Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 4-5/2004
Thomas Schmidinger

Mit SchülerInnen in der Wehrmachtsausstellung

Wer, wie ich, seine Schul­zeit schon über zehn Jahre hinter sich hat, kann sich vermutlich nur noch dunkel an lähmende Führun­gen durch Kunst- und Geschichteausstellungen erin­nern durch die mensch von Lehrerinnen und unterschiedlichsten Kulturver­mittlerInnen auf Wienwo­chen und Exkursionen ge­schleift wurde. Schon ein Jahr später wußten wir kaum noch welche Museen wir überhaupt aufgesucht hatten. Einer späteren Generation von SchülerInnen, die im Frühling 2001 von einer je­ner VermittlerInnen durch die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht begleitet wur­den, könnte jedoch ein ande­rer Eindruck geblieben sein. Nun haben die VermittlerIn­nen von trafo.K ein Buch über ihre Erfahrungen bei der Ausstellungsvermittlung an Schulkinder und Jugend­liche publiziert. Dass sich manch SchülerIn länger an diese Ausstellung erinnern könnte, dürfte nicht nur auf­grund des Themas der Aus­stellung, das direkt in die in den Familien tradierte Ge­schichte intervenierte und den Mythos von der Zu­gehörigkeit des (Ur-)Opas zur „sauberen Wehrmacht“ in Frage stellte, der Fall sein. Auch die durchdachten Ver­suche der Ausstellungsver­mittlerInnen die Shoah und die Verbrechen der Wehr­macht weder durch billige Alibibetroffenheit, noch durch „sinnstiftende“ Mo­ralerziehung im Sinne eines „Lernens aus der Geschich­te“ zu vermitteln, sondern die Shoah in ihrer ganzen Sinn­losigkeit so darzustellen, dass ihr auch nicht nachträglich als Immunisierungsimpfung gegen Antisemitismus und Rassismus „Sinn“ verliehen werden kann, trug sicher da­zu bei, dass die Ausstellung nicht so schnell vergessen wird. Gerade die darzustel­lende Sinnlosigkeit der Ver­nichtung führt jedoch nicht nur bei erwachsenen „ganz normalen ÖsterreicherInnen“ immer wieder zu Abwehrreaktionen. Auch für Kinder und Jugendliche scheint dies schwer zu vermitteln sein. Dass sich die Ausstellungs­vermittlerInnen dieser Pro­blematik nicht nur bewußt sind, sondern sie auch aktiv thematisieren und diskutie­ren, zeigt, dass hier nicht nur pädagogische Konzepte einer Ausstellungsvermittlung mit­gedacht wurden, sondern diese auch auf einem inhalt­lichen Fundament aufbauen, das aus der intensiven Beschäftigung mit der Shoah, mit Antisemitismus und dem Vernichtungskrieg im Osten, aber auch mit der Ge­schichtspolitik und dem Fort­leben von Aspekten nationalsozialistischer Ideologie nach 1945 resultiert. Das Buch der Auststellungsvermittlungsgruppe trafo.K, die im Frühling 2004 auch die Vermittlung der Ausstellung Gastarbajteri — 40 Jahre Arbeitsmigration übernommen hatte, wird gerade durch die­se Verbindung geschichts­philosophischer, sozialwis­senschaftlicher und pädago­gischer Aspekte interessant und dadurch mehr als reine Ausstellungspädagogik. Die Beiträge von Nora Sternfeld, Charlotte Martinz-Turek, Renate Höllwart und Alexander Pollak sind dabei nicht nur für MuseumspädagogInnen oder LehrerInnen von Inter­esse. Obwohl sie sich an der Frage der Vermittlung des Wissens um die nationalso­zialistischen Verbrechen an SchülerInnen und Jugendli­che abarbeiten, ist es gerade­zu unvermeidlich, dass dabei auch grunsätzliche Aspekte der österreichischen Vergan­genheitspolitik und der pri­vaten Tradierung von Geschichtsbildern in den Fami­lien ebenso zur Sprache kom­men wie die grundsätzliche Frage, wie die Sinnlosigkeit der Verbrechen überhaupt „erzählt“ werden kann. Diese Fragen betreffen keineswegs nur Jugendliche, werden aber für diese durch das langsame Sterben der Überlebenden und Augenzeugen für die nächste Generation öster­reichischer SchülerInnen um­so wichtiger.

Interessant sind dabei auch jene Kapitel die sich u.a. mit den Reaktionen der jugendlichen Ausstellungsbe­sucherInnen beschäftigen. Hier ist einerseits die auch auf quantitativen Erhebun­gen mittels Fragebogen be­ruhende Studie von Ines Garnitschnig und Stephanie Kiessling zu erwähnen, die auch den familiären Hintergrund der befragten jugend­lichen AusstellungsbesucherInnen mit einbezog. Aber auch in den Beiträgen von Nora Sternfeld und Charlot­te Martinz-Turek sind immer wieder Unterschiede mit den Vermittlungserfahrungen in Deutschland beschrieben. Dabei werden auch die Dif­ferenzen zwischen Kindern und Jugendlichen mit „mehr­heitsösterreichischem“ Hin­tergrund mit jenen mit migrantischen Hintergrund her­ausgearbeitet. Gerade ange­sichts der exemplarischen Fo­kussierung der Ausstellung auf den Vernichtungskrieg der Wehrmacht in Südostreuropa sind die Unter­schiede zwischen Kindern, deren Eltern aus dem ehe­maligen Jugoslawien einge­wandert sind und jenen, de­ren Großeltern aus einem Tä­terhintergrund ihre Geschichte erzählten, augenfäl­lig und vervollständigen da­mit die umfangreiche Dokumentation.

Büro trafo.K/Renate Höll­wart/Charlotte Martinz-Turek/Nora Sternfeld/Alex­ander Pollak (Hg.): In einer Wehrmachtsausstellung. Er­fahrungen mit Geschichtsvermittlung. Wien: Turia + Kant 2003, 223 Seiten, Euro 22,—, ISBN 3-85132-371-8

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2004
Heft 4-5/2004, Seite 49
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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