Zeitschriften » Streifzüge » WWW-Ausgabe » Jahrgang 2020
Franz Schandl

Setting und Seuche (III)

Vorausschicken möchte ich, dass ich meinen Text „Setting und Seuche“ in den Ausführungen von Norbert Trenkle nicht wiedererkenne.

1. Mein Text ist ein journalistischer Beitrag. Tatsächlich geht es darum, zu zeigen welche herrschenden Muster wie greifen, nicht welch obskure Wegelagerer durch die Gegend ziehen. Es geht um keine umfassende Einschätzung von Virus und Lockdown (zu einer solchen sehe ich mich gar nicht in der Lage), sondern um die Ausarbeitung bestimmter Akzente, die mir wichtig sind. Der Artikel handelt von der ideologische Verarbeitung der Krise durch das politische und mediale System (Religion, Mythos, Helden), es geht um die kulturindustriellen Dimensionierungen.

2. Ich schreibe also vorsätzlich über etwas nicht, was Trenkle mir als Defizit ankreidet. Was ich alles gemeint haben könnte, bewegt sich freilich auf der Ebene von Mutmaßungen, Marke ich „lege nahe“, „erwähne mit keiner Silbe“ bediene „Dauerbrenner“, oder „Das sagt er zwar so nicht und behauptet auch nicht, das…“ ?!? Schlampiges Zitieren finde ich auch nicht lustig. So schreibe ich etwa nicht von „primitiven ökonomischen Gründen“ sondern von „meist primitiven ökonomischen Gründen“. Ich konstruiere also keine Ausschließlichkeit. Trenkle dichtet mir aber ein „nur“ an, wo ein „meist“ steht.

3. Die Summe der Maßnahmen in Zusammenhang mit COVID-19 erlauben den Begriff „Corona-Experiment“. Auch wenn es vom System selbst gestiftet ist, dessen objektiven Gesetzen folgt und nicht ein Machwerk dubioser Elemente darstellt. Aber ein Experiment ist es trotzdem, auch wenn es keinem Masterplan entspricht und viel eher kurzfristige Entscheidungen dominieren. Diesbezüglich argumentiere ich auch, dass hier die Taktik vorherrscht, aber kaum Strategie zu finden ist. Die „Folgsamkeit der Bevölkerungen“ wird dezidiert überprüft und die Regierungen bemühen sich auch hier ganz unredlich Regie zu führen.

4. Es mag noch so viel über COVID 19 geredet werden, eigentlich wissen wir wenig, wir wissen auch nicht, ob die Infizierten nun immun sind und für wie lange, wir wissen nicht, wie viele asymptomatische Fälle es gibt und was diese bedeuten. Todesraten? Übersterblichkeit? Da agiert auch viel Zahlenmagie, ein Glasperlenspiel der besonderen Art. Was wir aber wissen ist, dass dort, wo obligate medizinische Dienste runtergefahren werden, es immer schwieriger wird, adäquate medizinischen Leistungen zu lukrieren und gesundheitliche Bedürfnisse zu decken. Das erlebte ich gerade bei meinem vor ein paar Tagen verstorbenen 86jährigen Vater. Und wenn in deutschen Fleischfabriken und österreichischen Postverteilerzentren die Infektionszahlen wieder steigen, dann nicht weil das Virus so gefährlich ist, sondern weil die Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Arbeitskräfte verheerend sind.

5. Meine Position ist ambivalent. Das Virus scheint mir, der ich durchaus Verständnis für den ersten Lockdown hatte, trotzdem maßlos übertrieben. In den nächsten Streifzügen werden dazu Beiträge erscheinen (nicht von mir), die eine relativ weite Spanne der Zugänge offenbaren.

6. Tatsächlich halte ich aber ein Fokussieren auf Verschwörungstheorien und Querfronten, denen man alles Missliebige flugs zuordnet, als verkehrt und als einen Weg in eine Sackgasse. Nicht, dass es derlei nicht gibt, will ich behaupten, wohl aber, dass es fahrlässig übertrieben wird, um diverse Einwände und Kritiken in den Geruch der Verschwörungstheorie und der Querfront zu bugsieren. Der Aufwind, den man den Obskuranten zuschreibt, ist vor allem eine mediale Finte, insbesondere um das System, die gesellschaftliche Struktur der liberalen Demokratie und ihrer Werte, an sich zu immunisieren und zu rekonsolidieren. Je mehr man sich auf den „abweichenden“ Schwachsinn konzentriert, desto unreflektierter ist und unbegriffener bleibt der herrschende Wahnsinn. Und primär geht es nach wie vor um und gegen den! – Oder?

