Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1989 » Nummer 46
Hannes Hofbauer
Es gärt im Baltikum:

National statt sozialistisch

Von der Volksfront bis zur Kommunistischen Partei sind sich alle einig. Die Devise lautet: Nationale Unabhängigkeit. In Estland, Lettland und Litauen ist die Los-von-Moskau-Bewegung längst zur stärksten politischen Kraft geworden. Neben wirtschaftlicher Reformfreude und Antistalinismus feiert allerdings auch der radikale Nationalismus fröhliche Urständ’.

Lenin-Mausoleum, Oktober 1989
Fotos: Hannes Hofbauer

Die Warteschlangen vor den Geschäften der estnischen Hauptstadt Tallinn sind kürzer als in Moskau oder anderen sowjetischen Großstädten. Im Lebensmittelladen am Pikk, der Hauptstraße des mittelalterlichen Stadtkerns, gibt es sogar Bier ohne Wartezeit. Nach Waschmittel oder Seife hingegen braucht Sonja gar nicht erst zu fragen, denn seit zwei Jahren studiert die 21jährige in der Moskauer MGU-Universität. Ihr Personaldokument weist sie als Moskauerin aus. Und knappe Waren sind in Estland nur mehr für einheimisch Gemeldete zu erwerben.

Sonja stammt aus Tallinn. Sie ist dort aufgewachsen, zur Schule gegangen. Ihre Eltern wohnen im Vorort Oismäe und sind vor einem Vierteljahrhundert zugezogen, als russische Arbeiter behördlicherseits noch mit offenen Armen empfangen wurden. Heute hat sich die Lage geändert, das estnische Nationalgefühl ist bis hinauf ins ZK der Kommunistischen Partei die stärkste Triebkraft für politisches Handeln geworden.

Sonja wird Opfer dieser neuen Politik sein. Noch vor der Welle nationalistischer Gesetzgebung ins Moskauer Studentenheim übersiedelt, hat sie das aktuell so notwendige „Heimatrecht“ in ihrer eigenen Geburtsstadt verloren. Und nach Tallinn zurückkehren kann sie nur, wenn die estnische Schulbehörde sie als Deutschlehrerin aufnimmt. „Die haben ihre eigenen, in Tallinn oder Tartu ausgebildeten Lehrer“, sieht Sonja ihre Zukunft ungewiß. „Und sie werden einer russischsprachigen Tallinnerin wie mir die Tür weisen.“

Ob sie je wieder in ihrer Heimatstadt wohnen wird können? „Der einzige Weg dahin wird sein, ich heirate einen Esten.“

Vor 5 Jahren noch hätte man zur Charakterisierung des Nationalitätenproblems im Baltikum eine ganz andere Geschichte erzählen müssen. Nämlich die Geschichte von Juhan, dem 41jährigen Maschinenschlosser, der in einer der großen Unionsfabriken am Finnischen Meerbusen seiner Arbeit nachgeht. Juhan, einer der wenigen Esten in der Baggermontagefabrik „Talleks“, wäre auf Grund seiner Arbeitsleistung und seines Alters sicherlich der ideale Werkmeister in seiner Abteilung gewesen. Doch die von den zentralen Planungsstellen in Moskau geleiteten Unionsfabriken sahen lieber russische Kollegen auf den Vorarbeiterposten. Juhan blieb bis 1988 einfacher Maschinenschlosser.

Scharfe Brise aus Richtung Ostsee

Ende 1988 drehte sich der Wind. Stellte man bis dahin seine Antennen in Richtung Moskau, so bläst jetzt eine scharf nationalistische Brise von der Ostsee her. „Russen raus“ ist nicht mehr nur ein antikommunistischer Slogan, hinter vorgehaltener Hand unter Freunden kolportiert. Nein, „Russen raus“, das hat 1989 auch rassistische Züge. Von Fremdübervölkerung ist da die Rede, von parasitären Slawen, die am Fleiß der hochgewachsenen, blonden Balten profitieren ...

