FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 286
Josef Dvorak

Stalin rotiert in Tirana

„In dieser kleinen Welt stoßen ein paar Fliegen an die Wände“, kalligraphierte einst Mao Tse-tung, die rote Sonne, die niemals untergeht, Jetzt, wo sie untergegangen ist, bestätigt die Geschichte Maos Weisheit: Ja, die Welt ist klein, alle Dinge haben eine Doppelnatur, die Zeit wälzt alles um, führt das Gegenteil dessen herbei, wovon sie ausgegangen ist.

Der Erzrevisionist Tito, seinerzeit von den Chinesen zum Anlaß ihres Bruches mit Moskau genommen, wird nun in Peking und Pjöngjang gefeiert, darf sogar von der höheren Position des Lebenden aus auf seinen in Kristall eingesargten und damit unschädlich gemachten alten Widersacher Mao herabblicken. Maos Mausoleum wurde ausgerechnet von jenen gebaut, die Maos Kulturrevolution endgültig zu Grabe getragen und die geistigen Erben des „großen Steuermanns“ auf den Misthaufen der Geschichte geworfen haben.

An der Macht befindet sich Teng Hsiao-ping, der chinesische Chruschtschow. Er hetzt zwar weiterhin wie in den Tagen des Maoismus gegen die sozialimperialistischen neuen Zaren im Kreml, führt aber die Chinesen schnurstracks auf jenen Weg, den sie bei den sowjetischen Revisionisten und Renegaten verdammt hatten: Machtergreifung der „neuen Klasse“ (eine Theorie, die Mao vom liberalen Tito-Gegner Djilas gelernt hatte), vorwärts zum „Kapitalismus“.

Ein weiterer Anklagepunkt im Zerwürfnis Moskau-Peking, die „friedliche Koexistenz“ der Sowjets mit den USA, wird von China gar noch übertrumpft, indem Uncle Sam, die weiße Langnase, zu einem lieben, netten „Nebenfeind“ verschönt wird. Als Feind Nummer eins agiert im neuen „marxistisch-leninistischen“ Weltbild der russische Bär in dämonischer Einsamkeit. Gegen ihn gilt es, sich mit den braven Ausbeutern in der „zweiten Welt“ (Europa bis Japan) zu verbünden. Deshalb steigen die EWG-treuen Eurokommunisten (vor allen Carrillo) hoch in der Gunst der Nach-Maoisten. Tito aber scheint den kühnsten Träumen entgegenzukommen: Er schafft die notwendige Verbindung zwischen Eurokommunismus, „Zweiter Welt“ und der „Dritten“, in der China eine Hauptrolle zu spielen beabsichtigt.

Die albanischen Genossen dagegen, deren ideologische Munition gegen Tito und Chruschtschow von Mao dankbar angenommen worden war, die Chinas kulturrevolutionäre Linie in vielen Säuberungen nachvollzogen hatten, stehen nun in jener Sektiererecke, in der sie schon Chruschtschow und Tito haben wollten. „Blüten fallen, was immer man tut. Schwalbe kehrt wieder, wir kennen sie gut“, hatte vor dreizehn Jahren das chinesische ZK die Russen wissen lassen ...

Die reine Lehre Stalins vom „Sozialismus in einem Land“ hat sich also in die schroffe Wildnis der Adlersöhne zurückgezogen, wo die Skipetarenhäuptliinge Hoxha und Shehu der Blockade einer ganzen Welt von Feinden — Imperialisten, bulgarische Statthalter Moskaus, Tito-Revisionisten, jetzt gar Chinesen — trotzen, unentwegt (wie in ihrer Verfassung vorgeschrieben) die Diktatur des Proletariats unter Führung der Partei unter ihrer Führung aufrechterhalten, den Klassenkampf gegen Dezentralisierer, Liberale und Bürokraten sowie die Anhänger der „wissenschaftlich-technischen Revolution“ verschärfen, Albanien wirtschaftlich autark machen, und sogar noch Anstrengungen unternehmen, eine auf Tirana ausgerichtete stalinistische Internationale aufzubauen.

In diesem Punkt scheinen sie aber immer weniger Glück zu haben. Hua Guo-feng dürfte den „marxistisch-leninistischen“ Kleinstparteien in Europa, Lateinamerika und Australien gegenüber bessere „Argumente“ in der Hand haben als Piro Bita, der (Exbotschafter in Chile und) Auslandsdirektor des albanischen ZK. Beinahe die Hälfte dieser 35 Gruppen ist bereits auf die chinesische Linie der „Dreiweltentheorie“ eingeschwenkt (unerschütterlich treu bleiben Austs deutsche KPD/ml, Strobls österreichische MLPL und Raoul Marcos spanische KP/m!).

Der Versuch der Skipetaren, regierende kommunistische Parteien an sich zu ziehen, scheint im Falle Nordkoreas nicht gelungen zu sein (wenn man sich den herzlichen Empfang Titos durch Kim Il Sung vor Augen hält). Ob nordvietnamesische Ressentiments gegen die Chinesen ausreichen, um Hanoi für Tirana zu gewinnen, ist fraglich, die Situation in Kamputschea, wo Albanien in Phnom Penh eine Botschaft unterhält, undurchsichtig.

