Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1996 » ZOOM 2/1996
Ilse Kilic

Tisch, weiblich

Ein Porträt der Autorin Margret Kreidl, zusammengestellt aus Gesprächsnotizen.

Foto: Martin Krammer
ZOOM: Von dir ist vor kurzem im Wieser Verlag ein Buch mit dem Titel „Ich bin eine Königin“ erschienen. Beginnen wir damit, daß Du über dieses Buch sprichst?

Margret Kreidl: In dem Buch sind einerseits dramatische Texte, teilweise in der Form ausgeschriebener Theaterstücke, andererseits treten die Hauptdarsteller und Hauptdarstellerinnen aus diesen dramatischen Texten auch in Prosatexten wieder auf. Die drei Stücke „Halbe Halbe“, „Auf die Plätze“ und „Tragödie, blond“ sind also durch diese Prosatexte miteinander verbunden. „Tragödie, blond“ befaßt sich u. a. mit dem Thema Schönheitsoperationen. Mein Material waren Beschreibungen von solchen Schönheitsoperationen. Diese Beschreibungen habe ich aus dem ursprünglichen Kontext gelöst und in das Stück eingearbeitet. Verschiedene Fragen tauchen auf: also Schönheit und was sich jemand darunter vorstellt; Körperlichkeit, also was bedeutet es für eine Frau, einen Körper zu haben oder ein Körper zu sein – im Unterschied zu der Bedeutung, die der Mann seiner Körperlichkeit beimißt.

Du hast einige Theaterstücke geschrieben. Die Aufteilung eines Textes in mehrere Stimmen ist sozusagen etwas sehr Typisches für deine Texte.

Das stimmt. Mich fasziniert die Möglichkeit, verschiedene Stimmen sprechen zu lassen beziehungsweise mit verschiedenen Stimmen zu sprechen. Das heißt aber nicht, daß jeder dramatische Text ein Theaterstück ist. Es geht mir beim Schreiben immer wieder um Auftritt, um Inszenierung, Maskierung usw.

Zu deinem Interesse an Stimme, verschiedenen Stimmen und Körpern fällt mir deine Publikation in der Edition gegensätze ein. Du hast mit Ute Wassermann gemeinsam ein Buch über die Stimme, den Sitz der Stimme gemacht.

Das Buch ist aus meiner persönlichen Faszination und Begeisterung für die Sängerin und Vokalartistin Ute Wassermann entstanden. Ich habe mir die Frage nach der Entstehung der Stimme gestellt: Wo kommt sie her, wo im Körper ist sie lokalisiert, was ist das überhaupt „Stimme“, und wie entsteht das. Ich habe Ute Wassermann über ihre Arbeit befragt, gleichzeitig Sekundärliteratur über Stimme gelesen, ganz verschiedene Sachen, auch Gesangsbücher usw. Dann habe ich als Laiin eine Art ABC aufgestellt: einerseits Stichworte aus der Sekundärliteratur, also z. B. Vibrato, andererseits Worte, die mir spontan zum Thema Stimme eingefallen und wichtig vorgekommen sind, also z. B. Hysterie, wo es ja schon ein Klischee ist, daß man sie Frauen zuschreibt. Die Antworten, die Erklärungen, die Ute Wassermann zu den Stichworten gegeben hat, habe ich teilweise in mein Alphabet eingearbeitet. Gegenüber steht Ute Wassermanns Text, der aus Teilen ihres Traumtagebuchs besteht, ein Traumtagebuch, in dem sie sich, quasi träumend, mit ihrer Stimme beschäftigt.

Was bedeutet für dich politisches Engagement?

Während der Studienzeit war ich politisch sehr aktiv, Basisgruppen, Frauengruppen auf der Uni. Im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen, wie sich für mich ein solches direktes politisches Engagement mit dem Schreiben, also meinem Beruf, verbinden lassen könnte.

Meine erste Theaterproduktion war unter ganz klar feministischen Bedingungen. Das war eine angenehme Atmosphäre und die Arbeitsbedingungen waren auch sehr angenehm. Das Stück war eine Montage und wurde mit den Sängerinnen, Schauspielerinnen und Musikerinnen gemeinsam erarbeitet. Thema waren Gen- und Reproduktionstechnologien. Das Stück hieß Asilomar und wurde 1990 in der Fabrik in Graz aufgeführt.

In meinen Texten arbeite ich an abweichenden Wahrnehmungsmöglichkeiten und wie sie sich schreiben lassen. Meine Texte sind aber auch selbst abweichend von vielen Vorgaben, wie Sachen und Realitäten um uns herum gesehen werden sollen. Die ganze Konsumscheiße und das ganze einschränkende System. Dagegen und gegen das ganze kapitalistische System mit meinen Texten anzuarbeiten, ist aber nicht mein größtes Interesse. Kunst muß nicht unbedingt direkt politisch wirksam sein.

Na ja, auf jeden Fall soll das Lesen auch Spaß machen ...

Ja, es soll nicht so sein, daß einem nachher alles wehtut ...

Machst Du gern Lesungen?

Ich mache Lesungen sehr gern. Schade, daß es oft so schwierig ist, von der organisatorischen Seite her. Bei Lesungen ist es oft leichter, was rüberzubringen. Ich persönlich mag das gern, habe auch gute Erfahrungen mit den Leuten, die zuhören. Ich hatte auch das Gefühl, daß meine Texte spontan verstanden werden können.

Natürlich geht es beim Lesen von Literatur grundsätzlich auch darum, daß man sich in eine Haltung des Lesens einübt, also darum, verschiedene Lesegewohnheiten zu entwickeln.

Woran arbeitest Du momentan?

Das Stück „Dankbare Frauen“ ist gerade fertiggeworden.

