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V. B.

Sextourismus

Sextourismus ist vorallem durch das ernorme wirt­schaftliche und soziale Gefälle zwischen erster und dritter Welt möglich: Das heutige Ausmasß des Sextourismus ist das Abbild des ungerechten Verhältnis zwischen Nord und Süd. Durch das wirt­schaftliche Machtgefälle wird den Industrieländern ermöglicht Länder der dritten Welt und deren Ressourcen auszubeuten. Es herrschen koloniale Verhältnisse und Frauen, Jugendliche werden als Konsumgut betrachtet. Die Frauen sind mehrfacher Unterdrückung ausgeliefert. Einerseits als Teil der dritten Welt, andererseits als Frau.

Durch die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern und das Erleben der Sexualität für die Ausgebeuteten, wird ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Daseins stark beeinträchtigt. Automatisch wird dadurch auch eine gesamtgesellschaftliche Fragestellung, z.B. Ausübung von Macht, die Stellung der Frau in der Gesellschaft, den llmgamg mit sozialen Randgruppen, die Entstehung von rassistischen Einstellungen, aufgeworfen.

Die Länder der dritten Weit befinden sich in einer Verschuldungskrise und es kommt zur Verarmung und Verelendung breiter Bevölkerungsschichten, worunter besonders die Frauen und Kinder leiden. Obwohl viele Frauen und Kinder die Prostitution als Überlebensstrategie wählen, kann schwerlich von freiwilliger Prostitution gesprochen werden. Die Mehrheit der Prostituierten möchte möglichst schnell wieder aussteigen, doch es bie­ten sich ihnen kaum alternative Arbeits- bzw. Verdienstmöglichkeiten. Da Prostitution in keinem der einschlägigen Fernreiseländer uneingeschränkt erlaubt ist, sind Frauen und Kinder durch Regelmentierung und offi­zielles Verbot vielfältigen Repressionen ausgesetzt. Sextourismus und Kinderprostitution werden zunehmend von nationalen und internationalen Syndikaten organi­siert, wobei unklar ist inwieweit westliche Geschäftsleute bzw. Unternehmen in diese Praktiken verwickelt sind und Profit daraus schlagen.

Durch die weltweite Auffassung, Aids durch die Isolierung der sozialen Randgruppen, die für die Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht werden, in den Griff zu bekommen, wird die Situation der Prostituierten weiter verschlechtert. Sie werden zu Sündenböcken gemacht, in Aidszentren isoliert und zu staatlichen Maßnahmen, z.B. regelmäßigen Zwangstests, gezwungen.

Eine effiziente Aidspravention wird durch die Kriminalisierung der Prostituierten, die Ablehnung der Öffentlichkeit und in den Familien, verhindert. Von offiziel­ler Seite wird die Aidsproblematik verharmlost oder totge­schwiegen. Frauen, Jugendliche und Kinder sind vor allem durch ihren allgemein schlechten Gesundheitszustand für den HIV-lnfekt empfänglich und der Krankheitsverlauf wird beschleunigt. Mit ausreichender medizinischer Versorgung ist nicht zu rechnen und die Betroffenen könn­ten sie auch nicht bezahlen. In der Hoffnung das Ansteckungsrisiko zu vermindern, floriert die Kinderprostitution. Immer jüngere Opfer werden sexuell ausgebeutet. Dabei steht nicht nur das sexuelle Erleben, sondern vor allem auch die Ausübung von Macht und Gewalt im Vordergrund.

Reisen in die einschlägigen Fernreiseländer stehen wei­terhin hoch im Kurs, wobei die Prostitution als Aushängeschild für die Tourismuswerbunhg und -förderung dient. Die Medien bekräftigen die traditionelle und verbreitete Vorstellung des Reisens mit Freiheit. Dadurch wird den Sextouristen erleichtert gesellschaftliche Zwänge abzustreifen, die im Alltag ihr Verhalten normieren und bestimmen. Obwohl die Sextouristen über Safer Sex-Praktiken ausreichend informiert sind verhalten sie sich risi­koreich und verzichten auf Schutzmassnahmen beim Geschlechtsverkehr. Die Freier setzten sich, die Prostituierten und ihre PartnerInnen zu Hause dem Infektionsrisiko aus. Die Ausgangslage und damit auch die Verantwortlichkeit der beteiligten Personen ist jedoch grundverschieden: Die einen wählen das Risiko in freier Entscheidung zum Zwecke des Lustgewinns, die anderen sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage dazu gezwungen. Da sich die professionellen Prostituierten in den Industrieländern meist ausreichend schützen, weichen Freier, die ungeschützten Verkehr ver­langen, auf Prostituierte aus, die sich aufgrund ihres finan­ziellen und sozialen Drucks nicht leisten können, sie abzuweisen. Das sind vor allem drogenkonsumierende Frauen auf dem Strich, Frauen aus der dritten Welt und Prostituierte in Fernreiseländern. Das Thema des Sextourismus wird, obwohl offensichtlich viele Männer aus den Industrieländern wegen flüchtiger sexueller Kontakte in ferne Länder reisen, nicht angetastet, sondern ist ein gesellschaftliches Tabu. Solange der Sextourismus verharmlost und verschwiegen wird, ist es unmöglich indi­viduelles Verhalten zu reflektieren und Untersuchungen zu diesem Thema werden als „lustfeindlich“ abgetan.

Die mit den Fernreisenden in Kontakt stehenden Branchen zeigen sich bisher weder für die Vermitlung von Hintergrundinformation über Tourismus, Prostitution und Aids, noch für aidspräventive Massnahmen zuständig. Ebenso zeigen Politiker und Behörden in den Herkunftsländern der Sextouristen wenig Interesse am Thema Prostitutionstourismus. Die Reiseveranstalter machen einträgliche Geschäfte und versuchen systematisch ihre Verantwortung herunterzuspielen und das Ausmass des Sextourismus mit falschen Zahlen zu negieren.

Das Thema wurde von den Medien in letzter Zeit zwar ver­stärkt aufgegriffen, doch nicht die sachliche Aufklärung, sondern die Auflagenzahl und Einschaltquoten stehen im Vordergrund. Beliebt sind reisserische und sensationslü­sterne Berichte, die das Sextourismusgeschäft eher ankurbeln als eine kritische Diskussion darüber auslösen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1999
Nummer 2, Seite 5
Autor/inn/en:

V. B.:

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