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Mike Cooley

Mit der Hand gedacht

Arbeiter machen Antitechnik

Wirtschaftskrise und Automatisierung der Büroarbeit bringen Ingenieure und Arbeiter zusammen. In England entstanden neue Modelle der Konstruktion, Planung und Selbstverwaltung in einer dahinsiechenden Industrie. Mike Cooley stand lange Zeit an der Spitze eines solchen Modells im englischen Rüstungskonzern Lucas Aerospace, bis er entlassen wurde. Diese Rede hielt er am 27. September im englischen Seebad Brighton am Rande des Labourparteitags auf einer Veranstaltung der Russellfoundation in Gegenwart seines Freundes Tony Benn.

Mike Cooley, Flugzeugingenieur und Neuerer

Inschenör krisenschwer

Ich bin Ingenieur, und ich beurteile Dinge nach den Standards des Maschinenbauers. Ich beurteile andere Ingenieure nach den Maschinen, die sie entwerfen, und wenn die Maschinen gut funktionieren und im Interesse der Menschen arbeiten, für die sie gebaut wurden, dann finde ich die Ingenieure gut. Man sollte Politiker ebenfalls auf diese Weise prüfen. Wir sollten sie nach dem beurteilen, was sie tun, nicht nach dem, was sie uns versprechen.

Das kostbarste Kapital einer Gesellschaft sind die Erfahrungen, der Geist und die Kreativität ihrer Mitglieder. Wenn jetzt Kürzungen des Verteidigungsbudgets anstehen und wir darin eine Bedrohung sehen und nicht die Freisetzung eines Kapitals, das in Spitälern und Schulen eingesetzt werden kann dann ist das ein Zeichen, wie weit unsere Gesellschaft Technik und Wissenschaft pervertiert hat. Die meisten dieser hochqualifizierten Arbeiter und Techniker sind jetzt in der Zerstörungsindustrie konzentriert.

Als wir ab Mitte der 70er Jahre mit der Wirtschaftskrise konfrontiert waren, stießen wir auf gewisse Widersprüche der Technik. Irgend etwas stimmt da nicht, wenn man auf der einen Seite etwas so Elegantes wie die Concorde baut und dieselbe Gesellschaft keine einfachen und sparsamen Heizsysteme konstruieren kann. Diese Entwicklung der Technik hat etwas Obszönes: wir können Steuerungsmechanismen für Raketen bauen, die sie mit Punktgenauigkeit auf ein Ziel auf einem anderen Kontinent dirigieren, aber hier haben wir Blinde, die mit weißen Stöcken über die Straße tapern. Sollten wir nicht mithelfen, Probleme dieser Art zu lösen?

Arbeiter werden kreativ

Wir fragten die Arbeiter beim Rüstungskonzern Lucas Aerospace, was sie als Alternative zu den Waffen produzieren würden. Ich hielt den Versuch zunächst selbst für etwas naiv. Es kam aber zu einem unglaublichen Ausbruch von Kreativität in der Arbeiterschaft. Das Problem ist, daß sie niemand je fragt, was sie herstellen sollen und wie sie es erzeugen wollen. Wir baten sie nicht, Abhandlungen über neue Produkte zu schreiben, sondern sie zu zeichnen und Modelle zu basteln. In unserer Gesellschaft läßt man sich nämlich mehr von dem beeindrucken, was die Leute sagen und schreiben, als was sie tun.

Die Dokumentation dieser kreativen Eruption umfaßt sechs Bände zu je 400 Seiten (zeigt sie vor), wo die Arbeiter genau darstellen‚ was sie fabrizieren würden, wenn man sie ließe.

Ein Beispiel. Wir erfuhren, daß jedes Jahr 3000 Menschen in Großbritannien sterben müssen, weil sie keine künstliche Niere bekommen. Die sterben müssen, sind Arbeiter. Die Mittelklaßler haben ihre Verbindungen zu den Medizinern, die Mitglieder der herrschenden Klasse können sich künstliche Nieren kaufen. Die Verantwortlichen in den Spitälern entscheiden praktisch wie Gerichte, wer überlebt und wer stirbt. Wir haben die künstliche Niere umkonstruiert. Das ist nämlich eine sehr einfache Maschine, trotz des Mystizismus, den die Medizinerzunft drumherum spinnt. Wir haben das Dialysegerät in eine tragbare Form gebracht, sodaß der Patient es am Rücken mitnehmen kann. Er kann jetzt einer Arbeit nachgehen, statt herumzuliegen.

