Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 2-3/2003
Renate Göllner

Mit Pilz gegen God

Der neue Feind ist fast unsichtbar. Anders als der russische Bär, der al­lein durch die Tundra trot­tet, versteckt sich der islami­sche Terrorist wie eine Amei­se unter gleich Aussehenden, vor allem in den großen Städten. Zwischendurch zieht er sich in Höhlen zurück“ (138). Diese Sätze stammen nicht aus einem Karl-May-Verschnitt, son­dern sind Peter Pilz’ neuem Buch „Mit Gott gegen alle. Amerikas Kampf um die Weltherrschaft“, entnom­men. Nicht das Entsetzen über die durch islamistische Selbstmordkommandos zu Tode gekommenen wird dar­in zum Ausdruck gebracht, vielmehr scheint eine subku­tane, heimliche Faszination von den Mördern und deren Geschick auszugehen, sich immer wieder dem Zugriff zu entziehen. Diese Haltung ist gleichsam charakteristisch für „Mit Gott gegen alle“, ein Buch, das sich nahtlos in eine Reihe anderer aktuell er­schienener antiamerikani­scher Pamphlete einfügt. Darin rechnet der Sicher­heitsexperte der österreichi­schen Grünen auf nahezu zweihundertsiebzig Seiten mit Amerika ab; nicht allein gegen die amerikanische Zivilisation richtet sich sein Ressentiment, Pilz wettert gegen Demokraten und Republikaner gleichermaßen, polemisiert gegen die ameri­kanische Verfassung „eine Gesellschaft ohne Oppositi­on und Alternative“, die Um­weltzerstörung „das organisierte Umweltverbrechen hat seinen Hauptsitz in den USA“, die Armut, die er auf die „Gier (Amerikas R.G.) wirtschaftlicher Eliten“ zurückführt, und er schil­dert, wie mittels Blitzkriegen (sic!), Brückenköpfen und imperialen Arsenalen die USA die „Weltherrschaft“ zu erlangen versuchen. Selbst vor den billigsten Klischees schreckt Pilz nicht zurück: Bush sei ein „bemerkenswert einfältiger Mann“, wenn er „frei spricht“ hätte „das ge­bildete Amerika etwas zum Lachen“; eine Bemerkung allerdings, die, angesichts der rhetorischen Talente in der österreichischen Regierungs­mannschaft und in den Op­positionsparteien kurioser nicht sein könnte.

Um die Ideologie vom „Reich“ (sic!) Amerika, das nach der Weltherrschaft stre­be, wirklich glaubhaft ma­chen zu können, bedarf es freilich dreister Vereinfa­chungen und plumpester Verdrehungen: Gleich im ersten Kapitel seine Buches vergleicht Pilz George Bush mit bin Laden „Bin Bush“, die beide „ihre Gegner aus­rotten“ wollen und dazu be­reit sind, „alle Waffen einzu­setzen“. Das Verbrechen des 11. Septembers, bei dem tau­sende Menschen ermordet wurden, firmiert nur als ein Anschlag unter anderen, des­sen besondere Qualität be­stritten wird: „Das Bild von den gänzlichen neuen Ter­roristen, die einen neuen ‚asymetrischen‘ Krieg gegen die christliche Kultur führ­ten, dient nur einem Zweck: den dauernden Kriegszu­stand zu rechtfertigen.“ „Sharon, Putin und Bush sind ebenso Teil des Pro­blems wie Bin Laden oder Abu Sayyaf. Ihre sicher­heitspolitische Kreativität ge­horcht immer noch dem Dinosaurierprinzip: viel Pan­zer, wenig Hirn.“ Soviel eu­ropäische Überheblichkeit und dümmliche Gleichset­zung ist kaum zu ertragen, aber es wird nichts als allge­meiner politischer Konsens zum Ausdruck gebracht. Daß die islamistische Ideo­logie und ihr Terror nur die Kehrseite der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Zivi­lisation sind — und nur im Zusammenhang damit ent­stehen konnte — ist banal; doch wo es notwendig wäre, Gegensätze festzuhalten, wird ganz bewußt weder dif­ferenziert noch in irgend ei­ner Form auf die geschicht­liche Entwicklung der Selbstmord-Anschläge Be­zug genommen: Nicht nur dient der Vergleich von de­mokratisch gewählten Präsi­denten wie Bush, Sharon oder Putin mit Anführern ei­ner Bande von Selbstmord-Rackets zur Entlastung und Verharmlosung der Täter und ihrer Verbrechen; Ter­ror ist eben nicht gleich Ter­ror, wie Pilz behauptet, und in einem Atemzug das zari­stische Russland, Francos Spanien und das moderne Israel (sic!) nennt: mit dem Massenmord des 11. Sep­tember wurde tatsächlich ei­ne neue Qualität der An­schläge erreicht, die deutlich machte, daß jene, die den Heiligen Krieg führen, auch nicht davor zurückschrecken, mit dem eigenen Tod tau­sende Menschen mit einem Schlag zu vernichten. Aus­geblendet wird schließlich der antisemitische Wahn der islamistischen Attentäter, der seine letzte Konsequenz in der Vernichtung Israels hat, sowie der Umstand, daß um­gekehrt Israel als einzige Zu­fluchtstätte der von Antise­mitismus Verfolgten, alles in seiner Macht stehende tun muß, um seine Existenz nicht zu gefährden.

