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Alexander Emanuely

Prometheus 1925

in Memoriam Hugo Bettauer

Selbst wenn Prometheus, der gegen die Götter protestiert, das Sinnbild des modernen und revoltierten Menschen sein sollte, wie Camus gemeint hat, so bleibt ihm doch das Schicksal nicht erspart, ein Opfer seiner Tat, seiner modernisierenden Tat zu werden. Daß er aber auch Opfer der Vergeßlichkeit werden könnte, ist im Mythos oder im intellektuellen Verständnis nicht inbegriffen, trotzdem es im Falle Hugo Bettauer, dem vergessenen Prometheus des „fins“ des wiener Fin de Siècle Tatsache wurde. Prometheus zu vergessen, wäre der Sieg der Götter gewesen, wäre das Vergessen seiner Schöpfung, seiner Leiden, seines Feuers, eines menschheits- und zivilisationsschaffenden Feuers gewesen. Das Feuer Bettauers war der Wille, der unzeitgemäße, in den ersten Jahrzehnten des XX Jahrhunderts „unpassende“, „vulgäre“ und dermaß notwendige Wille, demokratische, soziale und vorallem sexualaufklärerische Erkenntnisse, Trivialliteraturmäßig und deshalb publikumsnah und populistisch niederzuschreiben. Die Popularität seiner Werke und damit die Popularität des modernen Geistes waren es, die die braunen Geister und schwarzen Götter beängstigt und mord(s)wütend gemacht hatten.

Doch nicht das Attentat an Bettauer vom 10. März 1925 durch den jungen Nazi Rothstock, das in seiner Art nur ein Vormord des Hauptmordens war, sondern der geistige Mord an Bettauer, das Vergessen seines Werkes, ja seiner Existenz in unseren Tagen ist das Erschreckende, ist das „wahrere“ Verbrechen. Bettauers Ermordung, sowie sein Vergessen sind der Triumph eines Rothstocks und seiner Nachfolger, sind und bleiben Zeugnis dafür, daß oft nur dem Mörder eine Art von Gerechtigkeit widerfährt, nämlich die Gerechtigkeit des Erfolgs. Selbst die Leiche Bettauers wurde noch geschändetet, indem sein Mörder zu einem freien Helden gemacht wurde, der bis in die siebziger Jahre ein gemütliches Leben, so wie wohl die meisten der braunen Mörderbande, leben durfte.

Bettauers Wille war nicht in gutwienerischer Caféhausliteraturmanier, die Zeit mit welt- und menschenfremden chinesischen Gleichnissen, sondern die Vorurteile, sowie gesellschaftlicher, als auch sexueller Natur aus dem Alltag zu vertreiben. Der Grund warum Bettauer nicht zum zeitgemäßen Caféhausliteraten mutierte, obwohl er doch in Baden, übrigens am 18. August 1872, als Sohn eines Galiziers (wie so mancher berühmter Österreicher) geboren wurde und nur eine Schritt, einen geistigen Schritt vollenden hätte müssen, um den Herrenhof mit zu bevölkern, war eine für damalige Österreicher aus gutbürgerlichem Haus eine eher ungewöhnliche Jugend.

Nachdem er mit Karl Kraus (später einer seiner vehementesten Kritiker) die Schulbank gedrückt hatte, sich taufen ließ und seine militärische Karriere aufgab, indem er einfach die Gewalttätigkeit nicht mehr akzeptierte, wanderte er nach Amerika aus, um sein Erbe auf abenteuerliche Art loszuwerden. In bester Karl Roßmann Manier überlebte er die Neue Welt, um als gelernter Amerikaner und Reporter in die Alte Welt zurück zu kommen. Er mußte noch das Preußische Königreich als ein unliebsamer und kritischer Journalist verlassen, Hamburg mit einem kulinarischen Führer beglücken und mit seiner zweiten Frau wieder nach New York zurückkehren, um schlußendlich im Jahre 1907 in Wien zu landen, wo er weniger als rasender, sondern vielmehr schon als engagierter Reporter die Leserschaft erstaunte. Nach dem ersten Weltkrieg kamen die ersten Sittenromane heraus. Bettauer verdankt seinem typischen Stil, der „(mit) Beobachtungsgabe und Gegenwartsbezug, sowie (dem) Talent, in einfacher, leicht verständlicher und realistischer Sprache die Schicksale (der Menschen) zu schildern, mit denen sich der Leser sofort identifizieren konnte“, [*] daß seine Romane Bestseller wurden.

