Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 4-5/2006
Benjamin Rosendahl

„Schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle und süß wie die Liebe“

Über „Black Gold“, Kaffee und die globale Wirtschaft

Eine Filmkritik

Kein anderes Produkt hat die Welt in so einem Maße erobert wie der Kaffee: Der Geruch gerösteter Kaffeebohnen hebt sich über den Slums von Kairo, schwebt durch die Gassen Wiens und seiner Cafes, und deckt sogar den Autoabgasgeruch in Los Angeles ab. Kaffee ist Teil fast jeder Kultur, sei sie westlich oder östlich, islamisch oder christlich, europäisch oder afrikanisch. Das schwarze Gold ist aber mehr als nur ein weltweit beliebtes Getränk — es ist auch ein sehr großer Markt: Nach Öl (dem anderen schwarzen Gold) ist Kaffee die meist gehandelte Ware weltweit. Der Dokumentarfilm „Black Gold“ (Regie: Marc und Nick Francis) zeigt uns, was sich hinter den Kulissen unserer geliebten Latte Macchiato abspielt, im Land, wo Kaffee ursprünglich herkam und wo er immer noch herkommt: Äthiopien. Der Film zeigt den verheerenden Effekt, den der Eigenbedarfmarkt auf die äthiopischen KaffeeplantagenarbeiterInnen hat, die, obwohl sie eines der begehrtesten Produkte weltweit verarbeiten, an Hungersnöten und Wassermangel leiden. Jedoch lassen Marc und Nick Francis auch Hoffnung aufkommen, insbesondere, wenn sie den Einsatz Tadesse Meskelas und seiner genossenschaftlichen Gewerkschaft für faire Gehälter und einen sozial gerechteren Markt zeigen.

Ei! wie schmeckt der Kaffee süsse,
lieblicher als tausend Küsse,
milder als Muskatwein.
 
Kaffee, Kaffee, muss ich haben,
und wenn jemand mich will laben,
ach, so schenkt mir Kaffee ein!
 
(Johann Sebastian Bach, Kaffee Cantata, BWV 21, ca. 1732)

Kaffee — sowohl sein Name als auch die Pflanze, die ihn trägt — hat seinen Ursprung in der „Kafa“-Region in Äthiopien. Ab dem 9. Jahrhundert breitete sich das Kaffeetrinken zuerst in den Yemen, dann in den Nahen Osten, und von dort nach Europa aus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Kaffee und mit ihm die Cafes die Welt eroberten.

Und das gutbürgerliche Kaffeehaus ist der Ausgangspunkt von „Black Gold.“ Von einer Kaffeeverkostung in Amerika nimmt uns der Film mit auf die Reise ins ländliche Äthiopien, durch grüne Felder, wo die Kaffeebohnen angepflanzt werden. Hier hatte und hat der Kaffee seinen Ursprung. Heute besteht 67 Prozent des äthiopischen Außenhandels aus dem Export von Kaffee, und — wie uns der Film informiert — das Leben von 15 Millionen ÄthiopierInnen (einem Fünftel der Bevölkerung) ist abhängig von der Kaffeeindustrie. Jedoch sehen sie nur sehr wenig von den riesigen Umsätzen des Kaffees: So verdient ein Landwirt an jeder Kaffeetasse, die uns drei Dollar kostet, gerade mal drei Cents. Und während Kaffee im Westen 80 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr macht, erreichte er in Äthiopien 2004 einen absoluten Tiefststand, den tiefsten seit 30 Jahren. Der Effekt war verheerend: Eine Hungersnot brach aus, es fehlte an Mitteln, um Wasser sauber zu halten, und Hilfs- und Verpflegungsstellen mussten überall im Lande provisorisch eingerichtet werden. (Der Film zeigt, wie in einer dieser Stationen eine Mutter mit Kleinkind abgewiesen werden, weil das Kind zwar unterernährt, aber nicht „genügend unterernährt sei.“)

