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Johannes Grenzfurthner

Schubumkehr

Versuch einer Auseinandersetzung

Initiert durch eCE (engagierte Computer-ExpertInnen), monochrom (Alternativzeitschrift), Institut fuer Gestaltungs-und Wirkungsforschung der TU Wien, sowie moeglicherweise t0 (Public Netbase).

Geplant sind Workshops, Diskussionen, Vortraege und aehnliches.

Schubumkehr?

Schub,

  1. mechanische Kraft, Scherung, die unmittelbar benachbarte Querschitte eines Koerpers gegeneinander verschiebt oder verdreht;
  2. Vortriebskraft einer Stahlduese in Stahltriebwerken, gemessen in KiloPond; Leistung e. Strahltriebwerkes in PS = 0.85 x Schub in kp (Faustformel)

Sie sitzen in einem klimatisierten Airbus oder einer Boeing und wuergen gerade ein ungeniessbares Stueck gefaerbten Schinken hinunter. Auf einmal ein kurzer Ruck, Licht und freier Fall, der sie binnen Bruchteilen von Sekunden die Besinnung verlieren laesst.

Und warum das ganze? Mensch konnte sich eines weitern mechanischen Teils, einer etwa 100 kg schweren Stange inklusive Baudenzuege aus Metall entledigen, welche sinnlos Gewicht in Anspruch nahm. Immerhin, ein weiter Fahrgast konnte befoerdert werden. Und 200 waren tot, als festgestellt wurde, dass mensch vielleicht doch ganz gut beraten gewesen waere, die Stange nicht durch eine mikroprozessorgesteuerte Logik und einen Servo zu ersetzen. Schade, dass es immer erst Tote geben muss bevor ueber die Leichttfertigkeit, mit der vorhandene Schutzmechansimen ausser Kraft gesetzt werden, wieder nachgedacht wird.

Wann wird die Schubumkehr ausgefahren?

Neuerdings dann, wenn der Computer es fuer richtig befindet. Was uns wieder einmal zeigt, dass mensch sich nicht in dem Mass auf Maschinen — welcher Art auch immer — verlassen sollte. Denn ist mensch einmal abhaengig davon, so ist es zu spaet.

In diesem Sinne ist unsere Schubumkehr zu sehen:

Lasst sie uns ausfahren, und sehen was geschieht wenn wir dies bewusst tun. Wir haben beschlossen, bei diesem Projekt einige Schwerpunkte zu setzen. Die einzelnen Punkte sollen aber nicht einzeln betrachtet werden, sondern im Kontext. Verschiedene Workshops werden sich ueberschneiden

Gesellschaftsumkehr

Was hat die Gesellschaft mit der Schubumkehr zu tun?

Die Gesellschaft spiegelt die Einfluesse neuer Kommunikationsformen und Gepflogenheiten wieder. Sie ist Gradmesser fuer die unmittelbaren sowie die langzeitigen Auswirkungen neue Lebens- und Interaktionsformen. Sie ist die Voraussetzung fuer eine erneute Schubumkehr.

Welche Aspekte der Gesellschaft werden bei der Schubumkehr ausgefahren?

  • Masseninteraktivitaet: Isolation oder Integration? (Mensch-Mensch-Maschine Kommunikation, Lost in Hyperspace, Bildungsoffensive)
  • Meinungsfreiheit: Zugestaendnis oder Errungenschaft?
  • Electronic Democracy: Scheingesellschaft oder Gesellschaft des Seins (sich selbst bestimmen) Empower the individual, Verantwortung & Macht
  • FemNet, Gay, Behinderte, Arbeitssuchende, etc. ...

Datenschutz und Datensicherheit

Im Zuge der EU wird schon fleissig mit verschiedenen Personenueberwachungssystemen experimentiert. EIS (europ. Informationssystem) ist auf Grund der heutigen Kommunikationstechnologie bereits auf dem Weg zur Realisierung. Das heisst, das Schengener Abkommen hat den Weg frei gemacht fuer die Einfuehrung von Identitaets- und Chipkarten und ermoeglicht ein totalitaeres Kontroll- und Sanktionssystem gegen AsylbewerberInnen und andere unliebsame Randgruppen. Auch der Schutz der Privatsphaere ist nicht mehr gewaehrleistet. In den USA wurde Phil Zimmermann, Programmierer des email-Verschluesselungsprogramms PGP, bekanntlich wegen Waffenexports angeklagt, als er sein Programm oeffentlich ueber das Internet anbot. Regierungen fordern fuer ihre militaerischen Netze hoechste Sicherheit, die Kommunikation der BuergerInnen soll aber ueberwachbar sein.

Ist Verschluesselung der adaequate Weg zur Erlangung der Privatsphaere? Wie laesst sich das mit der Freiheit der Information vereinbaren?