In Wolverhampton gibt es eine Betreuungsstelle für gelähmte Kinder, die an Spina-Bifida leiden, einem Wirbel- und Rückenmarkschaden. Die Kinder konnten sich nur auf dem Boden kriechend fortbewegen. Ein Kollege von mir, Mike Parry Evans, entwickelte ein Fahrzeug für sie, er nannte es Hobcart. Es hilft den Muskeln um den Schwachpunkt, sich zu entwickeln. Dieser Ingenieur ist einer der führenden Systemdesigner in der Welt, und er sagte mir, die Arbeit an dieser Konstruktion sei eine der schönsten Aufgaben in seinem Leben gewesen. Zum ersten Mal sei er in Kontakt gewesen mit Menschen, die sein Produkt verwenden. Er sagte, als ich Freude in den Gesichtern der Kinder sah, bedeutete das mehr für mich, als all diese komplizierten Luftfahrtprobleme.

Wenn euch jemand erzählt, Luftfahrtingenieure wie ich seien nicht an solcher einfachen Arbeit interessiert, kennt er nicht die ungeheure Befriedigung, die sich einstellt, wenn wirkliche menschliche Bedürfnisse befriedigt werden.

Der Railbus, der Schienbus der Lucas Aerospace-Arbeiter, der auf Schienen und Straßen fahren kann und im Prototyp bereits erprobt wurde

Energiekonserve, Schienenbus

Unsere Gesellschaft begeht tragische Fehler im Umgang mit Energie und Rohstoffen. Auf der einen Seite verschwenden wir Energie, auf der anderen redet man von der Notwendigkeit von Atomkraftwerken. Unsere Gruppe sucht also nach Systemen, die Energie und Material sparen. Ich möchte sie nicht mit technischen Details langweilen, aber wir haben Wärmepumpen entwickelt, die Naturgas und Verbrennungsmotoren einsetzen, wodurch man für den Haushalt die zweieinhalbfache Energiemenge gewinnen kann, als wenn man das Gas in der üblichen Weise direkt verbrennt. Wir haben uns auch den Herstellungsprozeß der Anlagen überlegt und stehen jetzt in Verhandlung mit dem Stadtrat von Sheffield, wir hoffen, er wird Arbeiterkooperativen auf die Beine helfen, um die Wärmepumpen für die Haushalte der Stadt zu produzieren. (Zwischenruf eines Labourstadtrats: »Wir werden’s machen!«) Gut. Danke!

Wir haben auch eine Hybridkraftmaschine entwickelt, die in Autos und Züge eingebaut werden kann. Man kann nämlich die Energie, die man verliert, wenn man beispielsweise in Verkehrsstauungen steckt, in einer elektrischen Batterie speichern und dabei gleichzeitig die Luftverunreinigung um 80 Prozent senken sowie den Energieverbrauch um die Hälfte. Diese Einheit würde bei entsprechender Herstellung und Pflege 20 Jahre halten, und wenn etwas kaputt geht, würde nicht das Ganze weggeworfen werden müssen, wie das sonst üblich ist.

Das wichtigste Gerät, das wir gebaut haben, ist das Roadrail Vehicle, der Schienenbus, der in der Stadt wie ein Autobus auf der Straße fährt und Überland auf den Schienen der Eisenbahn fahren kann. Seit langem ist es das Ziel der Labourparty, ein integriertes Verkehrssystem zu schaffen. Dieses Fahrzeug könnte die Grundlage für ein solches System bilden. Es ist bereits in Erprobung, einige von ihnen haben es vielleicht schon gesehen.

