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Harald Winter

Perspektiven - Strategien - Differenzen

Nach dem Seminar des Kritischen Kreises (Mai 1997)

In diesemText geht es — wie auch im Seminar selbst — nicht darum, Einigkeiten festzuhalten oder Differenzen zu konstatieren. Ebensowenig soll der Versuch unternommen sein, den Gang einzelner Diskussionen nachzuzeichnen oder die Standpunkte, Fragen und Beiträge einzelner Seminarteilnehmer zu dokumentieren (was — angesichts der offenen Form derVeranstaltung — ohnehin fast unmöglich wäre). Vielmehr will ich versuchen, diejenigen Fragen nochmals abzuhandeln, deren Beantwortung mir selbst für die Einschätzung meiner eigenen Möglichkeiten zu künftigem Mittun an der Arbeit des Kritischen Kreises wesentlich erscheit. Dazu ist zunächst festzustellen, daß meine kritische, politische, wissenschaftliche, diskursive, etc. Auseinandersetzung mit Welt und Menschheit sich nicht in der Begegnung mit dem Kritischen Kreis und seiner Arbeit erschöpft — und sich auch künftig darin nicht erschöpfen soll. Insofern genügen gemeinsames Interesse an nur einigen Fragen und Übereinstimmung bezüglich nur einiger Ansichten, Überzeugungen und Zielvorstellungen, um mir Zusammenarbeit an der Klärung eben dieser Fragen und auf Basis eben dieser gemeinsamen Überzeugungen sinnvoll erscheinen zu lassen — sofern die jeweiligen Differenzen entweder auszuräumen sind oder sie, wenn sie unausräumbar bleiben, sich als nicht zentral für die Beantwortung der Fragen erweisen. Andererseits kann und werde ich nicht darauf verzichten, bei Folgerungen, die sich nur aus von mir für falsch gehaltenen Voraussetzungen ableiten lassen, insofern in den Fortgang der Dinge — vielleicht manchmal störend — einzugreifen, als ich zumindest die Tatsache, daß das Ergebnis auf die umstrittene Voraussetzung angewiesen bleibt und daher von mir nicht ohne andere Beweise, Indizien o.a. akzeptiert werden kann, immer wieder werde vermerken müssen.

In diesen Bereich fallen alle Teile der sogenannten „Krisentheorie“: Erkenntnisse, die sich darauf gründen, können im Einzelfall richtig sein — müssen es aber nicht.

„Ziel des Kritischen Kreises“, schreibt F. Schandl in einem Orientierungspapier zum Seminar, „ist die Schaffung eines theoriefähigen Attraktionspols und später auch eines praxisfähigen Interventionspols einer nichttraditionalistischen und nichtpostmodernen Linken.“ — Diese Linke soll — und das ist eine Aufgabe, die ich für wichtig halte, obwohl ich linke Arbeit und auch linke theoretische Arbeit nicht darauf beschränkt sehen möchte — alle „gesellschaftlichen Fragen (...) an ihren ökonomischen Grundpotenzen (...) dechiffrieren und erläutern“ (Schandl). Insbesondere sind dazu die „ideellen Leitwerte der Kapitalherrschaft“ (Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechte ...) als solche (i.e. als Leitwerte, die eben nur innerhalb einer aufgrund kapitalistischer Strukturen organisierten Welt Sinn machen und deren Verfolgen daher aus dieser Organisationsstruktur nicht heraus und über sie nicht hinaus führen kann) nicht nur zu erkennen und zu begreifen, sondern auch — und darin liegt die Arbeit! — als solche anderen erkennbar und begreifbar zu machen. Politik ist als eine die basishaften ökonomischen Prinzipien von Markt-Tausch, Besitz und Lohnarbeit lediglich ergänzenden und steuernde, sie aber nicht in Frage stellende Kraft darzustellen und transparent zu machen; sie ist die globale Komponente eines die menschlichen Dinge lenkenden Systems, das im Wesentlichen von den lokalen Komponenten des Tausches und der individuellen Interessensoptimierung beherrscht wird. Und das ökonomisch-politische Gesamtsystem kann — bei allem guten Willen der Politik — eben keine anderen als jene Organisationszustände erreichen, die sich auf Grundlage der lokal operierenden Basis-Mechanismen erreichen lassen.

Diese Perspektive, unter der das Gesamtsystem aus den die Ökonomie steuernden Basisprinzipien und den erst oberhalb dieser Basis ansetzenden politisch-staatlichen Mechanismen als ein Ganzes „von außen“ sichtbar wird, gilt es zunächst einmal zur allgemeinen zu machen. Diese Basis zu erreichen und für hinreichend Viele leichter erreichbar zu machen scheint mir ein Zwischenziel, von dem ich glaube, daß es mehr als bisher dezidiert anzustreben ist.

