Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2005 » Nummer 15
Paul Pop
James C. Scott:

Seeing like a State

How Certain Schemes to Improve the Human Conditions Have Failed

New Haven and London: Yale University Press1998, 16,95 Euro

Durch die Brille des Staates sehen

James C. Scott, Professor an der amerikanischen Eliteuniversität Yale, lädt den Leser zu einem radikalen Perspektivenwechsel ein: Die Gesellschaft aus der Sicht des Staates zu sehen. „Seeing like a state“ ist eine Zeitreise durch das 19. und 20. Jahrhundert - mit staatlichen Versuchen, Ökonomie, Natur und das Leben der Menschen zu verbessern und das Scheitern dieser Projekte.

Scott wurde in akademischen Kreisen weltweit mit seinen Büchern über alltägliche Widerstandsformen der Bauern in Südostasien bekannt, in denen er zeigte, wie die „Weapons of the weak“ (1987) genutzt werden, um die dörfliche „Moral economy“ (1977) gegen Staat und Markt zu verteidigen.

Eine zentrale These von „Seeing like a State“ ist, dass der Staat die Gesellschaft radikal simplifizieren muss, damit er seine „rationalen“ Planungen und Programme überhaupt anwenden kann. Alles muss klassifizierbar, nummerierbar und standardisierbar gemacht werden. Scott beginnt interessanterweise mit der preußischen Forstwirtschaft des 19. Jahrhunderts, die auf der ganzen Welt als Vorbild galt. Um den Wald ökonomisch nach wissenschaftlichen Kriterien nutzen zu können, machten sich die Forstplaner daran, den „Normalbaum“ aus der Artenvielfalt und als Abstraktion von der Realität zu schaffen (S.15). Mit Monokulturen und der Ordnung des Waldes durch Schneisen wurde der Wald verwaltbar gemacht. Allerdings führte die „wissenschaftliche“ Nutzung zum Artensterben und zu Seuchen in Form von Schädlingen. Der Staat ordnet und simplifiziert aber nicht nur die Natur, sondern auch seine Menschen, die Sprache und die Städte. 1849 wurde den Filipinos vom spanischen Gouverneur befohlen, sich spanische Vornamen zuzulegen. Die Einführung von Vornamen und unterscheidbaren Nachnahmen war in vielen Staaten die Voraussetzung für Besteuerung. Auf den Philippinen ging der Staat bei der Vergebung der Vornamen alphabetisch vor, so begann der Vorname der Bewohner einer Region z.B. mit A und einer anderen mit B (S.69).

Für die wissenschaftliche Stadtplanung des 19. Jahrhunderts beschreibt Scott Paris als Beispiel. Der Architekt Haussmann ließ für Louis Napoleon riesige „Schneisen“ in die Stadt schlagen, um die Armee bei der Niederschlagung von Aufständen besser einsetzen zu können (S.61). Die mittelalterliche Stadt wirkt mit ihrem Gassengewirr von außen wie das reinste Chaos, ihre Bewohner verstanden ihre Ordnung aber. Die moderne Stadtplanung schlug Linien durch die Städte, um die urbanen Räume ordnen und beherrschen zu können. Auf Grund des zentralistischen Liniensystems des Verkehrs ist es für uns oft viel aufwendiger von A nach B zu kommen, weil die Punkte nicht direkt verbunden sind (S.75).

Nach diesem Exkurs über das 19. Jahrhundert kommt Scott zum „authoritarian high modernism“ des 20. Jahrhunderts. Nach dem Glauben seiner Vertreter ist die Gesellschaft durch den Staat rational, wissenschaftlich und effizient wie durch einen Ingenieur berechenbar. Um so mehr der Staat die Gesellschaft unterwirft, um so mehr kann sich das wissenschaftliche Management ausdehnen. Lokale Traditionen und Erfahrungen werden als zu überwindende Relikte der Vergangenheit angesehen. Der abstrakte Durchschnittsbürger ist Gegenstand der Planung. Als wichtige Hauptideologen nennt Scott: Die russischen Modernisierungszaren, Taylor, Lenin, Walter Rathenau, den Architekten Le Corbusier sowie den persischen Schah. Staatliche Wirtschaft wurde auch von AEG-Chef Rathenau seit dem 1.Weltkrieg favorisiert, weil erst sie Rationalität ermögliche.

Le Corbusier wurde berühmt für den Entwurf einer Reißbrettstadt für 3 Millionen Einwohner. Seine Ideen wurden beim Bau der Hauptstadt von Brasilen, Brasilia, in die Praxis umgesetzt. Brasilia wurde so gebaut, dass Menschenansammlung und Staus erst gar nicht entstehen sollten. Mit Hilfe der Architektur glaubte man soziale Segregation verhindern zu können. Wie in dem preußischen Wald der „Normalbäume“, so wäre auch in Brasilia kein Leben möglich gewesen, wenn nicht an den Rändern ungeplant Brasil entstanden wäre. Das ist eine von Scotts Hauptthesen: Die Reißbrettplanungen der autoritären Modernisten hätten überhaupt nicht funktioniert, wenn nicht durch Widerstand von unten ihre Systeme durch ungeplante Elemente ergänzt worden wären und so das Schlimmste verhindert wurde. Als weiteres Beispiel nennt er die sowjetische Kollektivierung von 1929. Rational war sie nur vom Standpunkt des Staates aus, die Verfügungsgewalt über das bäuerliche Mehrprodukt in die Hände zu bekommen (S.209f.). Ansonsten sank die Produktivität und Produktion pro Hektar drastisch ab. Ohne die spontanen Gegenmaßnahmen von unten- Schwarzmarkt und Verteidigung der privaten Parzellen- hätte dieses System die Sowjetunion nicht ernähren können. Ohne den Widerstand der als rückständig angesehenen Bauern hätte die Kollektivwirtschaft nicht überleben können. Zu schlimmen Hungersnöten kam es dann, wenn es den Planern wie in Russland 1929 und in China 1959 zeitweise gelang, diese Überlebensmechanismen der Bauern vollständig zu unterdrücken.

