FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 456
Ulrich Horstmann

Schwindsucht der Systeme

Wie sich bei Rudolf Burger* die Philosophie gesundschrumpft

Vor ein paar Jahren ist er noch munter ausgeschritten und hat unterwegs Vermessungen vorgenommen, so jedenfalls der Titel der damaligen Aufsatzsammlung. Inzwischen läßt Rudolf Burger das Abstecken bleiben und hat sich ganz aufs Zurückstecken geworfen. Nur die alte Munterkeit ist auch im neuen Buch weiter mit von der Partie.

„Damit kommt in der philosophischen Theorie eine Tendenz auf die Bahn, die Odo Marquard als zunehmenden Vorgangsgewinn der Symbolisierung des normativ postulierten Sittlich-Guten im Schönen — ein später Abglanz der griechischen Kalokagathie — gegenüber seiner praktisch-politischen Verwirklichung diagnostiziert und in ihrer passageren Ambiguität gekennzeichnet hat.“ Nach solchen Rückfällen in das hochakademische Gedankengenäsel muß man bei dem an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst lehrenden Philosophieprofessor lange suchen. Im allgemeinen nämlich geht es in dem Band Abstriche — Vom Guten. Und Schönen. Im Grünen spitzzüngig und scharffedrig zu. „Importe von Billigsinn aus Ostasien“ oder „Unkraut der Neomythologie“ sind polemische Zielansprachen, die uns keinen Augenblick darüber im unklaren lassen, daß der Verfasser für gedankliche Heimarbeit und die Flurbereinigungsmethoden der Aufklärung eintritt. Den ersten Schuh ziehe ich mir gerne an, den zweiten stelle ich in meine Vitrine für alles, was ausschließlich über den rationalistischen Leisten geschlagen wurde. Aber rutschfest besohlt und gutgeschnürt sind beide Treter.

Wer sich als Leser an die Fersen Rudolf Burgers heftet, wird in dem Salon unserer mit schöner Einhelligkeit propagierten Streitkultur nicht zum Eckensteher. Schon bald hüpfen wir behende von Abstrich zu Abstrich, denn die Last der Geschichte und die Angst vor der Rache der Natur sind von unseren Schultern genommen. „Das Posthistoire“, heißt es gleich einleitend, „ist die Befreiung der Geschichte von dem Anspruch zu wissen, wie sie zu machen sei“. Und auch die Schöpfung kommt uns nicht mehr in die Quere. Die grüne Auferstehungshoffnung ist eitel, denn Umweltschutz läßt sich nur als Umwelttechnologie verwirklichen und treibt folglich den Teufel mit Beelzebub aus. „Umwelt ist eine Wachstumsbranche. Eine aggressive, rigoros unter den Primat der Ökologie gestellte Politik zur Verbesserung der ‚Umweltstandards‘ führt daher gerade nicht zu einer ‚Zerstörung des Industriesystems‘, sondern zu dessen Ausbau und Modernisierung. Das ist die Aporie, an der jedes grüne Programm scheitern muß. Es soll eine lebendige Natur versprechen und kann diese Versprechen nur erfüllen, indem es sie weiter verdinglicht und zu einer toten macht. Wenn es heute noch eine Tragik in der Politik gäbe, die sich ja zunehmend banalisiert, so läge darin die Tragik der Grünen.“

Willkommen denn in den neuen alten Ausweglosigkeiten, im computergestützten Ökoko, das seine Probleme so aus der Welt schaffen wird, wie wir das seit Anno Tobak gewohnt sind, durch Transformation, Eingrenzung, Zerreden und Vertagen. „Und vergessen wir nicht“ erinnert uns Burger, „die sozial wichtigste Form der Problemlösung ist die Gewöhnung“. Aus Sätzen wie diesem spricht die „böse Lust der Erkenntnis“, zu der sich der Autor, der nicht von ungefähr mit der ‚Desinvolture‘ Ernst Jüngers, dem ‚Desenafigo‘ der spanischen Moralistik liebäugelt, einmal offen bekennt. Zwar führt sein gutwilliger Adam weiterhin unverdrossen Rückzugsgefechte, verteidigt die Überlegenheit des selbstkritischen Logos über den selbstvergessenen Mythos, hält Hegels dialektische Ehrenrettung des Jakobiner-Terrors hoch, guillotiniert Robert Spaemanns Glück und Wohlwollen als „Hausordnung eines Seniorenheims“ und rechnet — immer noch nicht außer Atem — mit dem thanatophilen Heidegger ab. Allein, die Entwicklung Rudolf Burgers zum Salonlöwen, Causeur und postmodernen Illusionisten ist nicht mehr aufzuhalten.

„Paganer Lakonismus“ haucht dieser detachierte Dandy, wenn ihm der Sensenmann zu nah auf den Leib rückt — und schwer beeindruckt verliert der Tod den Stachel. „Ein Heidenspaß“ schallt es dem sinnhungrigen Leben entgegen — und Gott und die Welt, das Leiden und die Wahrheit sinken vor dem Großen Paletti in den Staub. Moral ist „das Schmiermittel der laufenden Ereignisse“, eröffnet ein Aufsatz — und das Gewissen schämt sich seiner Kolbenfresser, läuft fürderhin rund, annulliert alle Inspektionstermine.

Funktioniert das? Kann man sich letzte Fragen mit gepflegtem Mutwillen einfach aus dem Kopf schlagen? Wie jeder philosophische Schuh, den man sich anzieht, läuft sich auch die metaphysische Gleich-Gültigkeit durch. Dann spüren wir nach dem erholsamen Intermezzo, dem Luxus mondäner Entlastung durch ein paar gewitzte Federstriche, wieder Boden unter den Füßen. Er ist schlammig, naßkalt und spritzt bis unter die Hirnschale. So werden wir wieder wirklich. So verfliegt die Simulation. So stapfen wir zähneklappernd den blauen Wundern entgegen, die wir mit einer zur Posthistoire verharmlosten Zukunft und der angeblich domestizierten Natur noch erleben werden.

*) R. B., Abstriche — Vom Guten. Und Schönen. Im Grünen. Wien (Sonderzahl) 1991

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1991
, Seite 46
Autor/inn/en:

Ulrich Horstmann:

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