Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2009 » Nummer 29
Katherina Kinzel
Theodor W. Adorno:

Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft

Nachgelassene Schriften, Vorlesungen Band 12

Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, 277 Seiten, 26,80 Euro

Die Zeit der Kritik und die Spontaneität des Denkens

Adorno hat das Bild des kritischen Intellektuellen in der BRD nachhaltig wie kaum ein anderer Denker geprägt. Seit den 50er Jahren galt er als fester Bezugspunkt in Auseinandersetzungen um Ethik, Kultur, Ästhetik, sozialwissenschaftliche Methoden und Musiktheorie. Gegenwärtig scheint Adorno, wo er nicht nachträglich zu einer identitätsstiftenden Figur der BRD verklärt und in die Reihe deutscher Meisterdenker erhoben wird, hauptsächlich noch als linkskonservativer, moralisierender Kulturkritiker in Erinnerung geblieben zu sein: als Theoretiker, der im Pathos der Verneinung und oftmals mit elitärem Unterton die Unentrinnbarkeit des gesellschaftlichen Verdinglichungszusammenhangs anprangerte, Jazz unausstehlich fand und in einem schwierigen Verhältnis zu den Studentenprotesten seiner Zeit stand.

Das 2003 zu Adornos 100. Geburtstag in Frankfurt errichtete Denkmal, das seinen Arbeitsplatz darstellt – isoliert von der Außenwelt durch dicke Glasscheiben –, kann als symptomatisch dafür gelten, dass er eher als ein Philosoph, der sich in hermetischer Sprache verbarrikadierte, wahrgenommen wird, denn als Denker, dessen Texte auch heute noch zu lebendiger Aneignung einladen. Die Musealisierung Adornos aber macht uns die radikalen Implikationen seines Denkens unzugänglich. In Vergessenheit gerät, dass er in seiner intellektuellen Praxis Gesellschaftskritik nicht lediglich im Zeichen kulturpessimistischer Bestürztheit betrieb. Vielmehr galt ihm Kritik als Ort der Bewahrung eines emphatischen Vernunftbegriffs, welcher den Möglichkeitssinn schärfen und festhalten sollte, dass die bestehende Wirklichkeit nicht die einzig denkbare ist.

Mit dem diesen Jahres von Tobias ten Brink und Marc Phillip Nogueira herausgegebenen Band Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft liegt nun die achte von 15 Vorlesungsabschriften Adornos vor. Die 1964 gehaltene Vorlesung, in der Adorno bewusst unsystematische, dafür umso vielschichtigere Reflexionen über Möglichkeit und Charakter von Gesellschaftstheorie anstellt, legt Zeugnis über seine theoretische und politische Positionierung in der Debattenlandschaft seiner Zeit ab. Darüber hinaus aber werden Fragen angesprochen, die für eine Bestimmung des kritischen Potentials sozialwissenschaftlicher Forschung auch heute zentral sind: Warum bedarf Gesellschaftswissenschaft der Theorie, inwiefern sind Auseinandersetzungen um den Stellenwert von Theorie und sozialwissenschaftlichen Methoden mit politischen Positionen verknüpft und in welchem Verhältnis steht eine Theorie der Gesellschaft zu ihrem eigenen Gegenstand? Die Überlegungen, die Adorno in Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft zu diesen Zusammenhängen anstellt, könnten zum Anlass genommen werden, erneut die Anschlussfähigkeit und Fruchtbarkeit kritischer Theorie zu prüfen.

Adorno liest die kanonischen Texte der Philosophie und Soziologie als „Kraftfelder“ und ist bestrebt, aus theoretischen Debatten einen Sinn herauszulesen, der über die Sphäre der Philosophie hinausweist und so über ihren Gesellschaftsbezug, ihren impliziten politischen Gehalt, aber auch über die Verfasstheit der Gesellschaft selbst Aufschluss gibt. So verbindet sich auch mit seinem eigenen Projekt der Anspruch, dass Theorie auf ihr Verhältnis zum eigenen gesellschaftlichen Kontext reflektieren und so eine kritische Haltung entwickeln soll. Kritische Haltung meint dabei nicht ein vorgefasstes Urteil, sondern soll aus der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand hervorgehen.

