Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1984 » Wurzelwerk 30
Gerald Heimbichler • Horst Knollmayer • Dietmar Litschel • Josef Ott • Gerhard Senft

Selbstverwaltung

Am Beispiel Frilla

Seit 5. März 1984 gibt es in Österreich einen größeren selbstverwalteten Betrieb. Die Firma FRILLA in Untertullnerbach bei Wien wurde nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten von der Belegschaft in Form eines eigens geschaffenen Vereines, der als Gesellschafter fungiert, übernommen. Wesentlichen Anteil am Zustandekommen hatte die „Österreichische Studien- und Beratungsgesellschaft“, ein gemeinnütziger, überparteilicher Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, Informationen, Bildung und Beratung zur Selbstverwaltung und Selbsthilfe anzubieten. Das Sozialministerium selbst half mit einer Subvention und einem billig verzinsten Kredit. Die Bundeszuschüsse, die verpflichtungsgemäß vom Land Niederösterreich aufgestockt werden sollten, sind bislang nicht ergänzt worden.

Der Betrieb stellt Leuchtreklamen, Balken für Leuchtstoffröhren u.ä. her. Sämtliche Produktionsschritte erfolgen im Werk Untertullnerbach, der Vertrieb über Zweigstellen in Wien, Graz und Salzburg. Die Auftragslage ist und war immer gut. Trotzdem schlitterte der Betrieb in eine Krise. Die Ursache sehen die Betriebsräte vor allem in zwei Gründen:

  • ein Zweigwerk in Oberwölz wurde zu lange gehalten, obwohl es unrentabel war;
  • obwohl der Personalstand zurückging, blieb die Verwaltung gleich groß und entwickelte sich so zum Wasserkopf.

Mangelndes Engagement der früheren Besitzer dürfte die Lage noch erschwert haben.

Um näheres über die Umstände zu erfahren, sprachen wir mit den Betriebsräten Horst Knollmayer und Josef Ott, sowie mit dem Geschäftsführer Dr. Dietmar Litschel.

Wurzelwerk: Wer ist jetzt eigentlich Eigentümer der Firma?

Betriebsräte: Also, Sie können das als Modell ruhig so nehmen, daß Sie sagen, die Firma, die GesmbH gehört der ganzen Belegschaft. D.h. der Verein hat die Überwachungstätigkeit der Geschäftsleitung der jetzigen GesmbH.

Wie kam es zu diesem Beschluß? Durch Versammlungen?

Betriebsräte: Das hat man schon mit Versammlungen gemacht. Man hat die Leute einmal gefragt, und wie man das Modell seinerzeit an die Belegschaft herangetragen hat, gab es überhaupt keine Nein-Stimmen.

Ein Teil hat gesagt, mit einem gewissen Vorbehalt können sie es sich vorstellen, die anderen waren alle dafür. Es hat sich schon herausgestellt im Laufe der Zeit, da hat’s einige gegeben, die haben sich nicht ganz identifizieren können mit dem Modell. Aber das ist immer so.

Wurden Betriebsstrukturen geändert?
Betriebsrat Knollmaier

Betriebsrat: Ganz ehrlich gesagt, es hat sich schon einiges geändert, aber im Prinzip nur in sehr wenigen Punkten. Das kann man erst alles einfließen lassen innerhalb der nächsten Monate. Unser jetziges Problem ist, daß sehr gute und sehr viele Aufträge im Haus sind, und wir hinten und vorne nicht nachkommen, diese zu erfüllen. Jetzt können wir also keine einschneidenden Maßnahmen oder Verbesserungen schaffen. Momentan ist es das Vordringlichste, so weiterzuarbeiten wie bisher, sogar noch mehr weiterzuwursteln, noch mehr zu improvisieren, die Leute arbeiten teilweise mit Überstunden usw. Aber das ist nur ein, zwei Monate, dann wird sich das Ganze normalisieren. Und dann wird man alle die Ideen, die da seinerzeit waren, einbringen und einfließen lassen in die Firma.

Selbstverwaltung impliziert Mitbestimmung. Was wurde in dieser Richtung unternommen?

Betriebsrat: Die neue Betriebssituation besteht seit einem Monat, und das ist noch nicht fix. Wir haben ein Gedankengerüst, was wir uns vorstellen, wie wir es machen. Es ist bestimmt und absolut notwendig, Schulungen durchzuführen mit der Belegschaft, daß man sukzessive Erfordernisse der Betriebsabläufe verständlich macht. Diese Dinge transparent zu machen, damit auch der Arbeiter seine Ideen einbringen kann, eine Verständnisebene zu bilden, ist eine Grundbedingungen. Dazu gehört aber eine wesentlich größere Information. Da gibt es ein Gerüst, daß man wöchentlich eine schriftliche Information verteilt (in Zukunft, vorläufig rennt das nur monatlich). Außerdem tagt der Betriebsrat mit dem Vorstand einmal jede Woche, damit man möglichst viel gegenseitige Information hat, daß man kurzfristig zwischendurch auch etwas machen kann. Aber das mit der ganzen Belegschaft zu machen, die ja träge wird, das muß man planen. Dazu ist in diesem ersten Monat keine Zeit geblieben. Das ist leider ein Sachzwang, der uns trifft, den wir uns selbst zum Vorwurf machen. Aber mia san nua amoi. Das ist leider so. Aber man bemüht sich, das zu machen.

