Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2012 » Nummer 41
Philippe Kellermann
Hendrik Wallat:

Staat oder Revolution

Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik

Edition Assemblage, 2012. ca. 380 Seiten.

Warum, könnte man sich fragen, heute (schon wieder?) ein Buch über die Bolschewiki und ihre linken KritikerInnen? Ist dieser Zug nicht endgültig abgefahren und Slavoj Žižek recht zu geben, wenn er vor nicht allzu langer Zeit erklärte, dass der, der heute „ernsthaft vorschlägt, Lenin einer Reaktualisierung zu unterziehen“ mit einer „Salve sarkastischen Gelächters“ zu rechnen hat (Žižek 2002: 7)? Aber vielleicht trügt hier auch der Schein und im Zuge einer zunehmenden Verhärtung der Fronten, einer Zeit, in der dann nicht zufällig auch problematische Kampfschriften wie Der kommende Aufstand erstaunliche Resonanz erlangen (vgl. Kellermann 2011), mögen vielerorts leninistisch-autoritäre Gedankenformen wieder abgerufen werden, um einen Ausweg aus einer (vermeintlichen?) Misere der „Neuen Linken“ zu weisen.

So meint Raul Zelik erkennen zu können, dass in letzter Zeit – er hat namentlich Žižek und Dath im Auge – „sehr ernsthaft“ das Konzept eines „linken Neo-Leninismus verteidigt“ wurde (Zelik 2011: 34); und Gerhard Hanloser erwähnt einen „auch heute“ noch „trotzig auftretenden Neostalinismus und Neobolschewismus“ (Hanloser 2012). Man muss diese meines Erachtens gefährlichen Versuchungen nicht übertreiben, aber unterschätzen sollte man sie nicht und deshalb scheint mir Wallats Thema nach wie vor politisch aktuell.

Ungeachtet der politischen Relevanz, aber durchaus nicht von dieser losgelöst, ist Wallats Thema auch deshalb von Bedeutung, weil jene bolschewistische Versuchung einen großen Teil ihrer Attraktionskraft auch von daher gewinnt bzw. gewinnen kann, dass man ihn für eine irgendwie „erfolgreiche“ oder „historisch-notwendige“ – damit durch die Zeitumstände zu verteidigende – Denkform und Bewegung interpretiert und nicht kategorisch als das begreift, was seine (links-)radikalsten Widersacher in ihm sahen: „dass die bolschewistische Usurpation der russischen Revolte ein Verhängnis in der Geschichte der Emanzipation von welthistorischem Ausmaß darstellt. Auch sie ist ein Fanal, ein Geschichtszeichen, nicht aber für den Fortschritt der Freiheit, sondern der Selbstzerstörung der Revolution, die im Namen des Kommunismus nicht die Selbstbefreiung der Subalternen bedeutete, sondern die Errichtung einer neuen, überaus brutalen Form von Herrschaft.“ (Wallat) Überdies scheint ein Gutteil jenes, mühsam in Teilen durch die „Neue Linke“ erarbeiteten antibolschewistischen Gedächtnisses, heute kaum mehr in fundierter Form zu existieren. Aus dem Erfolg eines Essays wie Gestern Morgen von Bini Adamczak lässt sich wohl auf das Geschichtsbewusstsein vieler Linker schließen; und dieser Essay ist eben, wie Wallat meines Erachtens zu Recht (vgl. Kellermann 2008) anmerkt, zwar einer der „wichtigsten, klügsten und auch intensivsten Essays der letzten Jahre“, aber eben auch ein Text, der „indirekt“ den „Mythos einer Identifikation von Bolschewismus und Kommunismus“ fortschreibt und in dem die „häretische[n] Fraktionen“ des Letzteren außen vor gelassen werden. (Im Gespräch mit mir erklärte Bini Adamczak hierzu: „Genau hier, in der Suche nach anderen möglichen geschichtlichen Auswegen, nach alternativen Ausgängen der Revolution, hätten die anarchistischen wie auch rätekommunistische und andere minoritäre Strömungen aber eine größere Rolle in Gestern Morgen spielen können und sollen. Dass sie es nicht tun, ist eine der bedeutsameren Lücken des Textes.“ Adamczak 2012)

