Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 3-4/2005
Mary Kreutzer

Plädoyer für die „Vermischung der Rassen“

Cesare Lombrosos Kriminalanthropologie im 19. Jahrhundert

Dr. Mariacarla Gadebusch-Bondio ist Privatdozentin am Institut für Geschichte der Medizin an der Universität Greifswald und promovierte über Cesare Lombroso mit ihrer Publikation von 1995: „Die Rezeption der kriminalanthropolgischen Theorien von Cesare Lombroso in Deutschland von 1880 bis 1914“.
Das Gespräch mit ihr führte Mary Kreutzer am 22. Juni 2005.

Können Sie die Person Cesare Lombroso kurz skizzieren?

Er gilt als Begründer der Kriminalanthropologie und der so genannten „Scuola positiva di diritto penale“, die als Reaktion auf die klassische Schule von Cesare Beccaria entstand und dafür sorgte, dass im 19. Jahrhundert zunehmend Mediziner, aber auch Psychiater und Anthropologen sich der Thematik der Kriminalität genähert und bemächtigt haben. Sie begannen, Verbrecher anthropologisch und psychiatrisch zu untersuchen.

Lombroso war jüdischer Herkunft, Sozialist, überzeugter ‚Positivist‘, Philosemit, aber auch ‚Rassist‘ — also nicht ohne Widersprüche und sicherlich eine Figur, die man sehr differenziert zu betrachten hat.

In seiner Dissertation von 1933 bezieht sich Allende wiederholt und positiv auf Lombroso. In der Kontroverse über das Buch von Farías herrscht u. a. Verwirrung über einen Passus in eben dieser, nämlich über die Stelle, in der Allende unkorrekt oder zumindest mangelhaft gekennzeichnet Lombrosos rassistische Ansichten über diverse „indische Stämme“, über „die Zigeuner“, „die Araber“ und „die Hebräer“ zitiert. Hat Lombroso nun tatsächlich über letztere geschrieben, sie „charakterisieren sich durch bestimmte Straftaten, nämlich Betrug, Falschheit, Verleumdung und v. a. Wucher“?

Tatsächlich stammt dieses Zitat von Lombroso, und zwar auch der nächste Absatz, in dem Allende Lombroso — wiederum nicht gekennzeichnet — weiter zitiert: „Diese Daten legen nahe, dass die Rasse Verbrechen beeinflusst. Jedoch besitzen wir keine präzisen Daten, um diese Einfluss auf die zivilisierte Welt zu beweisen“. Allende hat drei Lombroso-Werke in spanischer Übersetzung benutzt, die er in der Bibliographie anführt - leider ohne Angabe des Erscheinungsjahres. In der ersten Ausgabe von „L’uomo delinquente“ („Der geborene Verbrecher“) von 1876 befinden sich die Bestandteile dieser längeren Passage — wenn auch anders organisiert und nicht in der Reihenfolge von Allende — in einem eher anekdotisch aufgebauten Abschnitt über die Verbindung zwischen Kriminalität und Rasse; in den späteren Editionen des „L’uomo delinquente“ wird dem Thema ‚Rasse-Verbrechen‘ ein längeres Kapitel gewidmet. Hier ergänzt Lombroso die Schilderung der für die Juden angeblich typischen Formen des Verbrechens mit einer ausführlichen Begründung, wieso diese zu Tage treten: weil die Juden zu diesen Verbrechen durch die Gettoisierung, Einschränkung der beruflichen Freiheit, die erschwerten ökonomischen Bedingungen, etc., fast gezwungen werden.

Das wiederum lässt Allende stillschweigend unter den Tisch fallen.

Weil dieses Thema meiner Meinung nach für Allende keine große Rolle spielte. Er diskutiert die Thesen Lombrosos ja überhaupt nicht. Viel prominenter und häufiger bezieht er sich auf andere Personen, die in der ganzen Diskussion rund um das Buch von Farías überhaupt nicht erwähnt werden: vor allem Nicola Pende, der Begründer der endokrinologischen Untersuchung des Verbrechens. Lombroso schrieb diesen Satz, ohne Antisemit zu sein. Warum sollte also Allende, der diesen Satz paraphrasiert hat, ein Antisemit sein? Natürlich kann man nun verifizieren, ob die spanische Übersetzung, die Allende benutzt hat, damit übereinstimmt, aber das ist meiner Meinung nach für die Fragestellung nicht relevant.

Wie schätzen Sie Lombrosos „L’antisemitismo e le scienze moderne“ im historischen Kontext seines Entstehens ein?

Es handelt sich dabei um ein interessantes kleines Buch, in dem sich Lombroso positionieren wollte. Er tat dies, wie er im Vorwort schreibt, weil die historischen Ereignisse, die antisemitische Stimmung in Deutschland und Russland, ihm dies abzwangen. Als Vertreter der positivistischen, exakten Forschungsmethode versucht er eine rein wissenschaftliche und anthropologische Erklärung des Phänomens Antisemitismus zu geben. Dabei untersucht er Massenphänomene, Minderwertigkeitskomplexe, historische antisemitische Kontinuitäten seit der Römerzeit, usw. Am Ende kommt er zu einer überraschenden These: indem er die Argumentationen seiner Gegner ad absurdum führt, versucht er historisch und anthropologisch zu belegen, dass die Juden arische Elemente in sich tragen. Sie seien arischer als die Arier, während echte Semiten hingegen nur die Beduinen in Südarabien seien. Das Buch „L’antisemitismo“ ist ein Plädoyer für die „Mischung der Rassen“. Er spricht genau die größten Ängste an, die sich in der rassistischen und auch antisemitischen Wahnwelt immer wieder finden lassen: Angst vor Vermischung, Degeneration, Kontamination, etc. Er jedoch vertritt den Standpunkt, dass die genialsten Ideen und Menschen dort entstehen, wo sich die Rassen vermischen.