Dem bösen „Weltpolizi­sten“ und „Weltrichter“ Amerika stellt Pilz das gute Europa, wo „fast alles“ bes­ser ist, gegenüber. Während hier, am alten Kontinent die „Parteien noch unterschied­liche gesellschaftliche Inter­essen vertreten“, „repräsen­tieren die Spitzen der ameri­kanischen Politik meist nur unterschiedliche Geschäfts­interessen.“ Europa abge­koppelt vom Rest der Welt, wo statt Profit und Geschäft, statt schnödem Mammon, höhere Sittlichkeit waltet. In­dem sich Pilz gleichsam außerhalb des kapitalisti­schen Ganzen phantasiert, kann er um so moralisieren­der gegen den Materialismus Amerikas zu Felde ziehen, und so tun, als ob er nicht selbst an dessen Reichtum partizipiert.

Dem autoritären Spießer ist Amerika, diese bürgerli­che Gesellschaft schlechthin, dieses klassische Einwande­rungsland zutiefst suspekt. Als Sicherheitsexperte der Nation hat Pilz freilich auch ein ganz besonderes Ver­hältnis zum Staat. Das aber ist grundsätzlich anders be­schaffen, als jenes der US-Bürger zu ihrem Staat: Dan Diner spricht in diesem Zu­sammenhang von einer „re­gelrechten Verkehrung eu­ropäischer Geschichtserfah­rung.“ „Während in Europa sich der Staat schon früh zur Voraussetzung von Ordnung und Wohlfahrt erhoben hat­te, der Staat der bürgerli­chen Gesellschaft gleichsam vorausging, war Amerika von Anbeginn als bürgerli­che Gesellschaft angelegt, schätzten die freiheitsverses­senen Amerikaner jene alles überwölbende Staatlichkeit gering, die Europas Ge­schichtsbewußtsein beflü­gelte ...“

Um die Herrschaft des Abstrakten dingfest zu ma­chen, um statt vom Kapital­verhältnis von Globalisierung reden zu können, muß das Kapital in Gestalt der USA, bzw. in seiner Regierung per­sonifiziert werden. Gefahn­det wird nach Schuldigen, die für die Krise verantwort­lich gemacht werden kön­nen. Hinter der Identifikati­on mit dem Abstrakten ver­bergen sich die, die nach der „Weltherrschaft“ streben; wer das ist, ob Juden, Yan­kees, oder WASPs, bleibt dem Leser überlassen: „Die Hauptgewinner (der Globa­lisierung, R.G.) produzieren allerdings gar nicht. Sie spe­kulieren ... Das Zentrum der Spekulation befindet sich nach wie vor an der Wall Street, in New York. Wer in den USA an die Macht will, muß sich die Unterstützung der teuersten Straße der Welt sichern.“

Es ist nicht bloß das ra­biate Ressentiment gegen Amerika, das in dem vor­geblichen Friedensaktivisten rumort, sondern zugleich auch eine tiefsitzende Wut über die Ohnmacht der Eu­ropäer, bzw. der Deutschen. So offen aber wagten es Pilz’ deutsche Parteikollegen bis­lang kaum auszusprechen: Nicht nur habe „die Stunde Europas“, längst geschlagen, sondern Pilz sehnt tatsäch­lich eine neue Vormachtstel­lung Deutschlands herbei, das sich gemeinsam mit an­deren Europäern Amerika auch militant in den Weg stellen müsse. Sollen auf der eine Seite die Vereinten Na­tionen zu humanitären Mi­litäraktionen ermächtigt wer­den, so soll der Internatio­nale Strafgerichtshof seine Zuständigkeit überall auf der Welt durchsetzen. Der Wunsch nach Umkehrung der Dominanzverhältnisse ist nicht nur nationalistischem Größenwahn geschuldet, es handelt sich zugleich auch um eine grandiose Phantasie, die sich zwar in absehbarer Zeit nicht erfüllen wird, aber zur Destabilisierung und Entfesselung irrationaler Ge­waltverhältnisse entschei­dend beitragen wird. „Kein Wunder“, schreibt Dan Di­ner, „wenn der deutschen pazifistischen Selbststilisie­rung bei den Verbündeten mit tiefer Skepsis begegnet wird, beruht sie doch auf Selbsttäuschung. Denn die durch das historische Trau­ma verleugnete Gewaltbereitschaft wird auf jene pro­jiziert, die schon immer als Hort des Anderen und mit­hin als Projektionsfläche für die Verleugnung in An­spruch genommen wurden: die USA.“

Die Zitate sind Peter Pilz: Mit Gott gegen alle. Ameri­kas Kampf um die Welherr- schaft, sowie Dan Diner: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments, München 2002, ent­nommen.

Peter Pilz: Mit Gott gegen Alle. Amerikas Kampf um die Welt­herrschaft, DVA, Stuttgart München 2003. 287 S. ISBN 3-421-05758-3

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2003
Heft 2-3/2003, Seite 35
Autor/inn/en:

Renate Göllner:

Renate Göllner arbeitet als freie Autorin in Wien.

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