Zeitschriften » FŒHN » Heft 23+24
Markus Wilhelm

Sind Sie für oder gegen Blutschokolade?

Das Ja zur EU bringt Österreich mehr Auslandsinvestitionen, keine Blutschokolade und die Beibehaltung der Anonymität. Unser Wasser wird nicht nach Spanien exportiert, die EU-Bürokratie gibt es eigentlich gar nicht, das Burgenland wird gerettet, und die Goldreserven bleiben in Österreich. Alle diese schlagenden Informationen, mit denen sie uns gestern eingedeckt haben, sind schon mit den Informationen, die sie selbst uns heute verabreichen, ganz leicht als Propaganda-Lügen zu entlarven. Aber Vorsicht! Alle Zahlen, Daten, „Fakten“, die uns über die Medien angedreht werden, sind erlogen. Auch die uns passen würden! Davon müssen wir ausgehen, wenn wir etwas gelernt haben wollen, nicht davon, daß sie stimmen. Ein Teil der österreichischen Goldreserven sind nach Brüssel gebracht worden, heißt es jetzt. Kann sein. Kann sein ein kleiner Teil, kann sein ein Großteil, kann sein noch nicht oder schon lange, kann sein nach Frankfurt oder Luxemburg. Wenn wir uns jetzt darüber freuen, daß uns der Bundeskanzler angelogen hat, dann freuen wir uns darüber, daß wir aufs Neue an der Nase herumgeführt werden. Das WIFO, das genügend oft gesagt hat, die Auslandsinvestitionen würden zunehmen, sagt jetzt, im Verhältnis der 1995 in Österreich neu angelegten Gelder zu den aus Österreich abgezogenen Geldern habe gegenüber 1994 ein Rückgang von zehn Milliarden Schilling stattgefunden (Standard, 4.6.96). Das wollen wir gerne glauben. Sollten es aber nicht tun. Wir sollten ihnen gar nichts glauben. Auch wenn sie Guten Morgen sagen, meinen sie etwas anderes.

