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Thomas Schmidinger

Sex in der patriachalen Warengesellschaft

In einer Patriachalen Warengesellschaft ist auch der Sex ein patriachaler Warenaustausch. Insbesondere in heterosexuellen Beziehungen spielt der patriachale Charakter unserer Gesellschaft auch beim Sex und in sexuellen Beziehungen eine Rolle. Den Warencharakter behalten Beziehungen aber auch lesbische und schwule Beziehungen bei.

Einige unsystematische Gedanken über Patriachat, Kapitalismus, Warengesellschaft, Monogamie, Polygamie und „Freie Liebe“ ...

HERRschaft und Fortpflanzungskontrolle

Niemand weiß genau wann, warum und wie sich das Patriachat herausgebildet hat, wann,warum und wie sich die Monogamie herausgebildet hat. Der Mythos vom „Urmatriachat“ läßt sich ebensowenig beweisen wie jener eines „Urkommunismus“ oder einer ursprünglichen Patrilinearität.

Tatsache ist aber auf jeden Fall, daß die Herausbildung patriachaler Gesellschaftssysteme sich erst in einem relativ jungen Stadium der Menschheitsgeschichte endgültig durchsetzte. Noch heute gibt es (Rest-?) Gesellschaften die egalitär oder matriachalisch organisiert sind. In der „alten Welt“ dürfte der Siegeszug des Patriachats aber spätestens mit der Herausbildung der ersten frühen Staaten, der Hirtengemeinschaften,.. im 10 Jahrtausend v.Chr. weitgehend abgeschlossen worden sein (wenn sich auch oft noch lange stärkere Positionen von Frauen hielten).

Zeitgleich ist auch das Aufkommen monogamer Einehen oder polygyner Eheformen zu beobachten.

Es liegt die These nahe, daß das Herausbilden der Monogamie, bzw. der „Treue“ der Frau eng mit dem Patriachat und der Entstehung eines Erbrechtes verbunden ist.

Mit der Schaffung von Privateigentum das über persönliche Gegenstände hinausging wurde ein Erbrecht notwendig. Dieses bedingte, daß Männer wissen wollten wer ihre Kinder sind. Die Mütter von Kindern sind ja immer bekannt. Ein Mann konnte jedoch erst die Sicherheit haben, daß ein Kind das seine ist, wenn er die Frau dazu bringen konnte nur noch mit ihm Geschlechtsverkehr zu betreiben, er also die Kontrolle über die Fortpflanzung der Frau ausüben konnte. HERRschaft bedeutete also von allem Anfang an die Kontrolle der Männer über die Sexualität und Fortpflanzung der Frauen.

Das Mittel dazu war die Monogamie. Nur ein Mann der verhindern konnte, daß seine Frau mit anderen Männer Sex hatte konnte sich sicher sein, daß die Nachkommen dieser Frau auch seine Nachkommen sind. So wurde die Monogamie die konkrete Beziehungsform des Patriachats. In bestimmten Weltgegenden wurden daneben — wohl auch als Folge eines Frauenüberschußes den Kriege, Blutrache und Stammesfehden unter den Männern erzeugt hatten — auch polygyne Beziehungen erlaubt, die aber dieselbe Funktion erfüllten. Auch hier hatte ein Mann die alleinige Verfügungsgewalt über die Fortpflanzung seiner Frau(en).

Die „Freie Liebe“ der Männer

Erst im Zuge der „Sexuellen Revolution“ der späten Sechziger und Siebzigerjahre in Europa und Nordamerika lösten sich diese starre Monogamie auf. Nicht uninteressant dabei, daß die Lockerung der totalen Verfügungsgewalt eines einzelnen Mannes über eine einzelne Frau parallel zur Entwicklung von Technologien ging die die unzweifelhafte Feststellung der Vaterschaft ermöglichten (DNA-Analyse, Bluttests, ...). Genetische Vaterschaft konnte nunmehr mit anderen Mitteln festgestellt werden als mit der alleinigen Fortpflanzungsmöglichkeit einer Frau mit einem Mann. Mit anderen Worten: Auch wenn eine Frau mit verschiedenen Männern „freie Liebe“ praktizierte konnte sich dann ein bestimmter Mann durchaus in seiner Vaterschaft sicher sein, sollte das Kondom einmal geplatzt sein oder die Pille versagt haben ...

