Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 58
Jutta Ditfurth

Ökoimperialismus

Seit der Osten im Westen liegt, steht der Feind im Süden.

Die BRD ist durch die Annektion der DDR ökonomisch noch stärker geworden. Einzelne Vertreter von Politik und Wirtschaft nehmen das zum Anlaß, für das ‚neue Deutschland‘ die Führungsrolle in der Weltmacht Europa zu reklamieren. Das kommt einer Ankündigung der Verschärfung im Krieg gegen die unterentwickelt gehaltenen Länder des Trikont, der sogenannten „3. Welt“, gleich.

Europa und in ihm die BRD befinden sich im Kampf mit den USA und Japan um die bestmögliche Plünderung der natürlichen Ressourcen im Trikont. Ihre Waffen sind Schulden und Zinsen, die den Ländern der sogenannten „3. Welt“ im Würgegriff der Verschuldung die Luft abdrehen. Die Täter kommen aus dem kapitalistischen Norden und haben ihre korrupten Verbündeten in den Eliten vieler Länder des Trikont. Die Formen der Herrschaft habensich in Hunderten von Jahren der Eroberung, Plünderung und Kolonialherrschaft gewandelt, aber die Unterdrückung und die Behinderung der Entwicklung von Milliarden Menschen in Zentral- und Lateinamerika, in Asien und Afrika wurde nie mehr beendet. Die Täter sind transnationale Konzerne und die Regierungen der kapitalistischen Metropolen. Ihre Agenturen sind beispielsweise IWF (Internationaler Währungsfonds), Weltbank und GATT.

In der Weltbank, der weltgrößten Entwicklungsbank, die jährlich Milliarden-Dollar-Kredite für Großprojekte im Interesse des Nordens an den Süden vergibt, steht die BRD inzwischen auf Platz 2, nach den USA gemeinsam mit Japan. Wird das ‚neue Deutschland‘ Führungsmacht in Europa, dirigiert es in Weltbank und IWF mehr Stimmanteile als die USA, über 20 Prozent. Wir leben im Herzen einer Bestie, die sich in Zukunft noch heftiger an den ökoimperialistischen Raubzügen in der sogenannten „3. Welt“ beteiligen wird.

Ökoimperialismus meint nicht nur die Unterwerfung der Weltwirtschaft unter die vernichtende Logik der kapitalistischen Produktionsweise. Ökoimperialismus ist auch die globale Vergiftung mit Chemikalien und radioaktiven Isotopen aus den Schornsteinen und Auspuffrohren kapitalistischer Zentren, einschließlich des Ozonlochs und der Klimakatastrophe, die aus dem Norden stammen. Die Plünderung von Naturressourcen, sei es Uran, Öl, Kupfer oder fruchtbare Böden, die enteignet, leergepumpt und vernichtet hinterlassen oder für gentechnische Manipulationen vorbereitet werden, ist ebenso Ökoimperialismus wie der Rohstoffdiebstahl oder der Export von Giftproduktionen und Gifttechniken, von gesundheits- und umweltgefährlichen Produkten (Pestizide, Pharamzeutika usw.) aus den kapitalistischen Staaten in den Trikont. Diese Eingriffe können auch militärische Konsequenzen haben, besonders wenn es um die dreckigen Geschäfte der international agierenden Atommafia geht. Was nicht als Gift oder Technik in der „3. Welt“ landet, kommt als Produkt hemmungsloser kapitalistischer Produktion: Berge von Giftmüll.

Wo Energie fehlt und Hunger herrscht, wie vielerorts in Afrika, verbrennen Menschen Sträucher und Bäume für die Zubereitung ihrer Nahrung, selbst wenn sie wissen, wie sehr sie diese Pflanzen langfristig für ihr Leben bräuchten. Wenn für Zuckerrohrmonokulturen brasilianische KleinbäuerInnen verjagt werden, die zur Ernährung der Menschen am meisten beitrugen, wachsen die Slums. Die Vertriebenen ziehen häufig — den asphaltierten Fortschrittsschneisen durch den tropischen Regenwald hinterher — brandrodend durch das Amazonasgebiet. Ohne eine Lösung der sozialen Probleme gibt es keine Lösung der ökologischen Probleme. Wer giftdurchtränkte Monokulturen und das Fortschreiten menschengemachter Wüsten verhindern möchte, kann dies nicht gegen die Menschen des Trikont tun. Der Mensch ist ein Teil der Natur. Wer den Regenwald retten will, muß den Ökoimperialismus bekämpfen und damit die Ursachen von Ausbeutung, Naturvernichtung, Hungertod und Elend.

Die Unterwerfung des europäischen Ostens unter den Westen konstituiert den neuen Norden machtvoller und aggressiver als je zuvor. Seit der Osten im Westen liegt, steht der Feind im Süden. Die ökonomischen Sieger des Kalten Krieges, Industrie- und Finanzkapital, kündigen neue triumphale Eroberungsschlachten an. Sie verkünden: Nur der Kapitalismus könne die Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Ein realistischer Traum?

„Für uns ist der Kapitalismus kein noch zu verwirklichender Traum, sondern ein Wirklichkeit gewordener Alptraum ... Unsere Staaten und alles andere auch sind zu Schleuderpreisen von Großgrundbesitzern und Banken eingekauft worden. Für uns ist der Markt nichts anderes als ein Piratenschiff: je freier, desto übler ... Wir leben in einer Region, in der europäische Preise und afrikanische Löhne gelten. Kapitalismus ist in Lateinamerika antidemokratisch, mit oder ohne Wahlen ... Der Hunger lügt, die Gewalt lügt: Sie sagen, die dort seien Teil der Natur, täuschen vor, sie seien Teil einer natürlichen Ordnung. Sobald diese natürliche Ordnung jedoch in Unordnung gerät, treten die Militärs auf den Plan, mit Kapuzen verhüllt oder mit unverhüllten Gesichtern ... Im Lauf dieses Jahrhunderts ist Lateinamerika über hundert Mal von den USA überfallen worden. Immer im Namen der Demokratie und immer, um Militärdiktaturen einzusetzen oder Marionettenregierungen, die das bedrohte Geld in Sicherheit brachten. Das herrschende imperiale System will keine demokratischen Länder. Es will erniedrigte Länder“, schrieb Eduardo Galeano, Theoretiker der unabhängigen Linken und Autor, in Uruguay im Frühjahr 1990.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1990
Nummer 58, Seite 27
Autor/inn/en:

Jutta Ditfurth:

War bis Ende 1988 Sprecherin der bundesdeutschen Grünen und lebt in Frankfurt.

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