Die Demographen haben Hochsaison, in Estland genauso wie in Lettland — Litauen bildet mit über 80% litauischer an der gesamten Bevölkerung die Ausnahme. „Die Letten sind kurz vor dem Aussterben ... Der Ansturm der Migranten läßt dem lettischen Volk keine Möglichkeit mehr, sich biologisch und geistig zu reproduzieren“, steht in einem Flugblatt lettischer Nationalisten zu lesen. „Stellen sie sich vor, daß München zur Hälfte von Chinesen bewohnt würde“, hält der Sprecher der estnischen Volksfront, Heinz Faalk, einen Vergleich bereit, der mir das baltische Dilemma drastisch vor Augen führen soll.

Die offizielle Statistik des Jahres 1988 weist für Estland einen Prozentsatz von 61% Estnischsprechenden, für Lettland 53% Letten aus. Die andere Bevölkerungshälfte setzt sich aus Russen, Ukrainern und Weißrussen zusammen. „1940 lebten hier noch 96% Esten“, beklagt Heinz Faalk von der Volksfront die demographische Nachkriegsentwicklung. „45 Jahre Russifizierung, damit muß jetzt Schluß sein!“ wendet er sich energisch gegen jenes Phänomen, das scheinbar alleinige Ursache der baltischen Misere ist: die Russifizierung.

Von der „Völkerfreundschaft“ zum Gastarbeiterproblem

Russifizierung, so nennen die estnischen und lettischen Nationalisten den jahrzehntelangen Arbeitskräftezustrom aus der RSFSR (Russische Föderation) an die Ostseeküste. Nach dem Krieg setzte die Stalinsche Industriepolitik auf Zentralisierung. Und eine solche Industriekonzentration entstand — nicht zuletzt wegen der günstigen Standortlage der eisfreien Häfen — im Baltikum. Der chronische Arbeitskräftemangel in den relativ dünnbesiedelten Ostseerepubliken (in allen drei Republiken zusammen leben 7,5 Mio. Menschen) ließ hunderttausende Russen in die Städte Riga, Tallinn und Narva ziehen. Die Moskauer Unionsministerien förderten diese Migrationswellen. Was in ihrer Propaganda „Völkerfreundschaft“ und „Produktionsausweitung“ hieß, empfanden die Esten und Letten bald als „Gastarbeiterproblem“ und „ökologische Katastrophe“.

Der durchschnittliche jährliche Zuwandererstrom von 7.500 russischen Arbeitern an die estnische Ostseeküste vollzog sich über die großen, direkt den Moskauer Ministerien unterstellten Unionskombinate, die heute von den Nationalisten gerne als „Einwanderungspumpen“ bezeichnet werden. „Die Neuzugezogenen bekamen rasch und unbürokratisch Wohnungen zugewiesen, während die einheimischen Familien eine halbe Generation lang auf eine Zwei-Zimmerwohnung warten mußten.
Auch das hat die Spannungen zwischen Esten und Russen erhöht“, formuliert Jaan Rebane, Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Estnischen SSR, einen der Gründe für das Aufleben des estnischen Nationalismus.

Daß sich heute der estnische Volkszorn an den russischen Unionsarbeitern entzündet, entbehrt dennoch jeder vernünftigen Grundlage. Die russischen Arbeiterfamilien, die oft schon in der zweiten Generation im Baltikum leben, haben die Entscheidung über das Wie und Wo Stalinscher Industriekonzentration nicht mitgetragen. Sie wurden — ähnlich den Türken und Jugoslawen in der BRD und Österreich — von den Kombinaten angeworben. Und sie verrichteten jahrzehntelang die schwersten und dreckigsten Arbeiten.

