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Stefan Meretz

Sortierungen zum Tausch

Es ist gar nicht so einfach, eine scheinbar klare Sache wie den Tausch zu bestimmen. Franz Schandl hat vor 23 Jahren einen Entwurf einer Metakritik des Tauschs veröffentlicht, dem eigentlich ein weiterer, systematisch ausgearbeiteter Text folgen sollte. Dazu kam es nie, doch wie beim Handwerkeln, gilt auch hier: Provisorien halten am längsten. So wird beim Wikipedia-Artikel zum Thema Tausch auf diesen Aufsatz verwiesen – neben Sohn-Rethels Warenform und Denkform, nicht die schlechteste Nachbarschaft. Mit der folgenden Sortierung möchte ich vorschlagen, die Kategorien doch etwas anders zu fassen, als dies in der Metakritik geschah (alle folgenden Zitate daraus).

In gut ontologiekritischer Sicht wird zunächst der überhistorische Charakter des Tauschs, wonach dieser „als natürlicher Trieb und als soziale Bestimmung des Menschen“ gelte, bestritten. Doch wie könnte eine positive Bestimmung aussehen? Zunächst: „Der Tausch ist eine Transaktion, aber nicht jede Transaktion ist ein Tausch“. Diese Transaktionen könnten eingeteilt werden in ein- oder beidseitige Gaben und eben den Tausch. Denn: „Ein einfaches Hin und Her ohne verbindliche Form ist … noch kein Tausch. Die wechselseitige Hingabe von Gütern wird erst dann zu einem solchen, wenn diese als äquivalente Arbeitsprodukte auftreten. (…) Die Transaktion von Gegenständen wird erst zum Tausch, wenn diese … verglichen und gleichgesetzt werden, also noch nicht ab dem Moment, wo die Gabe die Gegengabe verlangt.“

An dieser Stelle wird das Kriterium der Kopplung der Transaktionsbestandteile – die Gabe verlangt die Gegengabe – eingeführt, dann jedoch für nicht ausreichend erklärt. Formvollendeter Tausch liege erst vor, wenn Arbeitsprodukte äquivalent die Hände wechseln. Ein äquivalenter Tausch jedoch, so ist einzuwenden, ist erst möglich, wenn sich Warenproduktion und Warentausch gesellschaftlich verallgemeinert haben, und das ist erst im Kapitalismus der Fall.

Damit wird logisch wie historisch jener Schritt übersprungen, bei dem das Nehmen das Geben voraussetzt, also gekoppelt ist, aber noch nicht äquivalent erfolgt. Eine Kopplung kann auf verschiedene Weise organisiert werden, und es muss kein Geld im Spiel sein. So kann die moralische Erwartung Geschenke – sofort oder zeitlich versetzt – mit Gegengeschenken zu beantworten, soziale Verbindungen herstellen oder befestigen, was auch Marcel Mauss anschaulich beschrieb. Diesen Schritt zu überspringen, bedeutet Tausch mit Warentausch gleichzusetzen. So kommt es zum voreiligen Schluss: „Tausch meint, dass sich das eine im anderen auszudrücken hat“. Doch Kopplung bedeutet noch nicht eine wie auch immer realisierte Form der Gleichsetzung, sondern, dass „nur jemand zu erhalten hat, der auch etwas abzugeben hat. Tausch setzt Tauschbares voraus“.

In der Metakritik wird der Tausch implizit als gesellschaftliche Form angenommen. Das ist er jedoch nur dann, wenn er gleichzeitig auch Warentausch ist. Ist Tausch kein Warentausch, geht es also nur um die qualitative und nicht um die quantitative Kopplung von Geben und Nehmen, dann kann er auch auf Ebenen unterhalb der gesellschaftlichen Kooperation auftreten. Nur dann ist es überhaupt sinnvoll, bei interpersonalen Transaktionen zu fragen, ob es sich um Tausch handelt, ob also ein „einfaches Hin und Her“ einer Kopplung unterliegt oder nicht.