Hier geht es um eine Frauenthematik?

In meinen Stücken nehmen die Männer als Hauptdarsteller immer weniger Raum ein. Sie sind mir quasi beim Schreiben abhanden gekommen. Das geht soweit, daß es im Stück „Dankbare Frauen“ keine Männer als Hauptdarsteller mehr gibt.

Was mein nächstes Buch betrifft, so sollen es auch wieder dramatische Texte sein, wie in „Ich bin eine Königin“, aber keine ausgeschriebenen Theaterstücke mehr im Buch.

Ich habe mir verschiedene Stilleben aus verschiedenen Epochen angeschaut – zwischen 16. und 20. Jahrhundert. Die Geschichte der Stilleben war für mich sehr faszinierend. Besonders interessant waren die Bilder der Paula Modersohn-Becker. [1] Aus den Titeln ihrer Bilder habe ich das Kapitel „Familie weiblich“ montiert. Da kommen zum Beispiel weibliche Familienmitglieder vor: Margret, Sonja, Verena. Die Beschreibung dieser weiblichen Familienmitglieder bezieht sich auf die Mädchenbilder von Modersohn-Becker.

Einige Stilleben von Mahlzeiten, Obst, Blumen, Gemüse usw. haben mich auf das Stichwort TISCH gebracht. In diesem Zusammenhang befasse ich mich mit verschiedenen Wahrnehmungsfragen, z. B. was bedeutet es, wenn ich sage: TISCH, WEIBLICH? Was ist ein weiblicher Tisch? Ich habe versucht, Weiblichkeit im Zusammenhang mit dem Wort Tisch zu setzen und verschiedene Inszenierungen dafür auszuarbeiten. Die Beschreibung der Tische geht von ihrer Funktion aus, also von dem, was auf dem Tisch drauf ist.

Ich habe schon sehr viel Material, angefangen von den Stilleben bis hin zum Material über Wetter und verschiedene Arten der Wolkenbildung. Es ist manchmal schwierig für mich, den richtigen Moment zu finden, sich vom Materialsammeln wieder dem eigenen Schreibtisch zuzuwenden.

Du befaßt dich auch viel mit Kunst von Künstlerinnen aus anderen Epochen?

Im Zusammenhang mit der Materialsuche bin ich auf viele Künstlerinnen wieder aufmerksam geworden. Zum Beispiel war jetzt in Wien eine Ausstellung von Sofonisba Anguissola. [2]

In dem Zusammenhang habe ich auch das Buch „Den eigenen Augen trauen“ gelesen. Ein faszinierendes Buch, das von Unterschieden der Wahrnehmung zwischen Malern und Malerinnen in bezug auf fremde Porträts und Selbstporträts handelt.

Demnächst erscheint von dir ja wieder ein Buch: „Schnelle Schüsse“.

Schnelle Schüsse hat mit einer privaten Obsession zu tun. Ich starre gerne in Frauenromane, also Heftchen. Es geht sich ein „Historical Gold“-Roman-Heftl genau auf der Bahnfahrt Graz–Wien aus. Das ist eine Strecke, die ich öfters fahre. In den Schnellen Schüssen habe ich mich mit diesem Genre, dem Trivialgenre auseinandergesetzt. Daraus sind diese alpenländischen Kurzkrimis entstanden. Es war zwar nicht so einfach zum Schreiben, gerade die Arbeit an den banalen Sätzen, banale Sätze zu schreiben, durchaus selbst zu schreiben und dann wieder zu ironisieren, darüber hinaus zu schreiben. Die ganze Ausstattung der Heimatromane, Berge, Gipfel, Alpenblumen, Blondinen und Zöpfe sollte verwendet werden. Ich wollte schon in diesem Genre bleiben. Am Schluß jeder dieser Kurzkrimis gibt es einen Mord, einen Schuß, der nicht mehr näher erklärt wird. Es trifft auf jeden Fall immer die Männer.

Das Gespräch führte Ilse Kilic.

[1Paula Modersohn-Becker: geboren 1876, gestorben 1907. Malstudien u. a. bei Fritz Mackensen in Worpswede, seit 1900 Aufenthalte in Paris. Stilleben und Bildnisse (bäuerliche Frauen und Kinder) in einer zu großen Flächen verdichteten Formensprache.

[2Sofonisba Anguissola: geboren um 1528 in Cremona, gestorben in Palermo nach 1624. Die älteste und berühmteste von sechs malenden Schwestern.

CORA: Ein Stück Lippenrot nach
außen stülpen einen Streifen
weißer Haut am Lippenrand entfernen
am oberen Lippenrand einen Streifen
weißer Haut herausschneiden
einen Streifen an der Unterlippe
herausschneiden Lippenrot und
Lippenweiß formen vernähen.

aus: Margret Kreidl: Tragödie, blond.
in: Ich bin eine Königin

Veröffentlichungen:

  • Meine Stimme. Graz 1995, edition gegensätze.
  • Ich bin eine Königin. Klagenfurt 1996, Wieser Verlag.
  • Schnelle Schüsse. Wien 1996, Das Fröhliche Wohnzimmer Edition.

Aufführungen:

  • 1990 Asilomar. Szenische Collage, UA, fabrik Graz.
  • 1992 Auf die Plätze. Sportlerdramen, UA, Stadttheater Koblenz.
  • 1993 Halbe Halbe. Ein Stück, UA, forum stadtpark theater Graz.
  • 1994 Unter Wasser. 5 Akte, UA, Volkstheater Wien.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1996
ZOOM 2/1996, Seite 16
Autor/inn/en:

Ilse Kilic:

Geboren 1958, lebt in Wien. Autorin, Filmemacherin, Comixzeichnerin. Redaktionsmitglied von Context XXI (ZOOM) bis März 1999.

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