Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2009 » Nummer 31
Eva Kaufmann

Millionen und Abermillionen potentieller ALICES

Eine Fortführung von 1968?!

Einleitung

Der Teufel ist auf die Erde zurückgekehrt, in vielfältigen Erscheinungen. Der Teufel ist Alice, ist der totale Angriff auf den Staat der Unterdrückung, ist unser Lächeln, ist unser Geist, der denkt, der Teufel ist unser Körper, immer schöner und freier, fähig zu lieben. Heute ist der Teufel hier, und es ist sinnlos, ihm den Hof zu machen, er hat tausend Gesichter, verändert ständig den Ausdruck, wühlt sich durch die Städte, die Stadtteile, die Fabriken, die Schulen, wie eine wilde Katze. [1]

Den zentralen Text für diesen Artikel bildet ein Vorwort von Félix Guattari für das „Kollektiv A/traverso: Alice ist der Teufel“ mit dem Titel „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“. Bei diesem 1977 erschienen Buch handelt es sich um eine Sammlung von Texten aus der gleichnamigen Zeitschrift und aus Texten der im freien Radio ALICE übertragenen Sendungen.

Des Weiteren habe ich für die theoretischen Ausführungen einen älteren Text von Guattari mit dem Titel „Maschine und Struktur“ herangezogen, um seinen Maschinenbegriff einzubeziehen und näher zu erläutern und versuche bei diesen Überlegungen, über die Rolle der Technik, in diesem Fall der Übertragungstechnik in seinem Sinne nachzudenken. Dies bezieht sich sowohl auf die Aktivitäten der 1970er Jahre, es soll damit aber auch ein Bezug zur gegenwärtigen Situation der Medien hergestellt werden.

Darüber hinaus habe ich eine umfangreiche Internet-Recherche durchgeführt und sehr viel Material über den „Mythos“ Radio ALICE gefunden. Interessant war die Nutzung dieses Mediums auch im Hinblick auf Entwicklungen und Tendenzen, die sich in den letzten 30 Jahren, also nach Radio ALICE, ergeben haben und wie sich diese nun in Bezug auf die damaligen Forderungen und die Nutzung der Technologie Radio durch die „Autonomen“ darstellen. Mittels des Internet und speziell mittels zum Teil lebhaft und kontroversiell diskutierter Plattformen wie Youtube lebt also Radio ALICE immer noch weiter.

Radio ALICE

Drohende Gefahr. Vorsicht, die kleinste Fluchtlinie kann alles zur Explosion bringen. Spezielle Überwachung der kleinen perversen Gruppen, die mit Wörtern werfen, mit Sätzen, mit Verhaltensweisen aufwarten, die ganze Bevölkerungsgruppen anstecken könnten. Hauptsächlich ist jeder zu neutralisieren, der Zugang zu einem Sender hat. Überall Ghettos – möglichst selbstverwaltete, überall Mikro-Gulags, bis in die Familie hinein, in die Zweier-Beziehungen, sogar in die Köpfe, um jedes Individuum zu kontrollieren – Tag und Nacht. [2]

Damit beginnt Guattari sein Vorwort zu der Textsammlung „Kollektiv A/traverso: Alice ist der Teufel“ und drückt damit in einem Absatz die drohende Gefahr aus, die Mitte der 1970er Jahre für die Strukturen und den Machtapparat von unabhängigen, sich selbst auch als Autonome bezeichnende Aktivist_innengruppen und in diesem konkreten Fall Betreiber_innen eines der vielen neu entstandenen freien Radios ausgegangen ist, bzw. als solche empfunden wurde.

