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Robert Foltin

Soziale Bewegungen im „Empire“

Fragebogen-Handout

Als zweiter Teil des Workshops sollen die Thesen des „postoperaistischen“ Denkens, wie sie sich in Hardt / Negris „Empire“ ausdrücken, an den eigenen Arbeits- und Lebensverhältnissen überprüft werden. Dem Buch wird ja immer ein Mangel an Empirie vorgeworfen.

Die Grundthesen

„Multitude“ („Menge“) ist die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Wünsche und Bedürfnisse der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Sichtbar wird dieses „Subjekt“ in den sozialen Bewegungen.

Kritik: Die Idealisierung sozialer Bewegungen ignoriert, daß es meist auch reaktionäre Elemente gibt (z.B. sexistische, rassistische oder antisemitische Inhalte)

Soziale Bewegungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Weiterentwicklung des Kapitalismus. Ohne die Kämpfe der Multitude erstarrt die kapitalistische Dynamik. Das kapitalistische System wird gezwungen, die emanzipatorischen Elemente der „Multitude“ aufzunehmen. Die Ausdehnung des kapitalistischen System erfasst alle Lebensbereiche, es gibt kein außerhalb mehr, alles unterliegt kapitalistischer Ausbeutung, das geht bis in die Gefühle und in die Körper.

Negativ: die Ausbeutung funktioniert durch die Integration der sozialen Bewegungen besser. Positiv: das Empire wird immer abhängiger von der Multitude – immer mehr leere Schale.

Frage: Wie sollen soziale Bewegungen in einem System der totalen Integration ausschauen.

Immaterielle Arbeit: Produkte sind Wissen, Komunikation, Gefühle, Beziehungen etc, eben nicht materiell wie Schuhe und Autos. Es gibt drei große Bereiche:

  1. in der Fabrik: Verschiebung weg von der Produktion hin zu Werbung und Marketing. Auch materielle Produkte werden als Dienstleistungen betrachtet.
  2. Symbolverarbeitung: Informationsverarbeitung am Computer, zwei Typen von Arbeit, einerseits kreativ (WebdesignerInnen, ProgrammiererInnen) andererseits entqualifiziert (Call Center Agents)
  3. Affektive Arbeit: erzeugt Gefühle, Wohlbefinden, Beziehungen etc: Kellnerinnen, Sozialarbeiterinnen, Pflegepersonal.

Nach Hardt / Negri hat die immaterielle Arbeit durch die notwendige Kommunikation und Koordination „Elemente eines spontanen Kommunismus“ in sich.

Kritik: Es gibt den Vorwurf der Idealisierung der neuen Arbeitsverhältnisse, tatsächlich enthalten sie mehr negative Elemente als positive („freies Unternehmertum“ ohne Sozialleistungen statt Selbstorganisation und Selbstverwirklichung).

Die Idee des Fragebogens

Es geht dabei nicht um Auswertung, sondern, der Fragebogen ist so angelegt, daß er zur Reflexion, zum Erfahrungsaustausch, im günstigsten Fall zur (Selbst)-Organisierung führt.

Beispiele:

  • Italien in den 60er und 70ern: Intellektuelle machten „militante Untersuchungen“ in den Betrieben eben mit dem Ziel, die ArbeiterInnen durch die Reflexion zum Kampf und zur Organisation zu motivieren.
  • In der globalen Protestbewegung wird nach Organisationsformen gesucht, um von einer repräsentationellen Organisation (über Parteien, aber auch NGOs) wegzu kommen. Eine Idee dazu ist die so genannte „Consulta“, wie sie zuerst von den ZapatistInnen als informelle Befragung durchgeführt wurde. Eine europäische Consulta bezieht sich auf Fragen nach lokalen, regionalen und europaweiten Aktionsformen und Möglichkeiten der gemeinsamen Koordination und Kommunikation.

Fragen:

Sind willkürlich von mir ausgewählt, sollen nur als Diskussionsansatz gesehen werden und in der Diskussion erweitert werden.

Arbeit:

  • Woher kommt das Geld zum Überleben? Garantierte oder atypische Arbeit(en), Sozialleistungen (Arbeitslose, Karenz...), von der Partnerin, der Familie ...
  • Chance auf soziale Absicherung.
  • Arbeitsverhältnis: angestellt, selbständig, prekär, schwarz ...
  • Selbstorganisation und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz: Zeitsouveränität durch das Unternehmen bestimmt? Kommunikation und Koordination, Zusammenarbeit mit KollegInnen (Team, Hierarchien)?
  • Arbeitsprodukt: materiell: Konsumgüter
  • immateriell: z.B. Wissen (LehrerInnen), Kommunikation (Call Center Agents), Computerprogramme (ProgrammiererInnen), oder affektiv (z.B. SozialarbeiterInnen, LehrerInnen) ...
  • Wo sind die positiven (kollektiven, emanzipatorischen) Elemente in der Arbeit? Gibt es sie überhaupt? Gibt es (soziale) Auseinandersetzungen, hat es sie gegeben?
  • Wo gibt es im sozialen oder affektiven Bereich überhaupt Möglichkeiten zum Widerstand? Ist ein Beziehungs-, Gefühls-, Wissensstreik möglich?

Leben:

  • Wie stark ist die Trennung zwischen Arbeit und Leben (sowohl zeitmäßig, wie auch emotional)? Ist die Freizeit die Fortsetzung der Arbeit
  • Wer erledigt die Hausarbeit? Wer unterstützt eine PartnerIn emotionell? Familie, soziale Zusammenhänge.
  • „Leben“ in der Freizeit? Kultur oder Subkultur, wie weit ist dieser Bereich kommerziell? Gibt es etwas nicht kommerzielles?

Widerstand:

  • In der Arbeit, im / durch das eigene Leben (z.B. öffentliches Auftreten bei der Regenbogenparade – Vergnügen und Zeigen der sexuellen Vielfalt)? Als KünstlerIn?
  • Getrennt von den eigenen Lebens- und Arbeitsverhältnissen? (Solidaritätsgruppen, in politischen / feministischen Gruppen) Oder in Bezug zum Leben (z.B. Bürgerinitiativen)
  • Wie ist Organisation vorstellbar? Partei, Gewerkschaft, Netzwerk, informelle Zusammenhänge, Selbstorganisation des Lebens (in Hausgemeinschaften)
  • Ideen für das Zusammenbringen von alltäglichem Leben, Arbeit und Widerstand mit der globalen Protestbewegung.

Schluß:

  • Gibt es die tatsächliche Hegemonie der immateriellen und affektiven Arbeit?
  • Wo sind die emanzipatorischen, wo die negativen Elemente in den sich entwickelnden Arbeits- und Lebensverhältnissen (insbesonders der immateriellen Arbeit)?
  • Können wir die Multitude sein, die sich gegen das Empire organisiert? Bringt diese Vielfalt nicht Probleme mit sich, z.B. immer wieder das Zurückdrängen von Frauen...
  • Wie kann die Wiederaneignung der Kommunikation, des Wissens, der Körperlichkeit, des Lebens verwirklicht werden (ist nicht jede Kreativität eine Verbesserung der Ausbeutung im Kapitalismus?
  • Wie schaut überhaupt die Chance aus, gegen das Empire, die aktuelle Form des Kapitalismus zu kämpfen, wie könnte eine Überwindung des Empire ausschauen?

Dieser Fragebogen wurde auf einem ATTAC Seminar 2002 eingesetzt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2002
Autor/inn/en:

Robert Foltin:

Robert Foltin ist Linguist und in autonomen Diskussionszusammenhängen in Wien aktiv.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

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