Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 1
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Nachrichten von der Internationalen

Editionen für die situationistische Aktion

Am ersten Januar 1958 ist das erste Manifest der deutschen Sektion der S.l. unter dem Titel „Nervenruhe! Keine Experimente!“ in München veröffentlicht worden. Mit einer gewissen Heftigkeit entlarvt dieses Flugblatt das Elend der kulturellen Pseudoneuheiten und versäumt es nicht, zugleich auf den Ausweg hinzudeuten: „Damen und Herren, lassen Sie sich nicht provozieren: das ist das letzte Gefecht! … Wann kommt der neue Einheitsstuhl? Ein Gespenst geistert durch die Welt: Die situationisti­sche Internationale.“

Kurz danach gab die französische Sektion das Flugblatt „Ein neuer Operationsbereich in der Kultur“ und den Aufruf „An die Produzenten der modernen Kunst“ heraus. („Wenn Sie müde sind, Zerfall nachzubilden; wenn es Ihnen dämmert, dass die von Ihnen erwarteten bruchstückartigen Wiederholungen schon vor ihrer Entstehung überholt sind, nehmen Sie mit uns Fühlung auf, um die neue Kunst der Umweltumwandlung auf höherer Ebene zu organisieren“).

„Potlatch“, das Infobulletin der lettristischen Internationale bis zur Nummer 28, ist unter die Kontrolle unserer Einheitsorganisation genommen worden; Für dessen gelegentliche Herausgabe wird die französische Sektion weiter sorgen. Im Juni hat die S.l. Asger Jorns Buch „Für die Form“ in Paris herausgegeben. Diese Sammlung mehrerer zwischen 1953 und 1957 in verschiedenen Sprachen veröffentlichten Schriften legt die wesentlichen theoretischen Beiträge der Internationalen Bewegung für ein Imaginistisches Bauhaus dar, die sich gleichfalls in die neue Internationale eingegliedert hat.

In Belgien haben unsere Genossen in einem Buch über die Geschichte der Avantgardegalerie „Taptoe“ — die mit der psychogeographischen Manifestation vom Februar 1957 zuende ging — Jorns Interview über den Sinn der Veränderungen in der Experimentalkunst vor und seit der „Kobra“-Bewegung (1949-1951) sowie eine zweite Auflage des „Berichts über die Konstruktion von Situationen“ veröffentlicht. Eine von unserer italienischen Sektion besorgte Übersetzung dieses Berichts ist im Mai in Turin (beim Notizie-Verlag) erschienen.

Außerdem hat sich die belgische Sektion damit beschäftigt, mit Walter Koruns Essay über den Ursprung der S.I. und ihr aktuelles Programm, die für die 2. Nummer der Zeitschrift „Gard-Sivikk“ niederländisch geschrieben worden war, ihre Propaganda nach Holland auszudehnen.

Die zweite Konferenz der S.I.

Die zweite Konferenz der S.I., die 6 Monate nach der Vereinheitlichungskonferenz in Cosio d’Arroscia (Juli 1957) am 25. und 26. Januar in Paris abgehalten wurde, hat hauptsächlich die Entwick­lung unserer Aktion in Nordeuropa und in Deutschland, die verlegerische Tätigkeit, die Organisation eines gleichzeitig von mehreren telefonisch miteinander verbundenen Gruppen durchgeführten Experiments des Umherschweifens und die ersten Anwendungsmöglichkeiten gewisser Umgebungskonstruktionen behandelt. Die Konferenz hat mit der italienischen Sektion aufgeräumt, in der eine Fraktion idealistische und reaktionäre Thesen verfochten und jede Selbstkritik unterlassen hatte, nachdem sie durch die Mehrheit widerlegt und missbilligt worden war. So beschloss die Konferenz, W. Olmo, P. Simondo, E. Verrone auszuschließen.