Lasst hundert Blumen blühen; lasst hundert Radios senden! [3]

Erstmals wird das Staatsmonopol für das Radio in Italien entmachtet. Nach einer Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus, in der Radio mehr als Manipulationsinstrument und Propagandamaschine diente denn als Kommunikationsmittel, fällt diese Dezentralisierung und – um ein modernes, wenn auch nicht ganz passendes Wort zu verwenden – Privatisierung (bzw. mit dem heute ebenfalls problematischen Begriff der Liberalisierung) ausgedrückt in eine Epoche, in der Italien sich noch im Aufruhr befindet. 1968 ist noch nicht vorüber. Die italienischen Linken sind zwar in einer Krise, das Vertrauen in ein Erreichen der Ziele durch die PCI (Partito Comunista Italiano) ist erschüttert. Bis dahin glaubte man, dass die PCI und die Gewerkschaften, die schon immer eine mächtige Position in Italien inne hatten, das Volk besser leiten könnten. So sagte man zum Beispiel: „In Cile i carri armati, in Italia i sindicati“ („In Chile die Panzer, in Italien die Gewerkschaften“). [4] Tatsächlich suchen militante Linke aber nach neuen Wegen und finden diese in neuen Maschinen.

Bereits in einem Flugblatt des Radios aus dem Jahr 1974, also zwei Jahre vor Beginn der Übertragungen, heißt es: „Informare non basta. Ki emette - ki riceve?“ („Information genügt nicht. Wer sendet – wer empfängt?“) [5] Es geht also darum, nicht mehr bloß zu informieren, sondern vielmehr um die Inhalte, die transportiert werden sollten. Und in weiterer Folge darum, offen zu lassen bzw. in Bewegung zu halten, wer sendet (ki emette) und wer empfängt (ki riceve). Überhaupt sieht sich Radio ALICE als Sender in Bewegung, Movimento wird zu einem zentralen und wichtigen Begriff im neuen italienischen Vokabular.

Nun aber kurz zur Chronologie und den Inhalten von Radio Alice und einem Versuch, darzulegen, worin die potentielle Gefahr für die Machthaber bestand und wie sich der Mythos rund um dieses Radio erklären lässt.

Radio Alice entsteht in einem Umfeld der „Indiani metropolitani“ der so genannten Stadtindianer in Rom und Bologna, die sich für die Probleme der Jugendlichen stark machen. Es waren einerseits die hohe Jugendarbeitslosigkeit und andererseits verschärfte Studienordnungen, die die Leute auf die Barrikaden steigen ließen. In Kriegsbemalung wandten sie sich auf ihren Zügen durch die Straßen gegen die katholisch-kommunistische Regierungskoalition, die sie für die Probleme verantwortlich machten. Gleichzeitig lehnten sie sich damit aber auch gegen die Alt-Marxist_innen auf, deren linke Politik sie nicht als zeitgemäß und vor allem nicht als befugte Vertretung ihrer Belange ansahen.

Historisch muss man ausgehen von der Krise der italienischen Linksradikalen nach 1972, insbesondere von einer der lebendigsten Gruppen sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene: „Potere Operaio“. Diese ganze Strömung der extremen Linken zerfließt also zur Zeit dieser Krise, hat aber Momente der Revolte in den verschiedenen Autonomien belebt. (Das Italienische gibt den Namen „Autonomie“ den verschiedenen Bewegungen, z.B. der der Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen etc.) Es entstehen dann politisch-kulturelle Zirkel wie in Bologna der „Gatto Selvaggio“ (Wild Cat), aus dem 1974 die Initiative von Radio ALICE entsprang. [6]

Parallel zu diesen Bewegungen wird – wie bereits erwähnt – das staatliche Radiomonopol als verfassungswidrig aufgehoben, und es entstehen neue freie Radiostationen. So auch Radio ALICE. Im Jänner 1976 beginnen die ersten Probesendungen von Radio ALICE. Die allererste Übertragung wird mit dem Lied „White Rabbit“ von Jefferson Airplane begonnen, einem Song, der das Motiv von „Alice im Wunderland“ und der entscheidenden Begegnung mit dem weißen Kaninchen eine psychedelische Konnotation ganz im Stile der Hippie-Bewegung der späten 1960er und frühen 1970er Jahre gibt.

