Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 2-3/2004
Christoph Hesse

System error

Niklas Luhmanns Systemtheorie

Im Siegeszug der Sys­temtheorie verdeut­licht sich das Elend des Akademismus.

Dass Niklas Luhmanns Systemtheorie die übri­gen Theorien aus dem geisteswissenschaftlichen Wett­bewerb allmählich ver­drängt, kommt nicht von ungefähr: Sie ist das kongenia­le Gedankengebäude einer Welt, die jedes bessere Argument gelassen von sich weist und sich selbst durch ihr bloßes Funktionieren rechtfertigt. Eine unerläßli­che Funktion in dieser Welt erfüllen demnach sogar die Leute, die solche Lehrmei­nungen weiterkommunizie­ren.

Die „Bildungsmisere“, die allenthalben beklagt wird, ist ein Problem, mit dem Menschen ohne Berufs­perspektive ganz gut leben können, da es ihnen nämlich schnuppe sein kann, ob die Funktionseliten dieser Welt noch richtig lesen und schreiben können, ge­schweige denn in ihrem voll­beschäftigten Leben jemals noch ein richtiges Buch zu Gesicht bekommen. Von den übrigen wird ohnehin bloß erwartet, dass sie ohne Verrenkungen ihre Unter­schrift leisten und sich am Arbeitsplatz nicht gegensei­tig abmurksen. Die Umstel­lung der Universitäten auf höhere Ausbildungsanstal­ten mit Stundenplänen, Klausurarbeiten und mög­lichst schnellen Abschlüssen zeigt unterdes an, dass auch von den Studierten dem­nächst nicht viel mehr er­wartet wird. Die Zeiten, wo man an den Unis mit Theo­rien konfrontiert wurde, die wenn nicht die Welt, so doch das eigene Verhältnis zur Welt verändert haben, sind vorbei. Auch die soge­nannten Geisteswissen­schaften haben sich inzwischen weitgehend aufs Dich­ten verlegt. Gedacht werden muß in Philosophie, Philo­logien und Sozialwissen­schaften nötigenfalls nur noch eine einzige Theorie, die man zum besseren Ver­ständnis nicht einmal wirk­lich begreifen muß: die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Diese Theorie erklärt nicht nur, warum in der scheinbar aus den Fugen ge­ratenen Welt alles an seinem Platz ist; sie räumt sogar denjenigen, die solche Weis­heit berufsmäßig weitertrat­schen, ein für das Funktionieren des Ganzen angeblich notwendiges Plätzchen im Wissenschaftssytem ein. Das macht auf jeden Fall glück­licher als eine kritische Theorie, die frühere Generationen in Selbstzweifel ge­stürzt und schließlich in den Suff getrieben hat.

Die Systemtheorie steht dem Wissenschaftsbetrieb gut zu Gesicht: Sie argu­mentiert „wertfrei“, will nur beobachten und zu nichts verpflichten, und sie gibt der Gesellschaft eine Daseins­berechtigung, wie sie viel­leicht seit Hegel niemand mehr so unverfroren auf den Tisch gebracht hat. Die ob­jektive Vernunft, die Hegel dazu herbemühen mußte, ist längst in die Funktionale ge­rutscht und das Bewußtsein der Freiheit auf dem Müll­haufen des alteuropäischen Denkens abgelegt. Der soziologische Bauplan, den Luhmann über rund 50.000 Seiten entrollt, um die moderne Gesellschaft als eine der funktionalen Differen­zierung zu beschreiben, ist ernüchternd in jeder Hin­sicht. Wer von utopischen Schwärmereien die Nase voll hat, betritt mit der System­theorie endlich ein Paradies der Sachlichkeit. Alles um einen herum kommuniziert und interpoliert und pene­triert, und der Tigersprung unter freiem Himmel, als welchen Walter Benjamin einst die Revolution be­zeichnet hat, findet an keine der Kommunikationen mehr Anschluss. Zumal für ehe­malige Radikale, die ihre schlechte Behausung aufge­ben und zum Beispiel auf ei­nen Lehrstuhl umziehen wollen, hält Luhmann eine Art zweiten Bildungsweg be­reit. Komplexe Theorien (Marx, Adorno usw.) haben sie schon früher nicht recht verstanden, und wenn sie Luhmann heute ebenso schlecht verstehen, verstehen sie ihn möglicherweise genau richtig. Das Zauberwort Komplexität allein reicht hin, um wenigstens das eige­ne Verhalten, das jetzt Funk­tionieren heißt, zu plausibilisieren.