Der antirussische Nationalismus, der ihnen derzeit entgegenschlägt, wurzelt in zwei grundsätzlich verschiedenen Ressentiments. Zum einen im Haß gegen die russisch-sowjetische Obrigkeit, die, von Moskau eingesetzt und instruiert, seit Ende des 2. Weltkrieges das Baltikum okkupiert hält — so die seit August 1989 umgeschriebene offizielle Geschichtsschreibung in Riga, Tallinn und Vilnius. Zu den Ressentiments gegen die russische Bürokratie gesellt sich aber auch eine gehörige Portion Rassismus, alteingesessen und dem deutschen Antislawismus verwandt. Der blonde, europäische Este gegen den unaufgeklärten, asiatischen Russen. Dieser Rassismus hat zusammen mit dem Kampf gegen die russische Administration in Partei und Staat jene hochexplosive politische Mischung hervorgebracht, die zu Streiks und Massenkundgebungen von 300.000 Teilnehmer/innen sowie seit Juli 1988 zu einer nationalistischen Gesetzeswelle durch die baltischen Parlamente geführt hat.

Heimatrecht und neues Wahlgesetz

Bisher hat der Oberste Sowjet Estlands drei sichtbar nationalistische Gesetze verabschiedet, die teilweise im Widerspruch zur sowjetischen Verfassung stehen: das Sprachengesetz, das Wahlgesetz und das Gesetz zum Schutz des Binnenmarktes.

„Ab Jänner 1989 ist Estnisch Staatssprache“, meint Volksfront-Sprecher Faalk stolz. Binnen vier Jahren müssen alle Leute, die mit Ministerien, Gerichten, Handel oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen zu tun haben, estnisch sprechen. „Diese Maßnahme zielt darauf ab, die allgemeine Sprachsituation zu gesunden“, übt sich Akademiemitglied Rebane in einer Diktion, die uns Deutschsprachigen ein mulmiges Gefühl in der Magengegend beschert. Wer nicht estnisch lernt und doch vorm Amt erscheint, wird dann Pech gehabt haben.

Ob der in Sachen neue Sprachverordnung umgedrehte Spieß nicht diskriminierend gegenüber den seit 30 Jahren ansässigen russischen Familien sei, will ich von Volksfront-Sprecher Faalk wissen. „Natürlich, es wird Härtefälle geben“, macht er kein Hehl aus den Problemen, die sich mit den neuen estnischen Gesetzen ergeben. „Aber wir sind hier in Estland“, betont Faalk nochmals, und „die Russen haben uns lange genug mit ihrer Amts- und Staatssprache traktiert.“

Nur knapp 25% der Esten sprechen Russisch, und so wurde auch amtlicherseits der von den russischen Vertretern vorgeschlagene Kompromiß auf Zweisprachigkeit abgelehnt. Estnisch und sonst nichts. Dem russischen Zugpassagier, der nur deshalb aus dem Waggon aussteigen mußte, weil er seinen Fahrschein in russischer Sprache lösen wollte, mag in einer Schlichtungsstelle recht gegeben werden, sein Zug jedoch ist bereits abgefahren.

Noch umstrittener als das neue Sprachgesetz ist das estnische Wahlgesetz. Schon für die demnächst stattfindenden Wahlen zu den örtlichen Sowjets der Volksdeputierten wird nämlich gelten: Wahlberechtigt sind nur diejenigen, die zumindest fünf Jahre in der Republik gelebt haben, und gewählt werden dürfen nur solche, die schon zehn Jahre in Estland ansässig sind. Damit ist für die Bewertung eines Kandidaten an die Stelle politischer oder moralischer Kriterien ein streng formales, ein nationales getreten: die Dauer seiner Ansässigkeit.

Daß derlei Gesetze im Namen von Perestroika erlassen werden, von estnischer Perestroika eben, mag gefinkelte politische Beobachter nicht verwundern, die russischsprachige Bevölkerung ist jedoch verunsichert — und empört: 20.000 streikende Unionsarbeiter haben im Frühjahr dieses Jahres ihrem Unmut über den estnischen Nationalismus Ausdruck verliehen.

