Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 49
Minna Antova • Antonia Cicero
Ökoglasnost in Bulgarien:

„Sie haben das Land liquidiert!“

In Bulgarien ist die Glasnost ökologisch. Daß sich bei einer wirtschaftlichen Umgestaltung die Probleme einer weitgehend zerstörten Umwelt nicht automatisch lösen, darüber sprachen zwei MONATSZEITUNG-Mitarbeiterinnen mit dem führenden Repräsentanten von Ökoglasnost in Sofia.

Gewerkschaftskundgebung
Fotos: Minna Antova

11.12.1989, 10 Uhr vormittags, das Stadtgericht in Sofia: Der Gerichtsakt mit der Nummer 202/1989 behandelt zum zweiten Mal die offizielle Registrierung von ÖKOGLASNOST. Der erste Versuch ist gescheitert, die Zulassung von ÖKOGLASNOST wurde abgelehnt. Die ÖKOGLASNOST-AktivistInnen gingen bis zum Höchstgericht, der Akt mußte erneut behandelt werden, und nun wird nach monatelangem Ringen und schon unter dem Nachfolger des im November 1989 gestürzten Staats- und Parteichefs Todor Schivkov, Mladenov, ÖKOGLASNOST offiziell registriert und zugelassen.

Einzelne regionale Bürgerinitiativen, damals verfemt und als dissidentisch bezeichnet, haben sich schon in der Zeit des Schivkov-Regimes gebildet. Im April 1989 schlossen sich diese Initiativen unter dem Namen ÖKOGLASNOST zusammen.

Die größten ökologischen Probleme Bulgariens sind durch die forcierte Industrialisierung im Zusammenspiel mit veralteter Technik, fehlendem Knowhow und fehlgeleiteter zentralistischer Planungspolitik entstanden. Große Industrieanlagen, z.B. das Kombinat „Kremikovzti“ nahe der Hauptstadt Sofia oder die Mineralölverarbeitungsindustrie bei der Schwarzmeerstadt Burgas, gefährden die Gesundheit der Bevölkerung.

Das geplante Atomenergieausbauprogramm der Regierung sieht den Bau von acht Atomzentren in den nächsten 10 Jahren vor, zwei davon liegen in erdbebengefährdeten Gebieten, das AKW Belene würde den Wärmehaushalt der Donau gefährlich stören. Noch wird der bulgarische Atommüll in die UdSSR exportiert, doch dort gibt es im Zuge der Perestroika wachsenden Widerstand der russischen Bevölkerung gegen Importe dieser Art. In Bulgarien selbst existieren laut ÖKOGLASNOST weder Konzepte noch technische Mittel zur Entsorgung von atomaren Rückständen. ÖKOGLASNOST fordert im Gegensatz dazu Energiesparmaßnahmen und die Entwicklung von Alternativenergien.

Die Informationspolitik der Regierung ist praktisch inexistent. Daten über den tatsächlichen Grad der Umweltverschmutzung werden nicht veröffentlicht.

Petar Slabakov

Interview mit Petar Slabakov, 67 Jahre, Vorsitzender des Koordinationsrates von ÖKOGLASNOST, Schauspieler, seit 1946 Mitglied der bulgarischen KP, dreimal aus der Partei ausgeschlossen, zweimal aus „disziplinären Gründen“ entlassen.

MONATSZEITUNG: Die Plenarsitzung von ÖKOGLASNOST hat meinen Eindruck verstärkt, daß Ihnen weitgehend eine politische Plattform fehlt.

Petar Slabakov: ÖKOGLASNOST hat von Anfang an für saubere Luft, Wasser, Boden und Nahrung, für einen ökologischen Schutz der Bevölkerung gekämpft. Diese Forderungen sind politisch. Wir sind z.B. für die Rückgabe des Bodens an die Bevölkerung — er muß erbrechtlich in das Eigentum der bulgarischen Bürger übergehen, nicht in großen Quantitäten, soviel eben bearbeitet werden kann. Nur so kann der Boden als etwas eigenes beschützt werden, für unsere Kinder. Der bulgarische Bauer ist seit 40 Jahren betrogen worden — es ist ihm immer wieder Land gegeben und wieder weggenommen worden. So sind die bulgarischen Bauern, die dem Land sehr verbunden waren, dazu gebracht worden, es zu hassen. Wir müssen Mittel finden, sie wieder zum Land hinzuführen. Ich glaube, das ist Politik.

Warum benennt sich die bulgarische Oppositionsbewegung ÖKOGLASNOST?

