Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2005 » Nummer 16
Gerold Wallner

Si tacuisses!

(Eine Antwort auf Jürgen Albohn)

Die Redaktion der Zeitschrift „grundrisse“ hat an „Exit!“ ein Schreiben gerichtet. Darin wird uns die Ankündigung einer kritischen Auseinandersetzung Jürgen Albohns mit der Wertkritik in einer der nächsten Nummern mitgeteilt und angefragt, ob wir dazu Stellung nehmen möchten. Nun, beides ist geschehen und hier steht also, was Jürgen Albohn in etwa zu erwidern wäre.

In etwa deswegen, weil es ein wenig schwer fällt, auf die Kritik einzugehen, die von sich behauptet, sich auf die Wertkritik zu beziehen. Das beginnt schon damit, dass der Aufsatz Albohns sich auf alles mögliche bezieht, das er undifferenziert Wertkritik nennt und dabei einen Stand der Auseinandersetzung kennt, der vor zehn Jahren aktuell war. Wenigstens was „Krisis“ betrifft, kann aber eine Entwicklung des Diskurses durch eine sich erweiternde Thematik festgestellt werden, die dann auch zu Auseinandersetzungen und Brüchen geführt hat, auf die Albohn nicht weiter eingeht. Ausgehend von der fundamentalen Wertkritik (wie sie in Krisiskreisen und zu Krisiszeiten damals so bezeichnet wurde) hat sich ein diskursiver Bogen der Theoriebildung gespannt, der über die Kritik und historischen Redefinitionen der fundamentalen Kategorien von Marx’ Werk zu einer Beschreibung dessen führt, was ich das „moderne Ensemble“ nennen möchte. Über die Kritik der politischen Ökonomie hinaus wurden Beiträge abgeliefert, die sich mit der Konstitution dieses modernen Ensembles befassen; namentlich die Aufsätze und Bücher von Roswitha Scholz zur Abspaltung brachten den feministischen Diskurs aus einer Abgeschlossenheit heraus, die auf das theoretische Dilemma „Gleichheit oder Differenz“ beschränkt war und es nicht überwinden oder auflösen konnte.

Konfrontiert mit der fundamentalen Wertkritik, in der Theorie wie Autorin zunächst nur eine randständige Rolle gespielt hatte, führte die Abspaltungstheorie (von den wertkritischen Männern als Theorem diminuiert), wie sie Roswitha Scholz auszuformulieren begonnen hatte, zu einer Verschärfung der Auseinandersetzung und zu einer Neudefinition des Diskurses. Unterstützt wurde dies durch Robert Kurz, der einerseits mit einem Aufsatz zur „Subjektlosen Herrschaft“ einen ersten Schritt in Richtung einer Metatheorie machte (ich spreche manchmal scherzhaft und in Anlehnung an die Probleme der Physik von der Formulierung einer Grand Unified Theory) und andererseits durch die Beiträge von Roswitha Scholz, die im wertkritischen Diskurs vehement dafür eintrat, die Verfasstheit bürgerlicher Subjektivität anhand von Rassismus, Antisemitismus und deren Ausformungen in den real uns begegnenden Charakteren und Typen zu einem Thema zu machen, das nicht mehr akzidenziell zur politischen Ökonomie hinzutrat, sondern die Konstitution des bürgerlichen Subjekts selbst zum Inhalt hatte.

Dies kulminierte in Artikeln und Auseinandersetzungen mit der Aufklärung und der Kritik an ihr, gleichzeitig setzte sich der Begriff der Wertabspaltung durch, der das Wort vom Abspaltungstheorem ablöste. Dieser Begriff deutete wiederum darauf hin, dass eine Gesamtheit des Modernen Ensembles in den Mittelpunkt des Theoriebildungsprozesses gerückt ist – Wertabspaltung ist nun so zu lesen wie Raumzeit in der Physik und ist die Darstellung eines gesellschaftlichen Prozesses, der durch den Fetisch Wert ebenso konstituiert ist wie durch die geschlechtliche Abspaltung, an die alles verwiesen wird, was an gesellschaftlichen Tätigkeiten und Notwendigkeiten in der Selbstbewegung des Werts, in der Verwertung seiner selbst nicht aufgeht. Dass damit begriffliche Hierarchien und Ableitungen zertrümmert wurden, dass nun Begriffe wie Gebrauchswert einer Neudefinition harrten, dass die Frage nach der Konstitution dieses Modernen Ensembles auf die Tagesordnung gesetzt wurde, versteht sich von selbst.