Auch bei der ersten regulären Sendung am 9. Februar 1976 beginnt das Programm, das täglich von 7.00 Uhr früh bis Mitternacht ausgestrahlt wird und von einem Kollektiv von ca. 40 – 50 Personen gemacht wird, die sowohl für Technik als auch Redaktion verantwortlich zeichnen und allesamt ohne Bezahlung arbeiten, in Anlehnung an Motive der 68er Bewegung: Indische Musik und eine sanfte Frauenstimme, die die Hörer dazu auffordert, im Bett zu bleiben: „Eine Einladung an euch, heute morgen nicht aufzustehen, mit jemandem im Bett zu bleiben, euch Musikinstrumente zu bauen und …“. [7]

Wie Clemens Gruber in seinem Buch „Die zerstreute Avantgarde“ weiter schreibt, lag das Unerhörte dieser beiden unterschiedlichen Einstiege und vor allem der verführerisch vorgetragenen Ansage nicht nur in der für damalige Zeiten gewagten Aufforderung (also der Aufforderung sich nicht in die Rollen der „Kinder, Frauen, Ehefrauen, Väter, Arbeiter, Studenten“ pressen zu lassen, nicht „brav zu sein, diszipliniert, gehorsam, arbeitsam …“ [8] ) sondern vielmehr darin, dass eine wichtige Grenze überschritten wurde: „vom kritischen Konsum des schon Gegebenen wie des schon Gesagten zur kritischen Produktion“. [9] Also wieder: „Ki emette? Ki riceve?“

In weiterer Folge wird dieses Überschreiten von Grenzen in vielfältiger Weise immer wieder ausprobiert. Einerseits entsteht das Programm oft spontan, außer einer fixen Nachrichtensendung zu Mittag gibt es keinen feststehenden Programmablauf oder vorgefertigte Sendungen, keine fixen Sprecher_innen und auch keine Werbung. Verschiedene so genannte „autonome“ Gruppen nutzen Radio ALICE als Plattform für ihre Anliegen und dies in unterschiedlichsten Formen. Diese waren zu einem großen Teil eher traditionell, würde heute gesagt, d.h. es gab Gespräche, Texte, Gedichte, dazwischen Musik, dann wieder das Verlesen von Manifesten und Rezensionen sowie Nachrichten.

Der eigentliche Skandal lag aber in den verbreiteten Inhalten, so wurde z.B. nach dem Motto „Informazioni false producono eventi veri“ mit der Methode der ironischen Falsifikation gearbeitet, das heißt, es wurden falsche Meldungen so weiter gegeben, als ob diese Wirklichkeit wären. Beispielsweise wurde ein täuschend echtes Ankündigungsblatt (so genannte Locandine) des „Corriere della Sera“ lanciert, das über die Landung von Außerirdischen berichtete, eine verblüffende Geschichte. Vor allem ist erstaunlich, dass sie auch knapp 40 Jahre nach dem berühmten „War of the Worlds“ [10] noch immer funktionierte. Es gab so viel Aufsehen und Verwirrung um die Geschichte mit den Außerirdischen, dass sogar die New York Times – wie man sagt schadenfroh – darüber berichtete. Ein Beispiel für eine solche Falsifikation behauptet, dass im Jahr 1976 4000 Arbeiter_innen während ihrer Arbeit umgebracht worden seien, was ebenfalls zu kurzfristiger Verwirrung und Empörung unter der Bevölkerung führte.

Auf der anderen Seite wurden auch immer wieder die Machthaber quasi vorgeführt, so als z.B. Franco Berardi, genannt Bifo und einer der wichtigsten Akteure und Mitbegründer von Radio ALICE, den damaligen italienischen Ministerpräsidenten Andreotti live während einer Sendung angerufen hat. Er gab sich als Gianni Agnelli, Präsident und Besitzer der FIAT-Werke, aus und bat Andreotti um Unterstützung gegen die aufsässigen Arbeiter, welche er auch prompt zugesagt bekam.