Man ermisst die gegenwärtige Geschichtslosigkeit, wenn eine Rezension von Gestern Morgen irritierend-pathetisch mit folgenden Worten eingeleitet wurde: „Es bedarf schon einiges Mutes, sich im Jahr 2007 als selbst erklärte Kommunistin mit den historischen Erfahrungen der Sowjetunion auseinanderzusetzen.“ (Zeller 2007)

Es ist diese Geschichtslosigkeit, die auch den Ausgangspunkt für Wallats Intervention bildet. Denn es habe „auch in der Geschichte des so furchtbar gescheiterten kommunistischen Emanzipationsversuchs stets Alternativen“ gegeben, „die in einer geschichts- und somit bewusstlos gewordenen Gegenwart dem Vergessen anheim zu fallen drohen.“ Im Auge hat Wallat jene, „die sich nicht vom erdrückenden politischen Koordinatensystem der Vergangenheit, das am Ende durch die stalinistische und nationalsozialistische Gewalt zermalmt wurde, haben dumm machen lassen“.

Hendrik Wallat, der sich schon mit seiner Dissertation über das Verhältnis von Marx und Nietzsche mit unorthodoxem Blick der Philosophiegeschichte näherte (vgl. Wallat 2009) und dessen Interessen auch ansonsten breit gefächert sind – von materialistischer Rechts- und Staatstheorie (vgl. Wallat 2012) bis hin zur Tierrechtsproblematik (vgl. Wallat 2011) – legt mit Staat oder Revolution eine beeindruckende Untersuchung vor.

Beginnend mit Lenin, zu dem erklärt wird, dass – „[p]olitiktheoretisch“ – der bolschewistische Terror aus Lenins Staats- und Demokratiebegriff“ folge, schließt eine anschauliche Rekapitulation und (kritische) Diskussion der „Organisationsdebatte der russischen Sozialdemokratie“ an, in welcher die Leninkritik des frühen Trotzki und von Luxemburg vorgestellt werden. Hierauf folgen Ausführungen über die erhitzten Auseinandersetzungen zwischen Lenin/Trotzki und Luxemburg und Kautsky im unmittelbaren Anschluss an die Oktoberrevolution. „Realistisch“ – so Wallat zu Trotzkis Schrift Terrorismus und Kommunismus. Anti-Kautsky (1920), die seines Erachtens wie „keine zweite die Logik und Moral bolschewistischen Denkens ohne Mythos zum Erscheinen bringt“ – „scheint ein Sieg der Revolution nur möglich zu sein, wenn dieser auf dem Schlachtfeld der Herrschaft und mit ihren Waffen errungen wird; dies zu leugnen, erfüllt für Trotzki bereits den Tatbestand konterrevolutionärer Umtriebe. Inwiefern indessen eine solche vermeintlich ultra-realistische kommunistische Politik von den Mechanismen der Herrschaft im Innersten ergriffen werden kann, bleibt Trotzki keinesfalls zufällig verborgen. Die Affizierung der Revolution durch die Konterrevolution ist für den bolschewistischen Revolutionär bloßer Schein, da die (konterrevolutionären) Mittel der Kommunisten den Zweck der Revolution gar nicht berühren bzw. die Mittel durch den Zweck eine geschichtsphilosophisch abgesicherte Wesensverwandlung durchmachen. Es ist der Glaube, im Besitz der absoluten Wahrheit der Geschichte zu sein, der es ermöglicht, die längst stattgefundene Pervertierung des Zwecks durch die Mittel zu leugnen und deren Verselbstständigung nicht einmal der Möglichkeit nach ins Auge zu fassen, obschon deren einzig mögliche Kontrolle, die Freiheit von Kritik und Opposition, bereits beseitigt ist. Die Herrschaft, die es zu überwinden galt, ist in neuer Gestalt wiederauferstanden. Sie spricht nun im Namen der Revolution und der Geschichte.“

Das folgende Kapitel widmet sich mit Lukács dem „genuine[n] Philosoph der Oktoberrevolution“, wobei zur Abrundung gleich noch eine „Kritik des geschichtsphilosophischen Hegelmarxismus“ mitgeliefert wird.