Es war unvermeidlich, dass dieser Prozess nicht ohne Auswirkungen auf die an ihm Beteiligten blieb. Die Aufgabe sicheren Terrains, das die fundamentale Wertkritik noch bereitgestellt hatte (mit sozusagen gepflegten Auseinandersetzungen mit einem traditionellen akademischen oder proletarisch-bewegten Marxismus und dem sorgsam gehüteten Ansehen des „bunten Vogels“), und der großtheoretische Anspruch, die gesamte Welt zu erklären zu versuchen oder dies Unterfangen wenigstens zu beginnen, führte zur bekannten Spaltung der „Krisis“-Redaktion und der Neuformierung im „Exit!“-Zusammenhang. Wie sehr sich innerhalb des wertabspaltungskritischen Diskurses die Gewichte verschoben haben, kann in den bis jetzt erschienenen Ausgaben dieser Zeitschrift (Jahrbuch wäre mehr angemessen) gesehen werden. Wohin die Reise geht, ist noch nicht abzusehen, wenn auch die Richtung fest steht.

Der von Jürgen Albohn vorgelegte Artikel beschäftigt sich nun gerade nicht mit der hier in aller Kürze skizzierten Entwicklung des Diskurses. Unser Autor bleibt gleich in den Anfängen hängen. Die Formulierung der Abspaltungskritik ist für ihn kein Thema, ebenso ignoriert er die Auseinandersetzungen mit der Aufklärungskritik. „Exit!“ mit seinen Beiträgen, die neue Themen anreißen, kommt bei ihm überhaupt nicht vor. Es scheint mir, als hätte unser Autor – und auch die angegebene Literatur deutet in diese Richtung – schon vor Jahren den Stab über die Wertkritik gebrochen und erzählte nun mit einiger Verspätung davon. Was soll ich also nun dazu sagen? Abgesehen von einem bombastischen Titel, der bloß das Ressentiment unseres Autors ausdrückt, bleibt nicht viel, das einer Antwort lohnt. Versuchen wir es trotzdem.

Ohne jetzt auf Exegesen der von ihm zitierten Marxstellen eingehen zu wollen (denn diese Exegesen sind das Grundübel der herkömmlichen Marxrezeption überhaupt; wäre etwa die Evolutionsbiologie mit ihrem Darwin ähnlich exegetisch umgegangen, hätte sie sich nie weiter entwickeln können. Aber der alte Karl Marx wird nach wie vor so behandelt, als würde seine unbestrittene Bedeutung gleichzeitig ein Verbot aussprechen, auf seinem Werk fußend eigene Gedanken zu formulieren oder Behauptungen, die sich der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verdanken, zu verwerfen) – also ohne die zitierten Stellen jetzt exegetisch zu behandeln und falsche oder richtige Interpretation durch unseren Autor zu konstatieren, möchte ich zunächst einmal festhalten, dass er durchgängig Wert und Werte nebeneinander stellt. Dies deutet auf einen Empirizismus hin, der Wert nur begreift als konkretisierten Reichtum, als tauschbare oder schon getauschte Produkte, als Waren, die schon am Individuum Reichtum dargestellt und angehäuft haben.