Venedig hat Ralph Rumney besiegt

Der englische Situationist Ralph Rumney, der schon im Frühling 1957 einige psychogeographische Erkundungen in Venedig unternommen hat, hatte sich später die systematische Erforschung dieses Stadtbilds als Ziel gesetzt und hoffte, einen vollständigen Bericht darüber im Juni 1958 (vgl. die Anzeige in Potlatch Nummer 29) erstatten zu können. Zunächst entwickelte sich das Unternehmen günstig. Rumney, dem es gelang, die Grundelemente eines Plans von Venedig zu entwerfen, dessen Aufzeichnungstechnik der gesamten vorherigen psychogeographischen Kartographie bedeutend überlegen war, teilte seine Entdeckungen, seine ersten Schlüsse und seine Hoffnungen seinen Genossen mit. Im Januar 1958 aber wurden die Nachrichten schlechter. Dem Kampf mit unzähligen Schwierigkeiten und der Umwelt, die er zu durchqueren versucht hatte, immer mehr zugetan, musste Rumney einen Forschungspunkt nach dem anderen aufgeben, um schließlich, wie er uns in seiner ergreifenden Meldung vom 20. März mitteilte, sich mit einer rein statischen Stellungnahme begnügen zu müssen.

Ralph Rumney

Die ehemaligen Forschungsreisenden mussten einen hohen Prozentsatz an Verlusten erfahren, um deren Preis man zur Wissenschaft einer objektiven Geographie gelangen konnte. Man sollte also auf Opfer unter den neuen Forschern, den Forschungsreisenden des sozialen Raums und seiner Gebrauchsanweisungen ebenfalls gefasst sein. So wie die Fallen anderer Art sind, ist auch das andersgeartet, was auf dem Spiel steht: Es handelt sich darum, eine spannende Lebensanwendung zu erreichen. Dabei stößt man natürlich gegen all die Schutzwälle einer Welt der Langeweile. Rumney ist also gerade verschwunden und sein Vater hat sich noch nicht auf die Suche nach ihm gemacht. Der venezianische Dschungel hat gesiegt und schließt sich hinter einem jungen Mann, voller Leben und Verheißung, der sich unter unseren vielfachen Erinnerungen verliert und auflöst.

Aufzeichnung aller Strecken, die in einem Jahr von einer im XVI. Pariser Bezirk wohnenden Studentin gegangen wurden. Von Chombart de Lauwe in seinem Buch „Paris und das Pariser Stadtgebiet“.

Eine Aktion gegen die internationale Versammlung der Kunstkritiker in Belgien

Am 12. April, zwei Tage vor der Generalversammlung der internationalen Kunstkritiker in Brüssel, haben die Situationisten für die Verbreitung eines Aufrufs an die Versammlung gesorgt, der im Namen der algerischen, deutschen, belgischen, französischen, italienischen und skandinavischen Sektionen von Khatib, Platschek, Korun, Debord, Pinot-Gallizio und Jorn unterzeichnet worden war.

Was hier gemacht wird, scheint Ihnen allen langweilig zu sein. Dennoch hält die S.I. diese als Attraktion der Brüsseler Messe gedachte Zusammenkunft so vieler Kunstkritiker für lächerlich, aber bedeutungsvoll.

