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Franz Schandl

SOS-Medienfreiheit?

Volksbegehren gegen Medienkonzentration

Auftakt der neuesten Mediendebatte war der (sich schon länger abzeichnende) Rausschmiß des Herausgebers des Profils, Hubertus Czernin, durch die Eigentümer des Nachrichten­magazins (Raiffeisen/WAZ). Trotz aller Solida­risierungen mit Czernin ist aber zu bedenken, daß dieser einer rein geschäftlichen Abwicklung zum Opfer gefallen ist. Der Anlaß, die Fotomontage des nackten Kanzlers auf dem Cover, war nur der Vorwand. Ausschlaggebend dürfte gewesen sein, daß auch das erneuerte Profil der Konkurrenz der Fellner-Brothers und ihrem News kaum etwas entgegenzusetzen hatte.

Inzwischen ist daraus und anhand anderer innermedialer Dispute eine offene Auseinander­setzung verschiedener Fraktionen der etablierten Presse geworden. Österreich steht nun vor einem Volksbegehren, genannt „SOS Medienfreiheit“, das von der Journalistengewerkschaft und den Redaktionen von Profil, Standard und Falter zur „Zerschlagung der Mediaprint“(Armin Thurnher) angeleiert wird. „Ab sofort wird eine mona­telange Diskussionsphase initiiert“, verkündet das Nachrichtenmagazin Profil jedenfalls selbst­bewußt. Also, diskutieren wir.

Hand aufs Hirn

Fragt sich gleich, ob das über die Medien hinaus derzeit wirklich jemanden interessiert. Michael Maier, der von der Wiener Presse zur Berliner Zeitung gewechselte Chefredakteur, dürfte nicht unrecht haben, wenn er schreibt: „Wer von den Bürgern kennt denn wirklich — Hand aufs Herz — den Unterschied zwischen Mediaprint und Mediamarkt?“ Aber — Hand aufs Hirn — welcher Unterschied soll da auch wirklich bestehen? An der vielfach behaupteten Differenz ist wenig dran, sie ist bloß ein liberales Gerücht.

Man blättere. Mechanismen der Berichter­stattung und Spektren der Meinungsinhalte sind überall ähnlich. Unabhängig heißt standardisiert. Man denke etwa an die Skandalgeschichten, das investigative Genre, das Im-Dreck-Suhlen, wel­ches in Österreich zu einem Volkssport der Jour­naille geworden ist. In der Krone steht oftmals in zwei oder vier Absätzen, wozu Profil und Fal­ter ganze zwölf Spalten benötigen. Die Verach­tung der Krone korrespondiert mit der Unkennt­nis von einem selbst.

Da sie von G’schicht zu G’schicht hetzen, sind sie allesamt zu G’schichtenerzählern geworden. Fast jeder Artikel beginnt daher mit einem geschwätzigen Vorspann. Vor der G’schicht, die da aufgetischt wird, wird noch ein G’schichterl zum Besten gegeben. Die Mühelosigkeit des Ein­stiegs verweist schon auf die Leichtigkeit der Kost. Das ganze nennt sich dann journalistisches Handwerk.

Qualität ist freilich etwas anderes als die stets zu lang geratene Räuber- und Gendarmge­schichte aus Politik oder Wirtschaft. Wer meint, Profil und Falter, das Nachrichtenmagazin und das Stadtblatt, gewährleisten bereits Medien­vielfalt, ist wahrlich ein Einfaltspinsel.

Die geschwätzige Ignoranz von Falter oder Profil findet sich in Krone, täglich alles oder News in knapper Präpotenz wieder. Apropos Falk: Er könnte der lachende Fünfte sein. Zumin­dest werden seine Geschäftsinteressen gleich mitbesorgt. Welch Geistes Kind dieser Nichtkartellist ist, ist dem Buntpapier leicht zu entnehmen. Was Zeitung machen heute bedeutet, beweist er auch in in seinem flexiblen Verhältnis zum gel­tenden Arbeitsrecht.

Brett vorm Kopf

Also: Brett weg vom Kopf! Was würde sich ändern, wäre KroKuWAZ zerschlagen und ent­flechtet? Inhaltlich gar nichts, lautet die banale Antwort. Was nicht gegen das „Zerschlagen“ spricht, sehr wohl aber gegen diffuse, in sie gesetzten Hoffnungen. Ist die Medienlandschaft in Ländern besser, wo es keine Vorrangstellung à la Krone gibt? Haben die Deutschen nicht ihr Bild, die Schweizer ihren Blick? Nimmt sich dagegen die Krone nicht fast noch wie ein seriö­ses Blatt aus? Egal, was auf dieser Ebene läuft und passiert, die medialen Essentials werden das blei­ben, was sie sind.

Der Falter etwa, auch da hat besagter Maier recht, ist objektiv nichts anderes als eine der „Kaderschmieden für junge Journalisten“, die, sind sie dem Kinder-Kurier entwachsen, sich eben im Profil, im ORF, in der ZEIT oder sonstwo ver­dingen. Das alles ist nicht unehrenhaft, eben ein Job. Es sollte daher so auftreten, wie es daher­kommt, sich nicht als Alternative gerieren.