Ein Staatsmann kann nicht ein Politiker sein, ohne ein Ökologe zu sein. Alles ist im Augenblick mit Ökologie verbunden. Die Frage ist, ob unsere Nation überleben wird. Denken wir an die Folgen von Tschernobyl. Unsere Bevölkerung wurde nicht gewarnt. Es gibt Totgeburten, Mißgeburten, mit offenen Mägen und ähnliches, an die 6.000 Fälle sollen es sein. Wir fordern volle Aufklärung über das Geschehen um den 26.4.1986. Wer sind die Schuldigen, die keine Informationen an die Bevölkerung weitergegegeben haben? Die Nomenklatura wurde benachrichtigt — warum hat sie das Volk nicht gewarnt?

Wie sieht die ökologische Situation im heutigen Bulgarien aus?

Die ganze Katastrophe ist Folge einer falschen Landwirtschaftspolitik. Bei uns wird der Boden rücksichtslos überdüngt, das ist bekannt. Es fehlt an ökologischer Kultur der maßgeblichen Beamten, die bestimmten Institutionen empfehlen, keine Grenzwerte festzulegen. Was nach Jahren passieren wird, ahnen sie, aber sie würden ihre Arbeitsplätze verlieren, würden sie die Informationen, die der Geheimhaltung unterliegen, publik machen. Wir haben keinen einzigen sauberen Fluß. Weil wir ein zurückgebliebenes Land waren, haben wir industrialisiert, wollten nachholen, aber in Wahrheit haben wir in den letzten 20 Jahren unser schönes und fruchtbares Land vernichtet, wir haben das Land liquidiert! Das Schwarze Meer ist in einem verheerenden Zustand, das ist von internationaler Bedeutung, es sind ja auch unsere Nachbarländer daran beteiligt.

Die bulgarische Perestroika wird auch von großen wirtschaftlichen Problemen angetrieben — ein Einstieg in die freie Marktwirtschaft wird angestrebt. Wie sehen Sie dabei die Umweltschutzproblematik?

Es gibt bei uns keinen einzigen ökologisch unbedenklichen Betrieb. Die existierenden Abwässeranlagen bulgarischen Typs funktionieren nicht — sie erfüllen die Funktion von Denkmälern! Wir können keine einzige herzeigen, so wie wir keinen sauberen Fluß zeigen können. Wir haben unsere Grenzen für fremdes Kapital geöffnet, es sollen Joint-Venture-Firmen entstehen. Die anderen Länder versuchen aber, ihre chemischen Umweltsünden zu exportieren — Bulgarien soll ein einziges Chemiekombinat werden. Ja, wir würden Devisen bekommen, was haben wir aber von diesen Devisen, wenn es morgen niemanden mehr geben wird, der in diesem Kombinat arbeiten könnte, weil das Volk liquidiert worden ist.

... das heißt: Bulgarien als Abfallkübel?

Ja. Im Vorjahr haben wir aufgedeckt, daß Tabak mit starken toxischen Rückständen zur Weiterverarbeitung importiert wurde — nicht gekauft, es sind hundert Dollar die Tonne bezahlt worden, damit wir ihn übernehmen! Von einem Teil dieses Tabaks sind schon Zigaretten hergestellt worden — für den Inlandsverbrauch?! Wir führen uran‚angereichertes‘ Phosphorit (mit fünfmal mehr Uran als in Uranerzen!) aus Marokko ein, das dann zu Dünger verarbeitet wird — den unbedenklichen Dünger führen wir aber für Devisen aus. Unsere Stauseen — „R.-Damjanov“ — sind voll von Arsen.

Bei uns spricht man seit 1965 über Ökologie, aber tatsächlich ruiniert haben wir das Land in den letzten 20, 25 Jahren, da war Todor Schivkov schon 10 Jahre an der Macht. Ich glaube, wir werden mindestens 150 Jahre brauchen, um es, wenn überhaupt, wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ich habe das Gefühl, ich halte mich an dem berühmten Strohhalm fest ...

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1990
Nummer 49, Seite 34
Autor/inn/en:

Minna Antova:

Malerin, lebt und arbeitet in Baden bei Wien. Geboren in Sofia, Bulgarien; Schulbildung in Sofia, Stockholm und Wien; Studium der Philosophie und Kunstgeschichte, Universität Wien; Studium der Malerei (Diplom, (Prof. Gustav Hessing) und Bildhauerei, Akademie der bildenden Künste, Wien. Arbeitsschwerpunkte: Konstruktion und Dekonstruktion von kulturellem Gedächtnis im öffentlichen Raum; Genderverhältnise. Zahlreiche ausstellungen u.a. in: Wien, London, Madrid, Guatemalla, China, Bulgarien, Deutschland, Polen.

Antonia Cicero:

Studiert Publizistik in Wien.

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