Warentausch als gesellschaftlich-allgemeine Form ist wertgerechter, äquivalenter Tausch, also sowohl qualitativ wie quantitativ gekoppelte Transaktion des Gebens und Nehmens – eben Verkauf und Kauf. Auch ein interpersonaler Warentausch als einzelne Kauf-Verkauf-Transaktion ist immer in die allgemeine Form eingebettet. Zwar kann eine Seite über den Tisch gezogen werden, doch ein Über-den-Tisch-ziehen als ungleichwertiger Tausch bezieht sich stets auf ein gesellschaftliches Äquivalent, von dem abgewichen werden kann.

Mit dem Kriterium der Kopplung ist es möglich, drei Ebenen auseinanderzuhalten und dadurch Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen. Auf der individuellen Ebene kann ich dem Kopplungszwang des Tausches entkommen, wenn ich aus anderen Quellen meine Existenz sichern kann. So muss ich als im Kapitalismus genug Geld auf der hohen Kante haben, will ich mein Leben nicht als Almosenempfänger:in fristen. Für die große Masse der Menschen bedeutet der Kopplungszwang, die eigene Arbeitskraft verkaufen zu müssen, also gegen Geld einzutauschen, um am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben zu können. Kurz: Tauschlogik führt zum Lohnarbeitszwang.

Eine Möglichkeit diesem Zwang zu entkommen oder ihn abzumildern besteht auf der kollektiven Ebene. Das gesellschaftlich nahegelegte Modell hierfür ist die Familie, in der wir gegenseitig füreinander aufkommen und jene versorgen, die noch nicht oder nicht mehr Geld einbringen können. Wahlkollektive können diesen Rahmen erweitern, und je mehr Personen einbezogen sind, desto größer die Entlastung für Einzelne. Das kann bis zu einigen Hundert Personen gehen, wenn wir an lokale Commons-Projekte denken oder gar Millionen, wenn wir die Wikipedia einbeziehen. Für all diese Gruppen gilt: Zwar muss die Kopplung auf der kollektiven Ebene realisiert werden, auf der individuellen dafür nicht mehr. Das Budget muss stimmen, der Zwang bleibt, aber er verteilt sich auf viele Personen und entlastet die Einzelnen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene gibt es in neuer Größenordnung die Möglichkeit, sowohl Individuen wie Kollektive vom Kopplungszwang zu entlasten – prinzipiell, also genauer gesagt im Commonismus: „Es wird gegeben und genommen werden. Aber es soll nicht genommen werden, weil gegeben wird und umgekehrt. Geben und Nehmen sind aus ihrer gegenseitigen Aneinanderkettung zu befreien“.

Damit ist das Entlastungsende erreicht, denn jenseits der Weltgesellschaft gibt es kein Außen mehr. Der Zwang zur Kopplung von Nehmen und Geben besteht hier unhintergehbar. Das wiederum schert den Kapitalismus keineswegs, verfeuert er doch nahezu ungebremst die Zukunft. Kapitalismus und Commonismus verhalten sich also geradezu gegenläufig: Ist der Kapitalismus auf der individuellen und kollektiven Ebene gnadenlos bei der Durchsetzung der – äquivalenten – Kopplung von Geben und Nehmen, so schafft der Commonismus gerade hier Entlastung. Umgekehrt sorgt der Commonismus viel eher für die Einhaltung der planetaren Grenzen, während die Systemlogik des unbedingten Wachstums den Kapitalismus über jede Grenze treibt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2022
Heft 84, Seite 22
Autor/inn/en:

Stefan Meretz:

Geboren 1962. Berliner. Informatiker. Schwerpunkte: Freie Software und Technikentwicklung. Aktiv u.a. bei Oekonux und Wege aus dem Kapitalismus; „Traforat“ der Streifzüge.

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