Auf der anderen Seite gibt es eindeutig rassistischen Schriften von Lombroso — wie verträgt sich das?

In einem seiner frühesten Werke, „L’uomo bianco e l’uomo di colore“ („Der weiße und der farbige Mann“) aus dem Jahre 1871, bricht der junge Lombroso eine Lanze für die Rezeption der Theorien Darwins in Italien. Wenn wir dieses Buch heute lesen, sind wir zunächst einmal irritiert. Die „weiße Rasse“ sei schöner, überlegener, intelligenter, usw. und die „armen Neger“ befänden sich auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe. Pateranalistisch und optimistisch beschreibt Lombroso den Weg der Entwicklung von den anthropoiden Affen zu den weißen Rassen. Die Zwischenstufen dieses von Umwelt und Klima beeinflussten Prozesses stellten die „schwarze und die gelbe Rasse“ dar. In den Jahren, in denen man sich über die „Herkunft der Rassen“ streitet, ist seine These monogenistisch, er sieht einen gemeinsamen Ursprung „aller Rassen“ im darwinistischen Sinne. Lombroso personifiziert die für seine Zeit nicht unübliche, für uns heute äußerst beunruhigende, Harmonisierung eines wohlwollenden Rassismus der mit sozialistischen Fortschrittsgedanken kombiniert wurde.

Sie haben die Dissertation Allendes gelesen — wie würde Sie diese im Kontext der Zeit bewerten?

Ich muss zunächst sagen, dass ich keine Allende- oder Chile-Expertin bin, auch das 20. Jahrhundert ist nicht mein Spezialgebiet, denn ich forschte über die Zeit davor und daher ist meine Antwort auch sehr vorsichtig formuliert. Für die Zeit, in der diese Promotionsarbeit geschrieben wurde, noch dazu von einem Psychiater, einem Mediziner, der die Werke von Pende genauso wie die ersten Arbeiten der entstehenden Kriminalanthropologie kennt, ist die Arbeit ziemlich besonnen. Vor allem verglichen mit den zeitgenössischen Schriften zu dem Thema, die in Deutschland verfasst wurden. Mir scheint, in aller Vorsicht formuliert, dass Allende eher in die Richtung der Pende-Schule tendiert. Zur Rezeption der Werke von Pende in Chile wären m. E. weitere Forschungen sicherlich wünschenswert.

Wer war Nicola Pende?

Er lebte von 1880 bis 1970 und gehörte als Mitunterzeichner des 1938 verabschiedeten „Manifesto degli scienziati razzisti“ zu den faschistischen Wissenschaftern Italiens. Als Begründer der Endokrinologie wollte er den Zusammenhang zwischen der Drüsenlehre und dem Verbrechen nachweisen. Er setzte somit einen Strich unter die „anthropologische Ära“, also auch unter Lombroso. Sein Begriff von ‚Biotypus’ scheint den jungen Allende überzeugt zu haben.

Wie wird Lombroso heute rezipiert?

Niemand beruft sich heute auf seine Thesen, aber es gab immer wieder Phänomene der so genannten Lombroso-Renaissance. Ich finde es bedeutend, dass in einer Zeit, in der der Name Lombroso in Europa bereits verpönt war, man ihn z. B. in Lateinamerika noch nennen durfte ohne sich zu schämen. Das tat nicht nur Allende. Nicht nur für Historikerinnen und Historiker stellt Lombroso eine komplexe Wissenschaftler-Figur dar. Er provozierte ständig und schaffte sich mehr Feinde als Freunde. Er war ein Mensch, der durchaus seine Meinungen ändern konnte, dies tat er oft und gründlich — auch dank des Einflusses, den seine Schüler auf ihn hatten. Diese bewegten sich immer mehr weg von der Anthropologie in Richtung Soziologie und Psychologie des Verbrechens. Lombroso distanzierte sich am Ende ebenfalls von der Anthropologie und von der anthropometrischen Messung der Devianz, was enorme Schwierigkeiten in seiner Rezeption verursachte, da die meisten diese Wandlungen und seine Fähigkeit, sich selbst zu widersprechen, nicht akzeptieren oder nachvollziehen konnten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2005
Heft 3-4/2005, Seite 29
Autor/inn/en:

Mary Kreutzer:

Politikwissenschafterin und Publizistin, Trägerin des Eduard-Ploier-Radio-Preises der Österreichischen Volksbildung, des Concordia Publizistikpreises (Kategorie Menschenrechte), des European Award for Excellence in Journalism, des Elfriede-Grünberg Preises, von Juni 2000 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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