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Karl Pfeifer

Schandl interpretiert die Welt

In der letzten Ausgabe der „Volksstimme“ erschien der Leitartikel von Franz Schandl, der zum Widerspruch herausfordert.

Seine Analyse „Wider die Eingliederung in die okzidentale Phalanx“ beginnt so:

Dass „wir alle Londoner sind“, ist zu einem geflügelten Wort geworden. Dass wir alle Kabuler sind oder Nairobier, würde hingegen der abendländischen Seele nie einfallen. Das sind namenlose (Habe)Nichtse, deren Eliminierung ohne Bedeutung ist. Die Wertigkeiten sind eindeutig, ja selbstverständlich. Sie plakatieren sich in jeder Deklaration. Im Londoner- oder New Yorker-Sein drückt sich jedenfalls keine allgemeine Empathie aus, sondern ein Zusammengehörigkeitsgefühl der westlichen Macht mit ihrem Personal. Es geht so um die ständige Eingemeindung in eine okzidentale Phalanx, um eine strikte Hierarchie des Menschenmaterials. Mitgefühl wird zu einer selektiven Ware, nicht zu einem allgemeinen Gut, das allen zusteht. Würde man für sämtliche Opfer von Krieg und Terror die Schweigeminuten für Londons Tote hochrechnen, dann wären wohl Jahre der Stille angesagt. Nicht Humanismus stelle sich aus, sondern das Kalkül der kapitalen Mächte. Nicht Menschlichkeit wird eingefordert, sondern die Wahrnehmung bevorrechteter Interessen und Lebensweisen. Alles dreht sich um die Wertegemeinschaft, die Gemeinschaft des Werts, zu der eins sich zu bekennen hat.

Diesen Manichäismus muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Würde es nach Schandl gehen, dann würden ja die Kabuler glücklich unter den Talibans leben, die Frauen wüssten, wo ihr Platz ist, und die anderen Menschen auch. Sie müssten nicht westliche Werte erleiden, sondern dürften an den Vorschriften der Scharia festhalten oder aber ihr Leben riskieren.

Die von Schandl herbeiphantasierte Wertegemeinschaft gibt es wirklich nicht, denn nirgendwo in der Welt wird so scharf über Werte diskutiert, wie im Westen. Was Schandl verwirft, ist das Erbe der Aufklärung. Wohin das führt, wenn es mit marxistischer Philosophie gekoppelt wird, konnten wir erfahren, als die Wertegemeinschaft der Urzeitkommunisten in Kambodscha von westlichen „fortschrittlichen“ Denkern wie Noam Chomsky bejubelt wurde. Diesen Rückschritt in die Barbarei führten tatsächlich an der Sorbonne ausgebildete marxistische Intellektuelle an.

Schandl weiter: „London tendiert zum Ausnahmezustand, und zeigt der Welt doch nur an, wohin die Reise führen wird, wenn alles so bleibt wie es ist. So ruhig wie es in den Metropolen gewesen ist, wird es nie wieder sein. Insofern sind wir wirklich alle Londoner oder könnten es werden. Es ist zu befürchten, dass solche barbarischen Momente alltäglicher werden, auch hier in den Sonderzonen der Demokraten. Sich einzubilden, noch größeres Waffenarsenal, noch verheerenderes Vernichtungspotenzial, noch stärkere Erpressung und entschiedenere Drangsalierung könnten diesen Terror eindämmen, ist Unsinn. Im Gegenteil, das alles ist gerade der Dünger, auf dem er gedeiht“

Entgegen Schandls Behauptung ist es gerade in Afghanistan gelungen, die Taliban – wenn auch leider nicht endgültig und in sämtlichen Regionen des Landes — zu schlagen. Und wenn es Schandl vielleicht auch schmerzt: die Frauen und die meisten Menschen in Afghanistan freuen sich, dass die fanatischen Islamisten nicht mehr das gesamte Land beherrschen. Sie wollen kein Dünger sein, auf dem der Terror gedeiht.

„Der Aufstieg des Islamismus verdeutlicht aber nicht nur den Irrsinn der Macht, sondern auch die anhaltende Schwäche der Emanzipation, also die Ohnmacht. Wo keine Perspektive ist, formiert sich durchgeknallter Hass und der neigt zu Auslöschungsphantasien.“

Schandl möchte eine komplexe Realität in das Prokrustesbett seines engstirnigen Denkens hereinzwängen. Doch die Täter des 11. September 2001 waren genauso wenig wie die Täter in London am 7. Juli 2005 perspektivlos. Die meisten von ihnen kamen aus gutbürgerlichen Familien und hatten eine Ausbildung, sei es als Naturwissenschaftler, Computerspezialisten oder Lehrer. Der durchgeknallte Hass und die Auslöschungsphantasien, die ihr Bewusstsein bildeten, hatten wenig mit ihrem Sein zu tun. Im Gegenteil, ihr Bewusstsein führte sie zum Terror.

