Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 6-7/2004
Katrin Auer

Rape as a weapon of mass destruction

Mehr als eine Million Menschen wurden durch die syste­matischen Vertreibungen im Westsudan zu Flüchtlingen. 170.000 flohen in den benachbarten Tschad, fast eine Million Menschen leben als Binnenflüchtlinge auf sudanesischem Gebiet. V.a. Frauen und Kinder sind in den ländlichen Ge­bieten Darfurs von den Gewalttaten der Janjawid-Milizen betroffen. Der Grund dafür liegt in der Sozialstruktur der Dörfer. Denn als Folge der ökonomisch bedingten Migrati­on der Männer vom Land in die Städte, nach Khartoum oder in die Nachbarstaaten, lebten zur Zeit der Angriffe hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Menschen in den Dörfern. Frauen machen mit ihren Kindern und Angehöri­gen darum die Mehrzahl der Flüchtlinge aus und sind direkte Opfer der Janjawid-Milizen. Neben Plünderungen, Zerstörung der Dörfer, Vertreibung und Mord setzen die Janjawid — wie prinzipiell jede militärische Formation in allen kriegerischen Auseinandersetzungen — sexuelle Ge­walt in Form von Vergewaltigung und sexueller Ausbeu­tung gegen Frauen und Mädchen sowie sexualisierte Fol­ter gegen Männer und Buben als Kriegswaffe ein, wie ein Bericht von Amnesty International zum Einsatz von sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe im Westsudan belegt. [1]

„Als die Janjawid kamen, steckten sie zuerst die Hütten in Brand und schlugen die Kinder und Frauen. Ich habe sie­ben Kinder und sechs sind jetzt hier bei mir, ich habe eines auf den Rücken genommen, eines vorne auf die Brust und die anderen haben meine Hände genommen und wir sind ge­rannt. Meine Großmutter war auch bei mir. Auf dem Weg waren viele Janjawid und sie haben Menschen geschlagen und wir sahen, wie sie Frauen und junge Mädchen verge­waltigt haben“, schilderte eine Frau ihre Flucht.

Betroffene Frauen und AugenzeugInnen berichten von Gruppenvergewaltigungen durch mehrere Männer. In eini­gen Fällen spricht AI auch von sexueller Sklaverei, da viele Frauen und Mädchen nicht nur bei Plünderungen und An­griffen auf die Dörfer vor den Augen ihrer Angehörigen ver­gewaltigt wurden, sondern von den Milizionären in ihre La­ger verschleppt wurden, wo sie von den Männern über län­gere Zeit sexuell ausgebeutet werden.

Doch auch in den Flüchtlingslagern innerhalb des Sudan sind die Frauen nicht sicher. Dem AI-Bericht zufolge handelt es sich bei den Binnen-Flüchtlingslagern in der Nähe von Großstädten um „virtuelle Gefängnisse“, denn die Umge­bung wird von den Janjawid kontrolliert und Frauen, die das Lager verlassen mussten um Lebensmittel, Wasser oder Holz zu holen, wurden angegriffen und oft auch vergewaltigt. Dass nicht nur Frauen und Mädchen von sexualisierter Gewalt betroffen sind, zeigt die Schilderung eines 15-jähri­gen Buben: „Ich habe Ziegen gehütet und wurde von den Janjawid im November 2003 gefangen genommen. Acht andere Kinder, die nicht von meinem Dorf waren, wurden auch gefangen genommen, sie sind noch immer bei ihnen, mir ist die Flucht gelungen. Sie haben mich in ein Lager in Abu Jidad gebracht, wo auch Armeesoldaten waren. Sie fragten mich, wo die Ziegen sind und haben mich geschla­gen, wenn ich nicht geantwortet habe. Sie haben meine Ge­schlechtsteile an ein Seil gebunden und jedes Mal von bei­den Seiten gezogen wenn sie mir Fragen gestellt haben, sie haben mich mehrmals am Tag geschlagen. Als ich ihnen ge­sagt habe, wo die Ziegen sind, haben sie aufgehört mich zu schlagen. Die anderen Kinder haben von den Janjawid und Soldaten dieselbe Behandlung bekommen.“

Regierungstruppen waren bei allen Übergriffen, die Amnesty International geschildert wurden, entweder invol­viert oder zumindest anwesend. In einigen Fällen wurde vor Janjawid-Angriffen die örtliche Polizei abgezogen. Es kam aber auch zur Ermordung von Polizeiangehörigen durch die Janjawid. Amnesty International zufolge setzen auch Angehörige der beiden Guerillabewegungen Sudanese Liberation Army (SLA) und des Justice and Equality Movement (JEM) sexualisierte Folterungen und Vergewal­tigungen ein. Bislang wurde noch kein einziges Mitglied der Janjawid oder anderer militärischer Gruppen wegen sexueller Gewalttaten angeklagt oder verurteilt.

[1http://web.amnesty.org/library/Index/EIlGAFR 540762004; Übersetzung der Zitate aus dem Englischen durch die Autorin.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2004
Heft 6-7/2004, Seite 9
Autor/inn/en:

Katrin Auer:

Studierte Politikwissenschaft/Geschichte und arbeitete an der Ausstellung Wege nach Ravensbrück. Erinnerungen von österreichischen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers mit. Von Oktober 2003 bis 2006 Redaktionsmitglied, von Juni 2004 bis Mai 2005 koordinierende Redakteurin von Context XXI.

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