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Stefan Meretz

Monokultur

Wie entstand das, was wir heute so selbstverständlich „Landwirtschaft“ nennen, und was ist das überhaupt? Diesen Fragen stellt sich Florian Hurtig in dem Buch „Paradise Lost – Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur“ (Oekom Verlag, 2020). Hurtig rekonstruiert die Genese der modernen Landwirtschaft als „lebensfeindliche Produktionsstätten für Agrarerzeugnisse“ und einem „sozialen und ökonomischen Ausschluss [der Menschen] aus der Landschaft“ (10). Doch war früher wirklich alles besser? Es war zumindest anders, und die Rekonstruktion des über weite Strecken gewaltförmigen Durchsetzungsprozesses der Monokulturisierung des Anbaus von Nahrungsmitteln führt uns vor Augen, dass das, was wir heute kennen, keineswegs der einzige und zudem auch nicht der nachhaltige Weg ist, uns langfristig mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Hurtig zeigt zu Beginn auf, dass die gängige Erzählung des Übergangs von jagenden und sammelnden (=nomadischen) Lebensweisen zur landwirtschaftlichen Produktionsweise vom linearen Fortschrittsnarrativ bestimmt ist. Nomadische Gesellschaften waren demnach defizitär, denn sie nutzten die Umwelt nur wie sie sie vorfanden und zogen weiter, wenn die Ressourcen erschöpft waren. Demgegenüber gestalteten Ackerbäuer*innen planvoll die Landschaft, um ihre Lebensbedingungen produzierend herzustellen und sich von zufällig vorgefundenen Bedingungen zunehmend unabhängig zu machen. Doch: „Beides – Sammeln und Jagen – waren keine zufälligen Prozesse, sondern sehr viel geplanter, als landläufig angenommen“ (15). Und: „Sesshaftigkeit ist … nicht an eine bestimmte Form der Nahrungsgewinnung geknüpft“ (20).

In der Folge entwirft der Autor ein Panorama einer vielfältigen polykulturellen Lebens- und Produktionsweise als Gegenbegriff zur der heute in der kapitalistischen Landwirtschaft dominierenden Monokultur. Die Polytechnik gab es bereits viele tausend Jahre bevor sich die Landwirtschaft über viele Zwischenstufen schließlich durchsetzen konnte. Sie basierte auf einer Vielfalt unterschiedlicher Subsistenztechniken, zu denen Jagen und Fischen, der Brand- oder Wanderfeldbau bis zur Pflege von Waldgärten reichten.

Der erste Übergang zur sesshaften Lebensweise wurde mit der Jōmon-Kultur in Japan vor etwa 14.000 Jahren nachgewiesen. Sie entwickelte sich jedoch nicht auf Basis der Domestizierung von Wildgetreide und -tieren, sondern von Waldgärten mit kultivierten Esskastanien, die so licht gehegt wurden, dass dazwischen weitere Nutzpflanzen gedeihen konnten. Diese Form der Kultivierung lag so nahe an der natürlichen Vegetation, dass sie Böden und Klima nicht negativ beeinflussten und eine dauerhafte Nutzung möglich wurde. Ähnliche Entwicklungen, die den (Wald-) Gartenbau zur Grundlage hatten, lassen sich in vielen Teilen der Welt nachweisen, etwa auch in Europa mit der Nutzung der Haselnuss.

Hinzu kommt ein weiterer stabilisierender Effekt der Gartenbaukultur: Im Gegensatz zu jagenden Tätigkeiten, bei der der Erfolg der einen Gruppe die Erfolgswahrscheinlichkeit einer anderen Gruppe reduzierte, führte die Verbesserung der Pflanzenerträge durch züchterische Erfolge eher zu kooperativ-inkludierenden Beziehungen, sofern Wissen und Pflanzgut zwischen Gruppen ausgetauscht wurden. Ein solches Verhalten wurde für die Tropen nachgewiesen und liegt auch nahe, da „die Kooperation zwischen den Gemeinden … zu geringerer notwendiger Tätigkeit führte“ (42).

Doch: „Wieso gingen Menschen in einer Zeit der Fülle auf einmal zum deutlich arbeitsintensiveren Ackerbau über?“ (48). Einen zentralen Hinweis sieht der Autor in der erst vor 25 Jahren entdeckten und immer noch nur ansatzweise ausgegrabenen Tempelanlage von Göbekli Tepe in Südostanatolien, die vor 12.000 Jahren errichtet wurde. Der Bau begann noch zu einer Zeit des Jagens und Sammeln als bestimmender Form der Lebensgewinnung und reicht bis in die Zeit der landwirtschaftlichen Produktion hinein – nachgewiesen etwa anhand des genetischen Ursprungs der Urformen des Weizens in der Region. Daraus schließt (nicht nur) der Autor, dass nicht ein schwindender Nahrungsertrag aus dem Jagen und Sammeln zum Übergang zur produzierenden Lebensweise führte, was erst danach den Bau der Tempelanlagen ermöglicht hätte. Sondern umgekehrt waren für den Bau derartig monumentaler Bauwerke enorme Nahrungsmittelmengen erforderlich, um riesige Menschenmengen zu versorgen, die den Bau errichteten, was erst zur produzierenden Lebensweise führte.

Diese Umkehrung der bisher üblichen Sichtweise verschiebt auch den Grund für die Entstehung von Herrschaft in die Zeit einer Lebensweise, die bisher als herrschaftsfrei oder -arm galt. Der Autor schreibt von einer „jägerischen Machtelite“ (49), die den Bau dieses überregionalen spirituellen Zentrums veranlasste. Doch wie entstand diese (männliche) Machtelite und wie war sie in der Lage, eine komplette Neuorganisation der Lebensweise mit Verfügung über eine vergleichsweise gigantische Ansammlung von Menschen zu Bauzwecken ins Werk zu setzen?

Der Weg bis zu den späteren Monokulturen war noch weit, doch das neue „Agrarpaket“ mit Getreide, Linsen und Bohnen wie auch domestizierten Tieren setzte sich durch und verbreitete sich in alle Richtungen. „Die notwendige Arbeitszeit stieg mit der Ackerarbeit. Durch die Arbeitsteilung konnte aber die individuelle Arbeitszeit sehr ungleich verteilt werden“ (60). Ausbeutung und Abschöpfung von Produkten führte zur Klassen- und Sphärenspaltung. Der entscheidende Umbruch im Neolithikum sei also nicht Sesshaftwerdung und Schrifterfindung, sondern die „Erfindung der Arbeit“ (61). Und: „Die Vervollkommnung dieser Arbeitsmaschinerie führte zur Entstehung der ersten wirklichen Staaten … aus den Getreidespeicher- und Bewässerungsbürokratie-Tempeln“ (66) – Arbeitskritik am konkreten Gegenstand.

In dem interessanten Buch werden die weitere Entwicklungen auf dem Weg in die industriell-landwirtschaftliche Monokultur nachgezeichnet, dem diese kurze Besprechung der Anfangszeit der Landwirtschaft nicht gerecht werden kann. Zentralisierung, Vereinheitlichung und Kontrolle der Monokulturen schufen die Voraussetzungen für die industriell-kapitalistischen Stoffströme und Herrschaftsformen – ein neuer Blick auch auf die Entstehungsbedingungen des Kapitalismus. Bitte selbst lesen!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
2021
Heft 82, Seite 12
Autor/inn/en:

Stefan Meretz:

Geboren 1962. Berliner. Informatiker. Schwerpunkte: Freie Software und Technikentwicklung. Aktiv u.a. bei Oekonux und Wege aus dem Kapitalismus; „Traforat“ der Streifzüge.

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