Natürlich bleibt dabei zunächst offen, unklar und umstreitbar, in welchem Ausmaß die Eigendynamik kapitalistischer Produktions- und Distributionsverhältnisse allein den Gang der menschlichen Dinge bestimmt und wieviel Spielraum bleibt für Steuerungsversuche durch politische Mechanismen und Prozeße (und letztlich auch, in welchem Maße der Politik überhaupt der Status einer originären, eigenständig wirken wollenden Einflußgröße zukommt). Dennoch — und grade deshalb! — gilt es auch, über eine Kritik hinauszugelangen, die sich immer aufs Neue darin verschleißt, prinzipielle Aussichtslosigkeit aller konkret-politischen Konstruktionen und Aktionen innerhalb des Kapitalismus erweisen zu wollen. Mag schon sein, daß der Kapitalismus der Strom ist und die Politik nur das Steuerruder; dennoch kann es dem Steuermann, obwohl er das Schiff nicht aus der Bahn des Flußes und wohl nicht einmal gegen die Strömung zu lenken vermag, gelingen, Klippen und Untiefen zu vermeiden. Und selbst der Nachweis, daß es ihm nicht immer gelingt, würde uns nicht dazu bringen, auf’s Steuern verzichten zu wollen. Und — um im Bild zu bleiben: aus dem Flußlauf, dessen reißenden Oberlauf Marx kannte und beschrieben hat, ist ein breiter Tieflandstrom geworden. An die Stelle der Stromschnellen sind Sandbänke getreten, nicht der erwartete Wasserfall. Und nichts scheint mir gegen die Möglichkeit zu sprechen, daß der Strom uns, wenn wir die Sandbänke vermeiden, langsam und übergangslos hinausführen wird aufs offene Meer — wo dann das Steuer allein die Richtung bestimmt. Anders formuliert: die Zwänge, die von den kapitalistischen Grundstrukturen auf die Politik ausgehen, scheinen mir — tendenziell, global und langfristig gedacht — schwächer, nicht stärker zu werden. Politik gewinnt Freiraum — auch wenn sie dadurch längst nicht frei wird. Kritik, die in jeder Sonnenfinsternis am Wirtschaftshimmel und in jedem Meteoriteneinschlag, der einen Balkanstaat oder eine Reifenfabrik zertrümmert, die Vorzeichen des unfehlbar kommenden Zusammenbruchs erkennen zu sollen glaubt, ist verfehlt. Und sie droht angesichts der Schwierigkeiten der ernstzunehmenden Linken, positive Utopien zu formulieren, zur Ersatzhandlung zu werden. Wo man nicht mit der Beschreibung denkbarer besserer Zustände zu werben vermag, beschränkt man sich auf die Mitteilung, die Arbeit an der Erhaltung und Verbesserung der (ja i.A. einigermaßen erträglichen) Realität sei ohnehin hoffnungslos. — Selbst wenn’s wahr wäre und er zufällig in den Himmel führte, wäre dieser Weg des sich-austreiben-Lassens aus dem Nicht-Paradies die würdeloseste Form eines Fortschritts der Menschheit, der sich denken läßt.

Das Gesamtsystem vonTausch- und Lohnarbeitsökonomie, Politik und Staat ist — ich wiederhole — aus einer Perspektive zu betrachten, die es von außen, also eben als Gesamtsystem zeigt, in dem sich die Komponenten zwar wechselseitig bedingen und voraussetzen, neben dem aber andere Gesamtsysteme denkbar sind. Aber: die Denkbarkeit eines anderen, nicht die Analyse des bestehenden Systems ist der letztendliche Zweck des Perspektivwechsels. Die kommt, wie der vorangehende Abschnitt zeigen sollte, lediglich in zweierlei Hinsicht in Betracht: Erstens könnte man sie als Mittel einsetzen wollen, Leser, Hörer ... zum Perspektivwechsel zu zwingen oder diesen doch wenigstens nahezulegen; ein Unterfangen, das in Vergangenheit und Gegenwart i.A. scheitert und Widerspruch und Auseinandersetzungen provoziert, wo die Klärung der strittigen Punkte für die Sache gar nicht relevant ist. Zweitens stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten eines Überganges aus dem Gegenwärtigen in einen zunächst fiktiven künftigen Zustand der menschlichen Organisation. Soweit sie in dieser Hinsicht in Betracht kommt, ist die Analyse des heutigen und künftigen kapitalistischen Gesellschaftssystems eine Aufgabe, von der ich aber glaube, daß sie im Moment die verfügbaren Kräfte des Kritischen Kreises bei weitem übersteigt. Insbesondere bin ich überzeugt, daß es nicht, wie etwa F. Schandl vermutet, der In-Wert-Setzungs-Mechanismus des Kapitalismus, sondern lediglich die Marx- Ricardo’sche Arbeitswert-Theorie ist, was mit abklingender Expansionsmöglichkeit kapitalistischer Produktion „immer weniger greift“; daß sich also eine erneuerte Analyse nicht auf Basis Marx’scher Theorien vornehmen wird lassen. Nichtsdestoweniger ist sie zu leisten. Man kann die Fragen formulieren und stellen — auch wenn man sie vermutlich nicht beantworten kann. Wo es darum geht, grundlegend Anderes als das Bestehende möglich erscheinen zu lassen, ist „Historisieren“ (des Bestehenden) das falsche Wort. Denn „Historisieren“ heißt lediglich, etwas als in einem Ablauf nur zu einer bestimmten Zeit vorkommend darzustellen. — Ich würde es vorziehen, zu sagen, daß das System Kapitalismus-Politik als eine bestimmte von vielen schon immer möglichen, inzwischen möglich gewordenen oder auch erst künftig möglich werdenden technischen Lösungen der Organisationsprobleme menschlichen Wirtschaftens und Zusammenlebens darzustellen ist. Nur so wird deutlich, daß es eben Probleme sind, die — will man verändern — künftig neu und anders gelöst werden müssen. Und daß erst die Arbeit an neuen Lösungen den Weg frei machen kann zu einem Abschied von den alten. In diesem Sinne wäre mein Wunsch, mit diesem Papier Anregungen gegeben zu haben zu einem vielleicht möglichen künftigen Schritt: einem kleinen Schritt in Richtung vom kritischen zum konstruktiven Kreis.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1997
Heft 2/1997, Seite 11
Autor/inn/en:

Harald Winter:

Lizenz dieses Beitrags:
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