In der Vorlesung Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft wird dieses Selbstverständnis epistemologisch zugespitzt: Im Versuch, Philosophie und Soziologie gegen ihre disziplinäre Vereinseitigung miteinander zu verknüpfen, zeigt Adorno, dass Fragen über die Möglichkeit und das Wesen einer Theorie der Gesellschaft nicht lediglich abstrakt-erkenntnistheoretischer Art sind. Vielmehr müssen sie anhand materialer Problemstellungen verhandelt werden. Denn Methode und Inhalt sind nicht abstrakt voneinander zu trennen. Die in der Vorlesung angestellten Zeitdiagnosen werden von Adorno daher auch im Hinblick auf ihre wissenschaftsphilosophischen Implikationen befragt. Marx’ Kritik der politischen Ökonomie zugleich historisierend und fortschreibend, entwickelt er „Elemente“ einer Gesellschaftstheorie, also theoretische Modelle zur Analyse der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen seiner Zeit, welche die Notwendigkeit dialektischen Denkens bekunden sollen. So problematisiert er etwa die These von der Integrationskraft des Kapitalismus und zeigt, dass unter der Oberfläche einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ der Klassenantagonismus in Form der Disproportion zwischen geballter gesellschaftlicher Macht und erfahrener Ohnmacht fortdauert. In den Verarbeitungsformen dieser Ohnmacht – „Konkretismus“, Realitätsgerechtigkeit und Internalisierung gesellschaftlicher Zwänge – tritt Ideologie weniger als Verschleierung der Wirklichkeit, denn als bloße Verdoppelung des Faktischen unter dem Vorzeichen dessen Unveränderbarkeit auf.

Die angesichts dieser Entwicklungen diagnostizierte Schwierigkeit, Gesellschaft begrifflich zu durchdringen, gibt der Theorie die Aufgabe auf, sich durch Reflexion auf ihre eigenen Bedingungen, auf sich selbst zu besinnen: Gesellschaftstheorie muss also die Frage nach der Theoretisierbarkeit von Gesellschaft in sich aufnehmen. Die Konturen seines Theorieverständnisses entwickelt Adorno dabei in ständiger Kritik an der Wissenschaftsgesinnung des Positivismus. Indem dieser das Denken in ein rigides Regelwerk zwänge und Erkenntnis auf die registrierende Wiederholung des Bestehenden reduziere, reproduziere er gesellschaftliche Zwänge auf wissenschaftlicher Ebene. Ebenso skeptisch zeigt sich Adorno gegenüber Versuchen, die soziale Welt durch einstimmige theoretische Systeme zu erklären. Theorie muss zugleich System und Nicht-System sein, so Adorno: Sie soll die Einheit der Gesellschaft, deren wesentliche Strukturzusammenhänge aufzeigen, ohne dabei die Komplexität und Widersprüchlichkeit des Gegenstandes Gesellschaft zum Zwecke eindeutiger Erklärungen einzuebnen. Ihr herrschaftskritisches Potential entfaltet sie, wo sie jene Punkte zu benennen vermag, an denen Widersprüche aufscheinen und die Rationalität gesellschaftlicher Teilbereiche in die Irrationalität des Ganzen umschlägt. Adorno wird hier zugleich als Fürsprecher lebendigen Denkens erkennbar: Seine Kritik am „Methodenfetischismus“ in der Soziologie einerseits, dem Identitätszwang philosophischer Systementwürfe andererseits, stellt auch ein Plädoyer für die Spontaneität des Denkens dar, für eine unreglementierte Erfahrung, die im Stande sein soll, anstelle festgefahrener Denkschemata eine primäre Beziehung zur Sache zu etablieren.

Die Vorlesung Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft trägt sicherlich zu einer Klärung des Selbstverständnisses kritischer Theorie bei. Wer sich jedoch eine einfache Antwort auf die Frage, was Gesellschaftheorie sei und wie sie auszusehen hätte, erwartet, wird enttäuscht werden. Stattdessen werden die Konturen eines Denkens sichtbar, das beständig danach strebt, das Herrschaftsmoment in den behandelten Phänomenen herauszuarbeiten, ohne den Anspruch zu stellen, einen archimedischen Punkt, von dem aus die soziale Wirklichkeit systematisch fassbar und vollends durchsichtig würde, festmachen zu können. Adorno gilt Theorie nicht als Hüterin einer einmal festgeschriebenen Wahrheit, sie ist kein politisches Programm und macht sich keines unverantwortlichen Utopismus, aber auch nicht des unverbesserlichen Pessimismus, der ihr oft nachgesagt wird, schuldig. Wenn Theorie einen „Zeitkern“ hat, kann der Gefahr ihrer dogmatischen Erstarrung einzig durch ihre Aktualisierung abgeholfen werden. Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft zeigt, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, dass Gesellschaftswissenschaft Teil des von ihr analysierten historischen Zusammenhangs ist. So wird auch nachvollziehbar, warum Adorno die Emphase dessen, was es bedeutete, den gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang zu durchbrechen, in Gesellschaftskritik legt: Der historische Augenblick seines eigenen Schaffens sei einer der Kritik.

Am Ende der Vorlesung steht damit die Frage im Raum, welche Rolle kritischer Wissenschaft zu einem Zeitpunkt zukommen kann, da der direkte Übergang von der Theorie zur Praxis, überhaupt die Möglichkeit umfassender Veränderung der Gesellschaft, verbaut scheint. Trotz aller Nachrufe auf Versuche, eine umfassende und fundamentale Gesellschaftskritik zu formulieren, ist dies eine Frage, die ihrer weiteren Bearbeitung harrt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2009
Nummer 29, Seite 57
Autor/inn/en:

Katherina Kinzel:

Studierte Philosophie und Politikwissenschaft in Wien und Berlin.

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