So kommt er auch zur Aussage, dass „der Wert eine Fließrichtung hat, nämlich vom Produktionsmittelnichtbesitzer (ArbeiterIn) zum Produktionsmittelbesitzer (Kapitalist)“. Damit behauptet er: „Dass es Klassen gibt, wird (also) von der Wertkritik als sekundäres bzw. Oberflächenphänomen kapitalistischer Vergesellschaftung dargestellt“. Was die „Fließrichtung“ betrifft, so hat unser Autor die zitierten Texte nicht sorgfältig gelesen und verwickelt sich selbst in Widersprüche dort, wo er einerseits die Marx’sche Kategorie des Werts aufrecht erhalten und verteidigen will, andererseits sie aber in „Werte“ zerlegt, die „vergleichbar (werden) durch die abstrakt menschliche Arbeit, die in ihnen steckt“. Diese Pluralisierung macht aus dem Wert, dem empirisch nicht fassbaren Wert, dem Wert des Fetischkapitels (und auf all das bezieht sich Albohn auch) eine Ansammlung konkreter – nennen wir es so – Reichtümer, die einem Teil der Menschen, nämlich der einen Klasse vorenthalten werden und zwar von der anderen Klasse. So konstituieren die Werte also in ihrer „Fließrichtung“ Ausbeutung – unser Autor spricht von „Wertraub“ –, während der Wert als „Marx’sche Kategorie“ irgendwo ein unkommentiertes Dasein fristet.

Die Werte aber tummeln sich auf einer ebenso unkommentierten begrifflichen Ebene. Das führt dazu, dass laut unserem Autor „in diesem Sinne (…) der Kapitalismus nicht nur eine ungeheure Ansammlung von Waren, sondern auch von Tauschprozessen“ sei. Ich bin bis jetzt davon ausgegangen, dass der Kapitalismus eine Produktionsweise ist, deren Reichtum sich als Anhäufung von Waren ausdrückt, wobei die Größe der Anhäufung keine Rolle spielt, sondern die Tatsache, dass außer dem warenförmigen kein Reichtum denkbar und in dieser Produktionsweise möglich ist. Die Waren aber sind keineswegs Dinge, Güter oder Dienstleistungen, die diese Tauschprozesse erst vor sich haben, vielmehr wurden sie schon als Waren produziert, und dass wir ihrer nur durch diese ominösen Tauschprozesse habhaft werden können, heißt nicht, dass sie erst im Tausch als Träger von Wert in die Welt treten. Es heißt vielmehr, dass der in ihnen geronnene Wert (ausgedrückt in einem Quantum toter, abstrakter Arbeit) nur so die fetischhafte Verbindung zwischen Produktion und Reproduktion herzustellen im Stande ist; produziert werden aber Waren als Waren im Hinblick auf die Herstellung und Befestigung dieser gesellschaftlichen Verhältnisse und Beziehungen, nicht im Hinblick auf eine Bereicherung in einem späteren Tauschprozess. Es geht also nicht um Werte, die sich erst im Tausch realisieren, wie uns der Autor weismachen will, sondern um den Wert, der die Gesellschaft des modernen Ensembles, die bürgerliche Gesellschaft, den Kapitalismus organisiert und antreibt.

Dies wäre nun eine Aussage, die aus den Erfahrungen und Traditionen des wertabspaltungskritischen Diskurses entstanden ist. Ich gestehe Jürgen Albohn durchaus zu, dass über sogetane Aussagen trefflich zu disputieren wäre. Aber was er anbietet, ist kein Einstieg in einen Disput, da er ja die Positionen der Wertabspaltungskritik nur verkürzt oder gar nicht darstellt. Dazu kommt eine etwas ärgerliche Verwirrung, die aus den Pluralisierungen von Begriffen herrührt. Nehmen wir uns ein weiteres Beispiel, wenn unser Autor uns unter dem Zwischentitel „Dichotomie von Gebrauchswert und Tauschwert und soziale Praxis“ folgendes nahe bringt: „Würde man jedoch das von der Wertkritik aufgespannte Theoriegebäude hier konsequent zur Anwendung bringen, so könnten die ArbeiterInnen aus den Fabriken ruhig wieder rauskommen, weil sie dort natürlich Produkte herstellen, die weniger den Charakter von Gebrauchswerten, sondern eher den von Tauschwerten hätten.“ Wir erinnern uns, es geht um eine Würdigung der Fabriksbesetzungen in Argentinien, die zum Zeugnis dafür genommen werden, dass die Wertkritik (und damit auch die nicht erwähnte, nicht studierte, nicht zitierte, wohl auch nicht begriffene Wertabspaltungskritik) zu diesen Vorgängen kein Verhältnis hätte, schlimmer noch, dass wir dem Proletariat rieten, erst gar nicht zu kämpfen und solchen Unfug sein zu lassen.