Nachdem diese eher „üblichen Verdächtigen“ abgehandelt sind, wendet sich Wallat neben der Gruppe „Arbeiteropposition“ den Rätekommunisten zu – Pannekoek, Gorter, aber auch Otto Rühle und Franz Pfemfert, sowie der „Gruppe Internationale Kommunisten Hollands“ , deren kritische, aber teils sehr ambivalente Stellung und Einschätzung zum Bolschewismus und Lenin im Besonderen herausgearbeitet wird. Kritisch wird festgehalten: „Die bestechende rätekommunistische Kritik am Bolschewismus findet ihre Grenze an traditionsmarxistischen essentials: dem ökonomistischen Fortschrittsdeterminismus und einer Ontologie der Arbeiterklasse, der eine Arbeitsmetaphysik korrespondiert.“

Was sich hier etwas klischeehaft anhört, wird eindrucksvoll begründet und ausgeführt. Ähnlich differenziert widmet sich Wallat nun einem wirklich Unbekannten – zumindest im marxistischen Spektrum –, dem Anarchosyndikalisten Rudolf Rocker, den Wallat nicht zu Unrecht als den „bedeutendsten anarchosyndikalistischen Theoretiker der damaligen Zeit“ einführt und der das „Gegenteil eines Exponenten des Klischeeanarchismus“ darstelle. Dieser nun, und dies ist für Wallat von entscheidendem Interesse, brach mit jenen „traditionsmarxistischen essentials“, wodurch seine 1921 formulierte Bolschewismuskritik in Der Bankerott des russischen Staatskommunismus ihre eigenständige Bedeutung erlangt: „Rockers Bolschewismuskritik zeichnet sich dadurch aus, dass sie über die Analysen der Rätekommunisten in entscheidender Hinsicht hinausgeht. Im Zentrum seiner Kritik steht nicht die ökonomische Bestimmung der russischen Revolution und der bolschewistischen Politik als bürgerlich, sondern die Fokussierung des Politischen.“ Bei aller Sympathie bleibt aber auch Rocker von Kritik nicht verschont, nicht zuletzt aufgrund dessen „orthodox-anarchistische[r] ‚Anthropologie des guten Willens’“, wobei dann noch ein ganzer Katalog von „zentrale[n] Fragen“ anschließt, die sich der Anarchismus „nicht stellen zu müssen“ glaubte.

Gewissermaßen den Höhepunkt des Buches bildet die Diskussion des Buches Gewalt und Terror in der Revolution des linken Sozialrevolutionärs Issak Steinberg, das Wallat völlig zu Recht für „das bis heute wichtigste Buch über die terroristische Politik der bolschewistischen Diktatur“ hält. Steinberg diskutiert dort jede mögliche Rechtfertigung des Terrors und weist diese zurück; wohlgemerkt als einer jener, der unmittelbar an der Russischen Revolution beteiligt gewesen war und wusste wovon er sprach.

Abschließend folgen Abschnitte zu Korsch, dessen „mühselig[er] und steinig[er] Weg zum „Kritiker des Bolschewismus“ nachgezeichnet wird und Simone Weil, die nicht nur die maoistische Fabrikintervention der 1970er Jahre in den 1930er Jahren vorwegnahm – siehe ihr Fabriktagebuch –, sondern auch wichtige Texte zum Bolschewismus und der Revolutionstheorie vorlegte.

