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Rudi Dutschke

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Herbert Marcuse und die Neue Linke

Am 19. Juli wurde Herbert Marcuse 80. Sein Freund und Schüler Rudi Dutschke schrieb diesen Geburtstagsartikel für das Mitglied unseres Redaktionsbeirats Ende Juni/Anfang Juli, für unser Sommerheft war’s leider zu spät. Im nachhinein: Alles Gute!

1 Begegnung des Augenblicks

(Nostalgie und die Verarbeitung eigener Lebens- und Kampfgeschichte schließen sich aus.)

1968 kam es anläßlich des 70. Geburtstags zur Veröffentlichung verschiedenartiger Beiträge in den von Jürgen Habermas eingeleiteten „Antworten auf Herbert Marcuse“ [Suhrkamp/Frankfurt]. Wenn man ein Jahrzehnt danach sich die Kritiken anschaut, merkt man, wie Denken grau werden kann und die Dynamik der sozialen Bewegung der 60er Jahre gerade von den Kritikern des Herbert Marcuse am allerwenigsten wahrgenommen wurde. Ganz zu schweigen von denen, die noch immer behaupten, Marx, Engels und Lenin zu besitzen, und jedes radikale Denken der Kritik der Verhältnisse ins Gefängnis oder ins Ausland jagen. Lenins Doppelcharakter muß da betont werden.

Kurz vor seinem 70. Geburtstag besuchte mich Herbert Marcuse im Westberliner Krankenhaus. Zu der Zeit war ich schon längst „vom Fenster weg“ im brutalsten Sinne dieses obszönen Sprachgebrauchs. [1] Ach, wie viele Herren von da oben aus der Staats- und Parteibürokratie, erst recht der Monopolpresse sich da offen und wenig „klammheimlich“ freuten, einen aus der radikalen Opposition „ausgeschaltet“ zu haben. Die Obszönität derjenigen, die mitgeholfen hatten, das Klima und die Voraussetzungen von illegalen Polizeiaktionen, Mord und Attentat zu schaffen, ging so weit, nach den gefallenen Schüssen ihr „Demokratie-Verständnis“ hervorzuheben und die Gewalt zu „verurteilen“.

Neben jener echten Wärme der Solidarität, die ich beim Besuch von Herbert Marcuse bei mir im Krankenhaus zu spüren bekam, fiel mir, trotz alledem, etwas unzweideutig wieder auf: Seine Skizzierung, Faszinierung und kritisch-solidarische Distanz zu den unzweideutig neuen Klassenkämpfen in Frankreich in der Form des „Pariser Mai“ wiesen darauf hin, daß er seine eigenen Positionen neu befragte, ohne in irgendeinen „Prolet“- oder „Studenten-Kult“ „hinab“- oder „hinauszugleiten“. Ich bat ihn in diesem Gespräch eindringlich, sobald wie möglich nach Prag zu fahren, berichtete, seweit ich konnte, von meinen dortigen Diskussionen und versuchte, ihm den Zusammenhang zwischen den Kämpfen in West- und Osteuropa an Beispielen zu verdeutlichen. Wobei ich mich in diesem Augenblick nicht einmal seiner Teilnahme am Prager Hegel-Kongreß von 1967 erinnerte. Wo er mit Sicherheit die Wichtigkeit der Kafka-Diskussion im Rahmen der Linkswendungen, der demokratischen Wendungen erfuhr. Er nahm mir mein „Vergessen“ nicht übel, versprach vielmehr, im Herbst dorthin zu fahren.

Doch die Okkupation der ČSSR durch die ungeliebten, schier gehaßten Armeen des Warschauer Paktes verhinderten im August nicht nur seinen Besuch, zerstörten vielmehr die gerade aufkeimende Blüte einer neuen sozialistischen Initiative. In welcher Freiheit, Vernunft und Demokratie wieder angefangen hatten, ihre aktuelle geschichtliche Rolle wiederzuentdecken.

Ende des Jahres 68 trafen wir uns in London. Die wochen- und monatsmäßige Wiederholung der Aufenthaltsgenehmigung ist mir mehr in Erinnerung als die teuren Besuche bei Spezialärzten für Gehirnoperation. Als Herbert Marcuse erfuhr, daß bei uns diskutiert werde, ob es für mich nicht besser wäre, einen Psychoanalytiker aufzusuchen, um mit dem „Trauma“ vom 11. April fertigzuwerden, sagte er strikt: „Was soll der Unsinn, du brauchst L. oder einen anderen Psychoanalytiker bestimmt nicht.“ Die englische Regierung der Konservativen fällte die Entscheidung darüber von sich aus wenige Wochen später, ich wurde aus dem Land verwiesen, damit auch unsere in London geborene Tochter. In einem solchen Prozeß der ersten neuen Kampfsituation, auf verflucht schwachen Beinen stehend, erhielt der Hinweis des Freundes von der Sinnlosigkeit der Psychoanalyse für mich seine volle Berechtigung. Statt in mich eine künstliche Qual hineinzu„produzieren“ mit Hilfe des Analytikers, ging ich jahrelang in die Qual der Analyse der russischen Verhältnisse, um mit meiner eigenen geschichtlichen Erfahrung in der DDR und der Okkupation der ČSSR eine Klärung zu erreichen.

Z.a. steckte es wohl nicht nur mir in den Knochen, einflußlos von außen zusehen zu müssen, wie die Pest des „Marxismus-Leninismus“, die perverse Renaissance der Stalin-Bücher usw. nicht zu übersehen war. Waren die Waffen der Abwehr dagegen nicht scharf genug gewesen? Hatte uns nicht gerade Herbert Marcuse mit seiner Kritik des „Sowjetmarxismus“ grundlegende analytische Erkenntnisse vermittelt? Ich jedenfalls konnte damit arbeiten; ob ich zu Recht oder Unrecht einige Fragen schärfer gestellt habe, ist nicht im geringsten sicher, schließlich hört meine Lenin-Lukács-Studie historisch dort auf, wo die große Studie von Herbert Marcuse gewissermaßen beginnt. Rudolf Bahro, inzwischen schon seit langem im Gefängnis, ist ein exemplarisches Beispiel für die Aktualität des Abschnitts „Basis und Überbau — Realität und Ideologie“ im Buch von H. Marcuse. [2] Bahro wiederum hat, wie er schreibt, seine Arbeit „zu genau der gleichen Zeit geschrieben“ wie ich, und keiner von uns beiden kam an die Kategorie der asiatischen Produktionsweise für die Kritik der Bürokratie als herrschender Klasse in Rußland etc. vorbei.

Doch das Thema, worum es mir hier geht, ist danach zu fragen, wie Herbert Marcuse zu jenen zentralen Problemkomplexen historisch vorgestoßen ist, die uns, so viele aus unserer Generation, und andere weiterhin tief berühren. Die bewußten Verkürzungen und die Auslassung von Themen wie Psychoanalyse drücken „Verdrängungen“ oder echte Unkenntnis meinerseits aus.

2 Eine erste existentielle Erfahrung des Herbert Marcuse

Die Rebellengeneration der 60er Jahre, jene, die als Kinder und Babys den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten oder kurz danach die Lichtlosigkeit, Armut und Angst zu spüren bekommen hatten, verbindet mit der Lebensgeschichte von Herbert Marcuse viel und trennt noch mehr. Mit 16 Jahren den Kriegsbeginn zu erleben, schließlich in die ganze Scheiße hineinzugeraten, mit 20 Jahren am Ende des Ersten Weltkrieges die Realität der deutschen „Arbeiter- und Soldatenräte“ kennenzulernen, ist eine Dimension von Geschichtserfahrung, die mit unserer unvergleichbar ist. Das Ende der progressiven Rolle der SPD zu erleben, ohne die geringste Alternativmöglichkeit in der Kriegszeit kennenlernen zu können, dementsprechend Kampferfahrungen zu sammeln, mußte Rückwirkungen haben. Vor der Gründung der KPD war er in die SPD eingetreten, um aktiv gegen den Krieg und dessen Hintermänner zu kämpfen. Er verließ diese Partei unmittelbar nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ohne in eine andere Partei einzutreten.