Wir machen mit seiner Hilfe technologischen Agritprop, wir fahren durchs ganze Land, zeigen Filme drin, Video usw., und sogenannte gewöhnliche Leute können in ein Fahrzeug einsteigen, das von Leuten wie sie selber entworfen und gebaut worden ist. Wir diskutieren dort, mit den Menschen, welche Technologie sie sich für ihre Umgebung vorstellen.

Menschenmaterial

Wir fänden es falsch, über nette, sozial nützliche Produkte zu reden, die dann auf die alte Art hergestellt werden. Ich sehe keinen Fortschritt darin, wenn wir alternative Windmühlen auf Fließbändern erzeugen. Wenn wir es mit industrieller Demokratie ernst meinen, müssen wir den ganzen Arbeitsprozeß neu organisieren. Gegenwärtig funktioniert er nach tayloristischen Prinzipien. Taylor sagte einmal, in meinem System wird dem Arbeiter genau gesagt, was er zu tun hat und wie er es zu tun hat, und jede Verbesserung, die er an den Anordnungen vornimmt, beeinträchtigt den Erfolg.

Diese Philosophie paßt genau in den militärindustriellen Komplex, wo man nicht mehr von menschlichen Wesen spricht, sondern von Menschenmaterial, Menschen werden als Produktionseinheiten betrachtet. Man spricht von »systemgerechter Planung«. Das »Menschenmaterial« wird in der Systemanalyse wie elektrische Energie oder chemische Reaktionen behandelt.

Der Einsatz menschlicher Arbeitseinheiten bringt freilich viele Nachteile, sie ermüden leicht, nützen sich stark ab, werden krank oder sterben gar. Sie sind oft unverläßlich und dumm. Der nächste Schluß lautet, Menschen sind sogar weniger Wert als Material, man kann sie mit der Neutronenbombe zerstören und das Material dabei stehen lassen. Beide Wertsysteme passen gut zusammen.

Wenn wir diese Tendenz umkehren wollen, müssen wir Systeme entwickeln, die vollen Gebrauch von der menschlichen lntelligenz machen. Wir haben z.B. sogenannte telechirische Systeme entwickelt, also Fernsteuerungen. Unsere Kollegen, welche die Nordsee-Pipelines verlegen, berichteten von einer hohen Unfallsrate der Leute auf See. Wir entwarfen einen mit Fernsehkameras gesteuerten Roboter, der die Montagearbeiten auf dem Meeresgrund ausführen kann.

Wenn man so eine Konstruktion unternimmt, lernt man, wie unglaublich intelligent Menschenwesen sind. Bewegungen, über die ein Mensch überhaupt nicht nachzudenken braucht, muß man einem Roboter erst kompliziert einprogrammieren. Das wirkt überraschend und zeigt das Ausmaß unserer »Entmenschlichung« durch Hochtechnisierung. Es ist geradezu unwahrscheinlich, was ein menschliches Gehirn vermag. Wenn wir im Englischen ausdrücken wollen, daß etwas sehr einfach ist, sagen wir, es ist so simpel wie über die Straße gehen. Als Luftfahrttechniker beeindruckt mich immer wieder die Fähigkeit der Menschen, eine Straße zu überqueren. Man muß in beide Richtungen schauen, schnell wechselnde Bilder von bewegten Fahrzeugen aufnehmen, der Gedächtnisspeicher muß befragt werden, was es für welche sind, wie schnell sie fahren usw. usf.

Kommandogewohnheit

Als Resultat all dieser Überlegungen hat sich unsere Vorstellung, wie Industrie organisiert werden soll, stark verändert. Einer unserer Kollegen, der mit der Britischen Staatseisenbahn über die Verwendung der Eisenbahnschienen für unseren Schienenbus verhandelt hat, kam zu der Feststellung, daß Management kein Beruf oder irgendeine Qualifikation ist, sondern eine Kommandofunktion, eine schlechte Gewohnheit, vererbt von Militär und Kirche. Industrielle Demokratie kann nicht gewährt werden, man muß sie erkämpfen, die Arbeiter müssen sie sich nehmen. Auf dem Weg dahin sollten wir die Weisheit derer in Frage stellen, die über uns gesetzt sind, besonders der Ökonomen. Als Ingenieur fällt es mir schwer, Ökonomen ernst zu nehmen. Wenn eine Größe statt um zwei Prozent um drei Prozent hinaufgeht und der Ökonom entschuldigend sagt, der Unterschied sei nur ein Prozent, muß ich einwenden, der Fehler beträgt 50 Prozent, und wenn ich auf meinem Gebiet solche Fehler mache, fällt das Flugzeug in den Atlantik!