Ja, nun ist die Angelegenheit etwas komplizierter. Daraus, dass wir die Auseinandersetzungen zwischen den Klassen als Binnenverhältnis des Modernen Ensembles beschreiben und verstehen – wir bestreiten ja keineswegs die Existenz von Klassen, wir halten lediglich den Begriff der Klasse der Entwicklung der modernen Wissenschaften geschuldet und ihrer Beschreibung mit ihren Mitteln –, daraus also zu folgern, wir würden gesellschaftliche Praxis ablehnen und ein Eintreten für Interessen schon für falsch halten, daraus zu folgern, wir würden soziale Kämpfe, die sich inhaltlich, wenn auch nur in nuce, den Aporien des Kapitalismus entgegen stellen, nicht unterstützen, daraus zu folgern, wir hätten kein Verhältnis zur Praxis, ist hanebüchener Unsinn. Eher wäre es hier angebracht, zwischen sozialen Kämpfen, die sich aus den Widersprüchlichkeiten der Gesellschaft entwickeln (und wozu im Übrigen auch und gerade der Theoriebildungsprozess gehört), und Klassenkämpfen, die sich als ein Moment dieser Bewegung, als Teil der Durchsetzungsgeschichte der Moderne darstellen, zu unterscheiden. Dies tut aber unser Autor nicht und das macht es auch so ärgerlich schwer, das von ihm Vorgelegte zu kritisieren. Er wirft uns ja vor, das zu tun, von dem wir behaupten, dass wir es tun, nämlich einen theoretischen Diskurs zu führen und Theoriebildung voran zu treiben. Ist aber diese Beschäftigung, der wir uns unterziehen, keine Praxis? Das wäre so, bezogen etwa auf einen Betrieb, als wäre die Abteilung Forschung und Entwicklung von der Produktion abgeschnitten und hätte mit ihr nichts zu tun, würde behaupten, die Produktion selbst wäre unnötig.

Jedenfalls geht der zitierte Vorwurf ins Leere. Das bedeutet aber umgekehrt nicht, dass wir, wie es uns Jürgen Albohn unterstellt, die Arbeiterinnen und Arbeiter aus ihren besetzten Fabriken nach Hause schicken würden. Es bedeutet jedoch, dass wir die Unterstützung, die ihnen von Leuten wie unserem Autor zuteil wird, dahin gehend überprüfen und disputieren, wie weit sie nutzbringend ist oder ob sie bloß auf einem empathischen Zuspruch beruht, der auf einer affirmativen Ebene verbleibt, ohne das gesellschaftliche Geschehen zu durchdringen.

Da gibt es zu der inkriminierten Stelle aus Albohns Aufsatz einiges zu bemerken. Zunächst ist auffällig, dass er von Gebrauchswerten spricht, also wieder der Pluralisierung verfällt. Wie ich weiter oben festgestellt habe, nimmt der Reichtum in der bürgerlichen Welt, in der kapitalistischen Produktionsweise, im Modernen Ensemble die Warenform an. Die Ware wiederum ist Träger von Gebrauchswert wie von Tauschwert. Wir können es uns nun erlauben, Gebrauchswert und Tauschwert mit ihrem Wortbestandteil „Wert“ ernst zu nehmen, das heißt wir gehen über die Einleitungssätze des „Kapitals“ hinaus und wollen den Begriff Gebrauchswert theoretisch füllen. So gehen wir über die schiere Nützlichkeit eines hergestellten Gegenstands hinaus. Wir betrachten „Wert“ als den Vergleich und „Gebrauch“ als die gesellschaftlich unhintergehbaren Formen der Anwendung; so ist es auch der Gebrauchswert einer Ware – neben der Garantie, mit der Ware, ist sie erst rechtmäßig erworben, machen zu können, was gerade beliebt (im Rahmen der – wiederum – bürgerlichen Rechtsform) –, dass sie eben als Ware zu behandeln ist, wofür sie ja hergestellt wurde. Dies mag nun tautologisch klingen, aber auf dieser Tautologie beruht ja auch die ganze Sache mit dem „besonderen Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft“.