In den 60er Jahren, in den Schriften vorher und nachher, war mir immer aufgefallen, wie wenig enthusiastisch, genauer: wie wenig oder gar nicht Herbert Marcuse von der historisch alten Rätekonzeption des SDS dieser Zeit sprach. Ein nicht unwichtiger Aspekt müssen in der Tat seine direkte Beziehung und Erfahrung im „Arbeiter- und Soldatenrat“ des Bezirks Reinickendorf in Berlin während der ersten Monate nach dem Kriegsabschluß von 1918 gewesen sein. Er erlebte, wie Offiziere, statt davongejagt zu werden, zu Delegierten ernannt wurden, wie die deutschen Räte der unmittelbaren Selbstverwaltung für den Augenblick auftauchten und gesellschaftlich fast spurlos verschwanden. Weder wurden die Paläste enteignet noch die militärische Führung und das preußische Kastensystem gesprengt, ganz zu schweigen vom Rüstungskapital, Bankensystem usw.

Zwar scheint ihm der grundlegende Unterschied zwischen einem hochentwickelten Kapitalismus und einem unterentwickelten asiatischen Despotismus in Rußland niemals theoretisch zum Problem geworden zu sein, doch war neben der politischen Solidarität mit der realen Arbeiterklasse eine gewisse Distanz zu jener „Klasse an sich“, die so schwer oder gar nicht zu einer „Klasse an und für sich“ wurde, nicht zu übersehen. Gerade weil er offensichtlich keinen Grund hatte, in einen moralisierenden Proletkult zu verfallen, seine eigene Realerfahrung nicht zu verdrängen bereit war, ohne diese allerdings auf einen Begriff zu bringen, vollzog sich bei ihm ein widersprüchlicher Lernprozeß, der sich mit dem von Toller, Korsch, ganz zu schweigen von Lukács und Bloch, wiederum schwer vergleichen läßt.

Zweifellos hat der „Geist der Utopie“ und „Geschichte und Klassenbewußtsein“ H. Marcuse beeinflußt, doch diese gesellschaftliche „Hineingeworfenheit“ in den Krieg konnte ihm niemand abnehmen. Und der „Arbeiter- und Soldatenrat“ von Reinickendorf hatte es gezeigt. Existentialfragen meldeten sich an: Jenes scheinbar und real ihm auferlegte Sein, „ohne daß es um sein Woher und Wohin weiß“, die Frage nach dem „eigentlichen Sein“ wird zentral. Der ungeheuer lange Prozeß der Menschwerdung über den Affen, über die Arbeit, Sprache usw. das Nicht-Dasein der Ware und das Werden derselben, die Festigung und Sprengung von Produktionsweisen, die Wissenschaft der Geschichte usw. berührt H. Marcuse in dieser Zeit der existentialistischen Verarbeitung des Ersten Weltkrieges verständlicherweise nicht zentral. „Sein und Zeit“ von Heidegger erhielt damit eine gewisse Bedeutung für den jungen und schon parteilos gewordenen Sozialisten. Gerade weil „Geschichte und Klassenbewußtsein“ und die Existentialphilosophie für Marcuse in diesem Augenblick „versöhnbar“ waren.

3 Herantasten an den Historischen Materialismus

Weder die Theoretiker der SPD noch die der KPD waren fähig, die neue Weltwirtschaftskrise analytisch zu antizipieren, um in den Wellenabläufen ein Werden des Klassenbewußtseins im Klassenkampf zu ermöglichen. So ist es nicht einmal echt anzuvisieren im dialektischen Sinne. Die neue Niederlage der deutschen Arbeiterklasse stand bevor, als Herbert Marcuse seinen ersten theoretischen Versuch unternahm, den historischen Materialismus mit Heideggers Existentialismus zu versöhnen. Die Krise der Weimarer Republik war 1928 schon zur Krise der Arbeiterbewegung geworden. Waren doch ihre Klassenorganisationen und Parteien fest gespalten und Objekt der realen Prozesse geworden, rückte der Sieg der NSDAP näher. Doch die Eindeutigkeit des Verhältnisses von Heidegger zur NSDAP war noch nicht erkennbar. Die KPD „spielte“ noch mit den Faschisten zusammen, bevor Heidegger Mitglied wurde.

Der Erfahrung des Ersten Weltkrieges, der Niederlage der Räte und dem erneuten Ablauf der Wiederholung der Misere hielt Marcuse existentialistische Fragen entgegen: „Was ist eigentliche Existenz, und wie ist eigentliche Existenz überhaupt?“ Die Frage stellte nicht ein Professor aus dem Schwarzwald, sondern ein junger Denker, dem es um die philosophischen Wurzeln der „verpfuschten revolutionären Situation“ ging. Gerade, um der Wiederholung entgegenzuwirken. Doch reale Revolutionsgeschichte, reale Klassenkampfgeschichte ist mit Philosophiegeschichte nicht identisch, erst recht nicht ahistorisch anzugehen. Im Prozeß der philosophischen Trennung von Heidegger war ein politischer Gegensatz von Beginn an dagewesen.

Bis zum Sieg des Faschismus in Deutschland erfolgte bei H. Marcuse ein jahrelanger Arbeitsprozeß, um sich der Marxschen Fundamentalkategorie der Arbeit zu nähern. Wer nahm in Mitteleuropa im Jahre 1932 die Veröffentlichung der „Deutschen Ideologie“ so emphatisch und produktiv auf wie Herbert Marcuse? Ist nicht sein Beitrag „Über die philosophische Grundlage des wirtschaftswissenschaftlichen Arbeitsbegriffs“ von 1933 der intensivste Versuch, sein Selbstverständnis des historischen Materialismus neu zu begründen? Hat Stalin jemals die Höhe erreicht, dieser „größte Theoretiker der KPdSU“ in der Zeit? Bei Marcuse sind Schwächen von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ zu finden, bleibt aber beileibe nicht zurück, im Gegenteil. Gerade weil er nicht an den KPD-Fesseln festgenagelt war.

Weiterhin ging es ihm um die philosophische Begründung einer Revolutionstheorie, die weder „ökonomistisch“ noch „technizistisch“ die dialektische Analyse erschwert, sondern darauf gerichtet ist, „daß dem Dasein seine eigentliche Arbeit wiedergegeben wird und daß die Arbeit, aus der Entfremdung und Verdringlichung befreit, wieder das wird, was sie ihrem Wesen nach ist: die volle und freie Verwirklichung des ganzen Menschen in seiner geschichtlichen Welt“. Kritisch muß gesagt werden: Da wird zwar die bürgerliche Gesellschaft über den Begriff der Entfremdung angegriffen, ohne aber das über Arbeit, genauer Lohnarbeit vermittelte Wesen der kapitalistischen Produktionsweise radikal zu durchschauen. Die Entfremdung wird nicht über eine Kritik der Lohnarbeit angegangen, vielmehr wird die Arbeit hypostasiert und legitimiert.

