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Franz Schandl

Schlagt die Bevölkerung, wo ihr sie trefft

Zu einigen Kürzschlüssen des Antifaschismus

Polemik aus der »Jungen Welt« (Berlin, 19.12.1996)

Schon wie er daherkommt, wirkt der Antifaschismus in all seinen Spielarten wie eine antiquierte Abwehrstrategie gesellschaftlicher Krisenerscheinungen. Er behindert die Analysen, er antwortetet vorschnell, will alles im braunen Eck orten oder dorthin bugsieren. Wo die Bürgerlichen den Zusammenhang zwischen Faschismus und Kapitalismus schlichtweg leugnen, will der linke Antifaschismus oft geradewegs eine Identität konstruieren.

Martialische Deklarationen im Stile der zwanziger Jahre (Antifaschistische Aktion Berlin) oder gar die Aufforderung, den deutschen Pöbel, „das Pack“, mit Steinen zu traktieren (Jürgen Elsässer), helfen da nicht weiter. Laufend ersetzt dieser Antifaschismus die Argumentation durch die Denunziation, permanent bringt er radikal und rabiat durcheinander. Er sitzt dem ganzen Nazi-Popanz auf, verwechselt dessen Lautstärke mit dessen Stärke, zieht Schlüsse, die nur als Kurzschlüsse zu bezeichnen sind. In seiner Bewußtlosigkeit trägt er mehr zur braunen Ausstrahlung bei als zu deren Eindämmung.

Die nazistischen Übergriffe sollen nicht bagatellisiert, sie sollen aber auch nicht überdramatisiert werden. Die Liste der Anschläge ist lang, aber sie verdeutlichen Schwäche und Isolation einer schmalen Szene. Daß gerade ein militanter Antifaschismus permanent zu ihrer Aufwertung beiträgt, ist ein Treppenwitz der deutschen Geschichte. Wenn dann einige Beobachter aus dem Volk einem rechtsextremen Übergriff Beifall zollen, dann schnallt er ausschließlich „Völkische Beobachter“, sieht vor lauter Nazis so ziemlich überhaupt nichts mehr.

Sicherlich, eine Linke, die dem Volk prinzipiell gute Absichten unterstellt, es nur von Kapital, Politik und Medien verfolgt, gegängelt und malträtiert sieht, greift zu kurz. Ebenso aber auch die Umkehrung, die das Volk bloß völkisch zu interpretieren weiß, die in jedem ausländerfeindlichen und gemeinen Deutschen sofort den Faschisten ausmachen will: Pack eben, dem man kräftig in den Arsch treten soll.

Das sind Ohnmachtsphantasien, die sich hinter einer Rabulistik der Worte verstecken. Gefährlich ist dieses Pack nicht, weil es apriori Pack ist, sondern weil das Pack die Verhältnisse nicht packt, sie nicht emanzipatorisch zu wenden versteht, sondern die Dummheit des hineingefressenen, realen Alltagstrotts ideell verlängert. Das darf nicht verwundern, sehen wir uns die Lebens- und Arbeitsprozesse dieser Menschen an. Die Getretenen treten zurück, da sie aber — und dies sei unwidersprochen — in die falsche Richtung treten, ist in Elsässers Folgerung noch mehr auf sie einzutreten, anstatt ernsthaft die Bedingungen zu diskutieren, wie sie sich aus diesem fatalen Kreislauf lösen könnten. Dieser und die ihm zugrundeliegende Logik der Kapitalverwertung, müssen also zum fundamentalen Kritikpunkt werden, nicht die braunen Umtriebe.

Über die sogenannte „Kraft der Negation“ ist dieser Antifaschismus nicht einmal in Nuancen hinausgekommen. Sein reines Anti, das zu keinem Pro finden kann, ja vielleicht nicht einmal mehr finden will, somit durch und durch perspektivlos ist, muß selbst regressiv und aggressiv werden, nimmt es den eigenen Standpunkt ernst. Ist das Volk schon nicht zu lieben (so die alte K-Marotte), dann ist es gefälligst zu hassen: Schlagt die Bevölkerung, wo ihr sie trefft!

Im Extremfall würde eine solche Sichtweise wohl bezahlte Schlägerkommandos der Dresdner Bank zum Schutze ausländischer Billigarbeiter gegen aufgebrachte deutsche Arbeitslose bejubeln, und nicht diese völlig falsche Front und ihre Mechanismen aufblättern. Anstatt die Irrwitzigkeit des Systems und seine Tendenz zu Scharmützel und Bürgerkrieg zu bekämpfen, mimte der durchgedrehte Linksradikalismus dann wahrscheinlich den Statthalter der zivilisierten Demokraten.

Der dumpfe Aufruf „Laßt uns hassen!“ ist also nicht nur beschränkt, sondern geradezu gemeingefährlich. Haß ist eine Kategorie der Blindheit, er ist nicht Voraussetzung von bewußtem Handeln, sondern geradezu die Aussetzung von bewußtem Denken. Er ist stets das unbegriffene Etwas. Der Haß kann nur ein Ferment der Praxis sein, niemals die Bedingung entsprechenden Handelns. So ist dieser Antifaschismus von dem, was er negiert, mehr angekränkelt und angetan, als er glaubt. Die Nazis sind ihm schlichtweg der Fixstern des Engagements. Seine Aktivität hängt an ihnen. Was würde er wohl tun, würde man ihm die Faschisten nehmen? Gewiß würde er welche finden, notfalls auch erfinden.

Auffällig ist auch: Bei den Faschisten wie bei den Antideutschen ist der Deutsche immer etwas ganz Besonderes. Bejubelt oder verabscheut, er ist wahrlich ein exklusives Exponat. Beiden Auffassungen gemeinsam ist ein fanatisierter Blick auf das, was da als Deutscher so herumläuft. Gewiß, der gemeine Deutsche ist unerträglich, besonders dann, wenn er im Rudel auftritt. Aber, was sagt das schon?

Ein schematischer Dualismus von gut und böse ist geradezu Inbegriff dieses Denkens. Oft verkehrt man bloß die Muster, verändert das Vorzeichen, schon scheint man richtig zu liegen. Motto: Zeig mir, wer deine Feinde sind, schon weiß ich meine Freunde! Daraus folgen dann auch diverse Kapriolen der Bündnispolitik.

Wer in den Faschisten eine Hauptgefahr wahrnimmt, kann die wirklichen Elementarprozesse des demokratischen Auseinanderbrechens und der barbaristischen Zersetzung bürgerlicher Formprinzipien nicht mehr richtig deuten und bewerten. Somit die wirklichen Gefahren, die von der Mitte der Gesellschaft ausgehen, demnach gerade von Marktwirtschaft und Freiheit, Geld und Demokratie herrühren, nicht mehr adäquat erfassen. Das alles ist grauslich, hat aber mit Faschismus nichts zu tun.

Die Frage ist also nicht, ob dieser oder jener Antifaschismus besser taugt, sondern ob der Antifaschismus überhaupt als Strategie eine Perspektive hat. In einer emanzipatorischen Praxis kann der Antifaschismus heute bloß von untergeordneter Bedeutung sein. Mit ihm ist der Kampf gegen die rechten Bedrohungen in keiner Weise wesensmäßig erfaßt. Er zentriert falsch. Der Antifaschismus hat gegenwärtig noch etwas mehr Stellenwert als der Antiklerikalismus oder der Antimonarchismus. Diese und jener haben ihre Meriten. Zweifellos. Damit hat es sich aber schon. Wer daraus Kraft schöpfen will, wird sich alsbald erschöpfen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1997
Heft 1/1997, Seite 8
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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