Zeitschriften » FŒHN » Heft 22
Markus Wilhelm

Rache

Die Verhältnisse sind zum Dreinhauen, keine Frage. 57m2-Spannteppichbodenfläche zum Wohnen, E 249 und E 1422 zum Fressen. Die in der Wohnbatterie zwischen links und rechts und im Bürogebäude zwischen vorn und hinten wahrlich Eingeklemmten sehen keine Möglichkeit, die Dinge zu ändern (außer mit Rubbeln). Sie wissen nicht einmal, daß es eine geben können könnte, dank Abrichtung durch den Kindergarten des Systems, die Schulen des Systems, die Kirche des Systems, die Zeitungen des Systems, das Fernsehen des Systems, die politische Propaganda des Systems usw. Weil sie keinen Anfang wissen, die Verhältnisse zu ändern, bläht sich der Wunsch ins Unermeßliche auf, sich an den Verhältnissen zu rächen (und das heißt: an den Personen, die nach der öffentlichen Meinung für diese Verhältnisse stehen).

Klarer könnte es der FÖHN nicht sagen (Cosmos-Werbung, Nov. 1995)

Das ist Haiders Angebot. „Er gibt ihnen Saures!“ Ein kleiner Wiener FPÖler sagt im Film „Die Wahlkämpfer“ (Österreich, 1993), daß es ihn „tierisch freut“, wenn Haider „die Leute in den Hintern beißt und sie wirklich quält“. Ach, könnten sie ihrem Abteilungsleiter oder ihrem Firmenchef in den Hintern beißen und ihn wirklich quälen! Ach, hätten sie keinen Abteilungsleiter und keinen Firmenchef! So beißt also Haider stellvertretend in einen stellvertretenden Hintern. Angesichts der enormen Wut, die da ist, muß man sagen, hält sich Haider sogar stark zurück („dumm“, „blöd“, „schwachsinnig“). Die Leute erfreuen sich auch gar nicht an seinen Wortschöpfungen, sondern an den Wirkungen, die sie auslösen. Sie wählen Haider nicht, weil er die Beschäftigungspolitik der Nazis gelobt hat, sondern weil er damit die „Bonzen“ gezwiefelt hat. Die Verletzten wollen verletzen. Sie wählen zufleiß ihn, weil sie damit die Regierenden am meisten ärgern können! Die Qual, die sie den Oberen so einmal bereiten können, ist ja am Bildschirm fast zu greifen. Es geht den Kaputtgemachten gar nicht darum, daß Haider ihr Leben besser macht, sondern nur noch darum, daß er das Leben anderer schlechter macht. So verpatzt sind die Leute.

Die Bindung der Haiderwähler an Haider wächst unter diesen katastrophalen Bedingungen mit jedem lustvollen Erfolg und mit jedem schmerzlichen Mißerfolg, den er ihnen beschert. Die, die in diesem System ständig die Trotteln sind, wollen nicht, wie eine junge Wiener Haiderwählerin sagt, wenn sie „die FPÖ wählen, von den anderen Parteien als Trotteln hingestellt werden. Im Bekanntenkreis sagen viele, wir werden alles organisieren, daß die noch stärker werden, weil wir lassen uns nicht so abschasseln.“ (Profil, 20.3.95) Sie sagen sich: Sie sind gegen uns, weil wir für ihn sind. Umgekehrt ließ Haider sich 1994 landesweit mit dem Slogan aufkleben: „Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist.“ So gehen Haiders Wähler mit Haut und Haar in ihm auf und haben schließlich das trügerische Gefühl, sich selber zu wählen, wenn sie ihn wählen. Sie sind in der momentanen Phase regelrecht in ihn verknallt. Was ihm angetan wird, wird ihnen angetan, was er schafft, das ist, als schafften sie es. Haider hat immer schon abgezielt auf dieses Bedürfnis der Niedergehaltenen, eins zu werden mit einem Ideal, das sich was traut, das sagt, was es denkt. Kärntner Landtagswahlen 1984: „Der traut sich was, der Jörg“ Nationalratswahlen 1994: „Er sagt, was wir denken.“ In der gegenwärtigen Vergafftheit in Haider ist dieser der glorifizierte Übermensch, der in allem, was er sagt und tut, recht hat. So wenig ihn jemand wählt wegen seines angeblichen 47-Punkte-Wirtschaftsprogramms, so wenig ist derzeit ein Haiderwähler oder eine Haiderwählerin mit Argumenten von ihm abzubringen. Aber der Kollaps kommt. Die Verzückung steht auf Beinen, die nicht halten können. Man denke daran, wie blitzschnell die Begeisterung der Fußball-Fans vor dem Fernseher in sich zusammenkracht, wenn Österreich in der 89. Minute das entscheidende Gegentor bekommt. Neben der Lust daran, daß sie gewinnen, harrt ständig die Lust daran, daß sie verlieren, sonst könnte die abgrundtiefe Verachtung für das eben noch angefeuerte Team nicht so schnell bei der Hand sein: „Recht geschieht ihnen!“, „Wenn sie so deppert tun ... !“, „Eiergoali!“. So muß es mit Haider sein. Wenn er strauchelt, wird die Häme seiner Wähler maßlos sein. Dann werden sie ihn „Großmaul!“ schimpfen, „Angeber!“, „Blaue Sau!“, „Haider-Oasch!“ Wenn der große Verdrescher, über den sich heute viele freuen, selbst verdroschen werden wird, werden sich viele von denen wieder tierisch freuen. „Warst nit aufigstiegn, warst nit obagfalln!“ Neben der noch alles überstrahlenden, großen, lustvollen Übereinstimmung sitzt schon sprungbereit die Distanzierung und wartet auf ihren nicht minder großen, nicht minder lustvollen Auftritt. Das heißt, die momentane Begeisterung ist nicht ganz echt. Haiders Wähler vermögen sich von ihm zu trennen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1996
Heft 22, Seite 18
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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