Ein ganzes Kapital widmet Scott den Konzeptionen der revolutionären Partei. Für Lenin sei die Avantgardepartei eine Maschine zur Produktion der Revolution gewesen (S.152), wie für Le Corbusier das Haus eine Maschine zum Leben. Die Massen, laut Scott ein bezeichnender Ausdruck für die Simplifizierung der Gesellschaft, haben die Aufgabe den blueprint der Kader umzusetzen. Von sich aus revolutionär werden zu können, sprach Lenin in „Was tun?“ den Arbeitern ab. Spontane Regungen der Arbeiter wurden eher als Gefahr betrachtet, die die Avantgarde möglichst schnell wieder unter Kontrolle bringen muss. Mit dieser modernistischen Wahnidee hätte man laut Scott nie eine Revolution in Russland machen können. Die spontane Revolte der Soldaten und die Agrarrevolution der Bauern sowie die selbstständige Gründung von Räten durch die Arbeiter schwächten das alte Regime so sehr, dass die Bolschewiki einen fast schon leeren Thron übernehmen konnten (S.158). Nach der Übernahme der Staatsmacht sollte die Revolution möglichst schnell im Museum verschwinden und erst in den Lehrbüchern wurde die Revolution unter der straffen Führung der Partei Wirklichkeit. Positiv dagegen setzt Scott die Partei-Theorien von Rosa Luxemburg und Alexandra Kollontai, die verstanden hätten, dass eine Revolution nicht planbar und dirigierbar ist. Spontane Entwicklungen von unten sah Luxemburg als Bereicherung und die Partei eher als Maschine eine kreative und selbstbewusste Arbeiterklasse zu produzieren (S.178).

Des Weiteren beschreibt Scott die Umsiedlung von 5 Millionen Bauern in Tansania der 70er Jahre. Die modernen Dörfer und die Landwirtschaft, die dadurch geschaffen werden sollten, erwiesen sich als totales Desaster. Am Ende des Buches versucht er Lehren aus diesen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zu ziehen. Was die autoritären Modernisten immer ignoriert hätten, wäre das metis. Dieses griechische Wort bedeutet im Deutschen ungefähr listige Intelligenz. Mit metis bezwang Odysseus die Sirenen, in dem er sich an den Mast fesseln ließ und die Ohren der Ruderer mit Wachs verstopfte (S.313). Auf der unteren Ebene der Gesellschaft haben die Akteure praktisches Wissen angesammelt, mit Konflikten, Naturkatastrophen oder überlebensgefährlichen Situationen umzugehen. Ohne dieses Wissen kann keine Gesellschaft funktionieren. Scott nennt den „Dienst nach Vorschrift-Streik“ der Pariser Taxifahrer, der zeige, wenn sie sich an alle Regeln des Staates halten und keine eigenen Überlebensstrategien entwickeln, würde der Verkehr zusammenbrechen. Das erinnert an die alte These der Operaisten, dass ein Fabrikbetrieb als Dienst nach Vorschrift nie funktionieren würde.

Die Vorschläge am Ende des Buches sind etwas wage. Friedrich Hayek, der Apologet des freien Marktes, und der russische Anarchist Peter Kropotkin würden übereinstimmen, dass der Staat nicht der Gesetzgeber für die Zukunft sein kann. Man solle bei der Planung von Gesellschaft kleine Schritte unternehmen und sich vorwärts tasten, die Möglichkeit einer Umkehr mit Bedenken sowie Überraschungen und Initiative von unten miteinplanen (S.345). Ein Oben und Unten von Gesellschaft stellt der Autor nicht in Frage, sondern nur den autoritären Modernismus.

James Scotts Buch ist eine Pflichtlektüre für alle, die die Gesellschaft verändern wollen. Der Autor gehört eher zur staatskritischen Linken und vertritt keinesfalls, der Markt würde schon alles regeln, noch macht er einen Kult um lokale Traditionen oder glorifiziert sie. In den USA gibt es sowohl eine anti-staatliche Rechte als auch Linke. Bei uns gibt es im Grunde beides kaum. Für uns als revolutionäre Linke zeigt „Seeing like a state“, dass eine Revolution nur ein langer Prozess seien kann, der nicht planbar und voraussehbar ist. In ihm kommen die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kräfte und Ideen im Widerstand zusammen. Eine nachkapitalistische Gesellschaft ist nicht mehr als „social engineering“ einer Elite, sondern als Selbstbefreiung der Produzenten vorstellbar. Plan oder Pläne sind in einer solchen Gesellschaft sicher notwendig, aber die Wahnidee auf dem Boden der Wissenschaft könne eine Avantgarde die Gesellschaft wie eine Maschine zum Laufen bringen, in der wir nur die gut geölten Schrauben sind, hat nie funktioniert. Mit Holloway können wir uns vom wissenschaftlichen Sozialismus verabschieden, der eher zu einem Begriff von Technokraten wurde, um anderen Leuten den Mund zu verbieten. Mit Scott landet der „wissenschaftliche“ Reißbrett-Entwurf einer nachkapitalistischen Gesellschaft im Mülleimer.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2005
Nummer 15, Seite 65
Autor/inn/en:

Paul Pop:

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