7. Rechten und Populisten schaden solche Vorwürfe Null, der Linken generell wie speziell sehr wohl. Nutzen tut es der gesellschaftlichen Hegemonie des Kapitals. Deswegen werden solche News auch oft gestreut und derartig aufgeblasen. Diese sind jenseits der behaupteten Relevanz, aber sie erfüllten ihren Zweck, der nicht Information zeitigt sondern der Formatierung des Publikums dient. Hurtig ist man in der Dunkelkammer. Schneller als eins denkt ist eins zugeordnet. Indes wäre es notwendig, hier zu scheiden, fein zu scheiden, nicht in grobschlächtiger Manier Bekenntnisse abzuspulen. Abweichende Obskuranz ist ein Aspekt des herrschenden Wahnsinns, Ausdruck seiner Übertreibung, nützlich zur Stärkung des ideologischen Staatsapparate und des medialen Abwehrsystems.

8. Ich halte den kapitalistische-demokratischen Mainstream für gefährlicher als jede Querfront, also Kurz (samt Grüne, SPÖ und Liberale) für brisanter als die FPÖ oder gar einige versprengte Linke, die auf Seuchendemos in schlechte Gesellschaft geraten. Es ist vielmehr herrschende Methode, von herrschender Praxis abzulenken, indem immer wieder Aufmerksamkeiten zweckentsprechend umgeleitet werden. Das ist der uralte Einschnappdiskurs, für den ich nicht zu haben bin. Noch dazu fungiert er als Neuauflage der Totalitarismusformel. Die Hufeisentheorie nimmt an Fahrt auf und ramponiert jedwede Opposition. Heißa, da juchzen Liberalismus und Mitte. Ich finde das ausgesprochen unlustig und weiß nicht, warum man hier als Trittbrettfahrer mitreisen soll.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

FORVM unterstützen

Die Digitalisierung des FORVM und der Betrieb dieser Website ist ein Projekt von Context XXI. Im Rahmen von Context XXI sind bereits 5819 Beiträge veröffentlicht. 9878 Beiträge warten derzeit darauf, der Texterkennung zugeführt und verfügbar gemacht zu werden. Context XXI kann Euch in den kommenden Jahren noch Vieles bieten. Das kann zu unser aller Lebzeiten und dauerhaft nur mit Eurer Unterstützung gelingen. Ganz so wie unsere alternativen Zeitschriften auf Abos angewiesen waren und sind, so ist dieses Projekt auf regelmäßige Beiträge von Euch Lesenden und Nutzenden angewiesen — hier heißen sie halt fördernde Mitgliedschaften:

Persönliche Daten

bzw. zweites Namensfeld bei juristischen Personen

z.B. "p.A. Kommune 1"

einschließlich Hausnummer und ggf. Wohnungsnummer

Mitgliedschaft

Ich trete hiemit dem Verein Context XXI - Verein für Kommunikation und Information als förderndes Mitglied in der gewählten Beitragsgruppe bei. Ich kann meine Beitragsgruppe jederzeit ändern.

SEPA-Lastschriftmandat

Ich/Wir ermächtige/ermächtigen Context XXI – Verein für Kommunikation und Information, Zahlungen meiner/unserer Mitgliedsbeiträge von meinem/unserem Konto mittels SEPA-Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich/weisen wir mein/unser Kreditinstitut an, die von Context XXI – Verein für Kommunikation und Information auf mein/unser Konto gezogenen SEPA–Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Zahlungsart: wiederkehrende Lastschrift (Recurrent)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2020
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

Lizenz dieses Beitrags:
Gemeinfrei
Diese Seite weiterempfehlen

Beachten Sie auch:

  • Corona, Krise und das gute Leben
    Impressionen, Assoziationen, Reflexionen
    In den Geschichtsbüchern des 21. Jahrhunderts wird mit großer Sicherheit eine „Corona-Krise“ vermerkt werden. So tief die Krise werden könnte, so zufällig der Name. Die Pandemie ist einer der Auslöser (...)
  • Das Kapital und die Westentaschen-Apokalypse
    Es ist ein Irrsinn. (C. Fennesz) 1. Beginnen wir mit einem Gedanken-Experiment: Würde man nicht wissen, dass es sich bei SARS-CoV-2 nicht um das Influenza-Virus handelt – und die Symptome sind ja (...)
  • Setting und Seuche
    Wie kommt die Seuche zu dieser Sprache und warum fällt uns keine andere ein? Erstaunlich ist es zwar nicht, aber doch von Interesse, welch archaische Gesänge Demokratie, Rechtsstaat und Aufklärung (...)
  • Setting und Seuche (II)
    Die Beiträge zu den Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid 19 mehren sich auch auf unserer Seite. In den nächsten Streifzügen folgen dazu einige Einschätzungen, die eine relativ weite Spanne der Zugänge (...)