Dabei nicht im geringsten von jener gesellschaftlich-geschichtlichen Seinslage der „Produktion um der Produktion willen“ ausgehend. Seine Kategorien spiegeln nicht „Daseinsformen, Existenzbestimmungen“ (Marx) wider, sondern haben trotz radikalster politischer Kritik der Carl Schmitt bis zu Heidegger halt stark den Vorwurf des „Verrats’’ dieser Theoretiker gegenüber den „fruchtbaren Entdeckungen der existentialen Analyse“ in sich. Was darauf verweist, daß der grundlegende Unterschied zwischen dem Schein der Existentialproblematik und der realen Geschichte der „Daseinsformen und Daseinsbestimmungen“ noch nicht wirklich erkannt ist. Was unter den Bedingungen des Niedergangs der Arbeiterklasse und des Aufstiegs des Faschismus real von ihm auch nicht erkannt werden konnte. Die Kritik des philosophischen Selbstverständnisses des H. M. dieser Zeit und seiner politisch-theoretischen Parteinahme gegen den deutschen Faschismus ist ohne diesen real-geschichtlichen Vermittlungszusammenhang ahistorisch und nichts wert.

Kritisch-selbstkritisch sagt Marcuse nach dem „endgültigen“ Sieg des Bündnisses von NSDAP und Monopolbourgeoisie: „Die Philosophie hat es aus guten Gründen vermieden, sich die geschichtliche Situation des von ihr angesprochenen Subjekts auf ihre materiale Faktizität hin näher anzusehen.“ Zwar geht es durchaus um mehr als um „materiale Faktizität“, geht es nicht um die ontologische „Seinsweise eines Volkes“, sondern um die reale Produktions- und Daseinsweise von Klassen und Völkern usw. Dennoch ist Marcuses Abgang von der „Fundamentalontologie“ elementar eingeleitet.

Die Schranke des Abgangs ist aber dennoch nicht zu übersehen. Nicht seine besondere, sondern die bis zu Marxens Zeiten zurückgehende, heute weiterhin beschäftigende Problematik der „Klasse an sich“ und der „Klasse an und für sich“ steht dabei zur Debatte.

Marx beklagte die „Bedürfnislosigkeit“ der Arbeiterschaft der ersten industriellen Revolution, ohne sich ganz darüber klar zu sein, wie viel schneller das Kapitalverhältnis sprunghaft durchbrechende Klassenkampf- und Geschichtserfahrung zersetzen kann. Wie kann Erfahrung verarbeitet werden, immer wieder gefestigt werden, wenn die Kapitalbewegung dafür sorgt, daß das Klassenbewußtsein eingeengt und zersetzt wird? Der Konkurrenzkapitalismus kannte nicht nur den Einzelkapitalisten, sondern auch den autonomen Einzelarbeiter im realen Gemeinschaftsrahmen der Fabrikssklaverei. Der reale Arbeitsprozeß dieser Periode implizierte noch die Durchschaubarkeit. Konnte im Monopolkapitalismus der zweiten industriellen Revolution davon die Rede sein?

Engels schrieb 1895 emphatisch über den Aufstieg der sozialdemokratischen Bewegung: „So spontan, so stetig, so unaufhaltsam und gleichzeitig so ruhig wie ein Naturprozeß. Was dieser „Naturprozeß“ wirklich war, zeigte die „zweite Natur“, jener Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Wie sich da der Auflösungsprozeß der qualifizierten Facharbeiterschaft, jenes Durchbrechen einer „neuen, stummen Arbeiterklasse ohne Erinnerung“ (Brokhaus) und die erweiterte Rolle der Wissenschaft in der Produktion vollzog, war weder bei Engels noch bei Luxemburg und Lenin ein Problem. Marcuse hatte als junger Militanter im Berliner „Arbeiter- und Soldatenrat“ Reinickendorfs etwas davon zu spüren bekommen. Ohne es schon wirklich verarbeiten zu können. Der Sieg des deutschen Faschismus war für Herbert Marcuse eine zentrale Zäsur in seiner Lebensgeschichte. Da er sich schon 1928 in seiner existentialontologischen „Versöhnung“ mit dem historischen Materialismus gegen den „Individualismus“ und „Kollektivismus“ ausgesprochen hatte, ist es nicht verwunderlich, von ihm in den Jahrzehnten danach keine offene Moskautreue des Identität suchenden Intellektuellen zu finden.

Die letzte große Hoffnung von vielen seiner Generation in den 30er Jahren war der spanische Bürgerkrieg, die Verteidigung der Republik, der Demokratie und sozialistischen Initiative in diesem Lande. Die Zerschlagung des Faschismus dort zu erzielen, schien die Voraussetzung für eine Wendung in Mitteleuropa zu sein. Und nur die Herrschenden in Berlin und Moskau wußten, warum sie mit dem Schicksal von Völkern und Klassen „spielten“ und in Spanien experimentierten.

Was für ein Unsinn ist es, wenn heute welche aus der Rebellionsperiode der 60er Jahre sich als „lost generation“ verstehen (wollen) — im Vergleich zu jener Generation, die über die Niederlage der Republik gegen den Francismus die letzte sichtbare Hoffnung im emanzipatorischen Sinne in Blut und Tränen dahinschwinden sah. In seiner Einleitung bzw. dem Nachwort zum „18. Brumaire“ von Marx in der ersten Hälfte der 60er Jahre spürt man bei Herbert Marcuse die Nähe zu jener Hoffnung und Niederlage.

4 Schwierigkeiten mit dem Faschismus

Welche Diskussionen sich zwischen den Mitgliedern des „Instituts für Sozialforschung“ oder in den Redaktionssitzungen der „Zeitschrift für Sozialforschung“ abgespielt haben über die nationalen und internationalen Klassenkämpfe in Spanien, über die Entsetzen und Unglauben hervorrufenden „Informationen“ bezüglich Rußland oder die Analysen von Trotzki wissen wir, die in der Kriegszeit oder danach geboren wurden, nichts.

Die Analyse des Faschismus, des deutschen Faschismus, stand für das Institut zweifellos im Mittelpunkt, von Horkheimer bis zu Gurland und Neumann. Politisch verstanden, wenn Politik für Exil-Wissenschaftler überhaupt eine besondere Rolle spielen durfte, konnte es damals allein die Volksfrontkonzeption implizieren.

Wie Amerika und Rußland in dieser Zeit von Herbert Marcuse eingeordnet worden sind, kann über sein Buch „Vernunft und Revolution“ begriffen werden. Ohne Bemerkung läßt er Hegel sprechen: „Er wies dem amerikanischen rationalen Geist eine entscheidende Rolle im Kampf um eine angemessene Lebensordnung zu und sprach von dem künftigen Sieg und der äußerst ‚lebendigen Vernünftigkeit‘ der amerikanischen Nation.“ Und schließt diese Vorbemerkung des Buches vom März 1941 mit Hegels euphorischer Definition Amerikas „als dem einzigen ‚Land der Zukunft‘“ ab. Nur derjenige, der dieses nicht leicht zu lesende Buch bis zum Ende gelesen hat, kann darin keine Propaganda „for the american way of life“ hineindenunzieren. Schließt doch der Autor dieses für mich so wichtigen Buches den Denkprozeß mit einer Analyse des Verhältnisses der NSDAP zu Hegel ab.

