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Stephan Grigat

Originalmarx und Einführungsmarx

Über die Nowendigkeit des Studiums der Kritik der politischen Ökonomie

Spätestens seit 1990 sieht es für den Marxismus — und mit ihm für die gesamte Gesellschaftskritik — nicht gerade rosig aus. Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus osteuropäischer Prägung begann eine Zeit des allgemeinen Marx-Tötens. Jeder dahergelaufene Journalist oder Philosophieprofessor konnte sich daran beteiligen — und die meisten haben es auch getan. Akademische und journalistische, professorale und feuilletonistische Kritiker und Kritikerinnen von Marx und Engels zeichnen sich dabei vor allem durch eines aus: ihre Unkenntnis der Werke von Marx und Engels.

Auch gegenwärtg gibt es sowohl in der populären wie auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Marx deutliche Anzeichen für Regression. Der Ex-Maoist Karl-Peter Schwarz beispielsweise erzählte vor einiger Zeit seinen Lesern und Leserinnen in der Presse, daß im „Manifest der Kommunistischen Partei“ das gleiche stünde wie im „Kapital“. Und Stephan Schulmeister, der als eine der wichtigeren Figuren der 68er in Österreich gilt, macht sich — wenn man der Wiener Stadtzeitung Falter Glauben schenken darf — seit 16 Jahren darüber Gedanken, warum der Marxismus angeblich immer nur zwischen Kapital und Arbeit, aber nicht zwischen spekulativem und unternehmerischem Kapital unterschieden habe. Da kann man sich so ungefähr vorstellen, wie einige der „Kapital“-Seminare Ende der 60er Jahre abgelaufen sein müssen.

Seit einiger Zeit wurde jedoch davon Abschied genommen, in Marx nur einen veralteten Theoretiker oder den Stichwortgeber des stalinistischen Terrors zu sehen. Im Zuge der Globalisierungsdebatte sind einige seiner Werke erneut zum Zitatensteinbruch avanciert. Wie wenig jedoch auch solch ein selektiver Zugriff den Intentionen von Marx oder auch von Engels gerecht wird, zeigt sich bei jeder ernsthafteren Auseinandersetzung mit der Marxschen Kritik. Wer an solch einer Auseinandersetzung nach wie vor Interesse hat, kann neben einer Vielzahl von neueren Zeitschriften, die sich vor allem mit den Implikationen Marxscher Kritik für heutige Bemühungen um eine emanzipative Perspektive beschäftigen, auch auf philologische und editorische Grundlagenforschungen zum Werk von Marx und Engels zurückgreifen. Beheimatet ist solcherart Grundlagenforschung seit Beginn der 90er Jahre vor allem in den „Beiträgen zur Marx-Engels-Forschung“, die seit 1991 als neue Folge erscheinen. Bis 1990 waren die „Beiträge“ das Organ der Herausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe in Berlin, in dem sich schon zu DDR-Zeiten vor allem editionsspezifische Forschungen statt weltanschaulichen und ideologischen Verlautbarungen fanden.

Die „Beiträge“ erscheinen einmal jährlich im Umfang eines Buches. Zusätzlich gibt es Sonderbände. Neben den Aufsätzen zu einem meist nicht sehr eng gefaßten Schwerpunktthema finden sich Kongreß- und Tagungsberichte. Die zum Teil in englisch publizierten Artikel stammen vor allem von Forschern und Forscherinnen aus der alten BRD und der ehemaligen DDR, aber auch Autoren und Autorinnen beispielsweise aus Italien, Japan oder China kommen zu Wort.

Zur Rekonstruktion der Marxschen Kritik sind die „Beiträge“ unentbehrlich. Gerade wenn einem an der Entdogmatisierung und Entideologisierung des Marxismus gelegen ist, kann man auf die authentische Wiedergabe der Marxschen Kritik, die, wie in den „Beiträgen“ immer wieder thematisiert wird, bereits durch Engels’ Tätigkeit als Herausgeber maßgeblicher Manuskripte von Marx kaum noch gewährleistet war, nicht verzichten. Daß die Beschäftigung mit den Marxschen Originalmanuskripten mitunter eine gewisse akademische Langeweile verbreitet, liegt in der Natur der Sache. Man sollte jedoch froh sein, daß es Menschen gibt, die sich mit Forschungen herumplagen, die zu Aufsätzen mit so wunderbaren Titeln wie „Welche Marxschen Hinweise bzw. Anweisungen benutzte Engels bei seiner Vorbereitung zur 3. deutschen Auflage des ersten Bandes des ‚Kapitals‘?“ oder „Zwei Seiten, die Engels bei der Herausgabe von Buch III des ‚Kapital‘ zu schaffen machten“ führen.

