Zeitschriften » Context XXI » Print » EKG & ZAM » EuropaKardioGramm » Jahrgang 1995 » EKG 5-6/1995
Alfred Pranzl
Musik

Pioniere am Balkan

Die Wiener Band NOVI SAD, benannt nach der Hauptstadt der Vojvodina, bereiste nicht nur Transsylvanien, sondern unterschrieb gar einen Plattenvertrag beim bulgarischen Label Riva. Vielversprechender CD-Subtitel: „The Great RomaniaBulgariaTour“.

Tatsache ist, daß Subkultur-Menschen genauso am westlichen Popinformationsfluß (eben fachspezifisch) teilhaben wie ein Österreichischer Durchschnittsbürger am von Westmedien propagierten Mainstream. Auslandsaufenthalte in Großbritannien und den USA sind obligat, doch kaum jemand hat Interesse daran, in die darniederliegenden Länder hinter den prosperierenden Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn zu fahren, geschweige denn Aufbauprojekte durchzuziehen. Bekannt sind die Projekte der Foundation des Börsenspekulanten George Soros, Österreichs nicht unwesentliche Beiträge sind Sommerschulen, Österreichbibliotheken, Sonderstipendien, neue Kulturinstitute und Außenstellen des Südosteuropainstituts.

Tatsache bleibt, daß eine österreichische Band eine Tour in Westeuropa gegenüber einer in den Osten Europas vorzieht. Ausnahmen wie Nar Malik und Avantgardejazzer bestätigen die Regel. Jedenfalls, wer genügend Überzeugungskraft aufbringt, dem öffnen sich Subventionstüren, die eine Konzertreise nach dem (süd)östlichen Europa (Mazedonien, Albanien, Ukraine etc.) ermöglichen sollten.

So haben das Außen- und Unterrichtsministerium die Tournee der Gruppe Novi Sad durch Rumänien (Temesvar, Cluj, Bukarest) Bulgarien (Veliko Tarnovo, Plovdiv, Sofia) finanziert. Dabei wurde versucht, über das Branchenverzeichnis der MIDEM den Kontakt zu einer bulgarischen Plattenfirma herzustellen, der schließlich über einen Journalisten eines Privatradios aus Sofia klappte. Riva (60 Mitarbeiter; auch die Plattenfirma von Violetov General — siehe EKG 1/95) bekundete in einem Fax Interesse, der Deal wurde in einem Wiener Kaffeehaus perfekt gemacht. Das Interview mit den Hauptsongschreibern von Novi Sad erfolgte vor der Veröffentlichung der CD.

Klaus Schuch: Die Labelausrichtung ist Pop mit leichtem Undergroundtouch. Rivas Hauptgeschäft sind Lizenzen für ausländische Gruppen, zum Beispiel für Iggy Pop, und zudem verfügt die Firma über eigene Verkaufsstellen.

EKG: Wieviel Stück könnt Ihr in Bulgarien absetzen?

Klaus Schuch: Wir können gar nicht groß verdienen, weil der Einzelhandelspreis 60 Lewa beträgt. Das sind zirka 14 Schilling. Wir kriegen zwar einen Lizenzbetrag: 20 Prozent, aber damit können wir uns nicht mal einen Flug nach Bulgarien leisten. Das Geschäft ist aber folgendermaßen: Es gibt zwei Verträge. Der eine ist ein Lizenzvertrag, das sind halt 20% des Großhandelspreises und damit ein nettes Mittagessen (in Bulgarien). Der zweite ist ein Produktionsvertrag, die neue CD betreffend. Das DAT-Band wird geschnitten runtergeschickt, und wir kriegen die Pressung, 500 Stück + 100 Kassetten kostenlos retourniert. Wir können die CDs vertreiben, wo wir wollen, mit Ausnahme in Bulgarien. Wir haben immer noch die weltweit einzigen Urheberrechte, ausgenommen Bulgarien.

Ihr steigt günstig aus, weil die Produktion für Euch gemacht wird.

Klaus Schuch: Für österreichische Bands ist das überhaupt ein sehr guter Vertrag, weil Riva nicht mal Mitspracherecht hat, welche Musik raufkommt. Auch die Reihenfolge und Covergestaltung kommen von uns.

Trotzdem, Riva muß von Eurer Musik überzeugt sein.

Evi Blumenau: Ausschlaggebend war die „Dreaming Starts Here“-CD.

Klaus Schuch: Nicht nur. Es war auch ein Konzertmitschnitt im bulgarischen Fernsehen. Zur besten Sendezeit um 21 Uhr herum, was eine gewisse Breitenwirkung hatte.

