Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 10
Theo Frey • Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Perspektiven für eine Generation

Eine irrsinnige Gesellschaft beabsichtigt, ihre Zukunft durch die Verallgemeinerung des Gebrauchs von technisch vervollkommneten individuellen und kollektiven Zwangsjacken (wie Häusern, Städten, geordneten Räumen) herbeizuführen, die sie uns als Heilmittel für ihre Übel aufzwingt. Wir werden aufgefordert, diesen vorgefertigten „nicht organischen Körper“ als unseren zu akzeptieren und anzuerkennen: die Macht erwägt, jedes Individuum in einem anderen, radikal andersartigen Selbst einzuschließen. Um dieses, für sie tatsächlich lebenswichtige Werk durchzusetzen, kann sie sich außer den dienstbereiten Lakaien (Urbanisten und Raumordnern) auf die Verirrten verlassen, die zur Zeit in den sogenannten Geisteswissenschaften Überstunden machen. Besonders die Diener einer nicht mehr spekulativen, sondern strukturellen und operativen „Anthropologie“ sorgen aktiv dafür, eine zusätzliche „menschliche Natur“ herauszuarbeiten — und zwar eine, die diesmal wie die Polizeikartei direkt durch verschiedene Konditionierungstechniken benutzbar ist. Das Endergebnis des so eingeleiteten Prozesses (vorausgesetzt, die sich erhebenden Kräfte der neuen, ihn überall begleitenden Kritik geben ihm genügend freie Zeit dazu) entlarvt sich schon jetzt selbst als die modernisierte Version einer Lösung, die sich bewährt hat — die eines in diesem Fall auf Weltebene dezentralisierten Konzentrationslagers. Dort sind die Leute absolut frei — vor allem hin- und herzugehen, zu zirkulieren — sie sind aber in die völlige Gefangenschaft dieser eitlen Freiheit geraten, in den Alleen der Macht hin- und hergehen zu dürfen.

Die von uns nirgends beherrschte (beseitigte) herrschende Gesellschaft kann nur dadurch Herr über sich selbst werden, dass sie über uns herrscht. Diese Herrschaft wird durch die Übereinstimmung der verschiedenen gegenwärtigen Varianten der Raumordnung nach und nach materialisiert. Nacheinander oder gleichzeitig können ein Zimmer, eine Wohnung, ein Haus, ein Viertel, eine Stadt und ein ganzes Gebiet „geordnet“ werden — ohne Übergangsphase von dem „Wie in einer Trabantensiedlung glücklich leben?“ (Elle) zum Wie „diese Gesellschaft für alle Menschen angenehm machen“? (Le Monde). In ihrem ebenso krankhaften wie einfältig verkündeten Verlangen zu überleben, vertraut sich die jetzige Gesellschaft ganz einem Wachstum an, das nur oberflächlich die lächerlichen Möglichkeiten entwickeln kann, die durch ihre eigene Rationalität — die Logik der Ware — als einzige erlaubt sind. Was bedeutet, dass die politische Ökonomie als „logische Vollbringung der Verleugnung des Menschen“ ihr verheerendes Werk fortsetzt. Überall stoßen spektakulär voneinander abweichende Methoden der Politik und Theorien der Ökonomie zusammen, nirgends aber werden die absurden Mußvorschriften der politischen Ökonomie selbst beanstandet und die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie praktisch abgeschafft zugunsten einer freien (post-ökonomischen) Konstruktion von Situationen und folglich des ganzen Lebens auf der Grundlage der heutzutage in den „fortgeschrittenen“ Gesellschaften konzentrierten und vergeudeten Kräfte. Diese Kolonisation der Zukunft im Namen einer Vergangenheit, die es verdient hat, so vollständig aufgegeben zu werden, dass sogar die Erinnerung an sie verlorengeht, setzt die systematische Reduzierung des radikal andersartigen Möglichen voraus, das trotz allem in allen Manifestationen der heutigen Unterdrückungsgesellschaft vorhanden ist, so dass die Dinge scheinbar darauf beharren, „durch ihre schlechte Seite“ weiterzukommen, während sie eigentlich dazu gezwungen werden.

Diese ärmliche Gaukelei bringt gleich zuerst ihr Warenzeichen ans Tageslicht — und zwar Ideologie, d.h. ein umgekehrtes entstelltes Spiegelbild der wirklichen Welt und der Praxis, aber eine tätige Ideologie, die durch ihre Praxis in das Wirkliche eindringt, so dass dieses wiederum nicht nur im Kopf der Philosophen und sonstiger Ideologen umgekehrt und verzerrt erscheint, sondern auch in der Wirklichkeit: die wirklich um gekehrte Welt. Dieses moderne Verfahren zur Verminderung des Abstandes zwischen dem Leben und dessen Repräsentation zugunsten einer Repräsentation, die dann wieder ihre eigenen Voraussetzungen angreift, stellt nur eine künstliche, nachgeahmte und spektakuläre Lösung der wirklichen Probleme dar, die von der allgemeinen revolutionären Krise der modernen Welt gestellt werden, das „Trugbild“ einer Lösung, das sich zusammen mit den Illusionen der meisten auflösen wird, die es noch ermöglichen.

