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Lorenz Glatz

Politik und Bürger. Zivilität und Konvivialität

1.

Die Herkunft eines Wortes und die Geschichte seiner Bedeutung helfen nicht selten zu klarerem Verständnis. So bewohnt und verteidigt schon dem Wortsinn nach der „Bürger“, der „Bourgeois“ die „Burg“, das feste Haus auf dem „Berg“, den Marktflecken, die selbstverwaltete Stadt(burg, die Akro-polis). Dort kann der Polites / Bürger sich hinter Mauern „bergen“ und seine Sache mit der Kunst und Technik der „Politik“ betreiben. Mauern, kontrollierbare und kontrollierte Zugänglichkeit, ein Regime der Grenzen und Sicherheit vor allem anderen. Vorsicht, Misstrauen, Feindschaft, Gewalt liegen bereit. Als „Bürger“ bewohnen Menschen nicht einfach miteinander das Land, sie sind auf das Gegeneinander gefasst, wenn nicht drauf aus, das Ver-trauen leidet an dem, was eins bereit ist zu tun und was eins den anderen zu-traut.

Jahrhunderte später hat Thomas Hobbes (De Cive I,2) einen Charakter voll dieses Misstrauens als menschliche Natur in die graue Vorzeit zurück- und in eine unausweichliche Zukunft vordatiert: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, der „Naturzustand“ des menschlichen Säugetiers ist der „Krieg aller gegen alle“. Dieser kann unter den einen Menschen pausieren, wenn sie andere zum gemeinsamen Feind haben. Aber auch das Zusammenleben der einen beruht so gut wie das der anderen darauf, dass sie als Bürger für die eigene Sicherheit auch ihrem eigenen gewalttätigen Egoismus durch eine Staatsgewalt Schranken setzen lassen müssen. Innerhalb dieser Schranken jedoch ist jeder (einzeln, als Gruppe, Klasse etc.) sich selbst der nächste, jede ihres Glückes Schmied, und freie Bahn hat der tüchtig Rücksichtslose. Vierhundert Jahre nach dieser Analyse ist jene Umgangsweise weitgehend ausgereift und der Krieg des homo sapiens um „Macht und Nutzen“, wie Hobbes sagt, über die ganze Menschheit und auf die ganze Natur ausgeweitet.

2.

Wenn Thomas Hobbes „de cive“ schreibt, verwendet er das Wort „civis“ in seinem Gelehrtenlatein, wie die Lateiner schon seit den „klassischen Zeiten“ eines Cäsar und Cicero, ganz „polit“isiert und einge„bürgert“. Der von diesem Wort herkommenden „citizen“ und „citoyen“ definiert den Städter als Rechtsperson, die über dem Fremden und/oder auch kämpferisch-revolutionär gegen den Fürsten steht. Nur noch Ableitungen wie „z/Zivil“ und „Zivilität“ im Sinn von „Anständigkeit“ bzw. von „unbewaffnet“ und „nicht in Uniform“ reichen noch ein Stück weit über den Hobbes’schen Wolf hinaus.

Tatsächlich aber ist die sprachliche „Wurzel“ des Wortes civis in einer ganzen Reihe von anderen indoeuropäischen Sprachen fruchtbar gewesen, es geht um Nomina, Adjektiva und Verba, die von Haus- und Bettgenoss*innen sprechen, von bei Tisch und im Bett zu liegen, (miteinander) zu schlafen, zusammenzuwohnen, von angenehm, lieb und traut. „Heirat“, „heim“ und „Heim/at“ sind deutsche Wörter dieser Herkunft“, die Zusammenleben nicht mit Burg und Mauer assoziieren.

3.

Ivan Illich hat nach einem Wort gesucht, um eine Alternative zu dieser uns beherrschenden Lebensart zu bezeichnen, die uns in bürgerlich-kapitalistischer Konkurrenz, zwanghaftem Wachstum, dauernder Selbstüberbietung und biopolitischer Kontrolle ins Chaos treibt und den Planeten zu einer für uns lebensfeindlichen Umgebung macht. Sein Wort für die gesuchte Alternative ist englisch „conviviality“ (Geselligkeit in Freundschaft und festlicher Stimmung), verdeutscht: „Konvivialität“. Es kommt von lateinisch „convivium“ – Tischgesellschaft, Gastmahl, wie es Menschen genießen mögen, die ohne Scheu zusammenleben („convivere“) können.

„Konvivialität“ soll die Konditionierung durch die Industrie und ihre Institutionen in einer weithin künstlichen Umwelt ersetzen durch einen „autonomen und schöpferischen zwischenmenschlichen Umgang“ und einen ebensolchen „Umgang von Menschen mit ihrer Umwelt“, in „individueller Freiheit, die sich in persönlicher Interdependenz verwirklicht“, wie Illich sagt und schreibt. Konvivial muss demnach auch das Set an Werkzeug sein, dessen wir uns für ein gutes Leben in kluger „Selbstbegrenzung“ bedienen können, statt dem die Welt überziehende Geflecht einer Maschinerie zu unterwerfen, die für den Zweck endloser Geldvermehrung geschaffen und entwickelt wird, für einen Zweck, der das Leben und Werken der Menschen von seinem Gegenteil, nämlich der fortschreitenden Zerstörung unserer Lebensgrundlagen abhängig macht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
2021
Heft 81, Seite 46
Autor/inn/en:

Lorenz Glatz:

Geboren 1948, 32 Jahre Latein- und Griechischlehrer in Wien. Pensionist, Hausmann eines lieben Weibes, praktizierender Großvater, Leser, Schreiber und Webmaster.

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