Wallats Buch ist nur zu empfehlen. Daran ändern auch meine Einwände, die eher generelle Fragen betreffen und aufwerfen, nichts: die von Wallat ignorierte (mögliche) Rolle und Bedeutung von gewaltfreiem Widerstand; das implizit nahegelegte Geschichtsverständnis, wonach die bürgerlichen Gesellschaft historische Bedingung für eine emanzipierte Gesellschaft sei; sowie die analytische Tragweite eines Konzepts, das Theorien ihre Defizite auch – aber nicht nur! – dadurch nachweisen möchte, dass diese nicht den eigentlichen Kapitalismus und Staat erfasst hätten, wobei sich aber die Frage stellt, ob dieser eigentliche Kapitalismus und dieser eigentliche Staat überhaupt jemals existiert haben.

Das, was Wallat Simone Weil referierend erklärt, bleibt für eine geschichtsbewusste Linke jedenfalls aktuell: „Der Idee der Revolution die Treue zu halten, verlange folglich an erster Stelle ihre Entmythologisierung“.

Literatur

  • Adamczak, Bini (2007): Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster. Münster: Unrast Verlag.
  • Adamczak, Bini (2012): ‚Gespräch mit Philippe Kellermann’, in: Philippe Kellermann (Hg.). Anarchismus, Marxismus, Emanzipation. Gespräche über Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Bewegungen. Münster: Edition Assemblage, 2012. (im Erscheinen)
  • Hanloser, Gerhard (2012): ‚Gespräch mit Philippe Kellermann’, in: Philippe Kellermann (Hg.). Anarchismus, Marxismus, Emanzipation. Gespräche über Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Bewegungen. Münster: Edition Assemblage, 2012. (im Erscheinen)
  • Kellermann, Philippe (2008): ‚Geschichte anders schreiben. Bini Adamczak über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster’, in: Graswurzelrevolution. Nummer 334. Dezember 2008. S.18.
  • Kellermann, Philippe (2011): ‚Gegen die Militarisierung des linken Diskurses! Die Inszenierung tendenziell totalitärer Entweder-Oder-Politik in Der kommende Aufstand’, in: Graswurzelrevolution. Nummer 355. Januar 2011. S.18.
  • Wallat, Hendrik (2009): Das Bewusstsein der Krise. Marx, Nietzsche und die Emanzipation des Nichtidentischen in der politischen Theorie. Bielefeld: Transcript Verlag.
  • Wallat, Hendrik (2011): ‚Die Tiere als Hüter der Menschlichkeit’, in: Zeitschrift für kritische Theorie. Heft 32/33 (2011). S.179-199.
  • Wallat, Hendrik (2012): ‚Die Herrschaft des Rechts und ihre Suspension. Ein Beitrag zur politischen Philosophie des Rechts(staats)’, in: Ingo Elbe/Sven Ellmers (Hg.). Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse. Eigentum, Gesellschaftsvertrag, Staat III. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot. (im Erscheinen)
  • Zelik, Raul (2011): Nach dem Kapitalismus. Perspektiven der Emanzipation oder: Das Projekt Communismus anders denken. Hamburg: VSA Verlag.
  • Zeller, Jessica (2007): ‚Gespenster revisited’, in: jungle world. Nummer 45. 8.11.2007.
  • Žižek, Slavoj (2002): Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2012
Nummer 41, Seite 58
Autor/inn/en:

Philippe Kellermann: geb. 1980, lebt in Berlin. Neben diversen Texten, hauptsächlich in den Zeitschriften „Grundrisse“ (Wien) und „Graswurzelrevolution“ (Münster), veröffentlichte er das Buch „Marxistische Geschichtslosigkeit“ (Edition AV, 2011) und ist Herausgeber von: „Begegnungen feindlicher Brüder“, „Anarchismus, Marxismus, Emanzipation“ und fungiert als Herausgeber diverser klassischer Schriften des Anarchismus in der Unrast-Reihe „Klassiker der Sozialrevolte“ (u.a. Bakunin, Malatesta, Mühsam).

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