Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2011 - 2020 » Jahrgang 2019 » Heft 76
Stefan Meretz
Immaterial World

Metapersonale Instanzen

In unserem Buch „Kapitalismus aufheben“ (Sutterlütti & Meretz 2018) haben wir einen analytischen Rahmen entwickelt, um über Utopie und Transformation sprechen zu können. Ein wichtiges Begriffspaar ist dabei für uns das der interpersonalen und transpersonalen Beziehungen. Damit können wir zwischen Nahbeziehungen und Fernbeziehungen, wie Bini Adamczak das in ihrem Buch „Beziehungsweise Revolution“ nennt, unterscheiden. Nah- oder interpersonale Beziehungen sind solche zu konkreten anderen Personen, die ich in der Regel auch kenne. Fern- oder transpersonale Beziehungen sind solche zu allgemeinen anderen Personen, die für mich eine bestimmte Funktion erfüllen – zum Beispiel etwas produzieren. Wer das im Einzelnen ist, ist für mich nicht relevant. Bei beiden Beziehungsarten handelt es sich immer um aktuelle Beziehungen.

Nun argumentiert Benni Bärmann auf keimform.de, dass das soziale Netzwerk einer Gesellschaft nicht in inter- oder transpersonalen Beziehungen aufgeht und schlägt mit den metapersonalen Beziehungen eine weitere Kategorie vor. So weit ich es verstanden habe, sollen damit geronnene, überdauernde, permanent reproduzierte Beziehungen erfasst werden. Es geht also um Beziehungen zu Personen, die vielleicht gar nicht mehr leben, mit denen ich dennoch mittelbar über das früher Geschaffene verbunden bin, sowie jenen, die das Geschaffene kontinuierlich reproduzieren, weil es für sie funktional ist. Metapersonale Beziehungen als tradiertes Medium, in dem sich die aktuellen inter- und transpersonalen Beziehungen entfalten. Beispielsweise haben viele Vorfahr*innen die Sprache geschaffen, in der ich mich jetzt verständige. Und indem ich mich in der Sprache verständige, sorge ich für ihren Erhalt. Das gleiche gilt für exklusionslogische Herrschaftsformen wie Rassismus und Sexismus, die unsere aktuellen Beziehungen durchziehen, wobei hier die individuellen Funktionalitäten in Form von Privilegien ungleich verteilt sind.

Diesen Überlegungen liegt zu Grunde, dass wir alle Dinge und Angelegenheiten, die wir nutzen, auch herstellen. „Die Welt ist was Gemachtes“, singt Dota Kehr, und sie ist damit auch veränderbar, ergänzt die Kritische Psychologie. Auch der Kapitalismus ist etwas Gemachtes. Wollen wir den Kapitalismus überwinden, so können wir ihn nicht einfach abschaffen, sondern wir müssen gleichzeitig etwas Neues an seine Stelle setzen. Das bedeutet, die interpersonalen, transpersonalen und, so die Ergänzung, auch die metapersonalen Beziehungen werden sich verändern – müssen.

Fast alle Beziehungen werden über Mittel hergestellt. Fast immer geht es um „etwas“, um das sich die Beziehung herum bildet, um das herzustellende Produkt, den zu schreibenden Text, die zu regelnde Angelegenheit. Dieses „etwas“, die Mittel, stellen wir her, wobei die Mittel materieller, symbolischer oder sozialer Art sein können. Diese Herstellung geschieht häufig gezielt, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Manchmal gehen vor allem soziale Mittel aber auch aus einem sozialen Prozess hervor.

Sprache oder Herrschaftsideologien gehören dazu, sie wurden einmal hergestellt bzw. sind einmal entstanden. Dass dahinter Menschen standen, die die sozialen Mittel, die wir heute weiter nutzen, hervorbrachten, ist heute unsichtbar und gleichsam in die Mittel übergegangen. Der Gedanke, dass ich historisch vermittelt mit verstorbenen Menschen in Beziehung stehe, ist zutreffend, gleichzeitig aber auch nicht mehr veränderbar. Interessanter ist die alltägliche Reproduktion der geschaffenen sozialen Mittel selbst. Auf die Veränderung kommt es (mir) an: Gesellschaftliche Veränderung bedeutet, die (aktuellen) inter- und transpersonalen Beziehungen und die ererbten, reproduzierten sozialen Mittel zu verändern.