Die Macht der Geschichte

Feierlich postiert sich die Tallinner Reiseleiterin vor dem Wahrzeichen der Stadt, einem der Ecktürme der mittelalterlichen Stadtmauer. „Hier, auf dem ‚langen Hermann‘, weht seit 24. Februar 1989 wieder die estnische Nationalflagge“, ohne Sowjetstern. Ihre Augen glänzen fast, als sie zur blau-schwarzweißen Fahne emporsieht. Am 24. Februar 1918 sind diese Farben einer ehemaligen estnischen Studentenverbindung zum Symbol des bürgerlichen Estland geworden. Damals, nach dem Sieg der Entente-unterstützten Bürgerwehren über die erste estnische Räterepublik, zierte Blau-Schwarz-Weiß die höchsten Türme der Stadt.

— Wie viele Tote die Auseinandersetzung gefordert habe, will ich von der Fremdenführerin wissen.

— Hunderte, wenn nicht tausende Anhänger der Räterepublik seien in den Kämpfen gefallen.

— Und die Siegesfahne über die Räterepublik weht heute stolz am höchsten Turm der — immer noch — sowjetestnischen Hauptstadt?

Meine Verwunderung kann die Fremdenführerin nicht aus der Fassung bringen. Sie strotzt vor estnischem Nationalgefühl. Im übrigen sei sie Mitglied der KP, meint sie etwas trotzig und beendet den Ausflug in die politische Vergangenheit.

Die Vergangenheit, genauer gesagt die Jahre 1939/40, sind es jedoch, die Esten, Letten und Litauer derzeit fesseln wie nie zuvor. Befreiung oder Annexion, das scheint die allesentscheidende Frage, an der sich die Legitimität des Nationalimus messen läßt. Jede/r einzelne Bewohner/in der Ostseerepubliken hat in den letzten Monaten die Zusatzprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt gelesen, die Passage, in der Ribbentrop und Molotow den Einflußbereich von Deutschem Reich und Sowjetunion absteckten.

Befreiung oder Annexion

Die Veröffentlichung der geheimen Zusatzprotokolle machte die 40 Jahre lang gedruckten sowjetischen Geschichtsbücher zu Makulatur. Demnach gab es 1940 im Baltikum keine freiwillige Wiedererrichtung der Sowjetmacht, sondern eine Annexion durch die Rote Armee — international abgesichert durch den Pakt zwischen Hitler und Stalin. „Mit der Annexion der baltischen Staaten durch die Rote Armee im Jahre 1940 zerstörte die Sowjetunion die staatliche Integrität Lettlands, Estlands und Litauens und provozierte damit den Verlust der nationalen Identität im Baltikum“, liest sich die „Deklaration der Rechte der Baltischen Nationen“, die im Mai 1989 von den drei Volksfronten unterzeichnet wurde, wie eine Anklageschrift.

Doch während einem die Aufarbeitung der Ereignisse rund um die Machtübernahme Stalins im Jahre 1940 in vielen Gesprächen entgegenschlägt, schweigt die Chronik der neuen Nationalisten über die Periode zwischen 1941 und 1945. Damals, mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht, der alle vorher geschlossenen Verträge obsolet machte, ging eine Welle der Kollaboration durch das Baltikum. „Viele meiner Landsleute erklärten sich bereit, an deutschen Erschießungskommandos teilzunehmen — für Ledersohlen, Wodka oder die Möglichkeit, eine zum Tode verurteilte Gefangene zu vergewaltigen“, stellt einer der wenigen überlebenden Kommunisten jener Tage, Valur Timusk, in der Moskauer Wochenschrift „Neue Zeit“ traurig fest. „Auf estnischem Territorium standen 200 Konzentrationslager, versuchen Sie aber einmal, auch nur ein einziges Denkmal zu finden, das daran erinnert“, empört sich der estnische Widerstandskämpfer.