Theoretischer Souverän

Luhmanns Theorie hat nichts mit Geschichte und im Grunde auch nichts mit Gesellschaft zu tun. Das macht ihren Reiz gegenüber herkömmlichen Soziologien gerade aus. Das Universum, das sie beschreibt, besteht aus abstrakten Kommunikationen und Koppelungspro­zessen, aus Systemen, die sich wechselseitig als Um­welt in Anspruch nehmen. An keiner Stelle ist von han­delnden Menschen, Klassen oder den gesellschaftlichen Formbestimmungen die Re­de, die das menschliche Handeln genauer erklären könnten. Inmitten dieser gi­gantischen Relaiskonstruk­tion, die manche für eine unübertreffliche Beschrei­bung der modernen Gesell­schaft halten, installiert sich die Theorie als Beobachter, der alles im Griff hat — oder jedenfalls alles in Begriffe fassen kann, die so weit her­geholt sind, dass ihnen plat­terdings niemand zu wider­sprechen wagt. Einwände können stets als „unterkomplex“ zurückgewiesen wer­den. Wer sich auf die Theo­rie erst einmal einläßt, wird auch vermutlich bald keinen Einwand mehr finden. An­ders als postmoderne In­stantphilosophien besticht Luhmanns Theorie durch strenge Systematik und eine Gelassenheit, die jeden Zweifel als Sentimentalität erscheinen läßt. Nie hat man den Eindruck, etwas besser zu wissen als der Autor, der auf seinem Terrain souver­än mit allem fertig wird. Man kann ihm nur folgen (und vertrauen, wo man ihm nicht folgen kann) oder ein anderes Buch zur Hand nehmen.
Zum Beispiel eins von Marx: „Unbestreitbar eine geniale Konstruktion“, so hat Luhmann einmal die Marxsche Theorie kommentiert. Und wer könnte das besser beurteilen als einer, der zwar von kritischer Theorie nie et­was wissen wollte, es aber selbst beim Konstruieren von Gedankenwerk zu wahrer Ingeniosität gebracht hat? Im Unterschied zu den gern ge­sehenen Sykophanten der Wissenschaft, die wie Ulrich Beck lieber fürs Feuilleton schreiben, weil sie dort be­reits für Denker gehalten werden, war Niklas Luh­mann tatsächlich einer. Nur leider hat er sich zeitlebens Gedanken gemacht, deren Zweck allein darin besteht, das von ihm selbst so ausführlich beschriebene Wissenschaftssytem bei Laune zu halten. Alles andere ist der Einbildung der darin tätigen Bewußtseinssysteme zuzu­rechnen.

Leute, die fürchten müs­sen, dass, wenn sie wirklich etwas über Gesellschaft erfahren, sie es in dieser Ge­sellschaft zu nichts mehr bringen werden, können den Luhmann getrost lesen und trotzdem das gute Gefühl be­halten, sich mit großer Theorie zu beschäftigen. Einfacher und billiger wäre allerdings eine Flasche Schnaps.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2004
Heft 2-3/2004, Seite 41
Autor/inn/en:

Christoph Hesse:

Christoph Hesse ist Mitglied des Arbeitskreises Rote Ruhr Uni in Bochum (www.rote-ruhr-uni.org).

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