Die Artikel in den „Beiträgen“ setzen allerdings einiges an Kenntnissen bezüglich der Marxschen Theorie voraus. Wer über solche nicht verfügt, sei hier noch auf eine andere Neuerscheinung verwiesen. Zur Marxschen Theorie und vor allem zur Kritik der politischen Ökonomie existieren zahlreiche mehr oder weniger populär verfaßte Einführungen. Zu empfehlen sind davon jedoch kaum welche. Nach wie vor ist man immer noch am besten damit beraten, das „Kapital“ von Marx im Original zu lesen, um sich dann über die oft atemberaubenden Interpretationen und Verkürzungen in den Einführungen wundern zu können. Daran hat sich nichts geändert, aber nun ist ein Band erschienen, der zwar, wie die Autoren selbst betonen, das Lesen des Marxschen Originals keinesfalls ersetzen kann, sich aber, trotz aller in einer Einführung wohl kaum zu umgehenden Vereinfachungen, durchaus als begleitende Lektüre zu einem erstmaligen „Kapital“-Studium eignet. In „Kapital.Doc“ faßt Elmar Altvater, der jahrelang an der Freien Universität in Berlin „Kapital“-Kurse abgehalten hat, die einzelnen Abschnitte und Kapitel des ersten Bandes von Marx’ Hauptwerk zusammen. Er liefert Erläuterungen und Kommentare und versucht auch aktuelle Bezüge herzustellen, wobei Altvaters in den letzten Jahren intensivierte Beschäftigung mit ökologischen Problemen deutlich herauszuhören ist. Illustriert werden die Ausführungen mit Schaubildern, die sich angenehm von den Diagrammen und Tabellen der etablierten Volkswirtschaftslehre unterscheiden.

Ergänzt wird das Ganze durch eine kommentierte Literaturliste zur Kritik der politischen Ökonomie von Michael Heinrich, die einen guten Überblick über jene Diskussionen liefert, die sich am „Kapital“ entzündet haben, und durch einen editionshistorischen Aufsatz zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Marxschen ökonomischen Manuskripte von Rolf Hecker, in dem viele der Forschungsergebnisse, die in den letzten Jahren in den „Beiträgen zur Marx-Engels-Forschung“ veröffentlicht wurden, zusammengefaßt werden.

Zu dem Buch gehört auch eine von Petra Schaper-Rinkel erstellte CD-Rom, auf der sich neben Hinweisen auf die wichtigsten Marx-Forschungsinstitutionen der Text des Buches und des ersten Bandes des Marxschen „Kapital“ befindet, und die sich vor allem durch die Möglichkeit der Stichwortsuche auch für Fortgeschrittene zum Weiterstudium eignet.

Immer mal wieder werden wir von Lesern und Leserinnen der Streifzüge oder von Besuchern und Besucherinnen von Veranstaltungen des „Kritischen Kreises“ angegangen, daß es uns doch bloß darum ginge, die Leute zu einem „Kapital“-Lesekreis zu überreden. Mal abgesehen davon, daß es uns in erster Linie darum geht, die Leute zur Gesellschaftskritik anzustiften, „bloß“ oder „nur“ um’s „Kapital“-Studium geht es uns sicher nicht — und überreden wollen wir schon gar niemanden. Dennoch wollen wir nicht verschweigen, daß wir nicht gerade vor Ärger platzen würden, wenn sich die verbliebene Restlinke (und nicht nur die) massenhaft zur Lektüre der Kritik der politischen Ökonomie entscheiden würde, anstatt die Vorurteile über sie zu pflegen. Warum man uns das zum Vorwurf machen will, haben wir allerdings noch nie verstanden.

  • Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Berlin — Hamburg: Argument-Verlag, pro Band ca. 220 Seiten, ca. 27,— DM
  • Elmar Altvater/Rolf Hecker/Michael Heinrich/Petra Schaper-Rinkel: Kapital.Doc. Das Kapital (Bd. I) von Marx in Schaubildern und Kommentaren. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1999, 240 Seiten, 48,— DM, 350,— öS

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2000
Heft 1/2000, Seite 23
Autor/inn/en:

Stephan Grigat:

Politikwissenschaftler und Publizist, Mitbegründer und wissenschaftlicher Direktor der Kampagne Stop the Bomb in Österreich, Mitglied von Café Critique. Von Juni 1999 bis September 2001, im November 2002 und von Oktober 2003 bis März 2004 Redaktionsmitglied, von Juni 1999 bis September 2000 sowie von Oktober 2003 bis Juni 2004 koordinierender Redakteur von Context XXI.

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