Besonders Carl Schmitt und dessen Irrationalismus hoffte ja, „daß mit dem Tag von Hitlers Machtübernahme „Hegel, so kann man sagen, gestorben ist“. Diesem Schmitt-Satz geht allerdings ein sehr bemerkenswerter voraus über die Wirkungsgeschichte Hegels im Geschichtsverständnis des Faschismus. Erneut zitiert Marcuse Schmitt: „Jedenfalls hat es die seit 1840 in Preußen maßgebende Richtung vorgezogen, sich eine ‚konservative‘ Staatsphilosophie, und zwar von Friedrich Julius Stahl, liefern zu lassen, während Hegel über Karl Marx zu Lenin und nach Moskau wanderte.“

Wenige Monate vor dem Beginn des Angriffs auf die UdSSR, des sich anbahnenden Bündnisses zwischen Amerika und Rußland gegen den Faschismus stand eine Kritik der Verhältnisse in den Vereinigten Staaten für einen linken Exil-Deutschen sowenig auf der Tagesordnung wie eine Kritik der russischen Zustände (wo „Hegel“ sich schon längst wieder im Gefängnis oder im Grabe befand).

Die Diskussionen zwischen Brecht und Benjamin 1934 und 1938 in Svendborg (Dänemark) sprachen radikal über das „prophetische Prozeß“-Werk von Kafka, über „die Verfahren der GPU“, und Brecht sagte: „Was aus der Tscheka werden kann, sieht man an der Gestapo“. Daß die Tscheka schon lange dabei war, war ihm 1934 noch nicht bewußt. 1938 spricht er nur noch vom russischen „Regime“ welches „öffentlich“ bekämpft werden müsse, wenn der „Verdacht“ „Gewißheit“ geworden wäre. Zur gleichen Zeit sagt er aber, er sitze im Exil und warte auf die Rote Armee. Wieviel prekärer mußte dieser unlösbare Widerspruch in den Jahren des ausbrechenden und jahrelang sich dahinziehenden, Völker, Klassenfraktionen und Klassenindividuen ermordenden und umhertreibenden Zweiten Weltkriegs werden.

Die kritische Theorie bestritt nicht, den deutschen Faschismus über die Kategorien der politischen Ökonomie abzuleiten. Doch die KZs schienen ihnen eine neue Dimension der Barbarei eingeleitet zu haben. Marcuse und Brecht waren sich da einig — die grauenhafte Erinnerungslosigkeit nach einem Sieg des Faschismus tauchte als Möglichkeit auf. Brecht sagte zu Benjamin: „Jede Zelle zuckt unter ihrem Schlag zusammen. Darum darf keine von uns vergessen werden. Sie verkrümmen das Kind im Mutterleib. Wir dürfen die Kinder auf keinen Fall auslassen ... Sie planen Verwüstungen von eisigem Ausmaß.“

Das Bild der Gaskammern, die Eliminierung der Erinnerungen, das Aufkommen der Geschichtslosigkeit war keine intellektuelle Phantasterei. Ein kalter Rücken kam mir hoch, als ein „kleiner Fisch und großer Mörder“ des deutschen Faschismus von einem seiner KZ-Opfer in Rio vor wenigen Wochen auf einer Polizeistation befragt wurde, ob er ihn kenne. Nach kurzer Überlegung sagte der ehemalige KZ-Spieß: „Ja, ja, ich erinnere mich gut an dich. Ich habe dich doch aus dem Transport herausgeholt, und ich habe dir sowie deinen zwei Freunden, die auch Goldschmiede waren, das Leben gerettet.“ Warum wohl? Um das aus den Zähnen der Ermordeten herausgeholte Gold zu „verarbeiten“. Der damals 14jährige Szmajzner antwortete: „So, und wo sind meine Mutter, mein Vater und meine Brüder?“ Das KZ, genauer das Vernichtungslager Sobibor, hatte in der Tat kaum jemand „zurückgelassen“, Zigtausende in den Gaskammern ermordet. Das war die barbarischste Seite des Staatskapitalismus.

Die Welle der Verwüstungen in Rußland durch die allgemeine Staatssklaverei in alter moskowitischer Tradition, wo Freiheit, Subjektivität und Individualität, um mit Hegel zu sprechen, keinen Platz haben, war die andere Seite der Lagergeschichte in dieser Zeit. Wenn Bert Brecht und Herbert Marcuse darüber in den 40er Jahren nicht schrieben, Brecht es auch später vorzog, damit nicht an die Öffentlichkeit zu treten, so erhält ein historisches Verhalten zwar keine Rechtfertigung, gewinnt aber im Rahmen des „kalten Krieges“ einen widersprüchlichen Sinn. Wenn aber die anderen reaktionären Päpste, Kardinäle, Bischöfe in der Tradition der Geschichtslosigkeit der KPdSU heute darüber noch schweigen oder Bücher darüber lieber verbrennen bzw. verbieten, dann wissen wir, was uns erwartet. Die „Argument“losen der Geschichtslosigkeit haben mit Demokratie und Sozialismus nichts zu tun, viel mit der allgemeinen Staatssklaverei und dem Denken des Staatskapitalismus.

5 Wendungen

In „Vernunft und Revolution“ stand für Marcuse die „traditionelle Revolutionstheorie über die „Unmöglichkeit der ‚Regelung‘ der Produktion auf der Basis der bestehenden Wirtschaftsordnung“ (Grossmann) noch außer jedem Zweifel, wird sogar bis dahin wohl für die meisten Mitglieder des Instituts gegolten haben. Denn wer hatte Marx und dessen Kritik der politischen Ökonomie nicht über Henryk Grossmann rezipiert? Könnte am ehesten für Pollock gelten, der 1933 schon einen analytisch anderen Kurs einschlug, das Ende der liberalen Phase des Kapitalismus, aber nicht ein Ende des Kapitalismus sah, die neue Qualität der Herrschenden, die hochentwickelte Technik betonte. Er leugnet nicht die Verwertungsschwierigkeiten des Kapitalismus, in welcher Form auch immer, betont aber im letzten Jahr der Zeitschrift, die nun unter dem Namen „Philosophy and Social Science“ erschien (1941): „Die Ersetzung ökonomischer Mittel durch politische als letzte Garantie für die Reproduktion des Wirtschaftslebens ändert den Charakter der ganzen historischen Periode. Das bezeichnet den Übergang von einer vorwiegend wirtschaftlichen zu einer vorwiegend wesentlich politischen Ära.“ Die Kategorie des „Staatskapitalismus“, die neue Verknotung der realen Interessengruppen mit der herrschenden Partei, der Staatsbürokratie und der militärischen Maschine, tritt hier in den Vordergrund.

Im Buch von Marcuse über Hegel ist das nicht sein Thema, sind weder die Veränderung in der Kapitalzusammensetzung noch die daraus abzuleitenden Fraktionszusammensetzungen bzw. Auflösungen und Neukonstituierungen des „revolutionären Subjekts“, der „alten und „neuen“ Arbeiterklasse auffindbar. Aber natürlich konnte er weder Pollock noch die in der gleichen Nummer erscheinende Gurland-Analyse „Technological Trends and Economic Structure under National Socialism“ übersehen. Pollock schreibt, daß die Eisen- und Stahlindustrie nicht mehr wiederzuerkennen war. Mit der Einführung der Breitbandstraße erhöhte sich die Arbeitsproduktivität um ein Fünffaches, und der unqualifizierte Hilfsarbeiter konnte eine Arbeit tun, die vor der Breitbandstraße qualifizierte und generationenlang ausgebildete Arbeiter taten. Also konnten in der Rüstungsindustrie bald Kriegsgefangene und Frauen eingesetzt werden.

6 Wer krähte nach der „Intelligenz im Exil“, nach den Spanienkämpfern, nach denen aus den KZs?

Welche deutsche Universitäten in den Westzonen und der Ostzone riefen nach Raphael, Schumacher, L. Loewenthal, Mattick, Korsch, Adorno, Horkheimer, Sohn-Rethel, Herbert Marcuse und den vielen anderen im Exil?