Die Berufung auf die bürgerliche Republik der Zwischenkriegszeit ist in vielen politischen Gesprächen mit Volksfrontleuten und selbst ZK-Mitgliedern der KP herauszuhören. Es scheint, als ob die Stalinschen Massendeportationen der späten 40er und frühen 50er Jahre — Zehntausende Esten, Letten und Litauer wurden als „Kollaborateure“ nach Sibirien verschickt und kamen in Lagern um — nachträglich die autoritären und vom westlichen Ausland abhängigen Regimes der 30er Jahre rechtfertigten. Nur so ist auch zu erklären, warum die Existenz der eigenständigen Räterepubliken nach dem Ersten Weltkrieg, die immerhin zum ersten Mal in der Geschichte Estlands und Lettlands gegen das zaristische Großrußland die Sprache der Einheimischen zur Staatssprache erhoben haben, so völlig in Vergessenheit geraten ist. Die heutigen Volksfronten von Estland, Lettland und Litauen schließen in Symbolik und Propaganda an die Niederschlagung dieser Rätebewegungen an — und die Kommunistische Partei hat dem nichts entgegenzusetzen, zu sehr hat sie die inhaltliche Leere von Stalinismus und Breschnewismus stigmatisiert.

Hauptplatz in Tallinn: Wandzeitungen und Unterschriftenliste für ein unabhängiges Estland

Die politischen Kräfteverhältnisse

Am 7. Oktober 1988 wurde die lettische Volksfront gegründet, ein Zusammenschluß aus Bürgerrechtlern, Christen, KP-Mitgliedern, Sozialdemokraten und Grünen. Die lettische Volksfront ist die zur Zeit stärkste gesellschaftliche und politische Kraft in Riga, laut Selbsteinschätzung gehören ihr 250.000 Letten als Mitglieder an. Obwohl sie formal keine Partei ist, bereitet sie sich für die im Frühjahr 1990 stattfindenden Wahlen intensiv vor. „Wir werden diese Wahlen gewinnen“, gibt sich Janis Jurkans, der Sprecher der Volksfront-Bewegung, optimistisch. „Schon deshalb, weil die KP ihren politischen Instinkt verloren hat. Das hat uns erst auf den Plan gerufen. Vor einem Jahr haben wir dann die Sache in die Hand genommen“, erklärt Janis Jurkans den unheimlich rasanten Aufstieg der Volksfront.

Und die KP? Die ist allem Anschein nach als einheitliche Kraft nicht mehr existent. De facto sind die Kommunistischen Parteien im Baltikum zerfallen in drei Fraktionen: Die sogenannten Volksfront-Unterstützer (in Lettland ist der Vorsitzende der Volksfront KP-Mitglied), die Zentristen, die klärende Stimmen aus Moskau abwarten, und die Interfrontleute.

Die Interfront, berühmt geworden durch die antinationalistischen Streiks in den Unionsfabriken, ist eine Organisation, die sich fast ausschließlich aus russischen Arbeitern, Funktionären und Militärs zusammensetzt. „Die haben nicht mitbekommen, daß Stalin vor über 30 Jahren gestorben ist“, höhnt der lettische Volksfrontsprecher Jurkans über die einzige Kraft im Lande, die sich den Unabhängigkeitsbestrebungen widersetzt.

„Wenn ein Mensch heute im Baltikum zur Interfront gehört, heißt es, er sei Stalinist. Doch in Wirklichkeit wird von den nationalistischen Kräften eine Menschenjagd betrieben, wie in den 30er Jahren, als den Trotzkisten diffamierende Plakate umgehängt wurden.“ Der Co-Vorsitzende der Interfront beklagt sich nicht nur über die Volksfront, sondern auch über KP-Genossen, von denen er sich verraten fühlt.

In Estland ist die Lage ähnlich. „Hier gibt es de facto schon ein Mehrparteiensystem, und die estnische KP steht in der politischen Mitte“, erläutert ZK-Mitglied Peeter Sookruus. Mit der Volksfront ist sie längst personell und ideologisch eng verwoben. Rechts von der Mitte stehen die ebenfalls neugegründete Christliche Union und die ERSP, eine ultrakonservative Partei mit starkem Zulauf. Die ERSP (Partei der Unabhängigen) will per Referendum die estnische Staatsbürgerschaft nur für Estnischsprechende einführen.

