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Martin Fasan
Scheiterhaufen

Schilauf — ein Geschäft mit der Umweltzerstörung

Niemand wird bestreiten, daß hinter der Vergötterung des Spitzenskilaufs durch die Massenmedien eine ganze Reihe von Sportartikelfirmen steht, die ihre Idole geschickt als Werbekasperln einsetzen. Daß nebenbei noch dem Wunsch des Volkes nach Gladiatoren Genüge getan wird, steht wohl auf einem anderen Blatt.

Nachdem unser Fußball ohnehin krampfhaft versucht, die goldenen Wienerherzen zu zerreißen, ist der Skilauf also Österreichs Spitzensport und Exportgut Nummer eins. 1981 vereinnahmte die Alpenrepublik mit dem gesamten Skigeschäft (Ausrüstung, Tourismus, Liftanlagen etc.) 41 Milliarden Schilling.

Die Massen wälzen sich ins Land, um den beliebten weißen Sport zu konsumieren.
Und unsere Fremdenverkehrswirtschaft trifft die notwendigen Maßnahmen, um den Wünschen der Touristen nachzukommen:

  • 1960 gab es in Österreich 600 Liftanlagen, 1982 waren es 3.500 für 20.000 Skipisten!!
  • Bäume werden gefällt, Wiesen werden zubetoniert, Gletscher werden verbaut!!
  • Der Dachsteingletscher ist bereits derart verdreckt, daß in ganz Hallstadt, das sein Trinkwasser vom Gletscher bezieht, das Wasser vor dem Genuß abgekocht werden muß. Dieser Skandal wurde in der Medienlandschaft ähnlich „vorsichtig“’ behandelt wie die Grundwasserverseuchung in der Mitterndorfer Senkel!
  • Am Kitzsteinhorn fanden Geologen am Gletscherboden eine millimeterdicke Schicht aus Schmutz und Sonnencreme!!
  • Durch das Präparieren der Pisten wird die Schneedecke so stark zusammengepreßt, daß sie luftundurchlässig wird und Gras und Alpenflora ersticken und verfaulen. Die Pistenraupen reißen überdies das Gras, das sich in die Schneedecke hineinfrißt, samt dem Erdreich aus dem Boden; was bleibt, ist der nackte Fels!!
  • Auf der Planneralm in der Steiermark sind bereits 10 ha der Pistenflächen völlig verkarstet. Ebenso gleichen 200 von 1.700 ha der gesamten Pisten Tirols bereits einer Mondlandschaft!!
  • In Tirol fallen jährlich 5.000 m2 Almen und Wiesengrundstücke dem Bau von Appartementhäusern zum Opfer!!
  • Geologische Gutachten werden, wie z.B. in St. Gilgen am Wolfgangssee, unter den Tisch gekehrt, Kommunalpolitiker und Geschäfts- und Gaststättenbesitzer sind allzu oft identisch. Wer den Mund aufmacht, erliegt meist dem speziell in ländlichen Gebieten mörderischen sozialen Druck!!
  • Neue Straßen werden gebaut und verschandeln ganze Täler, wie z.B. das Angertal in Bad Gastein. Autoschlangen wälzen sich ins Land und zerstören mit ihren Abgasen die letzten Bäume und unsere Lungen!!
  • Die Tiere flüchten aus den überbevölkerten Regionen und richten in anderen Wäldern erheblichen Wildschaden an (ca. 300 Millionen im Jahr)!!!
  • Unsere Krankenhäuser sind allwinterlich mit Leuten überfüllt, die doch noch nicht so gut sind wie Stenmark und Weirather, sogar die Gipswerke werden bald ins Geschäft einsteigen, wenn es ihnen gelingt, sich mit den Bindungsfirmen zu einigen.

Aber der „weiße Zauber” geht weiter. Man muß ja Wirtschaftswachstum herausholen und vor allem (wie löblich!) „Arbeitsplätze sichern“. Welche Arbeitsplätze denn??