Wie gerne holte sich Adenauer die Arnold Gehlen & Co. zurück, und wie wenig wert war der „deutsche Geist“ im echtesten Sinne der radikalen Negation bestehender Verhältnisse? Wie mißtrauisch schaute Ulbricht auf die aus dem West-Exil! In der BRD sind Spanienkämpfer und andere Verfolgte aus der Nazizeit noch immer ohne Wiedergutmachung und angemessene Renten.

Warum Kommunisten nicht in die Ostzone gingen, beschreibt der Spanienkämpfer Breker: „Nee, Harry“, sagte der Kommunist mit großer Funktionärschance, „sowas mach ich nicht mit. Da verdiene ich mir lieber ein ehrliches Leben hier als Heizer“ und fügte hinzu: „Drüben haben wir gar keinen Kommunismus, auch keinen Sozialismus, denn sie haben den Arbeitern gar nicht die Fabriken übergeben. Die Industriewerke, die Banken und das Land halten die Bürokraten mit ihrem Staatsapparat fest in der Hand. Und diese Funktionärsklasse, die von dem erschufteten nationalen Mehrwert nicht schlecht lebt, möchte das als Sozialismus ausgeben. Dazu habe ich aber Marx, seine Analyse über die allgemeine Staatsskaverei durch die Bürokratenklasse, zu gut verstanden, als daß die Ulbricht und Konsorten mich dumm quatschen und mir das als Sozialismus verkaufen können.“

Die deutsche Nachkriegsgeschichte scheint mir die bisher am wenigsten aufgearbeitete zu sein. Wir wurden befreit und besetzt, schafften nichts aus eigener Kraft von eigenem Weg konnte dann keine Rede mehr sein. Amerikanisierung und Russifizierung, bloß keine Sozialisierung und Demokratisierung.

Herbert Marcuse tauchte für einen Augenblick in „Sinn und Form“ [DDR-Kulturzeitschrift] mit seiner Kritik des Existentialismus von Sartre auf (1950), war schon 1948 in Amerika erschienen. Danach ist mir eine weitere Veröffentlichung von Texten von ihm in der DDR unbekannt. Die Sartre-Kritik scheint mir zu einem gewissen Teil auch eine Schlußbearbeitung seiner linksgewendeten Heidegger-Bezogenheit am Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre. Nicht unwichtig dürfte dabei auch ein bisher nicht veröffentlichter Brief von Heidegger an Marcuse kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewesen sein. In ihm, so erzählte mir der Angeschriebene, ließ sich Heidegger über die Vertreibungen der Deutschen im Osten aus und verlor nicht ein einziges Wort über jenes Da-Sein und jene konkrete Zeit des Krieges, über die Ursachen desselben, schwieg über die KZs usw. Nicht der geringste Klang eines selbstkritischen Nachdenkens des „Geistes“ war zu spüren. Auf diesen Brief zu antworten hielt der kurzfristige Schüler und langfristige Bekämpfer der ontologischen Existentialschrullen nicht für notwendig. Da gab es nichts mehr zu sagen. Die Kritik an Sartre war für Herbert Marcuse wahrscheinlich eine letzte Selbstabrechnung. Denn dieser linke Existentialismus war sein Ausgangspunkt.

Doch die Heidegger & Gehlen waren schnell und einfach in alte Stellen heimgekehrt. Das Entsetzen und das Mißtrauen von Habermas und seiner Generation über diejenigen, die ohne jegliche öffentliche Diskussion und selbstkritische Reflexion zur „Tagesordnung“ übergingen, können daher erst wirklich verstanden werden.

7 Die Dialektik von Sieg und Niederlage

Mit Bitterkeit und Ungebrochenheit stellt Herbert Marcuse nun fast ein Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fest: „Die Niederlage des Faschismus und Nationalsozialismus hat die Tendenz zum Totalitarismus nicht stillgelegt. Die Freiheit befindet sich auf dem Rückzug, sowohl auf dem Gebiet des Denkens als auch auf dem Gebiet der Gesellschaft. Weder die Hegelsche noch die Marxsche Idee der Vernunft ist einer Verwirklichung nähergekommen; weder die Entwicklung des Geistes noch die der Revolution nahm die von der dialektischen Theorie ins Auge gefaßte Form an.“ An die Forschungen von Pollock und Curland der 30er und 40er Jahre nun anknüpfend und die Konsequenzen ausdrückend, sagt er: „Die Entwicklung der kapitalistischen Produktivität brachte jedoch die Entwicklung des revolutionären Bewußtseins zum Stillstand. Der technische Fortschritt vermehrte die Bedürfnisse und die Mittel, sie zu befriedigen, wobei seine Ausnutzung sowohl die Bedürfnisse als auch die Mittel ihrer Befriedigung repressiv machen: Gerade sie erhalten Unterwerfung und Herrschaft aufrecht.“ Und es wird in diesem Vorwort schon etwas formuliert, was Marcuse in den 60er Jahren neu wendet und entwickelt: „Die Entwicklung des Bewußtseins wird zum gefährlichen Vorrecht von Außenseitern.“

Doch die entscheidende Wendung des Hegel-Buches von 1941 ist darin zu sehen, daß die beiden Kräfte, denen er 1941 noch eine wesentliche historische Rolle des Fortschritts zuordnete, völlig entgegengesetzt beurteilt werden: „Die Konsolidierung des kapitalistischen Systems wurde durch die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft äußerst gefördert.“ Als wesentliche Faktoren dafür sieht er nun nicht mehr nur die Niederlagen der Arbeiterklasse in Mitteleuropa und die isolierte „bolschewistische Revolution“, sondern die „totale Mobilisierung“ im Osten hat es dem Westen ermöglicht, sich neu und unerwartet „zusammenzuschweißen“. Anders ausgedrückt heißt das in der Tat: Staatskapitalismus und allgemeine Staatssklaverei bedingen einander, ob nun so oder so. Beiden Systemen geht es dabei, wie Marcuse mit Weitblick sagt, um die Vervollständigung der „nationalen und internationalen Kontrolle über die Gefahrenzonen“ der herrschenden Klassen. Gerade um die immer möglicher gewordene Befreiung zu verunmöglichen.

Wer lag (und liegt) da eigentlich der konkreten historischen Wahrheit näher, die Vertreter der kommunistischen, konservativen, sozialdemokratischen usw. Parteiideologen (Repräsentanten wie Schelsky, Popper und andere Herrschaftswissenschaftler) oder jener Außenseiter Herbert Marcuse, der zweifellos theoretisch-politische Zentralpunkte für die Neue Linke geschaffen hat.

8 Keimform der Neuen Linken

Zwar hatten ich und viele andere sein Buch „Sowjetmarxismus“ 1964/65 voller Aufgeregtheit gelesen und diskutierten es in unserer kleinen Organisation, der „Subversiven Aktion“. Doch der ganze politisch-analytische Sprengstoff wurde mir erst in Leningrad und Moskau 1965 bewußt, als des öfteren bei den Diskussionen zwischen den dortigen Uni-Wissenschaftlern und uns vom SDS gesagt wurde: „Herbert Marcuse muß am schärfsten bekämpft werden.“ Die wußten (und wissen), worum es geht.