Links von der Mitte macht ZK-Mitglied Sookruus die russischen Streikkomitees der Interfrontbewegung aus, die er — obwohl sie sich in derselben Partei befinden wie er — als „stalinistische Gruppen“ bezeichnet, die „den nationalen Faktor in der Politik verneinen und auf der Klassenfrage beharren.“

Die Volksfront mit dem nationalistisch-gesinnten KP-Flügel als Anhängsel, so schätzen Vertreter verschiedener politischer Gruppierungen unisono, dürfte sich in Estland und Lettland einer Unterstützung von ca. 60% erfreuen. Die Ultranationalisten könnten bei den nächsten Wahlen ebenso auf 10% kommen wie die Interfront. Sozialdemokraten, Grüne und christliche Splittergruppen würden sich die restlichen Prozentpunkte teilen. „Seit vor genau einem Jahr die alte Garde der KP-Funktionäre aus Amt und Würden geschieden ist, hat sich die politische Stimmung im Lande entideologisiert“, freut sich der neue ZK-Sekretär der estnischen KP, Mik Piitma, und betont, daß er vor 1988 nicht in der Partei tätig war. Für die im März 1990 stattfindenden Parlamentswahlen bedeutet das seiner Meinung nach, „daß einzelne Personen und nicht so sehr Parteien zur Abstimmung stehen“.

Dem Blick durch die rosa Brille kann der lettische Volksfront-Sprecher Jurkans nicht folgen: „In Lettland gibt es die demokratiepolitische Krankheit, daß zwei Letten am liebsten drei Parteien gründen“, warnt Janis Jurkans vor der eigentlichen Gefahr, die der Volksfront drohen könnte. Die politische Zersplitterung ist schon heute unübersehbar.

Im Dezember werden die Sozialdemokraten, nach wie vor Mitglieder der lettischen Volksfront, ihren ersten eigenen Parteitag abhalten. Daneben hat sich eine bürgerlich-radikale Gruppierung formiert. Die Lage ist — vor allem in Lettland — denkbar unübersichtlich. „Ich kenne persönlich Leute“, meint Volksfront-Sprecher Jurkans, „die gleichzeitig in der Volksfront, der KP und bei den Grünen sind.“

Gemeinsame Hauptlosung: Unabhängigkeit

Gemeinsam ist all den in der Volksfront vertretenen Gruppierungen ihre Hauptforderung: Unabhängigkeit von Moskau. Wie diese Unabhängigkeit konkret aussehen soll, das weiß heute noch niemand. Vielerlei Wünsche sind deponiert: Staatliche Selbständigkeit, Ausbau der föderativen Rechte bei gleichzeitigem Verbleib in der sowjetischen Union, eine baltische Dreiergemeinschaft nach dem Benelux-Vorbild.

An der Bretterwand des Tallinner Rathausplatzes werden die einzelnen Vorschläge via Flugzettel und affichierter Zeitschriften diskutiert. Die Menschentraube, die sich um antikommunistische Plakate und Aufkleber in den estnischen Nationalfarben versammelt hat, läßt selbst der hereinbrechende Abend nicht auseinandergehen. Neben einer Karikatur, die Hammer und Sichel als Mordinstrumente darstellt, werden Unterschriften für nationale Souveränität gesammelt.

— „Innerhalb der Sowjetunion?“

— „Natürlich nicht. Wir sind doch Esten!“

Die einzige russischsprachige Zeitschrift an der Tallinner Bretterwand heißt „Atmoga — für ein freies und unabhängiges Lettland!“ — eine Botschaft der lettischen Nachbarn, die sich mit den Esten nur in Russisch verständigen können, gehört doch das Lettische ebenso wie das Litauische zur baltischen Sprachengruppe des indoeuropäischen Kulturraumes, während das Estnische eine finnisch-ugrische Sprache ist.