Deren „Besonderheit“ – so gesehen – liegt eben nicht nur in der Fähigkeit, Mehrwert zu produzieren (also sich ausbeuten zu lassen, in traditionell exegetisch marxistischen Kriterien), sondern ihr Gebrauchswert tritt auch als „Allgemeines“ auf, das für den gesellschaftlichen Verkehr durchgehend gilt und die Warenproduktion und die Wege der Selbstverwertung des Werts garantiert ebenso wie die Zustimmung der Gesellschaftsmitglieder, dass sich eben „Proletarier“ nicht nur als ausgebeutet sehen und darstellen können, sondern auch als wertvoll und nützlich; Gebrauchswert bezieht sich also auf den Gebrauch, den diese spezifische, historisch beschreibbare Gesellschaft von sich selbst und ihren Produkten in ihrer eigenen Weise macht. Dies hat mit der kruden Nützlichkeit von Eisen oder Weizen nichts zu tun, denn wenn eine Ware als Gebrauchswert und als Tauschwert auftritt, so tun dies Gebrauchswert und Tauschwert gemeinsam – es können also nicht eher Gebrauchswerte oder eher Tauschwerte produziert werden, solange Waren produziert werden. Denn der Gebrauchswert bestimmt über das Dasein eines Guts als Ware genauso wie der Tauschwert und ist dem Inhalt des Guts gegenüber genauso neutral. Der Gebrauchswert legt fest, dass etwas nur als Ware zu gebrauchen ist, dass etwas nur als Ware auf seine Nützlichkeit hin überprüft werden kann, wie etwas in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die durch Wert und Abspaltung konstituiert werden, eine Gestalt als Lebensmittel annehmen kann.

Der Gebrauchswert also bestimmt, grob gesagt, die Trennung von Produktion und Reproduktion, rechtfertigt die Abspaltung des Weiblichen, definiert die Repräsentanz, organisiert den sozialen Konsens – kurz, er zeigt Nützlichkeit nicht am stofflichen Inhalt eines Guts, sondern an der Gesellschaft des Modernen Ensembles überhaupt.

Auch dies wäre wieder ein Satz, der bloß aus dem wertabspaltungskritischen, theoretischen Diskurs zu verstehen ist. Jürgen Albohn könnte hier durchaus ansetzen mit Fragestellungen, ob wir hier nicht etwas ausblenden, was für die Menschen, seit es Menschen gibt, konstitutiv und verbindend ist, etwa dass Dinge eben immer nützlich sind oder nützlich gemacht werden. Er könnte unsere Stellung zu Ontologie und Geschichte, zu Kontinuität und Einzigartigkeit hinterfragen und andere Gewichtungen in den Vordergrund schieben; er könnte diskutieren, ob die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen nicht doch ein Verbindendes in der Geschichte der Menschheit darstellt. Aber zu so einem Verständnis von Wertkritik ist unser Autor ja gar nicht vorgestoßen und es ist die Frage, ob er das überhaupt vorhat. Sein Satz von den Gebrauchswerten jedenfalls kritisiert weder unsere Position noch erhellt sie seine eigene.