Die dritte radikale Änderung zum bisher Bekannten war die Praktik des Radiohörens. Frei nach dem Motto „Ki emette Ki riceve?“ konnte jeder Hörer jederzeit im Studio des Senders anrufen und war sofort ohne Filter auf Sendung. Damit realisierte Radio ALICE auf seine Art, was Bertolt Brecht bereits in seiner Radiotheorie gefordert hatte, nämlich den Rundfunk in einen Kommunikationsapparat öffentlichen Lebens zu verwandeln. Ein weiteres wichtiges Schlagwort war auch das der „Controinformazione“, also der Gegeninformation, ein Begriff der sich in Italien bis heute gehalten hat und als Schlagwort auch im Bereich der Globalisierungsgegner_innen und ähnlichen Gruppierungen für das „Richtig-Stellen“ falschen Darstellungen von Ereignissen seitens der Massenmedien gilt.

Radio ALICE wird von Seiten der Behörden und der Politik verunglimpft und auch polizeilich verfolgt. So wird Bifo 1976 wegen „moralischer Anstiftung zur Revolte“ verhaftet. Mit harten Worten und auch Bildern geht man gegen die linke Bewegung vor. Dagegen wehrt sich ALICE und legt der PCI Worte in den Mund, um damit ihre Auffassung zu unterstreichen, dass diese nicht die legitimierte Vertreterin der Arbeiterklasse sei:

ALICE, Hurensöhne. All diese kleinbürgerlichen Schweine, all diese Fixer, diese Schwulen, diese Perversen, diese Penner, die das Herz unserer schönen Emilia beschmutzen wollen. Aber sie werden es nicht schaffen. Weil hier in 30 Jahren jeder ein hohes Klassenbewusstsein erlangt hat. Hier haben sogar kleine Geschäftsleute ihr Parteibuch. Unsere arbeitsame Jugend wird sich nicht in eine teuflische Maschinerie einfangen lassen. Das Volk wird solch ein Abenteuer ablehnen. Und man klage die PCI nicht der antidemokratischen Praktiken an! Überall in den Fabriken, in den Stadtteilen, in den Schulen, haben wir die Entstehung von Volkskomitees und Delegiertenräten begünstigt. Und gerade sie sind heute dabei, die besten Garanten der Ordnung zu werden. […] Glaubt man denn, dass die italienische kommunistische Partei, die Partei der Arbeiter und des ganzen Volkes, sich noch lange von einer Handvoll Exaltierter einschüchtern lässt? Von verantwortungslosen Provokateuren, die sich selbst als Stadtindianer bezeichnen? Unsere einzige Schwäche ist dann unsere langwährende Geduld gewesen. Die Legitimität der Staatsmacht ruht heute auf uns. Und in letzter Instanz ist es Sache der Partei zu beurteilen, was für die Massen gut oder schlecht ist. [11]

Trotz all dieser Widerstände funktioniert das Projekt Radio ALICE etwas mehr als ein Jahr lang. Genauer gesagt bis zum 11. März 1977, jenem Tag an dem der Student Francesco Lorusso von einem Carabiniere im Univiertel von Bologna erschossen wird. Die Nachricht von seinem Tod – diesmal allerdings keine falsifizierte – wird über Radio ALICE ausgesendet und verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Es kommt zu Krawallen von Studierenden und Kämpfen mit der Polizei. Radio ALICE bleibt immer live auf Sendung und berichtet über alle Vorkommnisse.