Einige Aspekte:

  • Cypherpunk Movement vs. Freedom of Information
  • Die „Innere Sicherheit“ als Vorwand fuer totalitaere Tendenzen

Internet-Demarketing

Der Internet-User-Aufschwung der vergangenen beiden Jahre ist unuebersehbar. Durch guenstigere Zugangsmoeglichkeiten ist es erstmals moeglich, dass eine grosse Zahl an InteressentInnen die Moeglichkeiten internationaler Computervernetzung auszunuetzen. Der medienkolportierte Technopopulismus ist nicht zu uebersehen. Get on the Internet or you’re toast, wie es Arthur Kroker zynisch ausdrueckt.

Dieser Zwang zur Virtualisierung, Vernetzung wird vor allem durch die Wirtschaft unterstuetzt. Die Forderung nach Praesenz im Internet wird immer staerker in die Tat umgesetzt, und so ist eine I-Verkommerzialisierungswelle im Gang. Das WWW wird mit „Konsumenten-Informationsseiten“ ueberschwemmt, die Newsgroups werden mit Werbenachrichten zugemuellt. Auf den verschiedensten Netz-Veranstaltungen tummeln sich Marketing- Agenturen, RechtsanwaeltInnen, die sich auf die Kolonialisation der Netzwerke vorbereiten. Erst kuerzlich hat der Chefredakteur von Wired, Louis Rossetto, festgestellt, dass das Zeitalter der Netzutopie, die Zeit der kreativen, anarchistischen Energien der Cyberpunks vorbei ist, und dasses Zeit wird, endlich zur Sache zu kommen. Big money on the way.

Der Internet wird als kommerziell attraktives „weltgroesstes Plakat“ behandelt. Wirtschaftsgesteuerte Happenings wie das Internet-Café der „Ifabo 95“ (vor allem der Vortrag der SponsorInnen!) versuchen gezielt realitaetsbildend aufzutreten. Kreative, kuenstlerische, unkonventionelle Nutzung des Nets wird totgeschwiegen, unterdrueckt, geleugnet, allein die Moeglichkeiten fuer kommerzielle Nutzung werdenb beschrieben. Als sensationelles Beispiel Geschaeftsbrief per Email und aehnliche „fantasievolle“ Anwendungsmoeglichkeiten.

Kommerz-Net-Suggestion. Andererseits koennen, zum Teil von den selben HandlangerInnen des Tech-Hypes, immer staerker Stimmen wahrgenommen werden, die sich gegen das bisherige Internet-Konzept auflehnen. Die anarchische, unkontrollierbare Struktur wird kritisiert, vor allem aus Kreisen der technologischen Industrie-Oberklasse und Bereichen wie Marketing und PR wird die Forderung nach neuen Projekten immer staerker.

Der derzeitige Aufbau des Nets koenne nicht gezielt fuer Marketingstrategien genuetzt werden. Bekanntestes Traumbild der Wirtschaftstreibenden ist (natuerlich nur fuer die KonsumentInnen, die „virtuelle Klasse“ treibt die Corporate-Vernetzung natuerlich voran) der vielumjubelte, dennoch bisher unklassifizierte „Datenhighway“ und dessen gepriesener Abkoemmling „Video on demand“. Video on Demand als katastrophaler Rueckschritt, der Schritt zurueck auf die Stufe der one-to-many Kommunikation. Als einziges Medien der many-to-many Kommunikation ist das Internet eine zu unstrukturierte, amorphe Masse an Links und Verbindungen. RTL-Chef Thoma stellt zurecht fest, dass im Multimediagetuemmel die AnbieterInnen die KonsumentInnen zu sehr aus den Augen verlieren.

Thoma verraet sich und die althergebrachte Medienbranche sehr ungeschickt durch diese Aussage. Der/die KonsumentIn wird aus den Augen verloren, der Versuch der Kontrolle, Manipulation, Verdummung wird zunehmen schwieriger. Der/die UserIn kann fast direkt in die Informationswolke eindringen, ungefilterte Information aus der globalen Diskussion entnehmen, ohne die Selektion einer Vielzahl an Gatekeepers ueberlassen zu muessen. Es muss an gezielten Internet-Demarketing Projekten gearbeitet werden, um endlich klar festzustellen, dass wir diese Revolution nicht auch noch an uns vorueberziehen lassen wollen. Die Moeglichkeiten kreativer, unkommerzieller Nutzung sind unbegrenzt. Das Internet als sozialer, gesellschaftlicher Ort des Kontaktes, nicht als Manipulations und Ausbeutungsorgan einer kommerziellen Medien-Lobby, Ort der friedlichen, kuenstlerischen, kreativen Projekte, nicht als an other cesspool of greed, wie es die ILF so treffend andeutete.