„Wer jedoch meint, gerade das alles sei ein Grund noch brutaler vorzugehen, wird jenen stärken, abgesehen davon, dass Bin Laden und Co. sowieso nur groß werden konnten, weil sie im antikommunistischen Kampf tolle Bündnispartner gewesen sind und logistisch aufgerüstet wurden.“

Tatsächlich wurden „Bin Laden und Co.“ vom Westen unterstützt, um sie gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans im ausgehenden kalten Krieg zu unterstützen. War nun diese Besatzung – weil von der Sowjetunion geführt – eine gute? War es richtig oder war es falsch, die Stämme Afghanistans mit den Segnungen des sowjetischen Sozialismus bekannt zu machen?

Aber wo ein Franz Schandl, dort gibt es auch eine Belehrung: „Der Terror stammt aus dem konkurrenzistischen (Ge)Schoß des Weltkapitals.“

So einfach ist es, am Terror ist das Weltkapital schuld. Warum das so ist? Weil Bin Laden von der CIA unterstützt wurde, um gegen die Sowjetunion zu kämpfen.

Die Tochter Che Guevaras Aleida, weist zurecht jeden Vergleich Bin Ladens mit ihrem Vater zurück: „Es wäre sehr traurig für die arabische Welt, wenn sie von jemanden angeführt wird, der vom CIA erschaffen wurde.“

Was immer die Tochter von Che Guevara uns erklärt, wenn Al Jezeera wieder einmal über ein gelungenes Attentat Bin Ladens und Co. berichtet, dann gibt es in der arabischen Welt von vielen – zum Glück nicht von allen – freudige Zustimmung und sei die Tat der Terroristen noch so barbarisch. Auch daran ist das „Weltkapital“ schuld, wie ja auch an allem Unglück der arabischen Welt. Was der Philosoph Franz Schandl uns nicht erklärt, weshalb das „Weltkapital“ nichts gegen die rasante Entwicklung Chinas, Indiens und einiger anderer ostasiatischer Staaten unternimmt, andererseits aber dafür verantwortlich gemacht werden soll, wenn es der arabischen Welt nicht gelingt sich die Moderne anzueignen?

Lesen wir noch Schandls Schlussfolgerung: „Die Exponate Bin Laden und Bush (samt dem unsäglichen Blair) sind Brüder in Geist und Tat. Sie brauchen einander, um sich zu rechtfertigen. Es ist ein irres Spiel mit realen Opfern. Terror und Vergeltung, das ist Paranoia gegen Paranoia. Ein universeller Amoklauf der Sonderklasse. Da gibt es keine Parteinahme. Das tödliche Spiel ist vielmehr zu durchbrechen. Banal wie richtig bleibt: Dieser delirierende Terrorismus kann nie mehr entsorgt werden, wenn dessen Basis, das delirierende globale System von Wert und Konkurrenz, der Kapitalismus, nicht überwunden wird. Wer macht’s?“

Schandl – und Anhänger – lassen sich gerne irreführen von den Ideologen des Islamismus, die sich natürlich an ihr jeweiliges Publikum anpassen. Wenn behauptet wird, dass erst die Invasion des Irak den Terror ausgelöst hat, dann wird vergessen, dass ja auch die Kämpfe in Bosnien tausende Islamisten mobilisiert haben. Allerdings wurde dieser blutige Bürgerkrieg erst beendet als die westlichen Mächte dort den Moslems zu Hilfe kamen. Übersehen wird auch die für den Kommunisten Franz Schandl offenbar unwichtige Tatsache, dass die irakischen Kommunisten, die einen hohen Blutzoll unter dem Terrorregime Saddam Husseins zahlen mussten, jubelten, als der verhasste Diktator – durch den Sieg der Allierten Armeen - zum Sturz gebracht wurde. Es ist einfach lächerlich, für den Terror gegen Schiiten im Irak, der tausende Opfer, darunter Gelegenheitsarbeiter und Besucher von Moscheen trifft, das „konkurrenzistische[n] (Ge)Schoß des Weltkapitals“ verantwortlich zu machen.

Franz Schandl suggeriert uns die alte Wiener Botschaft, „da kann man halt nichts machen“. Schandl übersieht dabei, dass der von ihm beklagte „durchgeknallte“ Islamismus auch deswegen floriert, weil der arabische Sozialismus so kläglich versagt hat. Freilich, punktuelle Analyse ist seine Sache nicht, mit seinem Leitartikel vertröstet er die Leser auf die Lösung aller Probleme, wenn „das delirierende globale System von Wert und Konkurrenz, der Kapitalismus“ überwunden wird. Mit seiner letzten Frage, „wer macht’s?“ zeigt er die Misere seiner manichäischen Philosophie auf, welche die Welt beschränkt interpretiert, jedoch nichts zu ihrer Veränderung beitragen kann.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2006
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

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