„Freie Liebe“ wurde als Befreiung der Sexualität verkauft. In der Realität war sie jedoch die Befreiung männlicher Sexualität. Sie wurde zur offeneren Möglichkeit für Männer verschiedene Frauen „zu ficken“ und ignorierte, daß im Patriachat auch weiterhin unterschiedliche Zugangsweisen und Beurteilungen der Gesellschaft gegenüber männlicher und Weiblicher Sexualität existieren. Männer wurden nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch in der Linken als besonders toll betrachtet wenn sie viele Frauen „hatten“. Frauen die es ebenso machten waren auch allzuoft in der Linken suspekt. Und wenn nicht, dann namen sie im Doppelgestirn von „Heiliger und Hure“ eben nur den zweiteren Part ein.

Zudem verkehrten sich die Zwänge der Monogamie in Teilen der Gesellschaft zu einen regelrechten Fickzwang. Nicht umsonst hieß es bei den ach so freien 68ern: „Wer zweimal mit der gleichen pennt gehört schon zum Establishment“. Zu beachten ist dabei, daß es selbst in diesem Satz wieder die Männer waren die mit einer Frau pennen und nicht umgekehrt.

Verschiedene falsche Antworten

Die richtige Kritik daran führte Teile der feministischen Szene zu einer Rückkehr zur Monogamie oder zur Propagierung eines politischen Lesbischen Separatismus der sexuelle Orientierung zum politischen Programm erklärte und hetero- und bisexulle Frauen zu Kollaborateurinnen des Patriachats.

Dabei wurde von jenen die die Rückkehr zur Monogamie forderten übersehen, daß monogame Zweierbeziehungen auch unter veränderten Vorzeichen das Produkt des Patriachats bleiben, daß sie zwecks Fortpflanzungskontrolle der Frauen geschaffen wurden und nur sehr schwer umzufunktionieren sind. Das Resultat waren neue Geschlechterrollen im wahrsten Sinne des Wortes. Männer spielten Theater und Frauen ließen sich was vorspielen.

Wie viele scheinbar emanzipierte Männer haben es jahrelang geschafft ihren feministischen Frauen eine emanzipatorische Monogamie vorzuspielen, die sich am Ende in Lug unt Trug verpuffte. Auch in Wien sind diese linken Männer in der Linken geblieben und die Frauen haben sich nur zu oft aus dieser Linken verletzt zurückgezogen. Eine Thematisierung des „Privaten“ von dem wir so oft gesagt haben, daß es „politisch“ ist fand in den konkreten Fällen nie statt. Männer spielen sich und den Frauen vor monogam und emanzipiert zu sein. Eine wirklich emanzipatorische Beziehungsform wurde damit auch nicht erreicht

Die andere Antwort darauf bestand zwar in einer Revision der „Fickzwänge“ der Siebzigerjahre. Das grundsätzliche theoretische Modell wurde aber nur selten hinterfragt. Die Illusion sich innerhalb einer patriachalen Warengesellschaft eine private Welt zu schaffen die zugleich frei und emanzipiert ist blieb — wenn auch manchmal unausgesprochen — bestehen.

Sexualbeziehungen als Warenbeziehungen

Sexualbeziehungen sind in einer Warengesellschaft Warenbeziehungen. Das bleiben sie so lange der Kapitalismus und das Patriachat existieren und das bleiben sie auch in der Linken. Die Waren „Liebe“, „Sex“, „Zuwendung“, „Sicherheit“, „Geld“, „Ansehen“, ... werden getauscht. In der Linken ändert sich da zwar teilweise der Tauschwert dieser Waren, der grundsätzliche Charakter der Sexualbeziehung als Warenbeziehung ändert sich aber nicht.

Was Gerog Lukács bereits in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ als „Verdinglichung“ beschrieben hat ist wohl weniger die Veränderung von allem zu einem „Ding“ im Kapitalismus, als die Veränderung zur Ware. Zu so einer Ware mit Tausch- und Gebrauchswert ist eben auch Liebe, Sex, Beziehung, ... geworden.