Es wird Zeit, dass den Bossen von Microsoft, Wired, Spardat, etc. das Ruder aus der Hand gerissen wird, es wird Zeit, dass ihre Machtpolitik aufgezeigt wird, ihre Selbstbeweihraeucherung auf den diversesten Technologie- Veranstaltungen (von „Café Stein“ bis „Austrian Tele-Homeshop“) ein Ende hat. Zeit fuer eine Kurskorrektur. Zeit fuer eine Schubumkehr.

Hypertext

We intend to destroy all dogmatic verbal systems.

William Burroughs

Stellen Sie sich einen Text am Computer vor. Einen Text, bei dem Sie durch anklicken bestimmter Woerter sofort auf ein anderes Dokument springen. Sie lesen das Dokument also nicht mehr linear, sondern benutzen assoziative Verbindungen, um sich ihren eigenen Weg zusammenzustellen. Ein Hypertext ist kein abgeschlossenes Werk, sondern ein offenes Geflecht von Verbindungen, das sich in immerwaehrendem Wandel befindet.

Hierarchien loesen sich auf, oben und unten, hinten und vorne verlieren ihre Bedeutung. Im Hypertext gibt es kein aussen, alles ist im Zentrum. JedeR BenutzerIn folgt dem eigenen, individuellen Pfad. Die AutorInnen verlieren ihre Autoritaet, die LeserInnen gewinnen sie, werden selbst zu AutorInnen. Die Identitaet der AutorInnen verliert sich im Geflecht von Dokumenten, sie besitzen den Text nicht laenger. Das Potential dieser Technologie ist kaum abzuschaetzen. Trotzdem ist es nicht leicht, damit umzugehen. Schliesslich hat unsere Kultur seit der Erfindung der Schrift lineares Schreiben und Hierarchie bevorzugt.

Wir wollen also einige HT-Projekte vorstellen, dabei jedoch die BesucherInnen der Veranstaltung miteinbeziehen. Der Umgang mit Hypertext koennte unser gesamtes Denken revolutionieren. JedeR sollte daran teilhaben koennen.

Moegliche Projekte:

  • Vorstellung des World Wide Web und dessen kreativer, unkommerzieller Nutzung
  • Prinzip von HT, zeigen versch. Beispiele (WWW, wie man/frau es garantiert nicht machen sollte)
  • Erstellen eigener WWW-Seiten durch die BesucherInnen (weg von der Menueform — hin zur Erstellung assoziativer Links)
  • Hypertext Fiction — nichtlineare Literatur (Moeglichkeiten, Vorstellung von vorhandenen Werken)
  • HT-Fiction Workshop

DAS ist Schubumkehr. Falls Sie sich aktiv beteiligen wollen, schreiben Sie an:

  • Gesellschaftliche Umkehr und Datensicherheit > Patrick Awart (eCE): pawart cslab.tuwien.ac.at
  • Internet Demarketing > Johannes Grenzfurthner monochrom): jg gromit.ping.at
  • Hypertext > Thomas Brandstetter (monochrom): tb gromit.ping.at

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< jg, thanx 4 the fish >
— -

Johannes Grenzfurthner (jg gromit.ping.at), monochrom, Editorial

Office (sounds shit), vox/fax ++43-2266-63678, Dr. Karl Wallekstr. 12, Stockerau A2000, Austria, Europe <<< monochrom? media/art\damage >>>

Cuckoo’s Egg @ CNN, Burroughs @ Industrial, Hardcore @ Alien, Myonen @ Algorithmen, KI @ Kurzwelle, Robotik @ Cronenberg, Rucker @ CIA, DNS @ Koyaanisqatsi, Buckaroo Banzai @ Erwin Schroedinger, Baud @ Photosynthese, Protoplasma @ Noam Chomsky, VR @ Godzilla, Goedel @ Escher, Bach @ Butthead (viacom sucks)

>>> WWW test site: http://iguwnext.tuwien.ac.at/ ablin/mc<<< all hail Discordia!

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Die Digitalisierung des FORVM und der Betrieb dieser Website ist ein Projekt von Context XXI. Im Rahmen von Context XXI sind bereits 5515 Beiträge veröffentlicht. 10097 Beiträge warten derzeit darauf, der Texterkennung zugeführt und verfügbar gemacht zu werden. Context XXI kann Euch in den kommenden Jahren noch Vieles bieten. Das kann zu unser aller Lebzeiten und dauerhaft nur mit Eurer Unterstützung gelingen. Ganz so wie unsere alternativen Zeitschriften auf Abos angewiesen waren und sind, so ist dieses Projekt auf regelmäßige Beiträge von Euch Lesenden und Nutzenden angewiesen — hier heißen sie halt fördernde Mitgliedschaften:

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
Autor/inn/en:

Johannes Grenzfurthner:

Foto: Von Grenz - Eigenes Werk, link [1], CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53278963

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