Etwas, das man sofort in Angriff genommen hat, war eine Änderung der Einkommensverteilung. Stimmt es, daß es jetzt ein Verhältnis von 1:4 gibt?

Betriebsrat: Das stimmt nicht ganz. Es gibt zwei Ausnahmen. Im Prinzip stimmt es. Die Ausnahmen waren eher sachbedingt.

Wie wurde das durchgezogen?

Betriebsrat: Die Leute wurden alle neu aufgenommen. Das alte Arbeitsverhältnis hat geendet, und ein neues hat angefangen. Man hat also neue Vereinbarungen geschaffen mt dieser Lohnstruktur.

Haben die Arbeiter als Miteigentümer eine andere Einstellung zum Betrieb und zur Arbeit als vorher?

Betriebsrat: Dazu muß ich sagen: ganz entschieden ja! Es ist zwar nicht in jedem Arbeitnehmer das Bewußtsein so vorhanden. Wenn man die Selbstverwaltung durchführt, kommt das Bewußtsein langsam. Aber manche haben es gleich begriffen, und haben sich mit der Idee mehr anfreunden können.

Soll das System bei wirtschaftlicher Sanierung aufrechterhalten werden?

Betriebsrat: Es ist geplant — auch vom Sozialministerium —, daß sich vielleicht potente Firmen beteiligen können. Aber das geht nur bis 49%, 51% der GesmbH bleiben immer in Händen des Vereins. Wenn sie so wollen, der Mehrheitseigentümer ist immer der Verein.

Ist FRILLA ein Sonderfall, oder kann man sich auch eine Gesamtalternative in der Richtung vorstellen?

Betriebsrat: Ich kann mir das sehr wohl vorstellen. Und ich bin voll der Meinung, wie Minister Dallinger gesagt hat: „Wenn ihr scheitert, wird das auf längere Zeit scheitern“, darum würde er sich wünschen, daß es auch funktioniert. Es ist sicher ein machbarer und gangbarer Weg — es ist nicht im Großen anwendbar aber ich könnte mir vorstellen, daß es à la longue mehrere solche Betriebe geben wird und geben wird können. Wobei ich mir sogar vorstellen kann, daß vielleicht Besitzer funktionierende Betriebe den Leuten übergeben werden.

Die Tatsache, daß es weiterhin eine scheinbare Hierarchie mit Geschäftsführer u.ä. gibt, beunruhigt die Betriebsräte nicht.

Betriebsrat: Es gibt nicht die autoritäre Hierarchie, sondern es gibt Kompetenzbereiche — so möchte ich es formulieren; jeder hat seinen Verantwortungsbereich, und für den muß er auch geradestehen.

Und wie sieht das der Geschäftsführer Dr. Litschel?

Litschel: Ich bin von der Belegschaft gewählt. Ich finde nichts Falsches daran, von der Belegschaft gewählt zu werden, und wenn sie mit mir nicht zufrieden ist, soll sie mich abwählen.

Dr. Litschel, der sich für diese Tätigkeit vom IHS (an dessen Studie über das FRILLA-Werk er beteiligt war) zwei Jahre freistellen ließ, wurde von der Belegschaft einem Kandidaten der Gewerkschaft vorgezogen. Er sieht auf die Firma noch einige Probleme zukommen.

Wie sehen sie die Frage des Einkommensverhältnisses von 1:4?

Litschel: Ob jetzt unser Lohngefüge aufrechterhalten werden kann, so wie es ist, bleibt noch dahingestellt. Den Arbeitsmarkt in einem Betrieb nachzuvollziehen, ist sehr schwierig. Es gibt einen externen Arbeitsmarkt, der viel stärker ist, als der bei uns herinnen. Man wird trachten, daß es nicht unnötig ausschlägt, aber längerfristig wird man sich an den Arbeitsmarkt angleichen müssen.

Aber auch in anderen Fragen wird die Antwort der Selbstverwaltung nicht ganz ausreichend sein.

Litschel: Aus einem Scheißjob wird durch die Selbstverwaltung kein guter Job. Man kann vielleicht die Leute besser motivieren, aus einer unliebsamen Tätigkeit eine etwas liebsamere zu machen, aber das ändert nichts daran, daß der Arbeiter den ganzen Tag am Montageband steht und eine Beschäftigung macht, die menschenunwürdig ist.

Wie sind die Jobs hier?

Litschel: In dieser Hinsicht haben wir noch viel aufzuholen.

Es ist also ein Ziel, die Arbeit menschlicher zu machen?

Litschel: Ja, unbedingt! Ich glaube nicht, daß die Beschäftigten unter diesen Arbeitsbedingungen sehr glücklich sein können.

Es gibt also noch viele Hindernisse zu überwinden. Wir wünschen der Belegschaft jedenfalls viel Glück auf ihrem Weg und danken unseren Gesprächspartnern für das Interview:
Gerald Heimbichler
Gerhard Senft

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1984
Wurzelwerk 30, Seite 21
Autor/inn/en:

Horst Knollmayer:

Josef Ott:

Dietmar Litschel:

Gerald Heimbichler:

Gerhard Senft:

Lizenz dieses Beitrags:
CC by
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