Es beginnt schon mit den Grundbegriffen. Die Ökonomen sagen uns zum Beispiel, wir müssen das Bruttonationalprodukt vergrößern. Aber was ist das Bruttonationalprodukt? Wenn zwanzig Autos in einen Auffahrunfall verwickelt sind und Leute ins Spital kommen, steigt das Nationalprodukt. Wenn sie ihr Auto selber reparieren und ihr Gemüse selber anbauen, sinkt das Nationalprodukt.

Sollen wir uns mit solchen Begriffen von der »Wissenschaft« ein X für ein U vormachen lassen? Der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß da irgendwas von Grund auf nicht stimmt. Drei Millionen Menschen sind ietzt in Großbritannien arbeitslos, während auf der anderen Seite ein großer Bedarf nach Produkten besteht.

Wissenschaft und Technik sind nicht neutral. Sie spiegeln die ökonomische Basis der Gesellschaft wider. Stalin machte meiner Ansicht nach einen großen Fehler, als er Wissenschaft und Technik als neutral einstufte. Desgleichen Lenin, als er den Taylorismus übernahm.

Frauen heilen Technik

Ein wichtiger Punkt in unserem »Corporate plan« war von Anfang an, daß wir mehr Frauen in Wissenschaft und Technik haben wollen. Wir meinen dabei nicht, daß sie als Männer-Ersatz oder -Imitationen einrücken sollen. Das wäre so, wie wenn man den Westindern erklärt, wir würden sie als Gleiche behandeln, wenn sie nur weiß würden. Es könnte eine ungeheure Bereicherung von Wissenschaft und Technik bringen, wenn mehr Frauen hereinkämen und die dominierenden männlich-kapitalistischen Werte in Frage stellten, und uns wieder auf die Bedeutung subjektiver Urteile und anderer Werte hinweisen, die wir jetzt als »weiblich« empfinden, die aber in Wirklichkeit Bestandteil aller schöpferischen Betätigung sind.

Ich bin der Friedensbewegung in England immer kritisch gegenübergestanden, weil sie über die Abrüstung nur moralisiert hat und nicht den Mut oder die Energie aufbrachte, im einzelnen auszuarbeiten, was die Arbeiter tun sollten, wenn die Kriegsprodukte wegfallen. Jetzt gibt es solche Modelle.

Ich bin Unilateralist, also für einseitige Abrüstung. Ich sehe das als dynamischen Prozeß, indem Großbritannien erklärt, es sei unilateral, leitet es einen Prozeß ein, der in Europa eine militärfreie Zone herbeiführt, und zwar nicht nur in Westdeutschland, Frankreich, Italien und England, sondern durch die Entwicklungen im Zusammenhang mit »Solidarität« in Polen ebenfalls in Osteuropa.

Warum haben wir für unsere Pläne nicht die Unterstützung der letzten Labourregierung bekommen? Wir gingen zum Industrieministerium, diesem Bermuda-Dreieck der britischen Industrie; dort trafen wir einen hohen Labour-Bürokraten — möchte keinen Gebrauchtwagen von ihm kaufen —, er rümpfte die Nase und trotz eines Labourparteitagsbeschlusses stieß er Drohungen gegen uns aus und verbot uns weiterzumachen. Der Parteitagsbeschluß sagte klipp und klar, daß Lucas Aerospace verstaatlicht und unter Arbeiterkontrolle kommen sollte, wenn unsere Pläne nicht durchgeführt würden.