„5000 Pleiten im Jahre 1995“, schreibt der Standard (30.12.95). Möglich. Vielleicht waren es 3000. Vielleicht 9000. Das sind wieder uns vorgesetzte Zahlen. Wer eine solche Zahl glaubt, auch eine ihm willkommene, ist schon gefangen. Der läuft an denen ihrem Bandl. Und steht für den nächsten Bluff zur Verfügung. Wenn ich das Radio für die Kurznachrichten anwerfe, muß ich wissen, jetzt kommt fünf Minuten Erlogenes. Die Nachricht, es gebe 7 Prozent Arbeitslose in Österreich, kann ich sowenig überprüfen wie die, daß es auf dem Mond drei Tage und drei Nächte lang geregnet hat. Aber das weiß ich, daß die sieben Prozent, wenn sie sagen sieben Prozent, keine sieben Prozent sind. Wenn es jetzt heißt, die Anonymität bei Sparbüchern werde nun doch abgeschafft, so steht das in vollkommenem Widerspruch zu dem, was sie vor der Volksabstimmung beteuert haben. Aber wahr wäre auch letzteres nur, wenn es heute eine wirkliche Anonymität für kleine Sparer gegeben hätte und es nachher auch für geschickte Großanleger keine geben würde. Wie man sieht ist das, was immer von ihnen kommt, so erlogen, daß nicht einmal das Gegenteil davon stimmt. Die Tiroler Tageszeitung schrieb einmal von den „über 125.000 Angehörigen des EG-Verwaltungsapparates“ (17.8.92), in der Beitritts-Propaganda der Bundeswirtschaftskammer gab es zur gleichen Zeit gerade „18.000 ‘EG-Bürokraten’“ (Anzeige in Tirols Wirtschaft, 17.4.92). Die Wahrheit liegt — nein, sie liegt auch nicht irgendwo dazwischen. Sie liegt abseits von all dem, was man uns aufdrängt. Wer die Zeitungen nicht liest, ist im Vorteil gegenüber dem, der sie liest. Die amerikanischen Forscher L. White und R.D. Leigh haben bereits 1948 herausgefunden, daß sich die unglaublichsten Vorstellungen über Amerika nicht etwa bei den Urwaldeinwohnern Borneos finden, „sondern bei Westeuropäern, die Dutzende von Hollywoodfilmen gesehen hatten“. Ob Trinkwasser aus den Alpen, wie es schon vor 1994 hieß, künftig nach Spanien verkauft wird? Oder nicht, wie Kronenzeitung und andere vor dem Abstimmungstag schlagzeilten? Oder doch, wie die Tiroler Tageszeitung nachher schrieb (1.9.95)? Mir soll beides recht sein. Ihnen das eine abzunehmen oder das andere, hieße doch, insgeheim zu glauben, daß sie auch nicht lügen könnten. Es ist ganz leicht, jene Bande, die die Burgenländer zur österreichweit höchsten Zustimmung zum EU-Anschluß gehetzt hat, der Lüge zu überführen. Von einem „Milliarden-Geldregen“ für das „Ziel-1-Gebiet“ war seinerzeit die Rede, und der Landeshauptmann versprach „ungeahnte Zukunftschancen“. Der Kurier übertitelte noch am 5.1.95 einen sechsspaltigen Artikel mit: „Brüssel schüttet sein Füllhorn aus“ und setzte drei Tage später nach: „Burgenland: Für jedes Jahr eine Subventionsmilliarde“. Ein gutes Jahr später kommt derselbe Kurier mit der Schlagzeile: „EU-Beitritt riß auch Loch in Burgenlands Budgetsäckel“. Das erste EU-Jahr brachte den Burgenländern „eine Neuverschuldung von 1,3 Milliarden Schilling.“ (6.3.96) Damit bestätigt dieses schäbigste Propaganda-Blatt den Bericht „Burgenland erlebt Rückschlag“ des Standard vom 17.2.96. „Im Burgenland ist der vorangegangene kräftige Aufschwung zusammengebrochen“, liest man dort, „die Wirtschaft schrumpfte um 4 Prozent.“ Wir wollen nicht nachtragend sein. Denn das hieße, daß uns an diesem Propaganda-Apparat doch noch irgendwo etwas liegt. Nein, auch recht geben lassen wollen wir uns von denen nicht mehr.

Ob es die „Blutschokolade“ gibt? Woher sollte ich das wissen? 1991 schrieb der Kurier, die EG-Lebensmittelindustrie habe sich das Rezept einer „Schoko-Glasur aus Schweineblut“ schon gesichert (19.8.91). 1992 verbreitete dasselbe Blatt in einer ersten Welle von Beitritts-Propaganda pflichtgemäß, die „Blutschokolade“ sei „nur als Greuelinformation von seiten der EG-Gegner einzustufen“ (20.3.92), um 1993 zu berichten, „angefaulte Schweineschwarten, modrige Knochen und mit Kot verschmutzte Rinderhäute werden von deutschen Gelatine-Herstellern für ihre Produkte verwendet: Kekse, Sülze, Gummibärchen und Tortenguß“ (17.12.93). 1994, vor der Volksabstimmung, war natürlich all dies wieder nur eine Erfindung der Beitritts-Gegner. Zuerst wird also eine Nachricht ausgestreut. Wenn sie Anklang findet, werden die, die sie für zutreffend gehalten haben, niedergemacht. Wenn ihr Glaube an jene Behauptung dann fast ausgerottet ist, wird ihm soviel neue Nahrung gegeben, damit er wieder schön verhöhnt werden kann. Wir sind Pingpong-Bälle.

Wir haben von dem, was um uns herum passiert, keine Ahnung. Und wenn wir die Zeitungen lesen, noch weniger. Sicher ist, daß weit Schlimmeres im Kaufhaus-Futter steckt als Schweineblut. Das hätten sie gern, daß wir uns nur darüber ereifern.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1997
Heft 23+24, Seite 37
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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