Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 1
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Mit dem Kino und gegen das Kino

Der Film ist die führende Kunst in unserer Gesellschaft. Schon deshalb, weil er durch seine Entwicklung nach einer dauernden Eingliederung neuer mechanischer Techniken strebt. Nicht nur als ein anekdotischer bzw. formeller Ausdruck ist er die beste Repräsentation einer Epoche der anarchisch nebeneinandergelegten — nicht gegliederten, sondern bloss addierten — Erfindungen, sondern auch in seiner materiellen Infrastruktur. Nach der Breitwand, dem Anfang der Stereophonie und den Versuchen mit dem Reliefbild zeigen die Vereinigten Staaten bei der Brüsseler Ausstellung das „Circarama“ genannte Verfahren, mittels dessen — gemäss „Le Monde“ vom 17. April — „man sich mitten in der Schau findet und sie erleben kann, da man zu deren Bestandteil wird. Wenn der Wagen, an dem die Kameras angebracht sind, durch das chinesische Viertel in San Franzisko rast, empfindet man selbst die Reflexbewegungen und Eindrücke der Insassen“. Andererseits wird ein geruchverbreitender Film durch die neueste Anwendung der Aerosole ausprobiert, von dem schlagend realistische Wirkungen erwartet werden.

So stellt sich der Film als ein passives Surrogat für die jetzt möglich gewordene einheitliche Kunsttätigkeit dar. Er bietet der reaktionären ausgedienten Macht des Spektakels neue Kräfte ohne eigene Mitwirkung an. Man fürchtet sich nicht davor zu sagen, dass man in der uns bekannten Welt dadurch lebt, dass man mitten im elenden Spektakel ohne Freiheit dasteht, „da man zu dessen Bestandteil wird“. Das ist nicht das Leben und die Zuschauer sind noch nicht am Leben. Diejenigen aber, die diese Welt aufbauen wollen, müssen zugleich im Film diese Tendenz bekämpfen, die Anti-Konstruktion der Situationen zu bilden (die Umgebungskonstruktion des Sklaven, die Kathedralenreihe) und das Interesse bei den neuen, an sich gültigen technischen Anwendungen (Stereophonie, Geruch usw.) erkennen.

Die Verspätung der modernen Kunsterscheinungen im Film — so sind gewisse formell zerstörerische Werke immer noch sogar in den Filmclubs verworfen, obwohl sie gleichzeitig mit dem geschaffen wurden, was seit 20 oder 30 Jahren in den bildenden Künsten oder der Literatur akzeptiert wird — lässt sich nicht nur durch seine direkt ökonomischen oder mit Idealismus übertünchten Fesseln (die moralische Zensur), sondern auch durch die positive Bedeutung der Filmkunst in der modernen Gesellschaft erklären. Diese Bedeutung des Films, die er den höheren Einflussmitteln verdankt, die ihn verwenden, hat zwangsläufig ihre verstärkte Kontrolle durch die herrschende Klasse zur Folge. Deswegen muss man kämpfen, um sich eines echt experimentellen Sektors der Filmkunst zu bemächtigen.

Wir können zwei unterschiedliche Anwendungen des Films betrachten: seine Verwendung als Propagandaform in der vorsituationistischen Übergangsperiode und seine direkte Verwendung als wesentliches Bestandteil in einer realisierten Situation. Auf diese Weise ist der Film mit der Architektur vergleichbar durch seine aktuelle Bedeutung im Leben eines jeden, die Begrenzungen, die ihm jede Erneuerung verbieten und die enorme Bedeutung, die seine Erneuerungsfreiheit ganz bestimmt haben muss. Wir müssen uns die progressiven Aspekte der Filmindustrie zunutze machen, genauso wie die im Misthaufen des absoluten Funktionalismus versteckte Perle herausgeholt werden kann, indem man eine Architektur findet, die aus der psychologischen Funktion der Umgebung heraus organisiert wird.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 1, Seite 8
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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