Als ich wegen Verfolgung dieser Pläne entlassen wurde, traten wir an den Labour-Wirtschaftssprecher, Eric Varley, heran, der antwortete, ich könnte nach dem Gesetz über »unfaire Entlassungen« vorgehen, d.h. also erst wenn ich draußen vor dem Fabrikstor stehe. Kürzlich fragte ein Labour-Unterhausmitglied die Premierministerin, was die Regierung im Zusammenhang mit meiner Entlassung bei Lucas tun würde. Margaret Thatcher schrieb ihm, sie wisse, Dr. Cooley sei bei Lucas Aerospace entlassen worden, sie könne die individuellen Umstände nicht erheben, wenn er aber glaube, seine Entlassung sei nicht fair, weil er meine, es sei wegen seiner gewerkschaftlichen Aktivitäten geschehen, dann könne er doch aufgrund des Gesetzes von 1970 über »unfaire Entlassung« berufen. Ich sah noch einmal in dem Brief von Varley nach, dort steht: Wenn er glaubt, es ist wegen seiner gewerkschaftlichen Aktivitäten geschehen, kann er doch aufgrund des Gesetzes von 1970 über »unfaire Entlassung« berufen. Ich vermute, ein und derselbe Beamte hat beide Briefe geschrieben.

Kann’s Labour besser?

Wenn wir die Probleme der industriellen Demokratie, Entwicklung und Abrüstung ernsthaft angehen wollen, müssen diejenigen in der Industrie, die sich für diese Ziele engagieren, die volle Unterstützung der Labourparty bekommen, deren Politik sie ja schließlich durchführen. Wenn man sieht, was mit Tony Benn geschieht, ermißt man, wie korrupt und zerstört britische Politik geworden ist, daß jemand, der sagt, er wird das Programm durchführen, als Fanatiker und Extremist hingestellt wird.

Ich glaube, daß eine »Alternative Wirtschaftspolitik« (Labours »Alternative Economic Strategy«), die auf den Erkenntnissen einiger weniger Leute an der Spitze beruht, welche uns sagen, was wir machen sollen, jedenfalls zum Scheitern verurteilt ist. Sie würden es nicht durchführen können, und selbst wenn das ginge, würde uns das von der wichtigen Erfahrung abschneiden, es für uns selbst zu tun. Die Labourparty sollte uns als Katalysator für diese Aufgaben dienen, sie sollte für die Arbeiterklasse das tun, was Margaret Thatcher für ihre Klasse tut.

Vielleicht sollte ich das nicht sagen, aber irgendwie habe ich vor Margaret Thatcher Respekt, denn sie hat den Unternehmern gesagt: Wenn ihr die Mike Cooleys loswerden wollt, dann vorwärts, wir werden euch unterstützen! Können wir von einer zukünftigen Labourregierung erwarten, daß sie den Mike Cooleys wieder zu ihren Stellungen verhilft?

Es wird oft bezweifelt, daß gewöhnliche Menschen mit der komplexen modernen Industriestruktur, mit multinationalen Gesellschaften usw. umgehen können. Ich selber habe allerdings noch nie einen »gewöhnlichen Menschen« getroffen. Alle Menschen, mit denen ich zu tun bekomme, sind außergewöhnlich: Lehrer, Installateure, Krankenschwestern, Maurer — sie alle haben unglaubliche Fähigkeiten und Einfälle. Sie stellen die Werte her, die uns umgeben und leisten die Dienste, die wir benötigen. Das ist es, was zählt, nicht Papiergeld. Es kommt auf die wirkliche Arbeit an, die wir leisten. Drei Millionen von uns werden jetzt in Großbritannien daran gehindert.

Angesichts der Komplexität der modernen Technik dürfen wir unseren gesunden Menschenverstand nicht einschüchtern lassen. Wir sollten uns nicht fürchten, zu sagen, das ist falsch und so soll es gemacht werden. Wir dürfen nicht hinnehmen, daß die technische und politische Zukunft als feststehend hingestellt wird.

Kommunalsozialismus

Aus der Diskussion:

Helfen ihnen die Kommunalverwaltungen hei der Durchführung ihrer Pläne?