Aber Zangheri, der kommunistische Bürgermeister von Bologna, hat die Repressionskräfte in ihrer gewalttätigen Form gerufen. Er hat gepanzerte Fahrzeuge in die Stadt gelassen, hat persönlich die Polizei zum Kampf mit den Worten aufgerufen: „Geht, es ist Krieg, diese Leute da müssen eliminiert werden, sie haben sich selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen…“. Wir waren 15.000 auf der Straße. Nie zuvor hatte man so etwas in Bologna gesehen! ALICE hielt uns jederzeit über alles, was passierte auf dem Laufenden. [12]

Auf Befehl des Bürgermeister wird Radio ALICE schließlich einen Tag nach der Ermordung des Studenten eliminiert, in dem das Studio von der Polizei gestürmt und gewaltsam geräumt wird. Auch diese letzten Szenen werden noch live vom Sender übertragen. Die Begründung für diese Aktion lautet „Aufstachelung zum Klassenkampf“. Franco Berardi flieht nach Paris, wo er während dieser Zeit auch Kontakt zu Félix Guattari und Michel Foucault hat. Bei einer Rückkehr nach Italien im Jahr 1978 wird er verhaftet und muss schließlich für seine Aktivitäten bei Radio ALICE ins Gefängnis.

1976 und 30 Jahre später…

Für die linken Bewegungen zeigt sich durch solche Provokationen, dass die Gefahr, mit der die Kommunisten immer drohen, nämlich die Gefahr des Faschismus, in den Hintergrund rückt. Die Faschisten werden nicht mehr ernst genommen, man nennt sie „eine Handvoll Clowns“. Die viel realere Gefahr droht für die Aktivisten sozusagen aus der eigenen Ecke, „aus der Verbindung zwischen kapitalistischem Staatsapparat und bürokratischen Apparaten der PCI und der Gewerkschaften“, die sie „Agenten der embryonären Form einer neuen Art von Faschismus“ nennen. Die Krise der 1970er Jahre will von dieser Bewegung nicht beseitigt werden, vielmehr sieht sie darin einen Ausdruck und eine Vorankündigung dessen, dass eine ganze Welt zusammenbrechen wird. Ganz so dramatisch ist es bis heute (noch) nicht, aber tatsächlich sehen wir heute im Zuge der Globalisierung bereits etwas, was Guattari schon 1977 in seinem Text geschrieben hat: „Morgen werden andere Bevölkerungsschichten, andere Länder, der Reihe nach, auch diese Rolle spielen.“ Um dem entgegenzuwirken wird dem Versuch, ALICE zu liquidieren noch widerstanden, die Arbeit der „revolutionären Deterritorialisierung“ wird unermüdlich fortgesetzt. [13] Und so heißt es auch: „ALICE. Radio in Fluchtlinie.“ [14] Bei Gilles Deleuze bezeichnet diese Fluchtlinie das „UND“, also die Vielheit und Mannigfaltigkeit, eine Zerstörung von Identitäten. „Das UND ist weder das eine noch das andere, es ist immer zwischen den beiden, es ist eine Grenze, eine Flucht- oder Stromlinie, nur sieht man sie nicht, weil sie das Unscheinbarste ist. Und doch spielen sich die Dinge, die Werden auf dieser Fluchtlinie ab, zeichnen sich hier die Revolutionen ab.“ [15]

Auch wenn Franco Bifo Berardi bis heute unermüdlich in diesem Sinne agiert, Begründer des ersten Street-TV in Italien ist und noch immer an Protesten teilnimmt (so zuletzt 2006 ebenfalls in Bologna) ist es aus heutiger Sicht, also gut 30 Jahre später, nicht gelungen, dem Kapitalismus in dieser Form die Stirn zu bieten. Denn die Erwartung damals war: „Wir stellen fest, dass die Bewegung, die es erreichen wird, die gigantische kapitalistische-bürokratische Maschinerie zu zerstören, a fortiori durchaus fähig sein wird, eine andere Welt aufzubauen.“ [16]