Was hier übrig bleibt, als Residuum seines Vortrags, ist, dass Jürgen Albohn eine Präferenz für politisches Handeln erahnen lässt, das sich auf eine Klasse bezieht, die ihr Handeln autonom gestaltet, die andere Klasse (die in dieser Darstellung nicht mehr benannt und beschrieben wird – hier verfällt unser Autor bezeichnender Weise in eine Singularisierung) zu Reaktionen veranlasst und dies schon für eine Errungenschaft in der gesellschaftlichen Bewegung hält. Dieses politische Handeln würden wir zwar noch immer als Binnenverhältnis in der bürgerlichen Gesellschaft halten, was uns aber nicht der Aufgabe enthebt, zu bestimmen, wie und warum dieses moderne Ensemble im Hinblick auf seine Überwindung zu kritisieren ist. Welche Vorsicht nun bei Aneignungsaktionen, bei Aufbrüchen in soziale Experimente zu beachten, welche Konsequenzen und Erfahrungen aus vorangegangenen Kämpfen zu ziehen sind, muss in diesem Sinn in einem wertabspaltungskritischen Diskurs eine prominente Stellung haben. Welche Identitäten in der bürgerlichen Subjektivität aufgebrochen werden müssen, in rassistischer, sexistischer, wissenschaftlicher, soziologischer Hinsicht, wie dieses Aufbrechen über „Klassen“ hinweg fegen muss (so wie sich französische Adlige in der Zeit der Großen Revolution nun als Angehörige des Dritten Standes sahen, die alten Identitäten der Standesordnung aufbrachen und einer Klassengesellschaft den Weg bereiteten) und nun beide Klassen zu gemeinsamer Überwindung der alten Verhältnisse zwingen wird, dies umfasst ein Gebiet gesellschaftlicher Praxis, das theoretisch beschrieben werden muss wie es auch praktisch sich erst entwickeln wird.

Aber auch davon ist bei Jürgen Albohn nicht die Rede. Es beschleicht mich der Verdacht, dass die vorgelegte Kritik sich darauf beschränkt, eine Zurückweisung eines theoretischen Diskurses, ein Behaupten eines Wissensstandes und eines Praxissegments, eine alltagskämpferische Identität, dies alles schon vor längerer Zeit gewonnen und herausgebildet, zu rechtfertigen und dafür zu werben. Wie gesagt, dies ist nichts, was ich unserem Autor zum Vorwurf mache. Was ich ihm vorwerfe, ist, dass er Kritik nennt, was bloß Apologetik seiner eigenen Existenz ist.

Es bleibt ihm unbenommen, sich auf die Seite einer Klasse zu schlagen und deren Aktivitäten wie auch immer praktisch und theoretisch zu begleiten und gut zu heißen; wie es auch uns unbenommen bleibt, an den Satz von der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen die Frage danach anzuschließen, was denn Klassen seien, wie, wozu und wann dieser Begriff als wissenschaftliches Instrumentarium entwickelt wurde und zu welcher Beschreibung welcher gesellschaftlichen Zustände er nun taugt. Was ich aber vehement zurückweisen muss, ist die bösartige und nicht begründete Behauptung, wir würden auf Grund unserer Theorie Klassenkämpfen eine Absage erteilen und es damit bewenden lassen, dass der Kapitalismus ohnehin zusammenbreche. So eine Aussage ist mit dem wertabspaltungskritischen Diskurs nicht vereinbar und in unseren Publikationen auch nicht zu finden. Keins von uns hat je diese Behauptung aufgestellt.

Aber eines sollte in diesem Zusammenhang unbedingt Erwähnung und Erwägung finden, um unsere Position klar dargestellt zu wissen, wenn Jürgen Albohn schon diese Darstellung in seiner „Kritik“ schuldig bleibt. Ein Bezug auf Klassen, so wie er im traditionellen Marxismus gemacht wird, stellt gleichzeitig einen Bezug zur Arbeit her. Dabei wird die Anstrengung, die Marx gemacht hat, um zu einer kritischen Beschreibung und Durchdringung der kapitalistischen Verhältnisse zu gelangen, verkürzt und auf den Kopf gestellt. Um auf ein Beispiel aus dem besprochenen Aufsatz heranzuziehen: Wenn Kapitalismus als eine Ansammlung von Tauschprozessen dargestellt wird, so ist die Grundlage für so eine Darstellung, dass nämlich erst der Tauschprozess den Wert, richtiger in Albohns Behauptungen die Werte, realisiere, ein schon auf der Ebene der Produktion angesiedelter ursprünglicher Tauschprozess. Der allerdings bezieht sich darauf, dass für die Ware Arbeitskraft nun ein Preis bezahlt werde, der nicht der von der Arbeitskraft hergestellten Menge an Werten entspricht - dieser ursprüngliche Tausch, ein vorgeblich ungerechter, konstituiert das Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis unserer Gesellschaft. So die traditionelle Darstellung akademischer oder proletarischer Marxrezeption.

