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Maria Wölflingseder

Mensch 2.0

Seit 25 Jahren frönen wir in den Streifzügen der Transformationslust. Seitdem hat sich die Welt ordentlich transformiert. Allerdings kaum in Richtung unserer Vorstellungen. Mittlerweile steht nicht weniger auf der Agenda jener, die mehr Erfolg mit ihrer Verwandlungskunst haben, als die Überholung des Menschseins selbst. Das Zeitalter des Trans- bzw. Posthumanismus wurde proklamiert. Mensch 2.0 ist bereits im Anmarsch. Als ob er/sie/es eine logische Weiterentwicklung des herkömmlichen Modells mit all seinen Mängeln wäre. Mensch hat im wahrsten Sinn des Wortes ausgedient. Geht es doch nicht nur um die Steigerung seiner Effizienz, um die Eliminierung seiner „Reparaturanfälligkeit“, sondern im zu Ende gehenden Zeitalter der Verwertung der Arbeitskraft hat es das Kapital längst auf unseren Körper selbst und seine Erfahrungen abgesehen.

Wir stehen vor einer „Wende menschheitsgeschichtlichen Ausmaßes“, einem „Übergang vom Industriezeitalter in ein neues, kybernetisches Zeitalter, im Sinne einer Mensch-Maschine-Verbindung“, so Hannes Hofbauer und Andrea Komlosy, die sich dem Thema in mehreren Beiträgen gewidmet haben. Nun wird all unser Tun und Lassen, ja unser Denken, unsere Gesundheit und Krankheit Betreffendes auf vielfältige Weise digital verwertet. Big Data sammelt und verarbeitet. Der Daten-Rohstoff dient einerseits kommerziellen Zwecken, dem Verkauf von Dienstleistungen und Produkten, andererseits zunehmend der staatlichen Kontrolle und Steuerung. Impfungen sowie unzählige Selbstoptimierungsmaßnahmen für immer höhere Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit sind auch deshalb monetär besonders lukrativ, weil sie am gesunden Körper vollzogen werden und somit für jeden anwendbar sind.

Die meisten Menschen scheinen selbst einer rigorosen Überwachung phlegmatisch entgegen zu sehen. „Ich habe ja nichts zu verbergen.“ Diese Einstellung zeugt von wenig Ahnung, was uns bevorsteht. Andernorts wird bereits mittels Gesichtserkennung der richtige Ausdruck unseres Konterfeis kontrolliert. Wer kein freundliches Gesicht aufsetzt, darf gar nicht in die Arbeit. Oder an Chinas Schüler:innen wird die elektronische Rundum-Beeinflussung akribisch erprobt: von der Nahrungsaufnahme bis zum Aufmerksamkeitspegel. Alleine die Massenüberwachung via Gesichtserkennung im öffentlichen Raum bietet ungeahnte Möglichkeiten – dagegen waren jene aller bisherigen Diktaturen ein Klacks.

Die Frage, ob alles, was gemacht werden kann, auch gemacht werden muss, und ob, was gemacht worden ist, auch verwendet werden muss, erscheint angesichts der uns eingeimpften Heilserwartung an die Technik völlig absurd. Obwohl der Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff (1905–2002) in seinen zahlreichen Essaybänden unermüdlich gewarnt hat: „Der Fluch der Machbarkeit und der Fluch der Verwendbarkeit haben sich beide als pseudoreligiöse Dogmen konstituiert. Nichts hat unsere Welt so vergiftet – auch im wörtlichen Sinn – wie diese Unheilbotschaften.“

Wohl einer der himmelschreiendsten Widersprüche: Die vierte industrielle, also die digitale Revolution hätte doch – sinnvoll angewandt – tatsächlich viel dazu beitragen können, unseren Planeten zu retten, die Menschen von schwerer, gefährlicher, gesundheitsschädigender und stupider Arbeit zu befreien, und auf vielfache Weise ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ist diese Möglichkeit aufgrund des umfassenden Wissens und der technischen Gegebenheiten vorhanden. Aber unter den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen, unter dem systemimmanenten obersten Gebot der Geld- und Machtvermehrung wird geradezu das Gegenteil forciert. Ökologischer und anthropologischer Suizid nicht ausgeschlossen.

Ist es mit der Erkenntnis des Zukunfts- und Friedensforscher Robert Jungk (1913–1994) bereits zu spät? „Wir haben mit den Mächtigen paktiert und uns von ihnen für ihre Ziele einspannen lassen. … Wir lehnen die Prätention der angewandten Wissenschaft ab, … denn die Technik, die Atomindustrie, die in die Natur eingreifende Biologie, die menschensortierende und praktische Psychologie haben den Weg der Wahrheit verlassen und sich zu Instrumenten der Versklavung machen lassen. Indem sie der Unmenschlichkeit Vorschub leisten, gefährden sie die Quelle jeden möglichen wirklichen Fortschritts: die furchtlos fühlende und denkende Persönlichkeit.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2021
Heft 83, Seite 18
Autor/inn/en:

Maria Wölflingseder:

Geboren 1958 in Salzburg, seit 1977 in Wien. Studium der Pädogogik und Psychologie. Arbeitsschwerpunkt: Kritische Analyse von Esoterik, Biologismus und Ökofeminismus; zahlreiche Publikationen. Bei den Streifzügen seit Anbeginn. Mitherausgeberin von „Dead Men Working“ (Unrast-Verlag, 2004). Nicht nur in der Theorie zu Hause, sondern auch in der Literatur, insbesondere in der slawischen. Veröffentlichungen von Lyrik sowie Belletristik-Rezensionen.

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