Marcuse sagt in diesem Buch in dem für mich besonders spannenden Abschnitt über: „Basis und Überbau — Realität und Ideologie“: „Im sowjetischen System wird das ‚allgemeine Interesse‘ hypostasiert im Staat — eine von den individuellen Interessen getrennte Wesenheit.“ Ist das bei Hegel nicht jene Formation der bürokratischen Staatlichkeit des Orients, wo weder Substanz, Freiheit, Subjektivität und Individualität sich festigen können? Nennt Marx eine solche Struktur nicht die „allgemeine Staatssklaverei“? Marcuse fährt fort: „In dem Maße, wie die letzteren“, die individuellen Interessen, „noch unerfüllt sind und von der Wirklichkeit zurückgestoßen werden, streben sie nach ideologischem Ausdruck. Und ihre Kraft ist für das Regime um so explosiver, je mehr von der neuen ökonomischen Basis in der Propaganda verkündet wird, sie stelle unter dem Kommunismus die totale Befreiung des Menschen sicher.“

Von heute aus gesehen muß man vielleicht fragen: Ist es nicht bemerkenswert, daß sich eine gewisse Abflachung der Propaganda vollzieht und die Aufnahme kapitalistischer Elemente erweitert wird? Meiner Meinung nach hat es nichts mit „Kapitalisierung“ oder „Rekapitalisierung“’ zu tun, es geht allein um die Weltmarktbeziehung Rußlands in der Zeit der schwelenden Krise des hochentwickelten Kapitalismus. „Entspannungspolitik“ heißt ja nun ohne Zweifel für beide Seiten, Bewegung von Kapital und Krediten neu zu ermöglichen, Widersprüche abzuflachen und zu verschieben, gesellschaftlichen Sprengstoff nicht zur kollektiven Explosion werden zu lassen.

Aber in jedem Falle bleibt auch heute noch in Osteuropa, besonders in der SU, ohne real lebende Sowjets „der Kampf gegen die ideologische Transzendenz“ für das Regime „ein Kampf auf Leben und Tod“. Eine herrschende Klasse, in welcher Gesellschaftsformation auch immer, hat niemals von sich aus Herrschaft aufgegeben. War viel eher bereit, aus Klasseninteresse ganze Völker in den Krieg zu jagen.

Die Aktualität der Analyse von Marcuse ist in den letzten Jahren durch den realen Geschichtsprozeß bestätigt worden: „Innerhalb der ideologischen Sphäre verschiebt sich das Schwergewicht von der Philosophie auf die Literatur und Kunst.“ Ein Blick auf die Gefängnisse und Ausweisungen, Lageraufenthalte von Künstlern in Rußland genügt. Die psychiatrischen Anstalten sind nicht ganz wegzulassen. Überall geht es um die tendenzielle Vernichtung Andersdenkender.

Wer hat eigentlich die Fragen bezüglich dieser so schwer zu durchschauenden SU in den 50er Jahren schärfer gestellt? Ob richtig, sei erst einmal dahingestellt. Mir fällt allein das ehemalige KPD-Mitglied, der Luxemburg-Schüler und Herausgeber ihrer ersten Gesammelten Werke in den 20er, Jahren ein: Paul Fröhlich. Sein Entwurf einer Rußlandanalyse von 1951, der erstmalig 1976 veröffentlicht wurde, stellt eine Kette von radikalen Fragen zusammen. Ich kann nur einige anführen: „Was ist das russische Wirtschaftssystem? Ist es ‚Sozialismus im Übergang zum Kommunismus‘? Ist es Staatssozialismus oder Staatskapitalismus? Oder ist es eine Wirtschaftsform, die bisher in den Lehrbüchern noch nicht vorgesehen war? Was ist der russische Staat? War die Auffassung je berechtigt, nach der in Rußland eine ‚soziale Demokratie‘ bestehe, die durch die ‚politische Demokratie‘ zu ergänzen sei; wie umgekehrt das große Experiment der Labour Party die Ergänzung der politischen durch die soziale Demokratie erstrebe? Ist der russische Staat eine ‚Volksdemokratie‘ (also wohl eine Demokratie im Quadrat)? Oder haben wir im russischen Staat eine Neuauflage des typischen ‚asiatischen Despotismus‘?“

Marcuse und Fröhlich sind sich völlig einig in den Konsequenzen, die sich aus solchen Verhältnisse wie den russischen ergeben: „Einer der Zwecke der Knebelung künstlerischen und wissenschaftlichen Schaffens“ ist es eben, „den Opponenten gegen das Regime jedes Gebiet“ zu verschließen, „auf dem er sich frei ausleben könnte“. Fröhlich schließt mit dem Satz: „Unter diesem Regime darf es keinen selbstbewußten Menschen geben.“ Diese Schlußthese hat allerdings einen Ausgangspunkt, genauer eine Anfangsthese, die sich von Marcuse unterscheidet: „Das in Rußland herrschende Regime ist zum Hauptproblem unserer Zeit geworden. Das politische Handeln der russischen Regierung greift heute — weit über ihren eigenen Herrschaftsbereich hinaus — in das Geschick der Völker ein und bestimmt wesentlich die Zukunft der Menschen.“ Marcuse ist dagegen der Meinung, daß die Abrüstungsvorschläge der SU nicht nur Propaganda sind, sondern real ökonomisch begründet.

An den Analysen und Fragen von Fröhlich und Marcuse kommt keiner vorbei, der nicht hinter das schon erreichte historische Niveau zurückfallen will. Die Identität und Nichtidentität von Taylorsystem im Staatskapitalismus und WAO (Wissenschaftlicher Arbeitsorganisation) in der allgemeinen Staatssklaverei sind bei beiden am wenigsten reflektiert worden.

9 Kurz vor dem ersten Sturm

Herbert Marcuse sprach in den 50er Jahren vom „organisierten Kapitalismus“ in der Tradition von Hilferding bis Pollock und Gurland. Im Höhepunkt der Rekonstruktionsperiode, kurz vor dem Anfang des Verflachungsprozesses der „Wohlstandsgesellschaft“ wird in „One Dimensional Man“ vom „Welfare and Warefare State“ gesprochen. Unzweideutig ist die Zwielichtigkeit der kapitalistischen „Stabilität“ benannt. „Welfare“ und „Warefare“ bedingen hier einander, schließen sich im Rahmen des Systems noch nicht aus: „Es ist eine Gesellschaft, in der die Konzentration wirtschaftlicher, politischer und kultureller Macht ihren Höhepunkt erreicht hat. Eine Gesellschaft, deren Ökonomie weitgehend durch die Politik bestimmt ist und in der Ökonomie nur durch das ständige Eingreifen des Staates, direkt oder indirekt, in entscheidenden Regionen der Wirtschaft funktioniert.“

Seine Kritik solcher Verhältnisse hat als Zentralthese das hohe Niveau von Produktion, Wissenschaft und Technik, wodurch Arbeitszeit sich auf ein Minimum reduziere und Freiheit, genauer, Lebenszeit sich entfalten kann. Das aber zu verhindern, der politischen, sozialen allgemeinen Emanzipation keine Chance zu geben, ist das kontinuierliche Ziel der Herrschenden. Theoretisch geht Marcuse im wesentlichen von den „Grundrissen“ Marx’ aus, jener Antizipation der objektiven Möglichkeiten, die sich über die Automation ergeben. An diesem Punkt gelangt man in die Nähe des Zusammenbruchs des Kapitalismus, der endgültigen Sprengung einer Produktionsweise. Natürlich ist diese Phase die schwierigste, mobilisiert doch die herrschende Klasse alles, um die Befreiung nicht zu ihrem Recht kommen zu lassen. Darum konzentrierte sich Marcuse auf den „geplanten Verschleiß“ und auf seine Auswirkungen auf die innere Struktur der Beleidigten und Ausgebeuteten.