Ausgeblendet bleibt dabei aber, dass dieser Tausch nur vorgeblich ungerecht und nur vorgeblich Tausch ist. Es wird hier nämlich ein Verhältnis konstituiert und das besteht darin, dass Arbeit – und zwar schon als abstrakte Arbeit – gegen die Garantie des Erhalts der gesellschaftlichen Verhältnisse „getauscht“, richtiger mit der Garantie des Erhalts gesetzt wird. Arbeit lässt sich so gesehen nicht als Eigenschaft des Proletariats verorten, nicht als Tätigkeit einer sozial definierbaren Klasse, auch nicht als ontologisches Tätigsein der Menschheit schlechthin, das nur im Kapitalismus seine pervertierte Gestalt erhält, sondern als Verhältnis, das alle Beteiligten umfasst, welche konkrete Ausformung auch immer die je konkrete Unternehmung oder Lohnarbeit der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft – der Subjekte also – , annehmen mag. Wird aber Arbeit so nicht gesehen, also nicht als etwas, was diese Gesellschaft konstituiert und dies nur, indem sie als abstrakte und damit vergleichbare Arbeit alle gesellschaftlichen Prozesse einer bestimmten, historisch einmaligen Situation (meinetwegen „Produktionsordnung“) aufeinander bezieht, so erscheint sie als etwas Immerwährendes, Ewiges, als „Stoffwechsel mit der Natur“ anstatt als Stoffwechsel mit der Gesellschaft, die sie hervorbringt und antreibt, erscheint sie dann unter eine Herrschaft unterworfen, grad so, als wollten sich Leute anschicken, zu herrschen und zu diesem Zweck den Kapitalismus in die Welt setzen.

Was wir nun sagen, ist, dass der Kapitalismus an inhärente, innere Grenzen stößt, seine eigene innere Schranke hat, an der er mit sich selbst in Widerspruch gerät; und selbst diese Behauptung ist in den Debatten um Marx’ Werk nichts Neues. Über diese unsere Aussagen und Beschreibungen verliert aber Jürgen Albohn kein Wort, dabei wäre hier genau der Punkt, an dem sich Dispute und Debatten lohnten: wie weit nämlich und über welche Verhältnisse hinaus sich Kämpfe entfalten müssen. Was bis jetzt unberücksichtigt und unbegriffen geblieben ist in den revolutionären Aktivitäten, wie sie deswegen zum Scheitern verurteilt waren, welche Auswirkungen, Stagnationen und Rückschritte dies in der Linken ausgelöst hatte, wäre Thema einer kritischen Auseinandersetzung mit der Wertabspaltungskritik, auch wie weit sie versucht, darauf Antworten zu geben, wie weit sie damit bis jetzt erfolgreich war oder auch nicht. Wenn nun im Zentrum unserer Überlegungen neben einer aktuellen Formulierung der Kritik der politischen Ökonomie auch die Subjektkonstitution steht, durch die Arbeiten von Roswitha Scholz ein Weg freigeschlagen wurde, die bürgerliche Gesellschaft als totalitäres Ensemble zu sehen, in dem die Abspaltung des Weiblichen nicht als untergeordneter, abgeleiteter Widerspruch begriffen wird, auch nicht als das andere Entgegengesetzte, hoffnungsfroh Transzendierende, sondern als mit dem Fetisch Wert gleichzeitig und gleichsam „gleichräumig“ die Gesamtheit der Gesellschaft bestimmt, dann sind dies Themen, die die Kämpfe und auch die Neugestaltung betreffen.