Diese triviale Schreibweise und der damit verbundene Durchbruch machten ihm jedoch die wiener Literatenszene zum neidvollen Gegner. Man wollte einfach nicht akzeptieren, daß soetwas amerikanisches in Wien Fuß fassen hatte können. Die etwas gefährlichere und schlußendlich tödlichere Feindschaft mit Kirche, Staat und Nazipack brachte ihm zuallererst sein im 22er Jahr, innerhalb von zwei Wochen niedergeschriebener Roman von Übermorgen: Die Stadt ohne Juden, dieses „amüsante Romänchen, (hingehauen), wie es eben in meiner Art, also in der Art eines höchst leichtfertigen, durchaus unseriösen Lüdrians liegt’, wie er schrieb, ein. Die Stadt wurde verfilmt (wie damals so einige Romane Bettauer, so z.B. Freudlose Gasse) und die Kinosäle gestürmt, aber nicht nur von einem begeisterten Publikum, sondern auch von SA-Horden, die diese Prophetie, diese „hingehauene“ Voraussicht ihrer Taten, nicht an den Mann gebracht sehen wollten. Trotzdem verkaufte sich das Buch 200 000 Mal. Trotzdem gab es die Nacht des 9. Novembers ’38.

Der zweite Akt dem Leberfresser näher zu kommen, war die Gründung des „Lügen- und Sudelblattes“, der „Bettauerischen Fäkalien-“, „Sudelflut-“ und „gewerbsmäßigen Pornographie-“ [**] Zeitschrift Er und Sie, wo Bettauer und eine Anzahl von Psychatern, Ärzten, Schriftstellern, aber auch die Betroffenen über Sex, Abtreibung, Homosexualität, Erziehung und andere Tabuthemen berichteten, die ihm nun die deklarierte Feindschaft der damals in Österreich herrschenden „Schwarzen Roben“ einbrachte. Daß Bettauer „rassisch“ ein Jude für seine braunen und schwarzen Gegner war, vergrößerte nur deren Haß und Tobsucht.

Nun ging es Schlag für Schlag dem Ende zu. Vogelfrei wurde Bettauer praktisch mit dem gerichtlichen Verbot seiner Zeitschrift und bald nachdem er eine neue, die Bettauers Wochenschrift gegründet hatte, die übrigens Bettauer um einige Jahre überleben konnte, kam der 10. März 1925.

Eine kleine Menschenmasse hat wohl damals die Langengasse, wo die Redaktion der Wochenschrift lag, gesäumt, um diesmal „Mord zu schauen“, eine damals eher neue Modeerscheinung in Wien, da sonst immer nur „Feuerschauen“ üblich ist. Sie konnten sehen, wie der noch lebende Ermordete mit einem entleerten Revolvermagazin im Körper (eine Kugel hatte die Leber durchtrennt) ins Allgemeine Krankenhaus gefahren wurde, wo er bald darauf starb.

Doch Bettauer starb ein zweites Mal, nämlich als man ihn vergaß. Auch wenn Anton Kuh damals gemeint hat, „daß alleine der Mut, seine Zeit nicht mit irgendwelchen chinesischen Liebesgleichnissen zu vertreiben, Bettauer die Ehre sichert, als Märtyrer dazustehen“ [***], bleibt er trotzdem ein Märtyrer, der noch auf seinen Herkules, der ihn dem Geier des Vergessenwerdens entreißen wird, warten darf, aber wohl nicht mehr lange warten sollte, da seine Zeit die unsere einholt und Bettauers Feuer wieder gebraucht werden könnte.

[*Murray G. Hall. Der Fall Bettauer, Wien, Löcker Verlag 1978.

[**allesamt Beschimpfungen aus der Reichspost, der Deutschen Arbeiter Presse und anderen netten Schmierblättern.

[***Anton Kuh. Bettauer (Die Stunde, 6. 10. 1925), Luftlinien, Löcker Verlag, Wien 1981.

© Alexander Schürmann-Emanuely 1995

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
Autor/inn/en:

Alexander Emanuely:

Seit Juni 1999 Redakteur und von September 2001 bis 2006 geschäftsführender Redakteur, seither Vorstandsmitglied von Context XXI. Vorstandsmitglied des Republikanischen Clubs — Neues Österreich, Sprecher der LICRA-Österreich. Freier Autor in Wien.

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