Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 4
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Jacques Ovadia

Signal für den Beginn einer revolutionären Kultur in Israel

Der Begriff einer konstruierten Situation wird durch das Vorhandensein einer alltäglichen Psychose ständig verfälscht, die den Menschen in einen unheilbar mittelmäßigen Pathos stürzt. Man muss gegen die Mittelmäßigkeit, die goldene Mitte der Passiven und angeblich Fortschrittlichen kämpfen, die sich damit begnügen, in ihrem undynamischen Gerede zu versumpfen. Schon heute muss man sich an die permanente Revolutionierung des Geistes machen, auf die Phantasie eines jeden einwirken, die Aufmerksamkeit von den Psychosen und der einschläfernden Presse ablenken — kurz „Agent provocateur“ sein.

Grässlich paradox an unserer gegenwärtigen Zivilisation ist, dass allein diejenigen, die durch das Geld herrschen, die modernsten technischen Mittel besitzen und zur Verfügung haben, dass sie diese Mittel nur dazu gebrauchen, um „zu mehr Geld zu kommen“ und Millionengeschäfte zu machen, um ihre Freizeit dann auf dumme, bürgerliche und tierische Weise zu genießen. Während die Massen durch ihren Mangel an Begierden und die paternalistische Diktatur der Gewerkschaften gezügelt werden, die den Boss, den Hüttenbesitzer von vor 50 Jahren, ersetzt haben.

In Israel, einem im Werden begriffenen Land, können die sich entwickelnden Kräfte nur mit großer Mühe zum Ausdruck kommen, weil die Probleme des „Wie leben?“ sich einem jeden quälend aufdrängen. Das Individuum, das immer noch an uralte Atavismen gebunden ist, die sogar sein Unterbewusstsein abstumpfen, denkt nur noch — und kann nur daran denken — an das Unmittelbare, d.h. an die Mittel, die zur Verbesserung seines Komforts geeignet sind. Das Land ist durch den Zuzug vorwiegend primitiver menschlicher Elemente besiedelt worden, deren Verschmelzung durch die Bescherung eines amerikanischen, sozusagen Pflicht — und sogar Zwangskomforts erzielt werden sollte. Jedem armen, durch eine straffe Glaubenslehre (die man bestrebt ist, durch den Unterricht des allerletzten Bibelblödsinns aufrechtzuerhalten) verblödeten Kerl hat man Waschmaschinen, Kühlschränke und hässliche Wohnungen gegeben, indem man sie mit einem giftgrünen Glorienschein des Sozialismus und des Liberalismus geschmückt hat. Es ist höheren Ortes die Festigung eines Syndikalismus nach amerikanischem Muster verfolgt worden, der jedem Befreiungsversuch streng feindlich ist und sich vor dem Intellektualismus der bewussten Leute in Acht nimmt. Die wasserdichten Schotten sind errichtet und die Kasten scharf abgegrenzt.

Nicht einmal Klassenkämpfe gibt es in diesem neuen Land, das sich als sozialistisch ausgibt und nur von einer neuen Führerklasse gestaltet wird, die durch die Umstände und die Opferbereitschaft einiger Tausender an die Spitze einer Nation im Anfangsstadium gestellt wurde, deren verschiedene Elemente gerade nivelliert und vor allem — wenn sie nicht gekauft sind — entpersönlicht worden sind.

An eine Hoffnung hätte man sich anklammern können, die fester als das bloße Verbalverlangen oder der Wunsch nach einer besseren Zukunft gewesen wäre, wäre irgendeine eigentümliche, revolutionäre Kunst aus diesem Land hervorgetreten, die eine Quelle der Kreation zum Fließen gebracht hätte. In dieser Hinsicht sind wir aber auch tief enttäuscht worden. Will ein Künstler Neues schaffen und das Gerüst eines einschränkenden Judentums zerbrechen, muss er das Land verlassen.

Eine israelische Barbarei fängt jedoch an zu entstehen und wir verlassen uns auf sie. Sie ist der neuen Generation von gebräunten Jungen und aufregenden Mädchen eigen. Die Fauna der Städte ist verdorben. Auf dem Land, d.h. in den Kibbuzim und den genossenschaftlichen Landwirtschaftsansiedlungen geht es trotz allem nach vorn. Die neuen, seit der Gründung des Landes aufgebauten Industriezweige haben ein Proletariat ins Leben gerufen und fahren damit fort — aber ein unbewusstes Roboterproletariat.

Der junge Bauer sagt sich von seinen müderen älteren Gleichen los, während der junge Proletarier zum Automaten und jeden Tag stärker entmenschlicht wird.

Nur vom Land wird Israels revolutionäres Bewusstsein kommen — aus der Wüste, der farbigen Negev, der Anstrengung. Israels revolutionäres Bewusstsein wird ebenfalls aus der Intelligenz, von einigen vernünftigen und nie ruhenden Geistern kommen. Israels Zukunft deutet sich an. Sie fängt erst an, wenn der Aufprall der neuen Kräfte, die sich an sicheren Vorzeichen erkennen lassen, auf die Geister der Israelis zurückwirkt. Bei keinem Modernismus darf man stehenbleiben.

In der wirklich revolutionären Gesellschaft zerstört sich das Neue selbst.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 4, Seite 22
Autor/inn/en:

Jacques Ovadia:

Geboren 1917 in Frankreich, gestorben 2002 in Israel. Poet, Autor und Journalist in Tel Aviv, war 1960 das einzige israelische Mitglied der Situationistischen Internationale.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Lizenz dieses Beitrags:
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