Das Problem war nicht ganz neu, Marx sprach nicht umsonst von der „Bedürfnislosigkeit“ der Lohnarbeiter und sah als Ursache die sich vertiefende Nähe zum Kapital, jene Gehirn und Körper zersetzende Abhängigkeit. Verwertungsbedürfnisse sind halt nicht Entwicklungsbedürfnisse des Menschen in der freien Assoziation.

In „One Dimensional Man“ heißt es, daß die neue repressive Qualität des kapitalistischen „Fortschritts“ ein „Aufgehen der Ideologie in der Wirklichkeit“ in sich trägt. Die „wirkliche Wirklichkeit“ ist dann die existierende. Die traditionellen Begriffe der linken Kritik über „Entfremdung“, „Subjekt-Objekt-Dialektik“ müssen dann ihren negativen, negierenden Gehalt verlieren.

Wenn der Lohnarbeiter über die Bewegung seiner Arbeitskraft Entleerung von Erfahrung erfährt, dann kann der „technologische Schleier“ schwerlich über die Erkenntnisunfähigkeit des traditionellen „revolutionären Subjekts“ durchbrechbar werden. Die Einwände dagegen werden uns später beschäftigen.

Marx sieht selbstkritischer als all seine Kritiker den Zerlegungs- und Zersetzungsprozeß der einzelnen Tätigkeiten im Arbeitsprozeß über die reale Subsumption der Arbeit unter das Kapital. Wie ergeht es aber unter solchen Bedingungen der für Marx so fundamentalen Kategorie des Gebrauchswerts? Was ist, wenn diese innere Negation der zweiten Natur des Tauschwerts zersetzt wird, der Gebrauchswert also immer mehr minimiert wird? Für Marcuse ist dann „die Konterrevolution in der Triebstruktur verankert“. Wodurch und unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen kann gerade die durchbrochen werden?

10 Theorie-Ernte einer Rezession und einer Rebellion

Marcuse war offensichtlich über die erste bedeutende internationale Rezessionswelle 1966/67 nach der langen Periode des kapitalistischen Wachstums, bürgerlicher Vollbeschäftigung und „Stabilität“ des Systems ebenso überrascht wie seine ihm bekannten oder unbekannten Schüler.

Die obskuren Diskussionen über die „langen Wellen“ im Rahmen der kapitalistischen Zyklen-Geschichte hatte er wohl schon immer für fragwürdig gehalten. Doch hatten nicht so manche Diskussionen in Frankfurt, Berkely, Berlin über die „Große Verweigerung“ ähnliche Momente von Obskurität? Allerdings mit einem elementaren Unterschied, die Parole von der „Großen Verweigerung“ spiegelte widersprüchlich eine reale Widerstandsform einer wiederum obskuren neuen Kraft in den hochentwikkelten kapitalistischen Ländern. Wenn auch nicht im geringsten getragen von strategischen Zielen, politischem Realitätsbezug im gesamtgesellschaftlichen Sinne der konkreten Etappe. Von Bündnispolitik ganz zu schweigen. Die „große Verweigerung“ kennt die Kategorie der Vermittlung nicht, die abstrakte, tief moralische Negation der herrschenden Verhältnisse kann eine echte, konkrete Antizipation nicht erreichen.

Doch muß eine solche Einschätzung nicht mit kritischer Selbstreflexion fortfahren? Wissen wir nicht gerade von Marx, daß der Klassenkampfprozeß der sozialen Bewegung gerade in der verkehrten Übergangsperiode von der kapitalistischen in die neue Produktions- und Lebensweise die allergrößten Vernebelungen, Bremsen in sich trägt? Der Beginn des Werdens der Keimformen der echten Übergangsperiode in der verkehrten drückt sich in der „Großen Verweigerung“ aus. Die verzwickten Verkehrungen des Kapitalverhältnisses in der Etappe der unmittelbaren Subsumption der Arbeit unter das Kapital sind offensichtlich komplizierter und langfristiger, als sich so viele von uns in den 60er Jahren einbildeten. Die Parole vom „langen Marsch durch die Institutionen“ versuchte dem in einem gewissen Sinne Rechnung zu tragen. Ohne sich aber im geringsten darüber klar zu sein, daß es im technokratischen Monopolkapitalismus keine Sozialisierung und darum keine Demokratisierung geben kann. Der Toleranzschleier von Demokratie ist allerdings beileibe nicht leichter durchschaubar geworden.

Worum ging es eigentlich in dieser schon der Vergangenheit angehörenden Periode der 60er Jahre? Was wurde da ausgelöst?

Wenn Geschichte, wie Marx sagt, nichts anderes ist als die Aufeinanderfolge von Generationen und jede ihre neuen Möglichkeiten und Schranken vorfindet, so stießen wir auf eine einzigartige Lage: Bei unserem Einstieg in die Geschichte begann das herrschende System an ideologischer Glaubwürdigkeit in der Sache der Demokratie und Freiheit zu verlieren. Die amerikanische Armee warf Bombenteppiche auf Vietnam und sprach von der Verteidigung der Freiheit; die Herrschenden in Amerika, bei uns in der BRD, West-Berlin usw. sprachen von Demokratie, Forschung und Lehre, meinten aber die alten Vorrechte und die Herrschaft über uns. Allerdings muß hinzugefügt werden, und die Rezession von 1966/67 ist ein voller Beweis dafür, trieb der Übergang zum technokratischen Monopolkapitalismus zu neuen Rationalisierungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Das heißt, die Rebellengeneration der 60er Jahre hat einen echten Doppelcharakter in sich: Auf der einen Seite greifen wir ein und an, auf der anderen stehen wir durchaus mit dem Rücken an der Wand und sind Objekt des geschichtlichen Prozesses. Wir sprechen in den 60er Jahren schon von „Proletarisierung der Intelligenz“, doch die strukturelle Arbeitslosigkeit usw. erreichte uns noch nicht direkt.

Diese Einschätzung wird keine besonderen Diskussionen hervorrufen. Da wird es schon anders sein, wenn es darum geht, die soziale Zusammensetzung der, sagen wir erst einmal, „Protestbewegung“ zu bestimmen. Marcuse hat auch in der Hinsicht entscheidende Klärung mit hineingetragen. Wichtig ist sein Angriff gegen den Terminus „Studentenbewegung“: „Schon die Bezeichnung ist ideologisch und abfällig; sie verbirgt die Tatsache, daß durchaus wichtige Teile der älteren Intelligenz und der nichtstudentischen Bevölkerung aktiv an der Bewegung teilnehmen.“

Zehn Jahre danach versuchen die Medien es noch immer auf die Studenten abzuschieben. Im Ausland erhalten Dany Cohn-Bendit und ich eine Gelegenheit zu reden, [3] am 11. April 1978 [4] wollte keines der Medien mich befragen über Terror, sowenig wie Dany im Mai die Gelegenheit erhielt, im deutschen Fernsehen über den französischen Mai zu sprechen, ihn in die Gegenwart einzuordnen.

Am erschreckendsten ist allerdings die Bücherproduktion über die 60er Jahre. Da schreiben zumeist ehemalige Studenten, heute Inhaber von Stellen in den Universitäten, und die analytischen Errungenschaften von Herbert Marcuse werden ignoriert. Wie sie ihre eigene Geschichte umschreiben — die Verdrängungen stinken zum Himmel!
Bloß gut, daß Peter-Paul Zahl und Bommi Baumann dabei waren und es gelernt haben, ihre, unsere Geschichte vom nichtstudentischen Daseinsblick literarisch, analytisch und einfach darzulegen.