Evi Blumenau: Ein großer Vorteil war sicher auch, daß wir wegen der Tournee sehr oft im Radio gespielt wurden.

Ist es für die Bulgaren noch etwas Besonderes, wenn eine Band aus dem Westen tourt?

Klaus Schuch: Schon. Es ist musikalisch noch ein Entwicklungsland. Bulgarien hat keine eigene Tradition. Und was den Westen anlangt, MTV ist dort gang und gäbe. Dort, glaub’ ich, kommt die Information her.

Was eigentlich sehr einseitig ist, viel guter Underground-Stoff findet dort nicht statt. Ich denke, die Informationsfluß-Situation ist nicht viel anders als im Baltikum. Ich war bei Radio Lettland, und die spielen halt, was sie kriegen können, zum Beispiel Laurie Andersons „Superman“. Wohin genau muß man sich wenden, um für eine Osteuropa-Tour Unterstützung zu erlangen?

Klaus Schuch: Im Außenministerium speziell an die Auslandskulturabteilung. Die haben dann den Kontakt ins Unterrichtsministerium.

Evi Blumenau: Die beiden Ministerien teilen sich die Kosten für Reisen etc. auf.

Theoretisch könnte man also um eine Tour in die Ukraine ansuchen?

Evi Blumenau: Man muß sehr dahinter sein. Möglich ist es.

Klaus Schuch: Der organisatorische Aufwand ist aber immens.

Warum eigentlich der Name Novi Sad?

Evi Blumenau: Das ist fünf, sechs Jahre her, da gab’s noch keinen Krieg. Der Klaus hat ihn eigentlich entdeckt. Weil es neu gesetzt heißt. Neuer Garten, und wir haben gefunden, er paßt zu unserer Musik. Außerdem klingt’s einfach schön: Novi Sad. Was uns auf der Tour sehr viel Erklärungsbedarf gekostet hat.

Obwohl in Serbien gelegen, gehört Novi Sad ja zur ungarischsprachigen Vojvodina.

Klaus Schuch: Unruhen hat’s zur Zeit der Gründung schon gegeben, nämlich im Kosovo. So um diese Zeit, ein Jahr später etwa, ist die Vojvodina Serbien einverleibt worden.

Wie war der Kontakt zum Publikum?

Evi Blumenau: Gut. Das liegt ein bißl auch an unserer Musik. Grad’ an diesem 3/4-Takt und dem Akkordeon.

Klaus Schuch: Je kleiner und intimer, desto schneller. Wir haben dann sehr lang mit den Leuten gesprochen. Wir haben vom kleinen Jazzclub unter der Brücke bis zum Nationaltheater in Bukarest gespielt. Die meisten Zuschauer, 250, hatten wir im Militärclub in Sofia. Das ist aber ein ziviler Konzertsaal.

O-Töne mußten daher unbedingt auf die großteils live eingespielte CD „Home Is In My Shoes“, eine programmatische Benennung, die im wehmütig-traumatischen LiebesliedRückblick „The Tour is Over“ kulminiert. Klar, daß dann das Intro und die Schlußnummer nach dem rumänischen Schnaps „Tsuika“ getauft werden mußten. „Party“ (Akustikinstrumente, Stimme) ist ein authentischer Livemitschnitt von Radio Cluj (Klausenburg). Weiters dringen auch teils entbehrliche Aufnahmen aus bulgarischen und rumänischen Hotelzimmern (sicher nicht Weststandard) ans Ohr und natürlich sind die Doors-Coverversionen („Indian Summer“, „When The Music’s Over“) zu bekritteln, doch zumindest wurden diese neu arrangiert und letzteres Stück mit Akkordeon eingespielt.

Insgesamt ist aber „Home Is In My Shoes“ ein äußerst hörenswertes Tourdokument, das einige Facetten mehr als eine Novi-Sad-Studioplatte birgt. Daß das Publikum gerade auf Ronnie Urinis „Asylum In The House Of Love“ besonders abfuhr, würde einem so verborgen bleiben. Nicht jedoch, daß Novi Sad zwischen Folk(rock)orientiertheit, Artrockgemäßem („The Housekeeping Book“) und Experiment light eine interessante Gratwanderung zwischen Anspruch und verträumtem Kitsch gelingt.

NOVI SAD: Home Is In My Shoes (Riva Sound/ Gash)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
EKG 5-6/1995, Seite 41
Autor/inn/en:

Alfred Pranzl:

Alfred Pranzl ist Redakteur des Mediums skug — Journal für Musik, das von Oktober 1990 bis Dezember 2015 als Zeitschrift erschien und seither als online-Medium weiterbesteht.

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