„Für ein freies und unabhängiges Lettland“, das ist die Losung der lettischen Volksfront. „Noch vor einem Jahr“, so ihr Sprecher Janis Jurkans, „wollten wir mehr föderative Rechte innerhalb des staatlichen Verbandes der Sowjetunion, heute ist diese Forderung längst überholt. Heute fordern wir die totale politische Unabhängigkeit für Lettland.“

Die wirtschaftliche Rechnungsführung

Die Moskauer Reformer um Gorbatschow, bei denen derartige Abkoppelungstendenzen auf Unverständnis stoßen, schlagen den Ostseerepubliken einen Kompromiß vor, dessen Träger vor Ort die Kommunistischen Parteien sind: Die wirtschaftliche Rechnungsführung auf Republiksebene.

Bereits Anfang 1990 wird dieses Wirtschaftsmodell im Baltikum die gesamte bisherige Ökonomie über Bord werfen und ein Einnahmen- und Ausgabenbuch für die Republiken führen. Die Idee: Marktpreise statt planwirtschaftlich festgesetzter Preise — und zwar für das gesamte Baltikum einschließlich aller Exporte und Importe. Einkommen und Kaufkraft der baltischen Bevölkerung werden dann ausschließlich von der Nachfrage nach baltischen Produkten auf dem sowjetischen und internationalen Markt abhängen.

Gerade im Baltikum könnte diese Strategie aufgehen, haben doch jahrzehntelang Planwirtschaftler aus dem einstigen Agrargebiet ein Industriezentrum geschaffen, das die Vorteile des Standortes Ostsee zu nützen weiß. Dieser unionsunterstützte Aufbau, von vielen heute als Wurzel der drohenden ökologischen Katastrophe im Ostseeraum betrachtet, könnte das Grundgerüst eines gemeinsamen baltischen Marktes sein, der zukünftig — ähnlich wie Ungarn und Polen — mit seinen sozialistischen Bruderländern nur noch über harte Devisen verkehrt. Der Rest der Sowjetunion — ob inzwischen eine baltische Eigenstaatlichkeit erreicht werden konnte oder nicht — wäre dann um einen gewichtigen Industriestandort und viele hochqualifizierte Arbeitskräfte ärmer — immerhin stehen bereits jetzt in den drei baltischen Republiken 10% aller mit der Sowjetunion vereinbarten Jointventure-Betriebe.

Moskau wird sich, pochen die Balten einmal auf Marktpreise in Devisen, die Ostseeprodukte nicht mehr leisten können — und die Einkaufsregale in den großen russischen Städten würden noch leerer.

Wahrscheinlicher als dieses Szenario ist allerdings, daß die Einführung von Marktpreisen auf Republiksebene überhaupt nicht funktionieren wird. Denn, so Owssej Schkaratau von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften in der Zeitschrift „Kommunist“, „es liegen derzeit keine Angaben vor, was und wieviel die Republiken an den Unionsfonds abgeben und was und wieviel sie aus ihm erhalten. Daher ist es faktisch unmöglich, den Umfang jener Mittel zu bewerten, die von den einen Republiken in andere fließen.“

Diese selbst für höchste staatliche Stellen undurchsichtige Wirtschaftslage läßt den Gorbatschowschen Kompromißvorschlag einer regionalen wirtschaftlichen Rechnungsführung schlicht und einfach undurchführbar erscheinen. Und diese Undurchführbarkeit der vorgeschlagenen Reformen gäbe indirekt den radikaleren Nationalisten recht, die sich das Baltikum als drei unabhängige Staaten in einem westlich orientierten baltischen Markt vorstellen. Ihre Forderung nach wirtschaftlicher und politischer Selbständigkeit würde zwar vorerst eine Desintegration Richtung Osten zur Folge haben, einer späteren Westintegration in der Tradition der bürgerlichautoritären Regierungen der Zwischenkriegszeit stünde dann jedoch nichts mehr im Wege.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1989
Nummer 46, Seite 36
Autor/inn/en:

Hannes Hofbauer:

Hannes Hofbauer hat an der Universität Wien Wirtschaftsgeschichte und Sozialgeschichte studiert, er ist Verleger (Promedia Verlag) und freier Autor in Wien.

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