sie dürfe nicht andauern. Zeitweiliger Erinnerungsverlust müsse zur Empö­rung der Opfer führen. Wozu starben die jungen Partisanen — wenn der „Schlächter von Maribor“ später ein bundesdeutsches Verdienstkreuz be­kam. Und nun könne das Buch Blahas erst recht keine Antworten geben. Wie weit reicht das Denken und Vergessen zurück, daß es noch eine Bewältigung geben muß? Bewältigung wird von un­terschiedlicher Betroffenheit jeweils anders gesehen, zeigt Blaha in der „Recherche“. Etwa am Beispiel ehemals „deutscher“ Besitzungen in Sloweni­en.

Also Pessimismus? Das Publikum bei der Lesung will von Blaha einen Lichtblick erfahren.

„Die Situation ist zur Zeit unlös­bar! Das ist meine Meinung. Solange der Zankapfel Bosnien, der nie ein ei­gener Staat werden kann, zu einem Nest moslemischer Aggression gemacht werden soll. Selbst der Großteil der bosnischen Bevölkerung will einen moslemischen Staat Bosnien nicht. Die Bosnier sind Serben moslemischen Glaubens. Es gibt in Bosnien 600.000 Mischehen! Kroatien ist wieder ein faschistischer Staat, was es früher schon war. 1945 sind 300.000 Kroaten ausgewandert, vor allem Faschisten. Die ha­ben ihre Mafia in der ganzen Welt. Milosevic ist ein Diktator, der seinem Volk nicht nützt“, zählt Blaha die Pfeiler seines Pessimismus auf.

Ob er wirklich keine Lösung sehe? Ja, Tudjman werde eines Tages einer Krankheit erliegen, vielleicht dann. Und Serbien?

„Ich glaube auch, daß die Wahlen getürkt wurden und die Demonstratio­nen gerechtfertigt sind. Die Frage ist, wer beherrscht diese Demonstrationen.

Vuk Draskovic ist noch ärger als Milo­sevic und nicht geeignet, die Verhält­nisse zu ändern. Die Arbeiterschaft spielt da nicht mit, und ohne Arbeiter­schaft geht nichts. Clinton und die an­deren warten natürlich nur darauf, daß Milosevic die Nerven verliert und sie Grund zum Einschreiten haben. Das wäre schlimm.“

Die Geschichte der bisherigen Ein­mischungen ist schlimm genug. Die Suche nach Kriegsverbrechern setzt laut Blaha nicht bei den Wurzeln an. „Da gehören auch andere dazu — die österreichische und deutsche Anerken­nungspolitik war der Anfang vom Ende Jugoslawiens. Am schlimmsten war die Anerkennung Bosniens, sie hat das Ge­metzel verursacht. Die jetzige Fried­hofsruhe ist besser als Krieg. Aber ge­löst sind die Probleme nicht!“

Blaha bezeichnet sich als Sozialist. Er schildert neben dem Profitwucher des Kapitals und der Dekadenz bürger­lichen Denkens die Unentbehrlichkeit der Arbeiterbewegung — im weitesten Sinn des Begriffs — für die Gestaltung einer humanen Gesellschaft, in der Demokratie Bewegung von unten sein muß.

Blaha meinte im Gespräch, es gin­gen ihm allmählich die Personen aus. Als Sozialist sollte es ihm doch nicht schwerfallen, Menschen zu entdecken, erfinden, entwickeln, die Träger eines neuen Optimismus sein können, den wir alle — und vor allem die junge Ge­neration — so sehr brauchen. In der „Recherche“ hat er ja einige dieser Art gezeichnet, und allein um deretwillen lohnt es sich schon, das Buch zu le­sen!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1997
Heft 1/1997, Seite 52
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