In dem Masse, wie das moderne Denken auf dem Gebiet der Kultur entdeckt, dass es seit 25 Jahren vollkommen stagniert; in dem Masse, wie eine ganze Epoche, die nichts verstanden und nichts verändert hat, sich ihres Mißerfolgs bewusst wird, trachten ihre Verantwortlichen danach, aus ihren Aktivitäten Institutionen zu machen. So fordern sie die offizielle Anerkennung des Teils eines in jeder Hinsicht überholten, aber immer noch materiell vorherrschenden, sozialen Ganzen, dessen gute Wachhunde sie meistens gewesen sind. Der Hauptmangel der Kritik in der modernen Kunst besteht darin, dass sie die kulturelle Totalität und die Bedingungen einer Experimentalbewegung, die stets über sie hinausgeht, nie begreifen konnte. Zur Zeit erlaubt und erfordert die verstärkte Beherrschung der Natur eine höhere Kunst in der Konstruktion des Lebens. Das sind die heutigen Probleme und jene Intellektuellen, die aus Angst vor der allgemeinen Subversion einer gewissen Lebensform und der durch sie erzeugten Ideen hinter der Zeit zurückbleiben, können nur noch irrational aneinander geraten als die Verfechter dieser oder jener Einzelheit der alten Welt — einer vollendeten Welt, deren Sinn sie nicht einmal erkannt haben. So kommen die Kunstkritiker zusammen, um Fragmente ihrer Unwissenheit und ihrer Zweifel auszutauschen. Einige Personen, von denen wir wissen, dass sie sich heute darum bemühen, die neue Forschungsarbeit zu verstehen und zu fördern, haben, indem sie hierher gekommen sind, akzeptiert, sich mit einer unermesslichen Mehrheit von Mittelmäßigen zu vermischen und wir bringen ihnen zur Kenntnis, dass sie nur dadurch hoffen können, für uns ein Minimum an Interesse zu behalten, dass sie mit diesen Kreisen brechen.

Verschwindet, Kunstkritiker, partielle, inkohärente und geteilte Idioten! Ihr inszeniert umsonst das Spektakel eines falschen Treffens. Gemeinsam habt ihr bloß eine Rolle zu spielen; Ihr sollt einen Aspekt des westlichen Handels auf dem hiesigen Markt zur Schau stellen — euer konfuses und leeres Geschwätz über eine aufgelöste Kultur. Ihr seid durch die Geschichte entwertet. Sogar eure Kühnheiten gehören einer Vergangenheit an, aus der nichts mehr entspringen kann.

Geht auseinander, ihr Kunstkritikerbruchstücke und Kritiker von Bruchstücken! In der Situationistischen Internationale wird die einheitliche künstlerische Aktivität der Zukunft organisiert. Ihr habt nichts mehr zu sagen.

Die Situationistische Internationale wird euch keinen Platz einräumen. Wir sorgen dafür, dass ihr aushungert.

Es stand unserer belgischen Sektion zu, den notwendigen Widerstand auf der Stelle zu organisieren. Gleich am 13. April, dem Abend vor dem Versammlungsbeginn, als die Kunstkritiker beider Welten unter dem Vorsitz des Amerikaners Sweeney gerade in Brüssel empfangen wurden, wurde ihnen der Text des situationistischen Aufrufs auf verschiedenen Wegen zur Kenntnis gebracht. Vielen von ihnen wurden Exemplare durch die Post bzw. durch direkte Verteilung überreicht. Anderen, namentlich angerufenen, wurde der Text ungekürzt oder teilweise telefonisch vorgelesen. Eine Gruppe erzwang sich den Zutritt zum Pressehaus, in dem die Kritiker empfangen wurden, um die Anwesenden mit Flugblättern zu überschütten. Noch mehr davon wurden auf der Straße, von Stockwerken hinunter bzw. von einem Wagen hinausgeworfen. So konnte man nach dem Zwischenfall im Pressehaus Kritiker sehen, die Flugblätter sogar von der Straße holten, indem sie sie neugierigen Passanten entrissen. Kurz, es wurden alle Vorkehrungen getroffen, damit die Kritiker diesen Text nicht ignorieren konnten. Die betreffenden Kritiker scheuten sich nicht, ihre Zuflucht bei der Polizei zu suchen und sie gebrauchten Mittel, die ihnen dank der mit der Weltausstellung verflochtenen Interessen zur Verfügung standen, um den Abdruck in der Presse einer dem Ansehen ihrer Messe und ihres Denkens schädlichen Schrift zu hemmen. Unser Genosse Korun wird wegen seiner Rolle bei dieser Manifestation strafrechtlich verfolgt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 1, Seite 27
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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