Wirtschaftlich soll der neue albanische Fünfjahresplan das Land von chinesischen Getreidelieferungen unabhängig machen. Die Zuckerrüben- und Gemüseproduktion in trockengelegten Sumpfgebieten, Citrus-, Wein- und Olivenanbau sowie die Fischzucht sollen forciert, auf die Haltung von Kleinvieh, Last- und Arbeitstieren mehr Wert gelegt werden. Man erwartet wirtschaftlichen Fortschritt durch Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Industriegüter sollen in Frankreich und Italien gekauft werden. Investitionen des Auslands in Albanien und Aufnahme von „kapitalistischen und revisionistischen“ Krediten sind jedoch laut Verfassung verboten.

Als Albanien noch bei China war ... (Enver Hoxha umarmt chinesischen Entwicklungshelfer im Stahlwerk Elbasan)

Mao Tse-tung hatte aus den Fehlern Stalins gelernt, und mehr als dieser darauf geachtet, daß die im „Ein-Land-Staatssozialismus“ zwangsläufig entstehende Neue Klasse unter Kontrolle der zentralen Glaubenswächter blieb. Als sich auch die Parteibürokratie bis in ihre höchsten Spitzen hinauf als korrupt erwies, setzte er die Massen der Jugendlichen gegen sie ein, gegen diese dann wieder das Militär, gegen das Militär die angeblich „umerzogenen“ Bürokraten. Mit dem Sturz der „Viererbande“ hat sich auch diese „Massenlinie“ mit ihren pädagogischen Implikationen als illusionär erwiesen.

Man kann Mao selbstverständlich vorwerfen, er habe nicht konsequent genug gehandelt, er sei kompromißlerisch zwischen den beiden Fraktionen hin- und hergependelt. Auch außen- und weltpolitisch war ja Mao keineswegs jener unbeugsame proletarische Internationalist, als den ihn manche gerne sehen wollen. So ist Teng Hsiao-pings umstrittene „Theorie der drei Welten“ ein direkter Abkömmling von Maos „Zwischenzonentheorie“‘, nach der zwischen den beiden Supermächten eine doppelte Zone von imperialistisch bedrohten und ausgebeuteten Ländern liegt: mittlere und kleinere kapitalistische Ausbeuterländer und solche der Dritten Welt, zu denen China gehört. Mit allen Zwischenzonenländern aber, meinte Mao, solle China differenziert zusammenarbeiten.

Enver Hoxha will seinerseits aus den Fehlern Maos lernen. Er achtet darauf, daß sich in Albanien Stadt und Land annähern, daß die Einkommensdifferenzen geringer werden, daß der Anteil der Arbeiter an der Zahl der Parteimitglieder ständig wächst, daß in jedem Betrieb Staatsfunktionäre, Parteigruppen und Arbeiterkontrollgremien zusammenwirken. Die Kader „rotieren“ zwischen Büro und Produktion, Stadt und Land. Privaten Grundbesitz gibt es nicht mehr, materielle Anreize sind verpönt, religiöse Spinnereien verboten. Die Politik steht über der Wirtschaft, die Ideologie über der Politik, die Partei über der Familie. Der „sozialistische Mensch“ soll geschaffen werden, der sich von „fremden Einflüsterungen“ nicht mehr beeindrucken läßt, sondern sich gläubig der Parteiführung unterwirft.

Dafür müssen wirtschaftliche Mißerfolge in Kauf genommen (der letzte Fünfjahresplan wurde stark „untererfüllt“), Intellektuelle mißtrauisch überwacht, muß Spontaneität verhindert werden. Das Generationenproblem in der Führungsschicht wird schier unlösbar. Die Aufrechterhaltung der „Diktatur des Proletariats“ bis zu dem Zeitpunkt, da nach Stalins Lehre die kapitalistische „Einkreisung“ einer sozialistischen gewichen ist, fordert Ströme von Blut.

Auf dem 7. Parteitag Ende 1976 hatte Hoxha von drei konterrevolutionären Aktionen höchster Partei- und Staatsfunktionäre berichtet, die innerhalb von fünf Jahren zurückgeschlagen werden mußten, darunter ein Militärputsch des Verteidigungsministers Bequir Balluku, der Hoxha ablösen wollte. Nun hat dieser auch den Oberbefehl über die Armee übernommen.

Aber der illyrische Adler Hoxha ist schon 70 Jahre alt und seit 35 Jahren in der Führungsposition. Rund um seinen Horst treiben der jugoslawische Selbstverwaltungssozialismus und der italienische Eurokommunismus ihr Unwesen. Sicher schläft auch im Innern Albaniens der „Klassenfeind“ nicht. Wer wird dereinst auf Enver Hoxhas Kristallsarg herabsehen? Wird Stalin seinen Geist im Land der Skipetaren aushauchen ?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1977
No. 286, Seite 11
Autor/inn/en:

Josef Dvorak:

Jahrgang 1934, gelernter Theologe und Tiefenpsychologe. Langjähriger Gerichtsreporter und außenpolitischer Redakteur bei Tageszeitungen, von 1973 bis 1995 Mitglied der Redaktion des FORVM. Er ist heute freier Forscher und Publizist und beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte der Psychoanalyse, des Okkultismus und ideologischer Minderheiten.

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