Der Konflikt, der sich da entfaltet, ist jeden­falls einer innerhalb etablierter Druckwerke. Natürlich soll man im Rechtsstreit Falter-Krone Partei ergreifen und mit dem Falter solidarisch sein, auch wenn dieser mit nichts und niemandem solidarisch ist, was sich links von ihm gestaltet und probiert. Damit ist es aber auch schon getan. In der anstehenden Schlacht verschiedener Sau­riergruppen sollte man aber nicht zugunsten des vom Markt geschädigten Liberalismus den Fin­ger rühren. Hier geht es um ordinäre Konkur­renzinteressen, um nichts anderes. Vielmehr ist der Mythos, daß em aufgeklärter Qualitätsjour­nalismus gegen den reaktionären Boulevard steht, zu entzaubern.

Freiheit und Geschäft

Warum die liberalen Journalisten den Markt aus­gerechnet dort begrenzen wollen, wo er sie betrifft, ist verständlich, aber doch auch eine mediale Groteske, bedenken wir, daß gerade sie als Posaunen des Marktes ein Klima mitrealisiert haben, wo dieser zum allmächtigen Kriterium wurde. Wer den Markt beschwört, sollte nicht aufheulen, wenn er über ihn hereinbricht. Jene, die wöchentlich das Lob der Marktwirtschaft singen, wollen nun mithilfe der Politik Wettbe­werbsnachteile gegenüber der KroKuWAZ aus­gleichen.

Medien folgen dem Mediengeschäft, nicht irgendeiner Medienpolitik. Die Einforderung einer anderen Medienpolitik scheitert daher weniger an unwilligen Politikern als an den vor­gefundenen Marktgesetzlichkeiten. Das Quotennuttentum ist immanentes Charakteristikum der modernen Journaille. Es kann gar nicht anders. Wer dagegen angeht oder versündigt, wird unter­gehen. Immer mehr machen die Anzeigen die Zeitungen, eben weil sie diese finanzieren.

Auch die Pressefreiheit ist zuvorderst eine kapitalistische Freiheit, die sich an den gegebe­nen Verwertungsbedingungen konkretisiert. Wer sie überhöht, ist ein Lügner oder ein Dummkopf. Wer sie idealisiert, verhindert die notwendige Diskussion über ihren gesellschaftlichen Cha­rakter und ihre objektiven Grenzen. Ein Pres­seerzeugnis ist nur insoweit frei, soweit seine finanzielle Kapazität reicht. Entspricht es nicht den Marktgesetzen, läuft es dem Anzeigenmarkt zuwider, dann geht es den Bach runter. Freiheit ist also heute dahingehend aufzufassen, daß es vonnöten ist, dem Markt oder einem bestimmten Marktsegment angepaßt zu sein.

Abhängigkeiten

Ähnliches gilt für die dort unabhängigen Lohn­abhängigen, die Journalisten. Die permanente Internalisierung des Gewünschten, Angebrach­ten und Bevorurteilten ist Bedingung ihrer unab­hängigen Existenz. Die Standardisierung von Aussage und Form eine unhinterfragte Selbst­verständlichkeit. Innerhalb dieser — wir geben es gerne zu — sind die Freiheiten der Marktgelüste freilich nicht nur zugelassen, sondern gefordert. Die Freiheit, zwischen den Alternativen Vita oder Rama, Pepsi oder Coke, Petrovic oder Schmidt zu wählen, wird einem geradezu aufgenötigt.

Die größte Einbildung der unabhängigen Medien ist die Unabhängigkeit der Medien.

Umgekehrt ist kaltschnäuzig zu behaupten, daß die sogenannte Meinungsfreiheit selbst in dekla­riert abhängigen Zeitungen meist größer zu ver­anschlagen ist als in der unabhängigen Jour­naille, sei sie nun liberal oder reaktionär.

Abgängigkeiten

In Österreich ist so ziemlich alles eingegangen, was den Marktgesetzlichkeiten nicht entsprach: die tradtionsreiche Arbeiterzeitung ebenso wie das Intellektuellenblatt FORVM, der von der KPÖ finanzierte Salto ebenso wie die mit liby­schen Geldern gesponserte Monatszeitung.

Falsche Fronten

Zentrale Fragen werden erst gar nicht gestellt. So etwa jene, was denn solche Medien gesellschaft­lich präfiguriert und installiert. Stattdessen ver­anstalten die selbstgefälligen Hurra-Demokra­ten wilde Jagden auf Figuren und ihre politischen Helfershelfer, als wären diese allmächtig und schuldig. Das Geschwätz vom „Kartellknien“ und „Kronedienen“ (Peter Pilz) greift viel zu kurz, eben weil es nicht begreift, was es sieht, vor lauter Staunen und Schimpfen nicht zum Denken kommt. Es ist wieder einmal der gesunde Men­schenverstand, der an den Oberflächlichkeiten hängenbleibt.

So stehen wir vor einem Match, wo ein „böser alter Mann“ namens Dichand von einer hungrigen Meute von Journalisten, Politikern und (dazuge)hörigem Fanclub gejagt wird. Nicht, daß wir dem alten Hasen diese andere Seite des Daseins mißgönnen oder ihn gar ver­teidigen wollen, aber was soil’s?

Einmischung ist zweifellos gefragt, aber nicht dahingehend, daß man eingemischt und stan­dardisiert wird, sondern indem man die falschen Fronten bennent und aufmischt. Man wird sich also in Kritik und Aktion einiges, vor allem aber anderes als das Angebotene überlegen müssen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1996
Heft 2/1996, Seite 7
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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