Von der Ernährungsstelle werden wir zur New Yorker Wall Street geführt, wo der Kaffeepreis bestimmt wird. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Hier bestimmen gut genährte AktienmaklerInnen den Preis des Kaffees, ein Preis, der in Äthiopien Leben oder Tod bedeuten kann. Vier multinationale Firmen beherrschen hier den Markt: Procter and Gamble Co., Philip Morris Companies Inc., the Sara Lee Corp., und Nestle. Das Symptom des Eigenbedarfsmarkts (captive market): Das Entwicklungsland produziert ein Grundnahrungsmittel (die Kaffeebohne), das zu einem niedrigen Preis an Industrieländer verkauft werden. Diese verarbeiten das Produkt und verkaufen es an die KonsumentInnen für ein Vielfaches des Preises. Der Mehrwert, und das beobachtete bereits Marx, basiert letztendlich auf der Ausbeutung der ArbeiterInnen. Und während die Industrienationen landwirtschaftliche Produkte subventionieren, verlangen sie von den Entwicklungsländern, dass diese ihre Märkte öffnen und Zollbarrieren einschränken. Was passiert, wenn die Entwicklungsländer sich nicht an diese Maßstäbe halten, sah man in den 80er Jahren in Nicaragua, wo Todesschwadronen vom Westen unterstützt wurden, um PlantagenarbeiterInnen zu unterdrücken. Auch da ging es um Kaffee.

Der Film arbeitet diesen Kontrast sehr anschaulich heraus. Zuerst hört man den Ausführungen Andrea Illys, dem Geschäftsführer von Café Illy, der sich Gedanken über die Dominanz einer schlechten Bohne in einer Tasse Espresso (für die ca. 50 Kaffeebohnen benötigt werden) macht, zu. Die praktische Konsequenz dieser Gedanken wird dem gegenüberstellt — nämlich Kaffeearbeiterinnen in Äthiopien, die den ganzen Tag lang schlechte Bohnen aussortieren — für 50 Cents/Tag.

Wenn der Kaffee zu schwarz ist, dann ist er wohl zu stark.
Also wird er mit Milch verdünnt, um ihn zu schwächen.
Wenn aber zu viel Milch hineingegossen wird, kann man gar nicht mehr erkennen, dass man jemals Kaffee hatte.
Er war heiß, jetzt ist er schwach. Er war stark, jetzt ist er schwach. Er hat uns aufgeweckt, jetzt macht er uns schläfrig.

(Malcolm X. Message to the Grass Roots Speech, Nov. 1963, Detroit. Eigene Übersetzung)

Der Film endet aber nicht ohne Hoffnung: Wir folgen den unermüdlichen Bemühungen Tadesse Meskela, dem Gründer der Oromia Genossenschafts-Gewerkschaft, der 70.000 KaffeeanbauerInnen vertritt. „Black Gold“ begleitet Meskela innerhalb Äthiopiens, wo er PlantagenarbeiterInnen für seine Gewerkschaft mobilisiert, und im Ausland (hauptsächlich Amerika und Europa), wo er versucht, seinen Fair-Trade-Kaffee zu vermarkten. Die Einkünfte erhält die Gewerkschaft, die damit die Infrastruktur aufbauen kann, die die lokalen Gemeinden benötigen. Meskela ist nicht allein: So verließen VertreterInnen der Länder Afrikas, der Karibik und des Pazifiks geschlossen das Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation 2002, aus Protest gegen die unmenschlichen Forderungen der Industrienationen. Sie brachten das Treffen damit zum Einsturz.

"Der Kaffee kommt in den Magen,
und alles gerät in Bewegung;
die Ideen rücken an wie Bataillone
der Grande Armee auf einem Schlachtfeld."
 
(Honoré de Balzac)

„Black Gold“ fordert uns auf, den Kaffee zu riechen, aber auch den Schweiß, der in seine Produktion geht. Der Film überzeugt — wie ein Latte Macchiato — durch seine Komposition, die aus schönen Aufnahmen, exzellenter Kameraführung und packende, fast ausschließlich lokaler äthiopische Musik besteht. Er ist aber auch stark wie ein doppelter Espresso: Insbesondere die Kontraste, die der Schnitt sehr gut vermittelt, z.B. wohl ernährte amerikanischer Starbucks-KundInnen, denen hungernde ÄthiopierInnen entgegengesetzt werden, öffnen den ZuschauerInnen die Augen wie sonst nur starker Kaffee. Und ganz egal, wie viel Zucker zufügt wird, „Black Gold“ hinterlässt einen sehr bitteren Nachgeschmack.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2006
Heft 4-5/2006, Seite 0
Autor/inn/en:

Benjamin Rosendahl:

Geboren 1977 in München, lebt seit 1999 in Israel. An der Hebräischen Universität absolvierte er den Studiengang „Middle Eastern Studies“ mit dem Abschluss Bachelor of Arts. Seine Übersetzerausbildung an der Bar-Ilan Universität schloss er mit dem Magister ab. Seither ist er als freier Übersetzer und Journalist tätig.

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