Nun, der Einkommensrückgang im Heuertrag beträgt bei Pistenwiesen bis zu 71%. Viele Bergbauern müssen aus Mangel an Viehfutter ihre Existenz aufgeben. Selbstbedienungslifte und „‚Skihütten’’ (= mensaähnliche Restaurants im Mc Donalds-Stil, deren Abwässer nicht gerade zur Besserung der Trinkwasserqualität im Tal beitragen) rationalisieren viele Arbeitsplätze weg und ruinieren das Kleingewerbe.

Bleibt den Einheimischen oft nur sich und ihr Brauchtum in „Jodel- und Schuhplattelshows“ zu prostituieren und den Flachlandtouristen die g’standene, alpenländische Zünftigkeit vorzuspielen. Wer das nicht schafft, geht in die Fabrik arbeiten oder sieht sich in der zunehmenden Wirtschaftskrise bald als Arbeitsloser auf der Straße.

Ein paradoxer Zustand: Wirtschaftswachstum gefährdet letztlich die Arbeitsplätze. Dazu kommt, daß die meisten Seilbahnen und Sessellifte bereits in den roten Zahlen stehen und nur noch die Schlepplifte gewinnbringend arbeiten. Auch die Erzeugerfirmen erhalten sich nur noch mit Auslandsaufträgen am Leben.

Der Ausverkauf der Alpen ist perfekt, der Weg zurück ist schwer. Die Landschaft ist tot, die Bevölkerung aus ihrem traditionellen Lebensraum gerissen oder degeneriert, Kommunalpolitiker und Geschäftsleute träumen nach wie vor von Wachstumsraten. Wen schert’s, wenn Wiesen und Wälder hin werden, Tiere flüchten oder aussterben und kleine, einstmals idyllische Erholungsorte zu stinkenden, qualmenden, lärmenden Tummelplätzen für die Massen werden, von denen keiner mehr an Erholung denkt, viele aber das „alpenländische Franzi Klammer-Naturburschen-Jodel-Gaudi-Mythos“ einmal live erleben wollen. Wenn wirklich nur diejenigen Ski fahren würden, die wirklich wollen, ohne daß sie jährlich 20 Direktübertragungen und täglich Werbespots und Skigymnastik ins Haus geliefert bekommen, würde zwar das Kartenhaus Fremdenverkehr einstürzen, es wäre aber langfristig sicherlich eine Erholung für Landschaft und Bevölkerung.

Dann wäre es auch möglich, Wege des „sanften Tourismus“ zu fördern. Ohne die lästige und kostspielige Werbung würde der Massenansturm ausbleiben. Dann würden die Leute den Sport betreiben, zu dem sie Lust und Fähigkeiten haben. Urlauber wären dann wieder Urlauber und keine konsumwütigen, attraktionsgeilen Schafherden, die Natur könnte sich von den oben aufgezeigten Schäden, soweit diese nicht irreparabel sind, erholen und auch die Landwirtschaft könnte sich, was ebenfalls sehr notwendig wäre, regenerieren.

Es gäbe keine Riesenhotels sondern kleine Pensionen, kein Schlangestehen beim Lift sondern eine beeindruckende Skitour, eine Langlaufpartie oder einen ausgedehnten Spaziergang für ältere Leute. Lifte hätten wieder den Zweck, den sie ursprünglich hatten, nämlich eine Aufstiegshilfe und kein Massenbeförderungsmittel zu sein.

Almhütten wären Almhütten und keine „Gletscher-Mc Donalds“, Bauern wären Bauern und keine Tellerwäscher, die Bevölkerung der Alpenregion würde ihre Identität wiederfinden.

Es ist wohl eine Frage der Wirtschaftsgesinnung, wie weit man das Geschäft durch Ausbeutung der Natur noch treibt. Bleibt die Frage, wem diese zweifelhaften Geschäfte eigentlich nützen!?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1983
Wurzelwerk 26, Seite 22
Autor/inn/en:

Martin Fasan:

Lizenz dieses Beitrags:
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