Die Macht lebt von unserer Unfähigkeit zu leben, sie erhält endlos vervielfachte Spaltungen und Trennungen aufrecht und plant gleichzeitig die erlaubten Begegnungen fast willkürlich. Als zusätzliches Meisterstück ist ihr die Abspaltung des alltäglichen Lebens gelungen als der individuellen und sozialen Raum-Zeit des heute möglichen, untrennbaren Wiederaufbaus von uns selbst und der Welt, damit sie die Zeit und den Raum getrennt und zusammen kontrollieren und schließlich einen durch den anderen reduzieren kann. Dass sie ihr Werk schon so weit gebracht hat, zeigt sichtbar, wie ernst dieser Versuch ist, bei dem das Grausige mit dem Burlesken wetteifert. Angestrebt wird die Errichtung eines „homogenen“, vollkommen „integrierten“ Raumes, der aus summierten „homologen“ und hierarchisch strukturierten funktionalistischen Blöcken besteht (das berühmte „hierarchisierte Netz von Städten, das eine Region mit gegebener und den industriellen Gesellschaften gemeinsamer Größe wie mit Nerven versorgt und koordiniert“). So werden in der damit erzielten Zusammensetzung die vielfältigen, aus der Arbeitsteilung und der Trennung entstandenen Spaltungen, Absonderungen und Gegensätze im Beton verwaschen — die seit Marx klassischen Gegensätze zwischen den Klassen, zwischen Stadt und Land, Gesellschaft und Staat, denen die vielfachen „Ungleichheiten“ zwischen den Regionen hinzuzufügen sind, deren bloße pathologische Übertreibung heute den Gegensatz zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern darstellt. Aber die Geschichte ist so „listig“, dass die ersten sichtbaren Erfolge der polizeilichen Raumplanung und eine Verminderung des Klassenkampfes (im alten Sinne) und des Gegensatzes zwischen Stadt und Land die radikale und hoffnungslose Proletarisierung der großen Mehrheit der Bevölkerung immer weniger vertuschen, die dazu verurteilt ist, im gleichförmigen Horizont der unechten und spektakulären „städtischen“ Umwelt zu „leben“, die aus der Zersplitterung der Stadt entstanden ist. Dies kommt zu dem dadurch gerade verstärkten Antagonismus zwischen Staat und Gesellschaft (der die Soziologen so sehr beunruhigt — siehe Chombart de Lauwe in Le Monde vom 13.7.65: „Man muss neue Kommunikationskanäle zwischen der Macht und der Bevölkerung herstellen“) noch hinzu und verrät den buchstäblich unvernünftigen Charakter des „Rationalisierungs“prozesses der zur Zeit stattfindenden Verdinglichung und wird diesem gewiss allerlei Schwierigkeiten bereiten, die von seinem bürokratischen, entfremdeten Standpunkt aus durchaus „irrational“ sein mögen, nichtsdestoweniger aber vom Standpunkt der jeder lebendigen Wirklichkeit und jeder Praxis innewohnenden dialektischen Vernunft aus durchaus begründet sind. Wie Hegel es richtig gesehen hat — aber um sich darüber zu freuen — lässt der Staat in seiner modernen Form die Pseudofreiheit des Individuums sich weiterentwickeln, wobei er die Kohärenz des Ganzen aufrechterhält. Er gewinnt aus diesem Antagonismus eine enorme Kraft, die aber normalerweise zu seiner Achillesferse wird, sobald eine neue, einem solchen Zustand radikal entgegengesetzte Kohärenz auftritt und sich verstärkt. Außerdem muss sich jede kohärente und „gelungene“ Raumordnung der ganzen Welt innerhalb eines verallgemeinerten Urbanismus aufdrängen, der die Reduzierung der Erscheinungen der Unterentwicklung mitenthält, insofern diese das unmögliche erzielte Gleichgewicht potentiell stören. Wie aus Versehen aber und durch eine tödliche Treue gegen sich selbst führt der Kapitalismus Krieg gegen die Unterentwicklung selbst, da er in die Falle widersprüchlicher, für ihn aber gleicherweise lebenswichtiger Forderungen gerät und dadurch seinen eigenen Anspruch auf Überleben — all die technokratisch-kybernetischen „Programmierungen“ ruiniert. Eine solche Dialektik sichert den Führern der gegenwärtigen prähistorischen Welt ein brutales Erwachen, deren Traum es war, sich endgültig in Sicherheit zu bringen, indem sie uns unter einer Betonübermauerung vergraben, die letzten Endes doch zu ihrem eigenen Grab werden muss.