In der bürgerlichen Gesellschaft kommen viele soziale Mittel nicht ohne einen Bezug auf höhere Instanzen aus – seien dies Autorität, Moralität, Ethiken oder Normen. Diese metapersonalen Instanzen sind historisch in exklusionslogisch strukturierten Gesellschaften gewachsen und haben im Kapitalismus eine besondere Qualität bekommen. In einer Gesellschaft der vereinzelten Einzelnen bieten sie sowohl sozialen Zusammenhalt wie Möglichkeiten der Konfliktregulation. Auffällig ist hierbei, dass Zusammenhalt und Konfliktregulation nicht aus der spezifisch menschlichen Existenzweise – nämlich die Lebensbedingungen gesellschaftlich-vorsorgend herzustellen – gleichsam „automatisch“ hervorgehen, sondern als Zusätzliches hinzugefügt werden müssen, damit das Zusammenleben funktioniert. Hätten wir die regulativen Instanzen nicht, würden wir alle aufeinander einschlagen – so das Bild und die Rechtfertigung.

Die traditionelle Arbeiter*innenbewegung hat versucht, die Emanzipation im Medium der metapersonalen Instanzen zu erreichen. Sie schuf sich eigene Autoritäten (Partei), beanspruchte, eine eigene Moralität zu verkörpern (Aufopferung), kreierte eigene Ethiken (Neuer Mensch) oder schrieb schlicht alte Normen fort. Zum Hineinfühlen empfehle ich als Lektüre die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“, zu finden bei Wikipedia. Auch wenn heute moralisch-ethische Anforderungen keinen quasi-religiösen Charakter mehr haben, bleibt ihr Soll-Charakter bestehen: Du sollst politisch-korrekt, solidarisch, inklusiv usw. sein. Umgekehrt deute ich den Trumpismus als regressiven Reflex auf solche „linken“ Sollenszumutungen, den destruktiven Kern kapitalistischer Vergesellschaftung nun endlich „unbeschränkt“ ausleben zu können.

Wollen wir den Kapitalismus überwinden, stellt sich die Frage, ob wir dies im Medium der genannten metapersonalen Instanzen tun (können) oder ob wir darin nicht von vornherein auf verlorenem Posten stehen. Können unsere emanzipatorischen Handlungsbegründungen auch ohne Soll-Imperative auskommen? In unserem oben genannten Buch haben wir genau das versucht: Geht eine strukturelle Inklusionslogik, die wir als Kern commonistischer Vergesellschaftung bestimmen, aus den Handlungsbedingungen von Freiwilligkeit und kollektiver Verfügung hervor oder müssen wir sie moralisch-ethisch grundiert voraussetzen? Anders gefragt: Können wir Autorität, Moralität, Ethik und Normen aufheben? Müssen wir es gar? Wie gehen wir mit den tradierten Formen der Regulation menschlichen Zusammenlebens im Prozess der Transformation um?

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

FORVM unterstützen

Die Digitalisierung des FORVM und der Betrieb dieser Website ist ein Projekt von Context XXI. Im Rahmen von Context XXI sind bereits 5822 Beiträge veröffentlicht. 9878 Beiträge warten derzeit darauf, der Texterkennung zugeführt und verfügbar gemacht zu werden. Context XXI kann Euch in den kommenden Jahren noch Vieles bieten. Das kann zu unser aller Lebzeiten und dauerhaft nur mit Eurer Unterstützung gelingen. Ganz so wie unsere alternativen Zeitschriften auf Abos angewiesen waren und sind, so ist dieses Projekt auf regelmäßige Beiträge von Euch Lesenden und Nutzenden angewiesen — hier heißen sie halt fördernde Mitgliedschaften:

Persönliche Daten

bzw. zweites Namensfeld bei juristischen Personen

z.B. "p.A. Kommune 1"

einschließlich Hausnummer und ggf. Wohnungsnummer

Mitgliedschaft

Ich trete hiemit dem Verein Context XXI - Verein für Kommunikation und Information als förderndes Mitglied in der gewählten Beitragsgruppe bei. Ich kann meine Beitragsgruppe jederzeit ändern.

SEPA-Lastschriftmandat

Ich/Wir ermächtige/ermächtigen Context XXI – Verein für Kommunikation und Information, Zahlungen meiner/unserer Mitgliedsbeiträge von meinem/unserem Konto mittels SEPA-Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich/weisen wir mein/unser Kreditinstitut an, die von Context XXI – Verein für Kommunikation und Information auf mein/unser Konto gezogenen SEPA–Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Zahlungsart: wiederkehrende Lastschrift (Recurrent)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
August
2019
Heft 76, Seite 28
Autor/inn/en:

Stefan Meretz:

Geboren 1962. Berliner. Informatiker. Schwerpunkte: Freie Software und Technikentwicklung. Aktiv u.a. bei Oekonux und Wege aus dem Kapitalismus; „Traforat“ der Streifzüge.

Lizenz dieses Beitrags:
Gemeinfrei
Diese Seite weiterempfehlen