Cooley: Die Idee des Corporate Plan, also die Idee sozial nützlicher Produktion, welche die Produkte nach ihrem Gebrauchswert beurteilt, nicht nach ihrem Tauschwert, ist relativ neu. Interessiert haben sich vor allem der Stadtrat von Sheffield, besonders im Zusammenhang mit dem Schienenbus; der Londoner Stadtrat (GLC) arbeitet mit dem Center for Alternative Technological Systems (CAITS) an der Nordost-Londoner Polytechnischen Hochschule zusammen. Wir gründen gerade ein zweites solches Zentrum für die Midlands in Lancaster. Auch in Blackpool interessiert man sich für den Schienenbus, sowohl als Verkehrsmittel wie auch für seine Herstellung. Unsere Ideen verbreiten sich schnell.

Wie weit sind sie mit ihrem Schienenbus?

Cooley: Wir haben den Railbus auf Eisenbahnschienen in Somerset getestet, wir werden weitere Tests im Herbst ’81 machen, auf den neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken. Der Vorteil des Gefährts wäre, daß man die Dörfler wie mit einem Bus hereinbringen könnte zu Punkten mit Eisenbahnschienen und von dort in die Städte — so könnte das leidige Nahverkehrsproblem zwischen Schiene und Straße überbrückt werden.

Technik kommt zu Besinnung

Geschichte des »Corporate Plan« und der »Combine«

Nach dem Ölschock des Oktober 1974 riet der damalige Industrieminister des Labourkabinetts, Tony Benn, den Gewerkschaftern des Rüstungskonzerns Lucas Aerospace‚ selbst alternative Produkte zu entwickeln‚ da die Rüstungsausgaben wahrscheinlich gekürzt würden. Ein Jahr lang haben die Arbeiter und Ingenieure nachgedacht, im Oktober 1975 wurden Vorschläge für 150 Produkte vorgelegt. So entstand der »Corporate Plan« der Lucas Aerospace — »Combine«, der in Dutzenden englischer Betriebe Nachahmer fand.

Lucas Aerospace ist mit etwa 10.000 Arbeitern ein Luftfahrtunternehmen, das an Flugzeugen wie Concorde, Airbus A300B, TU 144, Lockheed Tristar, Jaguar, Hawk, Tornado mitbaut und die Hälfte seines Umsatzes in Rüstung macht. Es ist eine Tochter des multinationales Konzerns Lucas Industries, der seinen Hauptsitz in Großbritannien hat, wo er 1978 etwa 70.000 Arbeiter beschäftigte.

Mike Cooley, der Animator des Alternativprogramms, ist von Beruf Flugzeugkonstrukteur. Wegen seiner Aktivitäten wurde er letztes Jahr von Lucas Aerospace entlassen und von seiner Gewerkschaft leider nicht unterstützt, obwohl es eine große Solidaritätsbewegung sowohl in England wie in der ganzen Welt gab.

Jetzt arbeitet er an einer technischen Hochschule in London an der Weiterentwicklung seiner Projekte und zieht als Propagandist einer grundstürzenden Form von Arbeiterselbstverwaltung durch die Lande.

Michael Siegert

Buch zum Thema: Peter Löw-Beer: Industrie und Glück. Der Alternativplan von Lucas Aerospace. Mit einem Beitrag von Alfred Sohn-Rethel: Produktionslogik gegen Aneignungslogik, 215 Seiten, Wagenbach Verlag, Berlin 1981, DM 14,50, öS 110,20.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1981
No. 335/336, Seite 24
Autor/inn/en:

Mike Cooley: Mike Cooley is an innovator in the field of human-centred, socially useful production. Active with trade unions in the UK, while conducting his career as a senior design engineer in the aerospace industry, he has dedicated his time and energies to ensure that industrial production meets the needs of people, including those of its workers. He has established networks which linked community groups, universities and polytechnics, with the goal of developing ecologically desirable products and systems, particularly for the disabled and disadvantaged. Fighting unemployment has always been one of his major concerns, thing that spurred him to get involved in a variety of job creation schemes.

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