Jürgen Albohn aber sieht das anders. Er tritt an mit dem Vorhaben, nachzuweisen, „dass zentrale theoretische Inhalte der spezifischen Marxinterpretation dieser Wertkritik keine Praxisimplikationen besitzen, mehr noch den Prozess emanzipativer Praxis im Hinblick auf das Widerspruchsverhältnis Kapital und Arbeit theoretisch blockieren“. Je nun; diesen Nachweis führt er nicht. Vielmehr bleibt er auf der Ebene soziologischer Beschreibungen hängen, wenn er Kapital und Arbeit als Widerspruchsverhältnis beschreibt. Dass Kapital und Arbeit einander bedingen, ja, das das eine das andere ist, wird zwar erhellend, wenn die Abstraktionsebene weit genug vorangetrieben wurde, aber das ist ja nicht unseres Autors Anliegen. Er ordnet einfach Kapital und Arbeit klassenmäßig definierten, soziologisch-empirisch erfassten Menschengruppen zu, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass diese Menschengruppen ja auch abstrakt beschrieben werden, wenn es um die Gesamtheit des Modernen Ensembles und der Bewegung der Wertverwertung, um die Wertabspaltung geht. Da aber ist es durchaus möglich und geschieht im übrigen auch, dass so eine empirische Gesellschaftsklasse als Kapital beschrieben erscheint, als variables Kapital. Ebenso würde jedes Mitglied einer anderen empirischen Gesellschaftsklasse, der Bourgeoisie, empört und entrüstet die Unterstellung zurückweisen, es würde nicht arbeiten.

Die (revolutionäre) Praxis aber, die Jürgen Albohn der Theorie zur Seite stellen will und die Theorie dafür kritisiert, dass sie diesen Praxisbezug nicht aufweise, kommt ihm unter der Hand wieder nur als die empirische Tätigkeit, als das empirische soziale Verhalten definierter Gruppen, als Agieren und Reagieren daher. Wenn wir aber die Aporien von Kapital und Arbeit, um in diesem Bild zu bleiben, überwinden wollen, so wollen wir nicht einsehen, warum ausgerechnet bloß eine Art von Klasse unter den Zumutungen leidet, die diese Gesellschaft bereit hält. Alle oder keins – so beantworten wir die Frage nach denen, die diese gesellschaftlichen Verhältnisse umstoßen müssen; und danach richten wir auch die Frage, was denn nun revolutionäre Praxis sei.

Jürgen Albohn schweigt sich hier aus. Die innere Schranke – ein zentraler Bestandteil unseres theoretischen Diskurses – kommt bei ihm nicht vor. Die Abspaltung – unbekannt und unkommentiert. Subjektkonstitution, Aufklärungskritik, Moderne und Vormoderne – für unseren Autor unbeschriebene oder richtiger ungelesene Blätter. Wie also soll ich auf eine so geartete Kritik, die nur unter Anführungszeichen so genannt werden kann reagieren? Ich hätte ihm ja erst die Argumente in den Mund legen müssen, die gegen unseren Diskurs als Kritik ins Treffen geführt werden könnten. Ich hätte ja ihm die Feder führen müssen, mit der er Argumente aus unseren Diskussionen aufgreift, um sie an den eigenen Argumenten zu prüfen. Aber ich kenne ja seine Argumente gar nicht, die sich auf etwas beziehen, was wir geschrieben haben.

Ich habe es wenigstens versucht. Nicht verhehlen möchte ich aber, dass ich der Meinung bin und war – und dies auch der Redaktion der „grundrisse“ mitgeteilt habe, bevor ich mich an die Antwort gemacht habe –, dass sie weder sich selbst noch Jürgen Albohn einen guten Dienst mit dem Abdruck seines Aufsatzes erwiesen hat. Diskussionen, so denke ich, sollten anders geführt werden; hier aber sieht es danach aus, dass zwei Kontrahenten in den Ring geschickt werden zum Gaudium des Publikums. Was dann dabei heraus kommt, ist bloß Schattenboxen, und ich hoffe, dass es in diesem Rahmen das letzte Mal war.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2005
Nummer 16, Seite 26
Autor/inn/en:

Gerold Wallner:

Freier Autor und Anbieter antiquarischer Bücher in Wien.

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