Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 8/2004
Leonardo Cohen • Mary Kreutzer (Übersetzung)

„Nie wieder ich!“

Antirassistische AntisemitInnen in Europa

Es wäre falsch, die Erforschung und die Analyse des Phänomens Antisemitis­mus in eine Richtung zu leiten, die einfa­che Schlüsse à la „was einmal war wird im­mer sein“ zulässt und das Neue auf das Al­te reduziert um am Ende festzustellen, dass der Judenhass, wenn er auch manchmal vor sich hinzuschlummern scheint, doch auf immer und ewig Bestand habe und unverän­derlich sei. Treffender und intelligenter ist der Versuch, verschiedene Erscheinungs­formen näher zu betrachten, die Quellen, aus denen der Antisemitismus sich in jedem historischen Moment speist, offen zu legen, die Veränderungen und Mutationen dieses Jahrtausende alten Hasses zu erkennen, so­wie die Grundzüge, Unterschiede, und spe­zifischen Eigenschaften des heutigen Anti­semitismus im Vergleich zu dem anderer Epochen zu verstehen. Der Verdienst des kleinen aber beeindruckenden Buches von Alain Finkielkraut Au nom de l’Autre. Réflexions sur l’antisémitisme qui vient besteht in seinem eindringlichen Appell und in der Erklärung, warum der heutige Antisemi­tismus nicht mit jenem vor 60 Jahren ver­gleichbar ist und warum es sich bei den heu­tigen Ereignissen um andere handelt als zu früheren Zeiten. Gleichzeitig demaskiert er den antisemitischen Diskurs, der sich zu Beginn des XXI. Jahrhundersts hinter der Fassade des Antirassismus verbirgt.

Finkielkraut identifiziert den aktuellen Antisemitismus in Europa als einen antirassistischen, es handle sich hierbei um ei­nen Antisemitismus im Namen des „An­deren“, des „Fremden“. Finkielkrauts The­se beruht u.a. auf der grundlegenden Differenz zwischen den USA und Europa be­züglich deren Haltung zum Zweiten Weltkrieg. Während die Vereinigten Staaten von Amerika die Sieger sind, übernimmt Eu­ropa gleich drei Rollen: Sieger, Opfer und Täter. Deshalb nährt die Erinnerung an Krieg und Shoah gleichzeitig den US-ame­rikanischen Patriotismus sowie die Verachtung Europas gegenüber seiner eigenen zentralen Stellung. Somit besteht das eini­gende Merkmal des heutigen Europas in der Ablehnung von Krieg, seiner Hegemonie, dem Antisemitismus und aller Des­aster, die aus dem eigenen Schoße krochen. Europa wiederholt inständig: „Nie wieder ich!“ und opfert sich auf dem Altar der ei­genen Bestimmung. Während die USA ver­suchen, ihre Feinde zu besiegen, bekämpft Europa die eigenen Gespenster.

Ab diesem Punkt werden die Juden und Jüdinnen nicht mehr beschuldigt die französische Identität zu unterwandern, son­dern den PalästinenserInnen Leid „im Namen des Anderen“ zuzufügen. Nostalgisch wird nun der kosmopolitische Jude vermisst und den Juden vorgeworfen „sich in uns eingefügt zu haben, gerade als wir uns selbst aufgaben“. Die Juden, diese erfah­renen NomadInnen, sind nicht mehr schuld am Versuch Europas Wurzeln zu zersetzen, viel eher bedauert man nun, dass dieses Volk sich nicht der allgemeinen Reue anschloss, die Europa dazu brachte, seine uni­versellen Prinzipien über jene der territo­rialen Souveränität zu stellen. Somit meint das neue antisemitische Argument — ver­wendet im Namen des Anderen — dass der Jude der einzige sei, der im Gegensatz zu allen anderen, niemals vom Nazi ahnt, der ihm innewohnt. Juden empfinden also kei­ne Verpflichtung bezüglich Wiedergutma­chung oder Erinnern. Trunken mit ihrer Kraft und ihrer nationalen Souveränität sei­en sie das Über-Ich der Alten Welt, verab­säumten es jedoch, ihr eigenes Ich zu ent­wickeln.

Ebenfalls brillant ist Finkielkrauts Un­terscheidung zwischen dem „Feind“ und dem „Anderen“. In ihrer Sicht des israe­lisch-palästinensischen Konflikts ersetzen weite Teile der französischen und eu­ropäischen Linken die Figur des „Feindes“ durch die des „Anderen“. So betrachtet sind die PalästinenserInnen nicht mehr die FeindInnen der Israelis, sondern ihr An­deres. Und während der Krieg gegen dei­nen Feind eine menschliche Wahl ist, wird der Krieg gegen den „Anderen“ zum Ver­brechen gegen die Menschheit. Im ersten Fall ist der Ursprung des Konflikts ein po­litischer, der mit gewissen Kompromissen lösbar ist; im zweiten Fall handelt es sich um Rassismus und jede Art von Rassismus muss ausgelöscht werden. Die verzerrt an­tirassistische Sicht auf den israelisch-palä­stinensischen Konflikt nährt sich aus der Scham der Vergangenheit und mündet, so der jüdisch-französische Philosoph, in den Neuen Antisemitismus des beginnenden XXI. Jahrhunderts.

Alain Finkielkraut: Au nom de l’Autre. Réflexions sur l’antisémitisme qui vient. Editions Gallimard: Paris 2003, 40 Seiten, Euro 5,50.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2004
Heft 8/2004, Seite 33
Autor/inn/en:

Mary Kreutzer:

Politikwissenschafterin und Publizistin, Trägerin des Eduard-Ploier-Radio-Preises der Österreichischen Volksbildung, des Concordia Publizistikpreises (Kategorie Menschenrechte), des European Award for Excellence in Journalism, des Elfriede-Grünberg Preises, von Juni 2000 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

Leonardo Cohen:

Geboren 1968 in Mexiko City, studierte Afrikanistik und Vergleichende Religionswissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Zur Zeit schreibt er seine Dissertation an der Universität Haifa. Er publiziert in wissenschaftlichen Magazinen u.a. über die religiöse Geschichte Äthiopiens und lebt in Jerusalem.

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