Es ist eine Schande der heutigen Wissenschaftler, die in den 60er Jahren noch Studenten waren, daß sie noch keine Analyse über die Lehrlinge, Jungarbeiter und Schüler angestellt haben, die in der ersten Hälfte der 60er Jahre bei Rockveranstaltungen die Stühle zerschlugen und in der zweiten Hälfte wesentlich an den Kämpfen der sozialen Bewegung aktiv und bewußter werdend teilnahmen. Eine ganze Generation wurde nämlich betroffen von der Rationalisierungswelle des Kapitalismus. Man kann sagen: Wir wollten nicht rein in die Arbeitsdisziplin des sich technokratisierenden Systems, und die junge Arbeitergeneration wollte und konnte nicht mehr die Schufterei der Väter und Vorväter fortführen.

Das Verhältnis zur Arbeitsethik geriet ins Schwanken. Marcuse insistierte immer wieder auf die Bedeutung der Zersetzung der Arbeitsethik als Voraussetzung für die Freiwerdung neuer Bedürfnisse. Hier scheint mit die eigentliche Subversivität der 60er Jahre zu liegen, die neue objektive Möglichkeit, die alten Wertkategorien, Verhaltensmuster anzuknacken, gerade weil das System in sich in der verkehrten Übergangsperiode das Wertgesetz in den Auflösungsprozeß der realen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital mit einbezieht.

Karl-Heinz Roth verweist darum nur zu richtig auf die Wichtigkeit der analytischen und politisch-organisatorischen Verarbeitung der neuen, vielleicht erstmaligen objektiven Nähe von großen Teilen der produktiven Intelligenz und Industriearbeiterschaft: „Auf der subjektiven Ebene laufen in diesem sogenannten höher qualifizierten Teil von Automationsarbeit zur Zeit alle typischen Entfremdungsprozesse ab, die wir Anfang der 70er Jahre bei den Massenarbeitern der Transferstraßen analysierten.“ Und er kommt zu den Formen des Widerstands: „Müßigkeit, Absentismus, Fehlzeiten, Gewaltträume, informelle Sabotage der EDV-Anlage, das Eingeben von falschen Programmen als individuelle Revolte.“

Karl Heinz Roth
(vgl. seinen Artikel „Rote Massen“ im NF Juli/August 1978)

Doch gerade ein Verbleiben in der „individuellen Revolte“ erreicht nicht das Niveau der Geschichte, um Prozesse zu durchschauen und Befreiung als gesellschaftlichen Akt zu antizipieren. Wenn die Linke das Widerstandspotential nicht einmal wirklich zur Kenntnis nimmt, politisch-organische Konsequenzen zieht, wird naturwüchsig der Klassengegner Formen suchen, um ihn organisiert zu brechen, z.a. muß man mit Herbert Marcuse kritisch fragen, ob die „individuelle Revolte“ schon wirklich ein Ausdruck der Durchbrechung der miserablen, aber dennoch „gut bezahlten“ Daseinslage der produktiven Intelligenz ist. Doch die Diskussion muß erst einmal echt entfaltet werden, wovon im Augenblick keine Rede sein kann.

Die Bedeutung der Auflösung der Arbeitsmoral, um Lebensqualität überhaupt denken zu können, ist mir über Marcuse theoretisch verständlich geworden. Aber mehr denn je kann ich seine Einschätzung des Schleiers der Technik nicht mehr einsehen. Er sagt: „Heute verewigt und erweitert sich die Herrschaft nicht nur vermittels der Technologie, sondern als Technologie, und diese liefert der expansiven politischen Macht, die alle Kulturbereiche in sich aufnimmt, die große Legitimation.“ Ist denn nicht gerade die inzwischen große Legitimationskrise der spätbürgerlichen, der technokratischen, nicht mehr echt bürgerlichen Gesellschaft darin zu sehen, daß die Sinngebung des Lebens über die Technik per se immer sinnloser geworden ist, die schwelende Krise weitergeht und nicht mehr als Konjunkturproblem abzuschieben ist, die alten Herrschaftsmechanismen der Stabilisierung des Systems nicht mehr griffig sind? Wahrscheinlich wird Marcuse mit meinen Fragen einverstanden sein und die in den letzten Jahren erst so offen auftretenden Probleme der technisch-industriellen Veränderung schärfstens verfolgen. Ich wäre sehr glücklich, wenn er bezüglich der Frage der Auflösung oder Festigung des „technischen Schleiers“ in die Diskussion eingreifen würde.

Wie produktiv geht er doch in neue Fragestellungen hinein! Ich war von den Socken über seinen Artikel bezüglich des Emanzipationskampfes der Frauen und die Einordnung dieses Kampfes in die Sozialismusfrage. Die Einwände der Frauengruppen konnten nicht überzeugen, wenn auch es für mich ohne Zweifel ist, daß der Weg der Frauengruppen — die emanzipatorische Konzentration des Kampfes auf Teilbereiche — der einzig richtige der Etappe war. Dennoch bin ich sicher, daß der individuelle Widerstand von Frauen und Männern gegen den Rationalisierungsdruck der Kapital- und Herrschaftsinteressen in sich die Keimformen für einen gemeinsamen, echt kollektiven Widerstand tragen. Die Antizipation der neuen Produktions- und Lebensweise wird dann die „konkrete Utopie“, die Frage nach „Heimat“ (Bloch) über die philosophische Ebene hinausführen können.

Um eine erste Einschätzung der Rolle des Denkers Herbert Marcuse am Ende des zweiten Jahrhunderts formulieren zu können, muß ich ihn sprechen lassen: „Wenn die sozialistischen Produktionsverhältnisse eine neue Lebensweise sein sollen, dann muß sich ihre existentielle Qualität — antizipierend und demonstrierend — im Kampf um ihre Verwirklichung offenbaren. Ausbeutung in allen Formen muß aus diesem Kampf verschwunden sein: aus den Arbeitsverhältnissen der Kämpfer wie aus ihren individuellen Verhältnissen.“ Die neue sozialistische Initiative ist vom Werk Herbert Marcuses in diesem Kampf nicht zu trennen, auf seine Mitwirkung kann nicht verzichtet werden.

Mit Sicherheit kann ich hier etwas sagen, was um Deinen Geburtstag, lieber Herbert, im Juli viele denken werden: Sei umarmt und hab Dank, wir wünschen Dir die Fortführung Deiner, unsrer Arbeit! Der Kampf um die allgemeine Befreiung einer konkreten Individualität geht weiter. Du hast diesen Kampf mit geprägt und ausgedrückt.

[1Am 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke durch Schüsse des Anstreichers Bachmann am Kopf schwer verletzt. Bachmann beging später im Gefängnis Selbstmord.

[2Herbert Marcuse: Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marismus, Neuwied 1974, S. 116ff

[3Am 13./14. Juni 1978 diskutierten Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Günther Nenning, Kurt Sontheimer und Mathias Walden drei Stunden und zwölf Minuten im österreichischen Fernsehen („Club 2“). Mittlerweile wurde die Sendung in der BRD in verschiedenen Regionen im Dritten Programm ausgestrahlt. Wir haben das Gespräch im letzten Heft vollständig abgedruckt: Dutschke vor, noch ein Tor! NF Juli/August 1978

[4Zehnter Jahrestag des Attentats auf Rudi D. in Berlin

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1978
, Seite 58
Autor/inn/en:

Rudi Dutschke:

Rudi Dutschke ist Soziologe und gilt als Wortführer der Studentenbewegung. Als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) engagiert er sich gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und ist Redner auf zahlreichen Demonstrationen und Kongressen. Bei einem Attentat aus rechtsextremen Kreisen wird Dutschke schwer verletzt und stirbt Jahre später an den Folgen.

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