Eben diese Idee der Autonomiebewegung im Italien der 1970er, dass Widerstand, Kreativität und Mediengebrauch etwas miteinander zu tun haben, existiert weiterhin. So sieht Bifo heute Sender wie Radio ALICE mit ihrem Konzept der Integration der Zuhörer_innen in den Sendestrom als Vorwegnahme partizipativer Medien wie dem Internet. Umgekehrt ermöglicht das Internet bzw. die Internettechnologie auch wieder eine neue Chance für das Radio (vgl. auch Podcasts etc.). Als Beispiel sei das Radio GAP (Global Audio Project) erwähnt, ein Zusammenschluss freier Radiostationen in Italien, das während des berüchtigten G8 Gipfels in Genua ähnlich wie schon einst Radio ALICE die Demonstrant_innen und Globalisierungsgegner_innen über Radio, Handy und Internet koordinierte und miteinander vernetzte. Der besondere Vorteil von Radiosendern ist deren Flexibilität. Innerhalb weniger Stunden ist ein solcher Transmitter aufgebaut und kann schnell wieder abgebaut und an einen neuen Ort überstellt werden. Bifo sagt dazu in einem Interview folgendes und nimmt damit indirekt auf Guattari und Deleuze Bezug:

Genau das ist die Stärke des Radios: Kurzzeitig aufzutauchen und temporäre Plattformen bereitzustellen. […] Das meine ich, wenn ich sage, Radio schafft temporäre Identitäten. Damit können wir dann bestimmte Dinge um uns herum ändern, können neue Fluchtlinien schlagen und können neue Identitäten für den Kampf um den nächsten Moment, den Kampf um das Morgen schaffen, und immer so weiter. [17]

Im klassischen Maschinenbegriff wäre also das Radio (später das Internet und auch zum Teil das Fernsehen und zwar im Sinne von Piratensendern oder dem Street-TV in Italien) nur ein „Werkzeug“, das egal von wem und in welchem Sinne (also egal ob von Faschist_innen oder Kommunist_innen, von Machthaber_innen oder Revolutionär_innen) auf die gleiche Art und Weise eingesetzt wird. So gesehen wäre das Medium nur ein Sprachrohr, eine Prothese und Bestandteil der Struktur. Guattari (und später auch gemeinsam mit Deleuze) sieht aber seinen Maschinenbegriff weiter gefächert. So soll sich eine derart verstandene Maschine, die nicht Verlängerung des Protagonist_innen ist, sondern vielmehr einen Teil seiner darstellt, nicht gegenüber verschiedenen Sozialstrukturen verschließen. Sie soll sich ganz im Gegenteil ihnen gegenüber öffnen, auch wenn diese Struktur (im speziellen nennt er die Staatsstruktur) „scheinbar den Grundstein der herrschenden Produktionsverhältnisse bildet, obwohl sie den Produktionsmitteln nicht mehr entspricht“. [18] Wie er schon in seinem Text aus dem Jahr 1969 anmerkt, scheint es nichts mehr außerhalb dieser Strukturen zu geben, bzw. eine Bewegung außerhalb dieser Strukturen unmöglich zu sein. Daraus folgert er:

Das revolutionäre Vorhaben als „Maschinentätigkeit“ einer institutionellen Subversion müsste solche subjektiven Möglichkeiten aufdecken und sie in jeder Phase des Kampfes im Voraus gegen ihre „Strukturalisierung“ absichern. Aber ein solches permanentes Erfassen der auf Strukturen wirkenden Maschineneffekte könnte sich nicht mit einer „theoretischen Praxis“ zufrieden geben. Es verlangt die Entwicklung einer spezifischen analytischen Praxis, die jede Stufe der Kampforganisation unmittelbar betrifft. [19]