An einer Veränderung dieser Situation zu arbeiten ist zwar wichtig und gut, kann aber nur durch die Abschaffung der Warengesellschaft an sich erreicht werden. In einer Gesellschaft in der alles „Ware“ ist, können die menschlichen Beziehungen davon nicht ausgenommen sein.

Trotzdem versuche natürlich auch ich mit dieser Warengesellschaft wo möglich zu verweigern, denn schließlich scheint die Abschaffung der Warengesellschaft in ziemlich weiter Ferne gerückt. Zu behaupten mensch hätte dies aber für sich selbst schon geschafft und müsse nur noch auch den Rest der Gesellschaft von dieser Art der „freien Liebe“ überzeugen, ist jedoch genauso naiv wie zu glauben, daß mensch in einer kleinen Gruppe den Kapitalismus abgeschafft hätte.

Sebst bei größten Bemühungen bleiben wir immer von einer patriachalen, heterosexistischen, besitzergreifenden Warengesellschaft umgeben und beeinflußt, auch und gerade in der Sexualität.

Marktplatz der Beziehungen

Dabei ist es durchaus nicht nur die Ebene sexueller Beziehungen die sich nach Marktwirtschaftlichen Kriterien zu einem Marktplatz des Wert- und Warenaustausches entwickelt hat. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts interagieren Menschen beinahe in jeder Beziehung nur mehr als Marktsubjekte, als Anbieter und „Verbraucher“ von Werten. Soziale Bindungen, Freundschaften, Liebe, ... funktionieren hier genau gleich wie ein Markt an dem Äpfel oder Birnen, Wertpapiere oder meinetwegen Kaffee gehandelt wird.

Es wird in Freundschaften, Beziehungen investiert (Zeit, Geld, Liebe, Unterhaltung, ...) um später irgend etwas zurückzubekommen. Auf dem Marktplatz der Beziehungen befinden sich Menschen mit höherem und niederem Tauschwert. Schönheit, Beliebtheit, Wortgewandtheit, Bildung, Macht, Wohlstand, ... all dies sind Werte die den Tauschwert einer Person erhöhen oder verringern können.

Finden solche Freundschaften oder Beziehungen zwischen verschiedenen Geschlechtern statt kommt noch ein gesellschaftliches Machtgefälle dazu das sich auch auf dem konkreten Marktplatz manifestiert.

Was tun?

Was die Konsequenzen aus diesen halbfertigen Überlegungen sein sollen weiß ich auch nicht, weder was sie für die allgemeine menschliche Interaktion bedeuten, noch für (sexuelle) Beziehungen zwischen Männern und Frauen.

Was das persönliche Verhalten betrifft halte ich die Rückkehr zur Monogamie ich wie oben beschrieben auch für keinen gangbaren Weg. Und da nicht alle Menschen die auch mit andersgeschlechtlichen Menschen Sex haben wollen bis zur Revolution im Zölibat leben wollen müssen wir wohl mit Widersprüchen leben und offen sagen, daß auch wir keine jetzt bereits gangbaren Konzepte einer „freien Liebe“ kennen.

Eine wirklich „freie Liebe“ wird es wohl erst in einer freien Gesellschaft geben. Trotzdem wird es sich lohnen immer wieder zu versuchen möglichst emanzipatorische und freie Beziehungsformen zu leben, nicht zuletzt um am Scheitern dieser wieder neue Fragen aufzuwerfen und die Diskussion weiterzutreiben.

Was aber sicher eine Konsequenz dieser Überlegungen ist, ist die Aufforderung weiterhin radikale Kritik an der gesamten patriachalen Warengesellschaft zu üben. Denn letztlich kann nur die Abschaffung des Kapitalismus und des Patriachats die konkrete Markt- und Warenförmigkeit jeder menschlicher Interaktion abschaffen. Und damit wären wir endlich nicht mehr WarenanbieterInnen und NachfragerInnen, sondern Menschen!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1999
Nummer 2, Seite 6
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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