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Irene Messinger • Markus Zingerle

Outsourcing der Menschenverwaltung

Privatisierung in der Flüchtlingsbetreuung

Die Betreuung von AsylwerberInnen wird von den westlichen Staaten zunehmend an private Anbieter delegiert. Der Beitrag beschäftigt sich exemplarisch mit European Homecare, kurz EHC.

Die Betreuung von AsylwerberInnen wird von den westlichen Staaten zunehmend an private Anbieter delegiert. Der Beitrag beschäftigt sich exemplarisch mit European Homecare, kurz EHC. Diese Firma bietet Betreuung in deutschen und seit 2003 auch österreichischen Flüchtlingslagern an.

Von Behörden wie dem österreichischen Innenministerium werden Aufträge an Firmen und NGOs vergeben,von denen kritiklose Aufgabenerfüllung erwartet werden kann.

Die Sendung entstand aus einem Anfang März 2004 von Irene Messinger verfassten Artikel gleichen Titels, der in der Ausgabe 2-3/2004 von Context XXI erschienen ist, und einem von Irene Messinger und Markus Zingerle im Februar 2004 mit dem Leiter von European Homecare in Traiskirchen geführten Interview.

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European Homecare bei Wikipedia

European Homecare GmbH
Rechtsform GmbH
Gründung 1989
Sitz Essen, Deutschland Deutschland
Leitung Sascha Korte (Vorsitzender der Geschäftsführung)
Mitarbeiterzahl 2000 (2015)
Umsatz ca. 39.000.000 € (2014)
Branche Soziales
Website www.eu-homecare.com

Die European Homecare GmbH (EHC) ist ein mittelständisches auf soziale Dienstleistungen spezialisiertes Unternehmen in Essen. Schwerpunkt ist die Unterbringung und Versorgung von Asylbewerbern und Flüchtlingen.[1]

Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen wurde 1989 von Rolf Dieter Korte gegründet. Erste Einrichtungen für Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion entstanden in Ostdeutschland. 2007 übernahm sein Sohn Sascha Korte die Geschäftsführung. Das Unternehmen erbringt soziale Dienstleistungen für die öffentliche Hand[2] sowie für private oder gemeinnützige Organisationen.[3]

Neben Unterkünften in Deutschland betrieb EHC zwischenzeitlich auch Einrichtungen in Irland und Österreich. 2013 unterhielt EHC ca. 20 Einrichtungen, im Zuge der Flüchtlingskrise stieg die Anzahl in den Jahren 2015 und 2016 auf über 200 an.[1]

Im Auftrag der Bundesländer und Kommunen betreibt das Unternehmen im Jahr 2019 ca. 100 Einrichtungen in Deutschland[4], darunter Erstaufnahmeeinrichtungen, Ankunftszentren, Gemeinschaftsunterkünfte, Notunterkünfte oder Unterbringungseinrichtungen für Ausreisepflichtige sowie Anlaufstellen für Obdachlose.[5] Die soziale Betreuung der Bewohner erfolgt nach den Vorgaben und in Abstimmung mit den zuständigen Behörden und dem Auftraggeber.[6]

Das Unternehmen beschäftigt in den Einrichtungen je nach behördlichen Vorgaben u. a. Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Sozialbetreuer, Erzieher, Gesundheits- und Krankenpfleger, sowie Haus-, Küchen- und Reinigungspersonal, Dolmetscher und Sicherheitspersonal. Viele der Mitarbeiter verfügen über Fremdsprachenkenntnisse und haben selbst einen Migrationshintergrund. Insgesamt werden über 70 verschiedene Sprach- und Kulturräume abgedeckt.[7]

European Homecare ist ein ISO-zertifiziertes Unternehmen für die Bereiche Projektierung von Unterkünften sowie Organisation und Betrieb der Unterbringung, Verpflegung, Sozialbetreuung, medizinische Versorgung, akutmedizinische Notfallversorgung und Beratung von Asylbewerbern, Flüchtlingen und anderen sozialen Randgruppen.[8]

Dienstleistungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verwaltung und Betrieb von Unterkunftseinrichtungen für Asylbewerber, Aussiedler und ausländische Flüchtlinge
  • Verpflegung der Bewohner durch Kantinenbetrieb mit eigenen Großküchen sowie Versorgung der Bewohner nach den durch den Auftraggeber festgelegten Standards
  • Allgemeine soziale Betreuung
  • Medizinische Betreuung und Versorgung
  • Betreuende Bewachung in Abstimmung mit der Polizei
  • Perspektivenabschätzung für ausländische Flüchtlinge
  • Organisation sozialer, kultureller und sportlicher Aktivitäten
  • Durchführung von Sprachkursen und weiteren Integrationsmaßnahmen
  • Beschaffung von Einrichtungsgegenständen und Artikeln des täglichen Bedarfs
  • Unterbringung von unterschiedlichen gesellschaftlichen Randgruppen
  • Einführung einer speziellen Verwaltungs-Software zur Registrierung, Belegungsübersicht und Betriebsorganisation
  • Schulungen im sozialen Sektor
  • Beratung bei der Konzeptionierung und Realisierung neuer sozialer Projekte
  • UMF-Betreuung (Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) sowie Kinder- und Jugendbetreuung

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den Lebensbedingungen in den Einrichtungen wurde die Auswahl der Mitarbeiter und deren Verhalten kritisiert. So hätten unter anderem Rechtsextreme als Wachmänner gearbeitet, welche von dem Sicherheitsunternehmen SKI angestellt wurden.[9] Nach Berichten der Taz sei es seit 2014 in Einrichtungen von European Homecare zu Misshandlungen von untergebrachten Flüchtlingen und zur Vergewaltigung einer Bewohnerin durch einen Heimleiter gekommen.[10] In Burbach hatten Wachleute und Betreuer des Flüchtlingsheims Asylbewerber eingesperrt, verprügelt, erniedrigt – gedeckt von der Heimleitung. Im November 2018 berichtete Der Spiegel vom Auftakt des "Mammutprozesses" vor dem Landgericht Siegen gegen mehr als 30 Mitarbeiter und Securities.[11] Laut FAZ hieß es auf der Ermittlerseite "Bilder, die man sonst nur aus Guantanamo kennt".[12] Der Heimleiter wurde wegen systematischer Freiheitsberaubung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Bei der Betreiberfirma European Homecare sei "von Fortbildungen nie die Rede gewesen".[13]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wer sind wir? In: European Homecare. Abgerufen am 30. Juli 2019 (deutsch).
  2. Kathrin Schmitz: Wie und was leisten wir? In: European Homecare. Abgerufen am 30. Juli 2019 (deutsch).
  3. So leben Asylsuchende in Marl | cityInfo.TV. In: cityInfo.TV. 15. Mai 2019, abgerufen am 6. August 2019 (deutsch).
  4. Von Nordstadtblogger-Redaktion: Neue Standorte: „Lokal willkommen“ bietet zusätzliches Beratungsangebot für Eving und Scharnhorst an. 30. Januar 2019, abgerufen am 6. August 2019 (deutsch).
  5. Wer sind wir? In: European Homecare. Abgerufen am 30. Juli 2019 (deutsch).
  6. Grundsätze. In: European Homecare. Abgerufen am 30. Juli 2019 (deutsch).
  7. Kathrin Schmitz: Ehrenamt. In: European Homecare. Abgerufen am 30. Juli 2019 (deutsch).
  8. Peter Bandermann: Angebot für Obdachlose in Dortmund: In 24 Stunden in die eigene Wohnung. Abgerufen am 6. August 2019.
  9. RP ONLINE: Gewalt gegen Flüchtlinge in NRW: Chef der Sicherheitsfirma: „Schäme mich entsetzlich“. Abgerufen am 3. September 2019.
  10. Yasmin Polat und Pascale Müller: "Machtmissbrauch in Unterkünften". "taz", 13. November 2017, abgerufen am 14. November 2016.
  11. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/burbach-prozess-wegen-misshandlungen-im-fluechtlingsheim-beginnt-a-1236997.html
  12. https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/prozess-wegen-misshandlungen-im-fluechtlingsheim-beginnt-15880355.html
  13. https://taz.de/Misshandelte-Fluechtlinge-in-Burbach/!5564199/

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Erstveröffentlichung:
April
2004
Radiosendungen 2004
Autor/inn/en:

Irene Messinger:

Dr.in Irene Messinger ist Politikwissenschaftlerin und im Bereich Migrations- und Exilforschung tätig. Sie lehrt an der Universität Wien und der Fachhochschule für Sozialarbeit zu den Themen Flucht und Migration, Migrationspolitik und -forschung, sowie Sozialstaat und soziale Ungleichheit. Ihre mehrfach ausgezeichnete politikwissenschaftliche Dissertation Verdacht auf Scheinehe behandelte das Thema Scheinehe aus intersektioneller Perspektive. Seit 2014 führt Irene Messinger das Forschungsprojekt Scheinehen in der NS-Zeit durch, ausgezeichnet mit dem Edith-Saurer Preis 2014.

Markus Zingerle:

Redaktionsmitglied von Context XXI von September 2000 bis 2006.

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