Wie ambivalent dieses Thema ist, hat sich auch bei der Recherche zu diesem Artikel gezeigt. Wie ich bereits in der Einleitung kurz erwähnt habe, habe ich sehr viel Material im Internet gefunden. Aber nicht nur die offiziellen Websites der ehemaligen Radio ALICE Macher oder von Befürworter_innen aus anderen Ländern tragen dazu bei, dass die italienische Revolution der 1970er Jahre wieder auflebt. Vor allem so kontroversiell diskutierbare Plattformen wie Youtube stellen offenbar eine Maschinenform dar, die zumindest immer noch die Möglichkeit offen halten, revolutionäre Vorhaben zu ermöglichen. Und auch das Fernsehen muss nicht mehr den früheren monopolistischen Strukturen entsprechen und – was zu wünschen wäre – eventuell auch bald nicht mehr den neoliberalen. Auch hier gibt es bereits Tendenzen zu neuen Formen. Aber ganz allgemein gilt es, heute völlig anderen Strukturen den Kampf anzusagen als noch in den 1970ern, die nicht mehr so klar differenzierbar und abgrenzbar sind, die Vermischung von Strukturen bzw. das Nutzen der „Produktionsmittel“ ist um einiges undurchsichtiger geworden. So meint auch Franco Bifo Berardi:

Das Konzept freier Medien hat sich in den letzten 30 Jahren dramatisch geändert. In den 1970ern waren freie Medien eine kulturelle Bewegung und Kraft mit dem Ziel der Kritik an bzw. der Zerschlagung des staatlichen Informationsmonopols und suchten politische Gegeninformationen zu bieten und eine kulturelle Ermächtigung der Gesellschaft zu fördern. Heute sind freie Medien etwas viel Komplexeres. Wenn ich heute an freie Medien denke, dann denke ich an Medienaktivismus, Dekonstruktion und Subversion des dominierenden Informationsflusses. Aber ich denke auch an die dringliche Notwendigkeit, ruhige und vom repressiven weißen Rauschen der (elektronischen) Medien freie Orte zu kreieren. Freie Medien bedeuten heute auch eine mediale Kampagne gegen die Durchdringung durch die Medien und den Versuch der Wiederentdeckung und Freilegung der Möglichkeit nicht-mediierten, direkten Kontakts nicht medialer Körper. [20]

[1„Kollektiv A/traverso: Alice ist der Teufel“ Berlin, Merve 1977 S. 68 („wilde Katze“ oder „gatto selvaggio“ ein politischer Kreis im Bologna dieser Zeit, der sich auf den englischen Ausdruck „wildcat“ für wilden Streik bezieht)

[2Guattari F., „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“

[3ebd.

[4vgl. ebd.

[6Guattari F., „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“

[7vgl. http://www.radioalice.de/ zitiert aus Gruber C., „Die zerstreute Avantgarde“ Wien, Böhlau 1989 S. 38

[8vgl. Guattari F., „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“

[9„Kollektiv A/traverso: Alice ist der Teufel“ Berlin, Merve 1977 S. 108

[10Orson Welles schrieb ein Hörspiel nach Vorlage des Science-Fiction-Romans „Krieg der Welten“ von H.G. Wells, das am Halloween-Abend des Jahres 1938 ausgestrahlt wurde. Das Hörspiel war in Form einer Reportage gehalten und hat auf Grund der Authentizität eine kolportierte Massenpanik unter der Bevölkerung ausgelöst.

[11Guattari F., „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“

[12Guattari F., „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“

[13vgl. Guattari F., „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“

[14Guattari F., „Millionen und Abermillionen potentieller Alices“

[15G. Deleuze, „Drei Fragen zu six fois deux“ S. 68

[16ebd.

[18vgl. Guattari, F. „Maschine und Struktur“ S. 137

[19ebd. S. 138

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2009
Nummer 31, Seite 4
Autor/inn/en:

Eva Kaufmann: Studiert Philosophie an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt und lebt derzeit in Mumbai, Indien, wo sie für eine Arbeit zum Thema Schmerz im interkulturellen Kontext forscht.

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