In dieser Perspektive ist die Raumordnung auch als die Agonie der Kommunikation im alten Sinne zu verstehen — einer zwar begrenzten, aber doch wirklichen Kommunikation, deren Überbleibsel zugunsten der Information überall von der Macht verfolgt werden. Schon jetzt schafft ein „weltweites Informationsnetz“ die Entfernung zwischen den Dingen radikal ab, indem es gleichzeitig die zwischen den Menschen unendlich vergrößert. In einem solchen Netz hebt sich schließlich die Zirkulation selbst auf, sodass die Lösung der Zukunft darin besteht, dass man die Leute weniger, die Informationen dagegen mehr zirkulieren lässt: die Leute bleiben also zu Hause, wo sie zu bloßen audiovisuellen Informations-„empfängern“ werden. Das ist ein Versuch, die aktuellen, d.h. bürgerlichen ökonomischen Kategorien praktisch zu verewigen, um die geeigneten Bedingungen zu schaffen, damit die gegenwärtige entfremdete Gesellschaft permanent und automatisch funktioniert — „eine Maschine, die besser läuft“ (Le Monde, 4.6.64). Der „perfekte Markt“ der Ökonomen kann unmöglich verwirklicht werden — vor allem wegen der Entfernung: eine vollkommen rationelle Ökonomie müsste auf einen einzigen Punkt konzentriert sein (augenblickliche Produktion und Konsumtion); ist der Markt nicht perfekt, muss das von der Unvollkommenheit der Welt selbst herrühren — demzufolge arbeiten die Raumordner daran, diese zu vervollkommnen. Die Raumordnung ist ein metaphysisches Unternehmen auf der Suche nach einem neo-feudalen Raum. Das „Große Werk“ der Planer besteht darin, einen Raum ohne Überraschungen zu schaffen, wo die Karte alles ist und das Gebiet nichts, weil es vollkommen weggezaubert und bedeutungslos geworden ist und damit im nachhinein die ganze „Architektur“ dieser schwachsinnigen Semantiker rechtfertigt, die behaupten, sie würden einen von der tyrannischen Lehre Aristoteles’ — „A ist nicht Nicht-A“ — befreien, als ob es nicht seit Jahrhunderten erweisen wäre, dass „A Nicht-A wird“!

Es ist so wahr, dass man heute nicht mehr Raum — der allmählich gleichförmig gemacht wird — sondern Zeit „konsumiert“. Der Amerikaner, der von einem Hilton-Hotel zum anderen um die Welt reist, ohne je eine Veränderung der Szenerie zu sehen — außer einer oberflächlichen, wiederhergestellten und folglich integrierten, auf ein „Gadget“ reduzierten lokalen Farbe —, deutet schon im voraus klar auf die Reiserouten der Mehrheit hin. Die als „Abenteuer“ einer „Elite“ zugedachte und spektakulär auf der ganzen Welt verbreitete Eroberung des Raumes wird zum organisierten und voraussehbaren Ersatz dafür gemacht. Aber über den Umweg der Kolonisation des Raumes will die Macht „Termine für die Zukunft setzen“ und „die lange Frist erfassen“ — d.h. die Zeit, die ihrer Substanz — unserer Verwirklichung im Laufe einer Geschichte — entleert werden soll, damit sie in vollkommen harmlose Scheiben zerlegt wird, die keine nicht voraussehbare, von den Maschinen der Macht nicht programmierte „Zukunft“ haben. Angestrebt wird die Errichtung einer riesigen Vorrichtung zur „Umorientierung“ der linienförmigen Zeit zugunsten einer gereinigten und „eingelaufenen“ Zeit — der mechanischen, kombinatorischen Maschinenzeit ohne Geschichte, die die pseudo-zyklische Zeit des Alltäglichen in eine verallgemeinerte neo-zyklische Zeit einschließen würde, die der passiven Duldung und der erzwungenen Resignation in die Permanenz der gegenwärtigen Ordnung.

Es erübrigt sich zu sagen: „die gesellschaftliche Entfremdung und Unterdrückung kann unmöglich gestaltet werden, in keiner ihrer Varianten — sie kann nur en bloc mit dieser Gesellschaft selbst zurückgewiesen werden“ (S.I. Nr.4). Die Aufgabe, Raum und Zeit in einer freien Konstruktion der individuellen und sozialen Raum-Zeit wiederzuvereinigen, steht der kommenden Revolution zu: indem sie die „Ordner“ in die Flucht jagt, fällt sie mit einer entschiedenen Umwälzung des alltäglichen Lebens zusammen — sie ist diese Umwälzung selbst.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 10, Seite 33
Autor/inn/en:

Theo Frey:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

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